Hamburg im Feuersturm (6)

Donnerstag, 11. Juli 2013

Vor 70 Jahren verwandeln Bombenangriffe Hamburg in eine Flammenhölle, aus der es für Zehntausende kein Entrinnen gibt.

Die Stadtteile zwischen Reeperbahn und Bahnhof Altona sind ein einziges Feuermeer. Der Boden dröhnt wie bei einem Erdbeben, ständig detonieren Zeitzünder, Ruinen stürzen ein. Verzweifelte Menschen klettern aus brennenden Kellern, hetzen durch Schutt und Qualm. 1346 Tonnen Spreng- und 938 Tonnen Brandbomben sind in der Nacht zum Sonntag, 25. Juli auf die Stadt gefallen, stellt Martin Middlebrook in seinem Buch „Hamburg, Juli 1943“ fest. “Das war die entscheidende Wende des Luftkrieges“, urteilt der britische Historiker, „da begann eine neue, schreckliche Ära.“

Diese Terror-Nacht ist erst der Anfang. Als Sonntagvormittag Überlebende in den Trümmern nach Angehörigen suchen, rast schon die nächste Angriffswelle auf die schwer getroffene Stadt zu: 150 Maschinen der in England liegenden 8. amerikanischen Luftflotte bombardieren Hafen, Wilhelmsburg und Harburg. Am Werftkai von Blohm + Voss brennt der letzten große deutsche Passagierdampfer, die „Vaterland“, aus. Andere Treffer zerstören ein Wohnschiff der Kriegsmarine.

Am Montag, 26. Juli werfen 71 amerikanische B17-Bomber 700 Spreng- und 348 Brandbomben ab. Das Kraftwerk Neuhof und ein Tanklager mit Soja-Öl gehen in Flammen auf. An der Brückenstraße entzünden Sprengbomben Verpackungsstoffe; Öle und Fette fließen brennend in einen Luftschutzkeller, 40 bis 50 Menschen kommen um.

In der warmen Sommernacht zum Mittwoch, 28.Juli aber erreicht der Luftkrieg seinen schrecklichen Höhepunkt: Sie geht als „Feuersturmnacht“ in die Geschichte der modernen Kriegsbarbarei ein. Der Feuerwehrmann Hans Brunswig, damals Augenzeuge, schreibt in seiner Chronik: „Wer nicht dabei war und die Dinge mit Abstand zu werten versucht, wird wohl auch nie die rechten Worte zur Schilderung des entsetzlichen Leids finden können, das damals Zehntausende von Hamburger Bürgern traf.“

In den Abendstunden steigen in England 739 Lancaster-, Halifax-, Stirling- und Wellington-Bomber auf. Zielpunkt ist wieder das goldene Turmkreuz der Nicolaikirche. In drei Stunden fallen 2439 Tonnen Bomben, die meisten auf das Viereck Hohenfelde – Hamm – Billbrook – Rothenburgsort – Hammerbrook und östliches St.Georg. Die Explosionen entfachen eine Feuerhölle bislang ungekannter Dimensionen: über zwanzig Quadratkilometer dichtbesiedeltes Stadtgebiet brennen, im Zentrum wüten Heißluftwirbel von 800 Grad. Hunderttausende rennen um ihr Leben. Faustgroße Funken treiben die Verzweifelten in die Fleete. Der Feuerorkan schleudert meterdicke Baumstämme als glühende Geschosse durch das Chaos. Aus eingestürzten Kirchtürmen fließt das Metall geschmolzener Kirchenglocken in den siedenden Asphalt. Durch das Tosen klingt das Gebrüll der Raubtiere bei „Hagenbeck“. Sie sind verbrannt, lange bevor die Eisenstäbe ihrer Käfige schmelzen.

Morgen: Die Todeswolke steigt acht Kilometer hoch

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt