Der HSV und sein Bulettenmausoleum

Samstag, 6. Juli 2013

In Sport-Wort RETRO zeigen Kolumnen aus früheren Jahren mit einem Augenzwinkern, was damals bedenkenswert erschien – und was sich inzwischen geändert hat. Heute: Die Ausgabe vom 6.Juli 2001. Schon vor zwölf Jahren galt dem HSV besonderes Interesse. Der große Polarisator war damals Trainer Frank Pagelsdorf, auch aus optischen Gründen.

Was ist das: Zwanzig halb verdurstete Gestalten ziehen einen Wagen durch die Wüste, obendrauf plantscht der Boss in einer Badewanne. Cäsars Reise nach Ägypten? Sklaven-Rallye mit dem Marquis de Sade? Rekruten-Drill bei der Fremdenlegion? Falsch: Es ist der HSV auf dem Weg ins Trainingslager.

Ein wahrlich erschütterndes Bild, aber so ganz stimmt es natürlich nicht: Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer. Denn nicht die Getränke sind das Problem, sondern die Gerichte. Genauer gesagt: Die Mengen, die sich Coach Frank Pagelsdorf auf den Teller zu schaufeln pflegt. Es sind gnadenlose Portionen. Man sieht es an den Wabbelbacken, dem Specknacken, dem Mehrfachkinn, dem riesigen Rettungsring, den elefantösen Oberschenkeln. 

Ein Mann wie ein Berg, aber: Berg aus Fett. Darf ein Bundesliga-Trainer, darf überhaupt ein Mensch, der mit einer Bewegungssportart zu schaffen hat, so aussehen? Es geht hier nicht um die feingliedrige Ästhetik federgewichtiger Ballerinos. Wir reden von soliden Mannsbildern, die auch an der Theke eine gute Figur machen. Hand- und standfeste Burschen, die nichts so schnell umpustet. Aber bei dem halslosen Hefekloss aus Hamburg, diesem kickenden Kotelett-Koloss mit der vollgemampften Pudding-Plautze hat man ständig das Gefühl: Fällt der mal um, muss ein Kran her!

Wirklich bedenklich indes sind die Konsequenzen nicht nur für Knochen, Kreislauf und Klamotten des knödelrunden Kurzatmers, sondern vor allem für seine demoralisierte Truppe: Angesichts dieser wandelnde Wal-Wampe, die über bebende Bodenbeläge zum Büfett walzt, um den dritten Teller der Kalorienbombe Tiramisu einzupfeifen, müssen sich die auf ernährungswissenschaftlich berechnete Trimm-Kost gesetzten Fußballer fühlen wie die vielzitierten Galeerensträflinge, wenn der Käpt’n Wasserski fahren will.

Bei den Kickern geizt die Küche mit Kalorien, aber der Chef schaufelt Süßes in sich hinein - ob das wohl gut ist für die Disziplin? Gewiss, es gibt dicke Erfolgstypen, Leverkusens Soccer-Sumo Rainer Calmund oder Kanzler Kohl, aber die sieht man nicht in Trainingsanzügen. Der Waagenschreck von der Waterkant wirkt in dem sportlichen Textil immer wie eine Wurst, der gleich die Pelle platzt.

Hat schon mal jemand den Platzwart gefragt, was es kostet, die Löcher wieder einzuebnen, die Pagelsdorfs Bronto-Beine in den teuren Rasen stampfen? Und ob die PR-Partner noch die vollen Preise blechen, wenn Pagelsdorfs Bulettenmausoleum den Blick auf die Bandenwerbung blockiert? Bleibt der HSV-Bus bei dieser Zuladung noch im grünen Bereich der StVO? Und wie soll der arme Yeboah wieder sein Kampfgewicht kriegen, wenn vor seiner Nase dauernd gefuttert wird?

Vor allem aber: Hat noch jemand Respekt vor einer Truppe, deren General bald ins Stadion gerollt werden muss? Lieber HSV: Guck mal in den Vertrag. Da steht bestimmt auch was drin von „Repräsentation des Vereins“ oder „Auftreten in der Öffentlichkeit“. Hängt Pagel an den Hungernagel! Es sei denn, der Verstand will den Wanst als Werbefläche nutzen. Am besten wäre Citroen: Die bauen den ersten Kombi, der schon vor dem Einladen in die Knie geht.

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt