Angreifer oder Verteidiger, Olli oder Ronaldo?

Samstag, 6. Juli 2013

In Sport-Wort RETRO zeigen Kolumnen aus früheren Jahren mit einem Augenzwinkern, was damals bedenkenswert erschien – und was sich inzwischen geändert hat. Heute: Die Ausgabe vom 5.Juli 2002 nach dem verlorenen WM-Finale.

„Das angriffsweise Vorgehen elektrisiert die Gemüter, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass diese gehobene Stimmung bei überaus großen Verlusten in das volle Gegenteil umschlagen kann“, dozierte der große Militärstratege Helmut Graf Moltke. Nach der WM bleiben zwei spannende Fragen. Die erste: Warum tauschen nach dem Abpfiff zwar die Spieler die Trikots, nicht aber auch die Trainer die Jacken? Die zweite: Purzelte der Preis für den besten Spieler wirklich zu Recht in die Torwarthandschuhe des Titanen oder hätten die Journalisten der Welt nicht doch besser die Pike der produktivsten Offensivkraft vergoldet?

Kahn oder Ronaldo? Fortunas Antwort ist seit dem Finale bekannt. „Das Glück ist mehr auf der Seite des Angreifers als auf der desjenigen, der sich verteidigt“, lehrt schon Italiens Renaissance-Realo Machiavelli. Der Mann hat keinen guten Ruf, aber völlig Recht, das WM-Finale war der Beweis: Unsere Gegenstöße endeten fatal am Aluminiumgestänge, die Attacken vom Amazonas dagegen belohnte ein Abpraller, ausgerechnet auch noch von der breiten Brust unseres großen Helden. Zufall, Schicksal, zwingende Notwendigkeit?

Dass Angriff die beste Verteidigung ist, zeigt sich im Bundestag, vor Gericht und beim Ehekrach. Wer den Ball immer schön in die Problemzone des Gegners treibt, begrenzt die Gefahr für die eigenen Schwachstellen, deshalb schinden Stürmer zum Schluss zuweilen sogar durch Dribblings zur Eckfahne Zeit. Ronaldo steht für etwas anderes: Der Bugs Bunny der Ball-Brillianz will nichts als jedes Mal möglichst viele Buden machen. Ihm ist ein saftiges 7:4 allemal lieber als das dürre 1:0 – sofern er von den sieben Dingern selber drei oder vier reintun kann. Denn Brasiliens klassische Grundrechenart geht so: Wer mehr Tore schießt, gewinnt.

Das ist die Mentalität von Konquistadoren, die mit ein paar Karavellen ganze Kontinente kapern. Abwehr-As Olli Kahn hat ganz andere Kicks: Er findet es allemal schärfer, wenn er erst mal acht Großchancen vereitelt, den Gegner damit schier zum Wahnsinn treibt - und sein Team denselben möglichst ganz zum Schluss per Konter killt. Kennwort dieser Taktik: Die Null muss stehen. Und so war es ja auch in Gruppen-, Achtel-, Viertel- und Halbfinale: Unter dem Schall der Posaunen stürzte die Mauer von Jericho, aber nicht die von Jeremies.

„Angriff ist mächtiger als Verteidigung, Wille zur Macht höher als Kampf ums bloße Dasein“, sagt Deutschlands großer Geschichtsphilosoph Oswald Spengler, der immerhin den „Untergang des Abendlandes“ vorhersah, und zwar schon 80 Jahre vor Weltmeister Frankreichs Schlappe gegen Senegal. Aber auch die Verteidigung hat ihre Verteidiger, z.B. Spaniens strengen Strafprediger Gracián, der bereits vor drei ein halb Jahrhunderten fand: „Ein schöner Rückzug ist ebenso viel wert als ein kühner Angriff.“ Beides gehört zusammen wie Hammer und Amboss; selbst Michelangelos Meißel brillierte nur auf tauglichem Stein, den der Meister deshalb in Carraras Marmorbrüchen ganz persönlich abzuklopfen pflegte.

Kunst war auch der Kampf zwischen Olli und Ronaldo: ein Kampf zweier Fußballkulturen auf höchstem Niveau, eine Ballade des Balls mit einem halben Dutzend grandioser Strophen, in denen die beiden Stars die anderen zu Statisten machten wie Hektor und Achilles die Krieger vor Troja oder Schröder und Stoiber die Kanalarbeiter im Bundestag. Freilich entfachten auch die Copacabana-Kicker keinen puren Sturmwirbel mehr, sondern eher eine brasilianische Version der kontrollierten Offensive à la Rehhagel, und einige der vorgeblichen Ballzauberer kloppten sogar wie die Kesselflicker. Die deutsche Maurerbrigade wiederum stand auch nicht mehr nur stur hinten drin wie die Nibelungen im Hunnenland, sondern lieferte aus verstärkter Deckung heraus eine offene Feldschlacht. Ist vielleicht sogar umgekehrt Verteidigung der beste Angriff?

Welche Knöchel also krönen, die an Ronaldos Fuß oder die an Kahns Faust? Feingefühl oder Fangkunst, Aktion oder Reaktion, Eleganz oder Energie, Samba oder Salvator? Das ist wohl eine Sache für Salomo. Sicher scheint nur eins: Kahn und Ronaldo zusammen, das geht nicht, dieses Karo wäre für den Rest der Fußballwelt mindestens eine Nummer zu groß.

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