Hamburg im Feuersturm (9)

Sonntag, 14. Juli 2013

Vor 70 Jahren verwandeln Bombenangriffe Hamburg in eine Flammenhölle, aus der es für Zehntausende kein Entrinnen gibt.

Gott zerstörte Sodom und Gomorrha an einem einzigen Tag: „Qualm stieg aus der Erde auf wie der Qualm aus einem Schmelzofen“, berichtet die Bibel. Die alliierte „Operation Gomorrha“ gegen Hamburg dauert zehn Tage und zehn Nächte: vom 25. Juli bis zum 3. August 1943. In dieser Zeit werfen 2592 britische und 146 amerikanische Bomber 8650 Tonnen Spreng- und Brandbomben auf die Stadt. 47 854 Menschen, darunter rund 22 500 Frauen und 7000 Kinder, kommen um. 357 360 Wohnungen – 49 Prozent des Gesamtbestandes - sind zerstört.

Doch die Stadt ist immer noch nicht tot. In den Ruinen, unter 40 Millionen Tonnen Trümmerschutt gräbt sich das Leben in den Boden, ducken sich Mütter mit kleinen Kindern in primitive Verschläge, suchen alte Menschen die trügerische Sicherheit niedriger Mauerhöhlen. Hamburg ist eine Steinwüste, aber auf dem „Adolf-Hitler-Platz“ vor dem Rathaus findet ein Weihnachtsmarkt statt. Hamburgs erster Landesbischof Johann Simon Schöffel gedenkt bewegt der Kinder, die im „Michel“ zwischen Toten und Schwerverletzten geboren wurden, als sich dort 4000 Verzweifelte im Feuersturm zusammendrängten.

1944 setzen die Alliierten ihre Angriffe fort. Am 18. Juni breiten sechs US-Kampfverbände mit 800 Maschinen Bombenteppiche über Hafen, City und Wohnviertel zwischen Eppendorf und Wilhelmsburg. Am 20. Juni führen rund 700 Bomber einen vernichtenden Schlag gegen Hamburgs Mineralölindustrie, am Harburger Seehafenbecken 4 wabert auf 800.000 Quadratmetern die größte Mineralölbrandstelle des Zweiten Weltkriegs. In den Mittagsstunden des 25. Oktober kostet ein Angriff von rund 800 „Fliegende Festungen“ der Amerikaner vor allem in Harburg rund 750 Menschenleben. Die letzten 30 Bomben fallen am 29. April 1945, als Hamburger Parlamentäre bereits mit britischen Offizieren in der Nordheide die Übergabe der Stadt besprechen.

In dem riesigen, kreuzförmigen Massengrab an der Mittelallee des Ohlsdorfer Friedhofs zeigen Inschriften auf großen Holzbalken, dass hier ganze Stadtteile liegen: Hammerbrook, Barmbek, Rothenburgsort... Gerhard Marcks, Lehrer der Hamburger Landeskunstschule, schuf 1952 als Mahnmal einen kargen Kalksteintempel. Auf einem Relief fährt Charon die Opfer in die Unterwelt. "Ich habe auf das vorchristliche Zeitalter zurückgegriffen, weil hier eine christliche Todesauffassung nicht am Platze war“, sagte der Künstler. „Weder ist in dieser Art Tod etwas Versöhnliches zu sehen, noch starben die Bombenopfer als Märtyrer für eine Idee, sondern alle, Männer, Frauen und Kinder, wurden in den Wahnsinn der Vernichtung hineingerissen ohne Antwort auf die Frage: warum?, die auf so vielen Grabkreuzen sich wiederholt. Aus diesem Grunde habe ich auch dem Charon grausame Züge gegeben; er ist eine Personifikation der Gleichgültigkeit und des organisierten Massenmords.“

Am Rand erinnern kleine Täfelchen an einige der 36.918 dort bestatteten Toten: "Je höher die Flamme des Glückes brennt, desto schneller verzehrt sie." - "Unvergesslich lebt ihr in meinem Herzen weiter. Euer Pappi." - "Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah." – Manchmal steht dort nur ein Name: „Mutter. Christine Unverzagt." Und manchmal nur ein einziges, letztes Wort: "Guschi".

ENDE

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