Pilgern in Deutschland (2)

Donnerstag, 11. Juli 2013

Sommerzeit ist Pilgerzeit. Unsere Serie führte erstmals 2004 zu Deutschlands beliebtesten Wallfahrtsorten. Seither stiegen die Besucherzahlen sogar noch an. Heute: Altötting.  

Von einer sieben Meter hohen Standuhr in der Stiftskirche grinst der „Tod von Eding“ höhnisch auf die Wallfahrer herunter. Seine Sense schwingt im Sekundentakt; jeder Streich, so glauben nicht nur Kinder, mäht irgendwo auf Gottes weiter Erde ein Menschenleben ab.

„Eding“ ist der volkstümliche Name Altöttings, doch spielt der grause Bote irdischer Vergänglichkeit dort nur eine Nebenrolle: Die modernen Pilger suchen nicht göttliche Mahnung, sondern hoffen auf Hilfe, Kraft, Trost – und manchmal auf ein Wunder.

„Wir haben weit über eine Million Pilger im Jahr“, sagt Herbert Bauer, Leiter des Wallfahrts- und Verkehrsbüros am meistbesuchten deutschen Pilgerziel, „vor allem aus Bayern, Österreich, Italien und Polen. Manchmal sind junge Leute aus zwanzig Ländern da, und immer mehr kommen per pedes.“ Deutschlands größte Fußwallfahrt führt jedes Jahr von Regensburg hierher; bisher zogen stets um die 8000 mit, doch dieses Jahr waren es über 10.000.

Die Frommen wandern wohlbekannte Wege: „Die alten Pilgerpfade sind Europas Adern“, sagt Bruder Marinus, Wallfahrtskustos und Guardian des Kapuzinerklosters, „und Altötting ist eins der Herzen.“ Unter den Marienheiligtümern der Welt hält das oberbayerische 12.500-Seelen-Städtchen einen Spitzenrang hinter Lourdes, Fatima, Loreto und Tschenstochau.

Unbegreifliche Kräfte vermuten Menschen dort schon seit Urzeiten, einst stand dort ein Heidentempel für die Sieben Planeten. Christen des 8.Jahrhunderts bauten über den Ruinen eine Kapelle. Das berühmte Gnadenbild, eine frühgotische Holzfigur der Gottesmutter, wurde um 1330 wohl in einem oberrheinischen Zisterzienserkloster geschnitzt. Nach der Legende geriet sie bei einem Überfall der Hunnen in Brand, in Wirklichkeit stammt die schwarze Färbung aber vom Kerzenruß der Jahrhunderte.

1489 fiel ein dreijähriger Junge in ein nahes Flüsschen und wurde erst eine halbe Stunde später aus dem Wasser gezogen. Die verzweifelte Mutter legte den Leichnam auf den Altar – nach heißen Tränen und Gebeten erwachte das Kind wieder zum Leben. Kurz darauf, so die Chronik, heilte die Gottesmutter über Nacht einen Sechsjährigen, der von einem Fuhrwerk zerquetscht worden war. Die Kunde von den Wundern raste wie ein Lauffeuer durch das gläubige Volk, und als einer der ersten Pilger gleich die Krücken in der Kirche stehen lassen konnte, kam sogar Kaiser Friedrich III. in den neuen Wallfahrtsort – mit 130.000 Christen.

Seither zeigte Altötting viele Male seine magische Macht: Gebete retteten eine Brandstifterin, die ertränkt werden sollte – dem Scharfrichter gelang es nicht, sie unter Wasser zu drücken. 1681 flehten Kaiser Leopold I. und Kurfürst Max Emanuel in der Gnadenkapelle um göttliche Hilfe gegen die Türken – zwei Jahre später trieben christliche Truppen die osmanischen Eroberer auf den Balkan zurück.

Besonders spektakulär 1929 die Rettung des Zimmermanns Franz Stocker aus Prien am Chiemsee: Dem 22jährigen zermalmte bei einer Holzfahrt ein schwerbeladener Schlitten den Brustkorb. Nach einer verzweifelten Operation in München fiel der Verunglückte in einen Starrkrampf. Unfähig, zu sprechen oder sich auch nur zu rühren, erlebte er, wie ihn die Schwestern für tot erklärten und zu den Leichen legten. „Bei dem Gedanken, lebendig begraben zu werden, überfiel mich eine entsetzliche Angst, und ich gelobte der Mutter Gottes: Wenn du mir hilfst, will ich ein zentnerschweres Kreuz nach Altötting tragen.“ In der gleichen Minute, um ein Uhr nachts, sah ein Assistenzarzt das leere Bett des Patienten und eilte, von unerklärlicher Unrast getrieben, zum Chefarzt. Der von der Gicht gelähmte Professor ließ sich sofort ins Krankenhaus tragen und den Scheintoten in ein Krankenzimmer bringen. „Dort wurde ich mit aller Gewalt massiert, gerieben, gebürstet und auf den Kopf gestellt“, schilderte Stocker. „Auf einmal musste ich erbrechen – ich war dem Leben wieder gegeben...“

1945 dankte ein Nazi-Opfer nach sechs Jahren in Buchenwald für sein Überleben. 1954 ließ Bayerns Kronprinzessin Antonia ihr Herz in Altötting begraben – wie alle bayerischen Könige. Viele Geheilte und Gerettete danken mit Tafeln, Kreuzen, Kerzen – bis heute kommen jedes Jahr kleine Wunder hinzu: Von Krebs geheilt, vor der Pleite gerettet, aus Arbeitslosigkeit erlöst. „Das Gebet ersetzt nicht den Arzt“, sagt Bruder Marinus, „und der Autosegen nicht die Kraftfahrzeugversicherung. Aber bei uns kann man lernen, mit der Angst umzugehen. Man entdeckt, dass auch andere ihre Sorgen und Nöte haben. Dass man sich helfen lassen, aber auch selber helfen kann. Und einer hat zu mir gesagt: Wenn ich mich mal nach einer Ehefrau umschaue, werde sie mir auf einer solchen Fußwallfahrt suchen.“

Morgen: Lieber nach Aachen als an den Galgen

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