Pilgern in Deutschland (3)

Freitag, 12. Juli 2013

Sommerzeit ist Pilgerzeit. Unsere Serie führte erstmals 2004 zu Deutschlands beliebtesten Wallfahrtsorten. Seither stiegen die Besucherzahlen sogar noch an. Heute: Der Aachener Dom.  

Eintausend Edelsteine, Gold, Silber, zahllose herrliche Schmelz- und Filigranplättchen, von Meisterhand zusammengefügt: Aachens Marienschrein zählt zu den großartigsten Schöpfungen mittelalterlicher Goldschmiedekunst.

Die Augen der Gläubigen aber sehen unter der herrlichen Hülle noch weitaus größere Kostbarkeiten: Der Schrein birgt vier der heiligsten Reliquien der Christenheit; sie machen den Dom zu einer der wichtigsten Wallfahrtsstätten der Welt.

„Über eine Million Menschen kommen jedes Jahr zu uns“, sagt Verwaltungsleiter Peter Gahn, „vierzig Prozent sind Schüler auf Klassenfahrt, aus Nordrhein-Westfalen, Belgien, Holland oder Nordfrankreich. Für sie ist unser Dom ein Mittelpunkt Europas.“

Der goldglitzernde Seelenmagnet unter der klimatisierten Glasvitrine zieht seit sieben Jahrhunderten einen nie versiegenden Pilgerstrom an. Im Pestjahr 1349 kamen täglich 40.000 Büßer bis aus Dänemark, Polen und Ungarn. Ihre fromme Furcht stellte Aachen auf eine Stufe mit Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela. 1937, bei der ersten großen Wallfahrt nach der Machtergreifung der Nazis, beteten zwei Millionen an der geweihten Stätte. Sie hofften auf die rettende Kraft der vier „Großen Heiligtümer“, in denen die Kirche „greifbare Zeichen für die Nähe und Erreichbarkeit Gottes“ sieht:

Das Kleid, das Marien in der Geburtsnacht trug: orientalische Baumwolle, Längs- und Querstreifen, kleinkarierte Musterung, fein gestickten Mäander an Hals und Seitenschlitzen. Zwei Pilger fanden es im Jahr 451 in Galiläa, der Heimat der Gottesmutter.

Die Windeln Jesu, aus dichtem, braungelbem Filz, vermutlich Kamelwolle, nach der Legende aus einem Gewand des hl.Josef, in der Geburtsnacht zu hygienischen Zwecken zerstückelt. Die oströmische Kaiserin Pulcheria (399-453) erhielt die Reliquie vom Jerusalemer Patriarchen.

Das Enthauptungstuch Johannes des Täufers, ein feines, längliches, viereckiges Leinengewebe mit großen Blutflecken von der Hinrichtung des letzten und größten Propheten. Antike Pilger bargen es im zerfallenen Palast des Königs Herodes.

Das Lendentuch Jesu von der Kreuzigung, ein großes, weißliches Leinengewebe mit Blutspuren.

Außerdem hütet der Schrein drei „kleine“ Heiligtümer: einen Ledergürtel Jesu, einen Stoffgürtel Marias und ein Stück des Strickes, mit dem Jesus an die Geißelsäule gebunden wurde. Wer Mel Gibsons Jesus-Film sah, wird die Grausamkeit nicht vergessen.

Den heiligen Schatz dankt die Stadt ihrem ebenfalls heiligen Heros: Kaiser Karl der Große ließ die Reliquien um 800 aus Konstantinopel beschaffen, um Aachen auch zum spirituellen Mittelpunkt seines Reiches zu machen. Die Echtheit, damals unbestritten, spielt heute keine Rolle mehr, gefragt ist Höheres: „Der Pilger“, meint Reliquien-Experte Alfred Läpple, „geht auf Tuchfühlung mit Gott.“

Der Marienschrein selbst ist fast zwei Meter lang und besteht aus 3000 Einzelteilen. Die Eiche für den Holzkern wurde um 1210 gefällt, die Hülle besteht aus vergoldetem Silber. 1989 – 2000 wurde das Kunstwerk aufwendig restauriert.

Alle sieben Jahre werden die „Großen Heiligtümer“ für zehn Tage aus dem Schrein genommen und den Gläubigen zur Verehrung gezeigt. Im Juni 2000 kamen dazu rund 100.000 Pilger. Doch auch in Zwischenjahren ist Aachen vielbesuchtes Ziel: In einem Kranz kleiner Kapellen um das große Kirchenschiff stehen vor Bildnissen und Statuen der Gottesmutter Kerzen für kranke Kinder – brennen die Dochte ruhig, ist Genesung in Sicht.

„Seit einigen Jahren kommen auch immer mehr Spanier und Italiener“, beobachtet Dom-Verwalter Gahn. „Für sie wie für viele Belgier, Holländer, Franzosen und die meisten deutschen Jugendlichen ist Aachen vor allem Keimzelle des christlichen Abendlandes.“ Die populäre Europa-Idee lässt die Besucherzahlen steigen. Dass die Rekorde der einstigen Hochblüte noch nicht gebrochen sind, liegt wohl nur am modernen Strafrecht: Im Mittelalter schickten Richter Diebe und Totschläger oft nicht ins Gefängnis oder an den Galgen, sondern auf Bußwallfahrt nach Aachen. Wäre das noch heute so, könnte der Dom die Pilger kaum fassen.

Morgen: Auch Kaiserin Sisi stiftete eine Kerze.

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