Von „Homo-Ehe“ und „Gleichheitsfuror“

Sonntag, 30. Juni 2013

VON WOCHE ZU WOCHE: 23.-29.Juni 2013

SONNTAG

In der SPD-Parteizentrale sprechen SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und SPD-Moderator Wolfgang Thierse über Briefwechsel zwischen Willy Brandt und SPD-Wahlhelfer Günter Grass. Als die Rede darauf kommt, dass der CDU-Kandidat Gerhard Schröder bei der Wahl zum Bundespräsidenten 1969 Stimmen von der NPD erhalten habe, klagt Grass in schlecht gespielter Entrüstung über sein gutes Erinnerungsvermögen: „Ich habe so ein Gedächtnis, ich kann nicht vergessen.“ Die Frage, warum er dann seine SS-Mitgliedschaft erst 2006 eingestand, bleibt aus. Stanislaw Jerzy Lec: „Wer ein gutes Gedächtnis hat, kann gewisse Dinge leichter vergessen.“

MONTAG

Die Schöninger Speere gelten als die ältesten noch erhaltenen Jagdwaffen der Welt: Hergestellt vor 300.000 Jahren von Homo heidelbergensis, gefunden 1994 bei Helmstedt im Braunkohletagebau. Als die CDU Millionen für ein Museum ausgeben will, mäkeln SPD und Grüne an der Entscheidung herum. Jetzt, nach der Wahl, zeigt sich SPD-Ministerpräsident Stephan Weil von der „archäologischen Weltsensation“ begeistert. Er nennt das Museum einen wichtigen Baustein für den Strukturwandel in der Region und stellt fest: „Das lohnt sich allemal.“ Adenauer: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern!“ 

DIENSTAG

Die Ausstellung „Piero Manzoni. Als Körper Kunst wurden“ im Frankfurter Städel-Museum zeigt Werke des italienischen Konzeptkünstlers, darunter elf kleine Büchsen aus dem Jahr 1969 mit der Aufschrift „Künstlerscheiße“. Kurator Martin Engler in der „FAZ“: „Manzoni hat viel Mühe investiert … Wenn das nur Fake wäre, also wenn gar keine Künstlerscheiße im Inneren der Dose platziert worden wäre, hätte er es wohl kaum so aufwendig gemacht.“ Hebbel: „Die Kunst ist zusammengepresste Natur.“

MITTWOCH

Ehrung für Tony Marshall: Seine Heimatstadt Baden-Baden nennt eine pinkfarbene Rose nach seinem größten Erfolg „Schöne Maid“. 1971 hatte sich der erfolglose Opernsänger überreden lassen, ein polynesisches Volkslied mit deutschem Text zu singen – es verkaufte sich drei Millionen Mal, Marshall wurde Schlagerstar und reich. Der Traum von der Bühnenkarriere war allerdings ausgeträumt. Roy Black (1970): „Du kannst nicht alles haben…“  

DONNERSTAG

Großer Jubel im Fernsehen über die Entscheidung des höchsten US-Gerichts zur „Homo-Ehe“, eher Nachdenkliches in den Leserbriefspalten der Tageszeitungen wie etwa der FAZ. Ein Jurist erinnert an „die Experten, die uns Jugendrichter jahrzehntelang beschworen haben, immer auf das unausweichliche Defizit zu achten, das in vaterlosen Familien notwendig entstünde.“ Diese einhellige Erkenntnis werde jetzt „vom Gleichheitsfuror hinweggefegt.“ Eine Apothekerin schreibt: „Als es vor einiger Zeit um das umstrittene Thema Beschneidung ging, gab es zahlreiche Leserbeträge von Kinderärzten, die die zum Teil sehr emotional bis fast polemisch ablehnten.“ Es sei ihnen dabei um das Wohl des Kindes gegangen, das ungefragt und ohne seine Einwilligung einem unumkehrbaren Eingriff ausgesetzt sei. Wo jetzt die Leserbriefe zum Thema ‚Kinderadoption durch gleichgeschlechtliche Paare‘ blieben? „Ich weiß, wie grausam solche Kinder später in der Schule gemobbt werden.“ Ein Botschafter a.D. zitiert Alexis de Tocqueville: „Die demokratischen Völker lieben die Gleichheit zu allen Zeiten, aber in gewissen Perioden, treiben sie die Leidenschaft für sie bis zur Raserei.“ Niemals „aber werden Menschen eine Gleichheit schaffen, die ihnen genügt“, denn das Verlangen nach Gleichheit werde „immer unersättlicher, je größer die Gleichheit ist.“ Natürlich wünschten sie sich diese Gleichheit in Freiheit, aber: „Können sie sie dort nicht erlangen, wollen sie sie noch in der Knechtschaft.“

FREITAG

In Hamburg überfällt ein Verbrecher eine Frau im Hausflur, verletzt sie mit einem Messer und vergewaltigt sie. Das Opfer bleibt in einer Blutlache liegen. Im Krankenhaus werden drei tiefe Halswunden genäht. Anschließend wird ihr die Wohnung gekündigt. Begründung: Nächtlicher Lärm, Blutspuren im Treppenhaus. Vermieter ist die Evangelische Kirche. Faust: „Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an.“

SAMSTAG

Ein Neubau in Hamburgs Hafencity beeindruckt durch eine besonders schwungvolle Dachkonstruktion: Das architektonische Highlight scheint dem Flügelschlag einer Möwe nachempfunden. Leider ist sie ein Jahr nach Eröffnung immer noch nicht fertig, muss laufend nachgebessert werden. Grund, so der Inhaber: „Die Dachkonstruktion war nicht auf die Bedürfnisse des norddeutschen Klimas ausgelegt.“ Wilhelm Busch: „Stets findet Überraschung statt, wo man es nicht erwartet hat.“

 

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