Hamburg im Feuersturm (1)

Samstag, 6. Juli 2013

Vor 70 Jahren, am 24.Juli 1943, verwandeln Bombenangriffe Hamburg in eine Flammenhölle, aus der es für Zehntausende kein Entrinnen gibt. Im Zentrum des Feuersturms bieten auch Keller keinen Schutz mehr: Die Menschen, die sich dort retten wollen, ersticken. Oben aber rast ein Orkan aus Flammen durch die Stadt, entwurzelt Bäume, wirft Löschfahrzeuge um, reißt Kinder von der Hand der Eltern, saugt und schleudert immer neue Opfer in die Glut.

Die Katastrophe kommt nicht überraschend, ihre Vorgeschichte beginnt bereits drei Jahre zuvor. Am 18.Mai 1940 um 0.28 Uhr dringen rund 30 Kampfflugzeuge der Royal Air Force aus Richtung Nordsee in Hamburgs Luftraum ein. Im rollenden Einsatz klinken sie über Altona, St.Pauli, dem Hafen und Harburg 400 Brand- und 80 Sprengbomben aus. Häuser und Schuppen gehen in Flammen auf. 34 Menschen sterben, 72 werden verletzt.

Mit diesem ersten Angriff, so Hans Brunswig in seinem Standardwerk „Feuersturm über Hamburg“, „gelang es der RAF zum ersten Mal, den Lebens- und Arbeitsablauf einer für die deutsche Kriegswirtschaft wichtigen deutschen Großstadt spürbar zu beeinträchtigen.“

Als Hitler am 1.September 1939 den Feldzug gegen Polen verkündet, rechnet an Alster und Elbe niemand mit Luftangriffen. Die Kriegserklärung Englands und Frankreichs zwei Tage später aber macht die Etappen- zur Frontstadt. Schon am 4.September um 17.35 beendet Fliegeralarm eine Luftschutzbesprechung beim Oberbranddirektor: 29 Kampfflugzeuge der RAF haben deutsche Kriegsschiffe vor Brunsbüttel und Schillingreede angegriffen. Über Hamburg selbst aber werfen die Briten bis Frühjahr 1940 nur Flugblätter ab – weder sie noch die Deutschen wollen Luftschläge provozieren. Erst nach dem Angriff vom 18.Mai werden Sirenen, Flakfeuer und Luftschutzkeller Alltag:

Am 19.Mai trifft eine Sprengbombe das erste kriegswichtige Ziel, das Maschinenhaus der Werft von Blohm + Voss. Am 20.Mai durchsieben Bombensplitter fünf mit Walöl gefüllte Tanks in Harburg. 3000 Tonnen laufen in die Umwallung aus, können aber zurückgepumpt werden. Die Angst vor Schlimmeren verursacht Verwirrung: In Altona wittern Einwohner Giftgas und melden „Senfölgeruch“, es sind aber nur die Düfte vom Fischmarkt. Auf Viehweiden entdecken Beobachter eine „gelblich-weiße Masse“, doch der vermutete “Kampfstoff“ ist ein durch Feuchtigkeit massenhaft vermehrter Schleimpilz.

Am 18.Juni beschädigt eine Bombe die Brücke über die Süderelbe, am 20.Juni fällt nach Treffern im E-Werk Neuhof in der Nippoldstraße der Strom aus – immer bringen Reparaturtrupps die Dinge schnell wieder zum Laufen. Einen Vorgeschmack auf den Terror gegen die Zivilbevölkerung bekommen die Hamburger zuerst am 3.Juli: Ohne Vorwarnung stößt ein britisches Kampfflugzeug aus den Wolken und wirft an der Ecke Steilhooper Straße/Elligersweg vier Sprengbomben zwischen spielende Kinder. Zwei Männer, vier Frauen und elf Kinder sterben.

Im Juli verfehlen Bomben die Schnelldampfer „Europa“ und „Bremen“ um wenige Meter. Ein Volltreffer setzt einen Schmieröltank der Rhenania-Ossag im Petroleumhafen in Brand. Am Steindamm schlägt eine 50-Kilo-Bombe durch drei Stockwerke und explodiert im Keller neben einem Kinderwagen – das Baby bleibt wie durch ein Wunder unverletzt und soll, so Brunswig, seinem Ärger über die plötzliche Störung mit lautem Gebrüll Luft gemacht haben“.

Im August beginnt die Luftschlacht über England. Hitler will die Städte des Feindes „ausradieren“, verheerende deutsche Nachtangriffe auf London forderten heftige Gegenschläge heraus, und immer wieder ist Hamburg das Ziel.

Bis Ende 1940 fliegen die Engländer 70 Luftangriffe gegen die Stadt. Die Einwohner sitzen 233 Stunden im Luftschutzraum. 1417 Spreng- und 4248 Brandbomben töten 125 Menschen und verletzen 567. Der Sachschaden wird auf 16 Millionen Reichsmark geschätzt. Luftalarm, Verdunkelung, Lebensmittelrationierung und drakonische Strafen verändern das Leben, ein Hörer feindlicher Sender muss für drei Jahre ins Zuchthaus. Die Nazi-Presse bejubelt deutsche Bomben auf die britische Hauptstadt: „Londoner City ein Flammenmeer!“ Bald wird das weit mehr auf Hamburg zutreffen.

Morgen: Wohnblock-Knacker und Phosphorbomben

 

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