Hamburg im Feuersturm (8): Ein Mädchen tanzt in den Flammen

Samstag, 13. Juli 2013

Vor 70 Jahren verwandeln Bombenangriffe Hamburg in eine Flammenhölle, aus der es für Zehntausende kein Entrinnen gibt.

„Zu welchen Mitteln andere auch greifen mögen, die Regierung Seiner Majestät wird niemals absichtlich Frauen und Kinder und andere Zivilisten zum Zwecke des bloßen Terrorismus angreifen“, verspricht Englands Premier Neville Chamberlain am 14. September 1939 vor dem Unterhaus.

Vier Jahre später, so der „Hamburg-Bericht“, stecken Bomber der Royal Air Force auf 56 Hektar im Südwesten der Stadt den größten Scheiterhaufen der Geschichte an: in sechs Stunden rasen zwei Milliarden Tonnen Luft als Feuersturm durch einen 8000 Meter hohen Luftschornstein, der Brand verzehrt die Energie von 100.000 Tonnen Holz.

„Die Schreckensszenen sind unbeschreiblich“, meldet der „Hamburg-Bericht“ aus dieser Nacht zum 28. Juli 1943. „Die Straßen waren mit Hunderten von Leichen bedeckt. Mütter mit ihren Kindern, Männer, Greise, verbrannt, verkohlt, unversehrt und bekleidet, nackend und in wächserner Blässe wie Schaufensterpuppen, lagen sie in jeder Stellung, ruhig und friedlich oder verkrampft, den Todeskampf im letzten Ausdruck des Gesichts.“

Schutzräume werden zur Todesfalle: „Es wird keiner Phantasie jemals gelingen können, die Szenen des Schreckens und des Grauens zu ermessen und zu beschreiben, die sich in zahlreichen verschütteten LS-Räumen abgespielt haben.“ Eine Phosphorbombe macht einen Keller am Grevenweg zur Flammenhölle, Soldaten geben sich den Gnadenschuss. Auf den Trümmern singt ein irrsinnig gewordenes Mädchen tanzend „Heimat deine Sterne“, bis es als Feuersäule verglüht.

Im Zentrum des Feuersturms, im dicht bebauten Hammerbrook zwischen Spaldingstraße, Heidenkampsweg, Grüner Deich und Nagelsweg, leben vor dem Angriff 27 440 Menschen – danach sind es noch 66. Lazarettzüge mit Schwerverletzten rattern Richtung Thüringen. Mit weißem Chlorkalk überstäubte Lastwagen bringen Zehntausende Opfer zum Massengrab auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Ostarbeiter und KZ-Häftlinge haben die Leichen aus den Ruinen geborgen. Sie werden die grausige Arbeit noch viele Monate tun. Der Hammerbrook wird Sperrgebiet, eine hohe Mauer trennt die Todeszone vom Rest der Stadt.

Der Terror geht weiter: In der Nacht zum Freitag, 30. Juli verwandeln 726 RAF-Maschinen Barmbek, Uhlenhorst und Winterhude in ein Flammenmeer. Um Barmbeker Markt und Hamburger Straße sinken sechs Quadratkilometer dicht besiedeltes Gebiet in Asche, Gebäudefronten brennen auf 167 Kilometern Länge. Nur weil inzwischen über eine Million Menschen aus Hamburg geflohen sind, bleibt die Zahl der Opfer mit etwa 1000 weit hinter den früheren Verlusten zurück. Das alte Barmbek aber ist ausradiert, 27 495 Häuser sind zerstört.

Beim letzten Großangriff der „Operation Gomorrha“ in der Nacht zum Dienstag, 3.August stören Gewitterstürme den Pulk aus 740 Bombern, und eine dichte Wolkendecke über Hamburg nimmt den Piloten die Sicht. Die Bomben fallen weit zerstreut, ein neuer Feuersturm bleibt aus. Es ist, als habe der Himmel endlich Mitleid mit der so schrecklich getroffenen Stadt.

Morgen: Der Fährmann des organisierten Massenmordes

 

 

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