Pilgern in Deutschland (1)

Mittwoch, 10. Juli 2013

Sommerzeit ist Pilgerzeit. Unsere Serie führte erstmals 2004 zu Deutschlands beliebtesten Wallfahrtsorten. Seither stiegen die Besucherzahlen sogar noch an. Heute: Kevelaer.   

Das Ziel aller Sehnsüchte, Hoffnungen und Anstrengungen ist ein Marienbildchen, kleiner als eine Postkarte und im Kerzenlicht der Jahrhunderte vergilbt. Doch die Wallfahrer von Kevelaer schauen mit den Augen der Seele. Und ihre gläubigen, bangen, oft einsamen, manchmal blutenden Herzen wissen zu fühlen, was die winzige Inschrift verheißt: „Trösterin der Betrübten.“

Bis zum Ende der Pilgersaison vom Mai bis November werden rund eine Million Frauen, Männer und Kinder in den berühmten Wallfahrtsort am Niederrhein gekommen sein - mehr als je zuvor. Denn immer mehr Menschen suchen Hilfe, Trost und Sinn auf einer Pilgerreise. „Zwischen fünf und zehn Millionen Deutsche sind oder waren dieses Jahr zu einer der über tausend Gnadenstätten unseres Landes unterwegs“, schätzt Joachim Müller, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft deutschsprachiger Pilgerstellen. „Und mindestens jeder Zehnte hat sich sogar zu Fuß auf den Weg gemacht, oft über mehrere hundert Kilometer.“

Immer weniger Christen, aber immer mehr Wallfahrer? Für Pilger-Experte Müller kein Widerspruch: „Immer wenn der Unglaube zunimmt, nimmt auch der Glaube zu. Wir sehen es an den vielen Sekten, am üppigen Esoterik-Angebot. Die Menschen suchen wieder nach dem Sinn des Lebens, und sie denken wieder öfter an das Leben nach dem Tod.“

Leere Gotteshäuser, aber überfüllte Wallfahrtskapellen? „Oft ist heute in der Kirche die Verkopfung so stark, dass die Sinne nicht mehr angesprochen werden“, weiß Dr. Rainer Killich, Geschäftsführer der Wallfahrtsleitung in Kevelaer. „Ganz anders bei uns: Da ist der Weihrauch, da ist die Musik, da sind Lieder, Kerzen, Farben. Und gerade wenn es immer weniger Christen gibt, wenn Gläubiger in ihrer Heimatorten, ja sogar in ihren Familien immer stärker isoliert sind, fühlen sie sich in einer großen Gemeinschaft Gleichgesinnter wie in Kevelaer besonders wohl.“

Ein Volk von Autofahrern, und plötzlich so viele fromme Wanderer? „Die Bus-Wallfahrten bröckeln ab, die Fußwallfahrten nehmen einen rasanten Aufschwung“, beobachtet Killich. „Manche marschieren in fünf Tagen 250 Kilometer. Viele wollen sich auch sportlich etwas beweisen. Aber am wichtigsten ist ihnen, dass sie gemeinsam längere Zeit unterwegs sind, mit Singen, Beten, auch mal stillem Nachdenken, mit Glaubensgesprächen und abendlicher Geselligkeit.“

Die Pilger von Kevelaer folgen einer alten Tradition: Das Gnadenbild „Trösterin der Betrübten“ entstand um 1640 und zeigt die Gottesmutter in einem weiten spanischen Mantel mit dem Jesuskind im linken Arm und einem Zepter in der rechten Hand vor der Silhouette der Stadt Luxemburg. Von dort kam es im Tornister eines Soldaten an den Niederrhein. In der Weihnachtszeit 1641 rief dem reisenden Händler Hendrick Busman dort mitten in öder Heide dreimal eine Stimme zu: „An dieser Stelle sollst du mir ein Kapellchen bauen!“ Ehefrau Mechel sah im Traum ein Heiligenhäuschen und „darin ein Bildchen, wie sie es zuvor in der Hand zweier Soldaten erblickt hatte.“ Sie kaufte den Landsknechten den kleinen Kupferstich ab, ihr Ehemann baute mit bescheidenen Mitteln das „Kapellchen“, und gleich geschahen „einige Wunder“: Mehrere Kranke, die in das „Heiligenhäuschen“ kamen und das Bildchen berührten, wurden gesund. Seither riss der Besucherstrom nicht mehr ab.

Heute gilt Kevelaer als größter Wallfahrtsort Nordwesteuropas, mit Pilgern auch aus Holland, Belgien oder Luxemburg, mit Orthodoxen aus Osteuropa und auch mal einigen Tausend Tamilen aus Sri Lanka.

Einst tröstete die Madonna Menschen in einem „Land der ausgebrannten Asche“, verwüstet vom Dreißigjährigen Krieg, entvölkert außerdem durch eine Pest-Epidemie. Heute treiben andere Nöte Pilger in die prachtvolle Basilika unter dem 91-Meter-Turm: Krebs, Arbeitslosigkeit, Drogen, Furcht vor Aids und Hartz. „Steh mir bei in meiner großen Not“, schrieb eine kindliche Hand in eines der Fürbittbücher. Eine zittrige Elternschrift fleht: „Führe unseren Sohn auf den rechten Weg zurück!“ Kevelaer ist auch Zuflucht junger Menschen, die sich dem Leben nicht gewachsen fühlen. Ihnen widmete Heinrich Heine schon vor 180 Jahren ein ergreifendes Gedicht: „Ich bin so krank, o Mutter, dass ich nicht hör und nicht seh; ich denk an das tote Gretchen, das Herz tut mir so weh.“ – „Steh auf, wir wollen nach Kevlaar, nimm Buch und Rosenkranz, die Mutter Gottes heilt dir dein krankes Herze ganz.“

Anfang der siebziger Jahre kamen 250.000 Pilger zur „Trösterin der Betrübten“, 1984 eine halbe Million, nach dem Papst-Besuch 1987 schon über 700.000. Und wenn auch heute keine Wunder mehr registriert werden, so doch ungewöhnliche Zeichen: „In den 80er Jahren kam hier ein RAF-Terrorist durch, der sich nach Holland absetzen wollte“, erinnert sich Wallfahrt-Chef Killich. „Er sprach lange mit einem Beichtvater, einem alten Abt. Am nächsten Tag war er fort, aber seine Waffe ließ er auf dem Altar zurück.“

Morgen: Die Madonna rettete ihn davor, lebendig begraben zu werden. Der Wallfahrtsort Altötting

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