Hamburg im Feuersturm (7)

Freitag, 12. Juli 2013

Vor 70 Jahren verwandeln Bombenangriffe Hamburg in eine Flammenhölle, aus der es für Zehntausende kein Entrinnen gibt.

„Leichen von Menschen, die versucht hatten, noch aus dem Flammenmeer zu entkommen, bedeckten zu Hunderten die Straßen. Sie hockten auf Resten von Treppenstufen, sie saßen an verkohlte Bäume gelehnt, sie lagen mit hilfeheischend ausgestreckten Armen auf dem Pflaster. Viele von ihnen hatte die Glut in phantastische, irrsinnige Stellungen gezwungen. Aufgerissene Münder, hervorgequollene Augen ... Dort – eine Mutter, an jeder Hand ein Kind. Und dort – der Soldat mit den verkohlten Stümpfen der Beine. Dort die Frau mit dem zerrissenen Leib, auf dem in blauen Trauben die Fliegen saßen...“

Die schaurigen Bilder entstammen nicht der Weltuntergangsvision eines Dichters, sondern dem Lagebericht des Polizeipräsidenten. Er schildert das furchtbare Szenario des fünfstündigen Feuersturms am Mittwoch, 28. Juli 1943 - dem schrecklichsten Tag in Hamburgs Geschichte.

Von Mitternacht an vernichtet ein Bombenteppich von unvorstellbarer Dichte die Stadtteile im Südosten. Zehntausende Einzelbrände vereinen sich in Minutenschnelle zu einer großflächigen Flammenhölle. In seinem Zentrum bieten auch die Keller keinen Schutz mehr, Tausende ersticken. Oben aber rast der Feuersturm mit Orkangewalt durch die Stadt, entwurzelt Bäume, wirft Löschfahrzeuge um, reißt Kinder von der Hand der Eltern, saugt und schleudert immer neue Opfer in die Glut.

Die Flüchtenden hetzen über Berge von Schutt zu Parks und Kanälen, springen von Brücken ins Wasser, werden im Funkenregen nach Sekunden blind, sterben in brennenden Kleidern den Hitzetod oder werden von umherfliegenden Trümmern erschlagen. Die meisten Leichen, die später geborgen werden, sind geschwärzt und auf die Hälfte ihrer Größe geschrumpft.

Zwischen drei und vier Uhr früh stehen in Hohenfelde, Borgfelde, Hamm, Eilbek, Hammerbrook und Rothenburgsort Häuserzeilen von 215 Kilometern Länge in Flammen. Diesen Riesenbrand kann niemand mehr stoppen, die tapferen Retter und Helfer kommen zu Hunderten um. In den Mietskasernen mit den verschachtelten Hinterhöfen stirbt fast jeder dritte Bewohner. Tausende erleben in verschütteten Kellern noch den Morgen und müssen doch sterben, weil man sie unter den gigantischen Trümmerbergen nicht schnell genug ausgraben kann.

Im fahlen Licht des neuen Tages steigt eine schwarze Todeswolke acht Kilometer hoch über der Stadt. Rund 35.000 Menschen sind tot, doppelt so viele verletzt, 2000 werden noch an ihren Verbrennungen sterben. Ein Elendszug von einer Million Hamburgern flüchtet mit der letzten Habe über Wandsbeker Chaussee, Horner Landstraße und Heidenkampsweg nach Holstein oder über die Elbbrücken nach Niedersachsen. Der Journalist Egbert A. Hoffmann, der das Grauen am Hammer Pröbenweg miterlebte, schreibt: „In den Dörfern stehen die Bauern mit Wasser und Brot. Niemand hat sie darum gebeten. Sie stehen einfach da wie Statisten einer Massentragödie und wollen etwas tun.“

Noch ist diese Tragödie nicht zu Ende.

Morgen: Ein Mädchen tanzt im Feuersturm

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt