Wie Thomas den Indern das Evangelium brachte

Montag, 1. Juli 2013

Das Wort vom Sonntag

Kroatien feiert seine Aufnahme in die EU, deutsche Medien mäkeln: Das Land sei arm, die Wirtschaft schwach, die Korruption weit verbreitet. Ein Faktum bleibt unerwähnt: 88 Prozent der Einwohner sind Katholiken. Das passt immerhin zur Flagge der EU mit dem Sternenkranz der Gottesmutter.

*

Lesefrüchte aus Friedrich Schrögers Reisebericht "Zu Fuss von Passau nach Jerusalem". Der Professor für Neutestamentliche Exegese wandert 1976 über Belgrad, Thessaloniki, Ephesus, Antakya und Damaskus zum Zionsberg. Ein großer Teil der Strecke folgt den Spuren des Völkerapostels. Das erste Kapitel zitiert aus den "De controversiis" Robert Bellarmins (1542-1621): "Wallfahren ist ein deutliches Zeichen der Verehrung Gottes und der Heiligen, da Arbeit, Mühe und Gefahren des Weges freiwillig übernommen werden. Zum Zweiten ist es ein Werk der Buße und der Heiligung, das mühsam und in Wahrheit ein Bußwerk ist. Drittens mehrt es die Frömmigkeit.“ Paulus legte 14.000 Kilometer, Schröger 5000 Kilometer zurück. In Melk besuchte der Theologe das Grab des hl.Koloman, eines irischen Königsohnes, „der, als er nach Jerusalem durch Österreich pilgerte, 1012 in Stockerau als Spion verdächtigt, gemartet und schließlich an einem Holunderstrauch gehenkt wurde." Auf der Halbinsel Gallipoli notierte Schröger: "Im Orient leben Bresthafte noch heute vor den Dörfern draußen, und sie sind es, denen man zuerst begegnet, wenn man in ein Dorf kommt, wie zu Zeiten Jesu in Palästina." Und in Hierapolis: "Es liegt eine eigenartige Tragik darin, da das Christentum, das in diesen Regionen in den ersten vier Jahrhunderten seine erste große Blüte erlebte, völlig verschwunden ist. Man hat das Gefühl, über einen weiten, trostlosen Friedhof dahinzuwandern, auf dem eine große Hoffnung begraben liegt', und prophetisch-apokalyptische Gedanken befallen mich wie ein Alptraum, daß es mit dem einstmals so glanzvollen christlichen Abendland auch einmal so gehen könnte."

*

Die vielen scheinbaren Widersprüche in der Bibel und zwischen Bibel und Wissenschaft sind von Gott sorgsam eingefügt, denn eine widerspruchsfreie Lehre könnte den Verstand überzeugen, gewünscht sind aber Glaube, Liebe, Hoffnung. Ungläubige hoffen gern, ein Wunder Jesu naturwissenschaftlich erklären oder als Irrtum oder Täuschung entlarven zu können. Gott selbst gibt den Zweifel Nahrung, denn wo kein Zweifel möglich ist, gibt es auch keinen Glauben mehr. Darum ist jeder Widerspruch, auch jede Unklarheit in Wirklichkeit ein Beweis für die Existenz Gottes. Der Glaube ist auch eine emotionale Leistung, denn er speist sich aus der natürlichen Liebe zu Gott, die unsere Seele beherrscht, auch wenn wir das weder bemerken noch wahrhaben wollen. Das alles ist so eingerichtet, weil Gott den Menschen als sein Ebenbild erschuf und eben nicht als kritiklosen Lobsänger, wie es die Engel sind. Wir sollen uns vielmehr freiwillig auf den Weg zu ihm machen und dabei auch Anfechtungen bestehen, die unsere Anstrengungen umso wertvoller machen.

*

Brahms, Geistliches Wiegenlied op.91/2: Die engelsüße Melodie ruft sehnsuchtsvolle Erinnerungen an früheste Kindheit wach, da die Seele noch ganz bei Gott und das Leben ein ferner Traum war. Der kleine Leib birgt als sanft bebendes Gefäß einen unschuldig schlafenden Geist, den noch kein unnatürlicher Gedanke, keine verzehrende Begierde bedrängt.

*

Der Schweizer Theologe Xaver Pfister, der 1999 von der Vereinigung des katholischen Buchhandels in der Schweiz den "Preis des religiösen Buches" erhielt: "Ein religiöses Buch ist dann gut, wenn darin das Leben in seiner Widersprüchlichkeit vorkommt. Es ist gut, wenn seine Botschaft im Alltag einen Widerhall findet, ohne dass sie sich dem Leser anbiedert."

*

Am Mittwoch feiert die katholische Kirche den Gedenktag des hl. Thomas. Das Evangelium schildert ihn als den Ungläubigen, die Legende als den Apostel Indiens, dessen Christen ihn bis heute als ihren Glaubensboten verehren. Jacobus de Voragine schreibt darüber in seiner berühmten "Legenda Aurea", der „Goldenen Legende“. Als der Apostel in Caesarea ist, erscheint ihm der Herr und spricht: „Gundoferus, der König Indiens, hat seinen Aufseher Abbanes gesandt, damit er ihm einen kundigen Baumeister suche. Komm, ich will dich zu ihm schicken!“ Aber Thomas, der alte Zweifler, antwortet: „Herr, schicke mich hin, wohin zu willst, nur nicht nach Indien!“ Da spricht Gott: „Geh nur ohne Sorge, ich werde dein Hüter sein; und wenn du die Inder bekehrt hast, wirst du mit der Palme des Martyriums zu mir kommen." Eine Anmerkung weist darauf hin, dass Thomas nach den apokryphen Thomas-Akten ein Zwillingsbruder Jesu war.

In Indien legt Thomas seinen Zuhörern nach der „Legenda aurea“  die zwölf Stufen der Tugend dar: „Die erste Stufe: An Gott glauben, der in seinem Wesen einer ist und dreifach in den Personen! Dafür gab er ihnen drei Beispiele, um verstehen zu können, wie in einem Wesen drei Personen sein könnten. Das erste Beispiel: Im Menschen gebe es nur eine Weisheit und aus ihr würden hervorgehen Verstand, Gedächtnis und Begabung. Mit der Begabung finde man etwas heraus, was man nicht zuvor erlernt habe; das Gedächtnis sei da, um nicht zu vergessen, was man gelernt habe; mit dem Verstand könne man verstehen, was einem gezeigt oder gelehrt werde. Das zweite Beispiel: An einem Rebstock gebe es dreierlei: Holz, Blätter und Frucht, und diese drei würden eines bilden und seien eine Rebe. Und das dritte Beispiel: Das eine Haupt bestehe aus vier Sinnen, nämlich Seh-, Geschmack-, Hör- und Riechsinn – diese seien eine Vielheit, und doch gebe es nur ein Haupt. Die zweite Stufe der Tugend: Die Taufe empfangen. Die dritte Stufe: Sich der Unkeuschheit enthalten. Die vierte: Nicht geizig sein. Die fünfte: Die Gefräßigkeit einschränken. Die sechste: Buße tun. Die siebente: In allem beharrlich bleiben. Die achte: Gastfreundschaft pflegen. Die neunte: In allen Werken Gottes Willen suchen und sie mit seiner Hilfe ausführen. Die zehnte: Herausfinden, was gegen Gottes Willen ist, und dies dann meiden. Die elfte: Freunden und Feinden gegenüber Nächstenliebe zeigen. Und die zwölfte Stufe: Ständig besorgt sein, all dies einzuhalten.“ Außerdem sagt der Apostel: „Dieses Leben hier ist erbärmlich, dem Zufall unterworfen und so vergänglich, dass es entflieht und hinfällig wird, wenn man glaubt, es zu halten.“

Danach schildert Jacobus de Voragine, wie der Apostel den Indern das Wort Gottes erklärt, indem er es mit vier Dingen vergleicht: „Mit einer Augensalbe, weil es das Auge unseres Verstandes erleuchtet; einem Arzneitrunk, weil es unsern Affekt von jeder fleischlichen Liebe reinigt und säubert; einem Wundpflaster, weil es die Wunden unserer Seele heilt; einer Speise, weil es uns mit der Liebe zum Himmlischen erfreut.“

Außerdem führt Thomas seinen Zuhörern sechs Gründe an, „die uns von maßloser Begierde nach Reichtum abhalten sollten. Der erste Grund stammt aus der Heiligen Schrift: Die Erzählung vom reichen Schlemmer, den Gott verstieß, und vom armen Lazarus, den Gott auserwählte (Lk 16,19-31). Den zweiten Grund zeigt uns die Natur: Der Mensch kommt ohne Reichtum und nackt zur Welt, und so muss er auch sterben. Die Schöpfung ist der dritte Beweis: Sonne, Mond, Gestirne, Regen und Luft sind allen gemeinsam und spenden ihre Wohltaten allen; so sollte auch unter den Menschen alles gemeinsam sein. Viertens: Auch das persönliche Schicksal spricht dagegen. Der Reiche wird nämlich Sklave des Geldes und des Teufels; des Geldes, weil er ja nicht den Reichtum, sondern der Reichtum ihn besitzt; des Teufels, weil nach den Worten des Evangeliums der Liebhaber des Geldes der Sklave Mammons ist (Mt 6,24). Fünftens: Tag und Nacht sorgt und beunruhigt man sich, wie man Geld erwerben könnte, und hat Angst, es zu verlieren. Sechstens: Reichtum ist Ursache zu Schaden, der aus zweifachem Übel besteht: In der Gegenwart ist es die Überheblichkeit, im künftigen Leben aber die Verdammnis; dadurch verliert man zwei Güter: die Gnade im gegenwärtigen und die ewige Herrlichkeit im künftigen Leben.“

Peter Bamm berichtet in „Welten des Glaubens“ über den Missionar: „Nach der Überlieferung ist der Apostel Thomas im Jahre 52 n. Chr. in Musiris gelandet. Der Platz heißt heute Cranganore. Das Basrelief des Apostels und das alte Steinkreuz wurden im 16. Jahrhundert von Portugiesen an der überlieferten Stelle seines Grabes in Mylapore bei Madras entdeckt. Über die Bedeutung der Inschrift, die das alte Steinkreuz umrahmt, ist noch keine Einigung erzielt. Sicher ist nur, daß die Schriftzeichen sassanidisches Pahlewi sind. Das Kreuz ist ins 6. oder 7. Jahrhundert zu datieren. Es wurde nach seiner Auffindung in einer Kapelle eingebaut.“

Der Apostel ist auf seinen Missionsreisen wahrscheinlich sogar bis nach China gekommen. Auch die Dichtung hat Thomas immer wieder angeregt. In Klopstocks „Messias“ heißt es über ihn:

  "Der dort voll Gedanken und einsam

  Tief im Wald sich zeigt, ist Thomas, ein feuriger Jüngling.

  Stets entwickelt sein Geist aus Gedanken Gedanken! Ihr Ende

  Findet er oft nicht, wenn sie sich vor ihm, wie Meere, verbreiten!"

Auch die Theologie wird von Thomas zu vielen Gedanken angeregt. Nach Augustinus nährt der Zweifel den Glauben: „Christen ohne Zweifel gibt es nicht … Laß dein Herz, deine Gefühle zu Wort kommen, und ich verspreche dir, daß dein Leben dadurch nur gewinnt, an Höhen und an Tiefen. Einfacher wird es nicht. Aber reicher." Von Gregor dem Großen stammt der berühmte Satz: „Der Unglaube des Thomas nützt uns mehr zum Glauben als der Glaube der gläubigen Jünger.“ Der Religionsphilosoph Eugen Biser sagt: „Mein Herr und mein Gott: Im ganzen Evangelium ist es das erste Mal, daß Jesus so angeredet und zum Adressaten betender Anrufung erhoben wird. Insofern erleben wir in dieser Thomasperikope die Geburtsstunde des christlichen Gebets.“ Der Hamburger Schulseelsorger Johannes Pricker nennt Thomas „ein Urbild, das in unserer Seele schlummert“ und sagt: „Der Christus, dem Thomas begegnet, hat seine irdische Geschichte nicht abgestreift. Was Jesus erlitten hat, ist unauslöschlich eingezeichnet. An seinen Wunden hat Thomas ihn erkannt. Diese Wunden sind spürbar. Unser Gott geht an den offenen Wunden nicht vorbei, sondern er trägt die Wunden aller. Das ist die große Erfahrung, die Thomas machen darf.“

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt