Kap.8: Ein seltsames Fest

Dienstag, 9. Juli 2013

Die hellen Töne der Rindentrompeten hallten wie Jubelklänge von Engelchören durch den nächtlichen Wolkenwald. Die rhythmisch geschwungenen Baumkürbisrasseln gaben den Tänzern auf den hohen Bäumen den Takt vor. Männer, Frauen und Kinder trugen Masken aus dünnem Balsaholz mit den Zügen ihrer Mitbewohner im Paradies, der Kleinen Brüder und der Fliegenden Vettern. Gummiharz hielt die bunten Federn und Haare an ihrem Platz. In langen Reihen wippten Groß und Klein auf den riesigen Ästen der drei gewaltigen, über und über von Orchideen und anderen Epiphyten bedeckten Zedrachgewächse, die südlich des Torbaumes 80 Meter hoch in den Himmel ragten. Der Widerschein des großen Feuers auf dem Vulkankegel glänzte auf den nackten, mit duftendem Palmöl eingeriebenen Armen und Beinen der Feiernden.

  Wolkenfänger stand im Wipfel des vordersten Baumes und genoss den Blick auf das Fest, das an die Rückkehr ins Paradies erinnerte. Es war das drittheiligste im Jahreskreis, nach dem Fest der Geburt des Erlösers und dem Fest der Auferstehung des Herrn, zwei Ereignissen, die beide noch viel länger zurücklagen und doch von den Bewohnern des Paradieses niemals vergessen würden.

  Als der Ton der Rindentrompeten verklang, sprang der Junge in kühnen Sätzen hinab und hangelte sich mit großer Kraft und Geschicklichkeit an einem Ast bis zu der Stelle, unter der seine Mutter mit Senex und Blaukrönchen saß und auf seinen Vater, den Erzengel, wartete. Sie hörte über sich den Kletterer herankommen und blickte lächelnd nach oben. Der Junge nutzte ihre Aufmerksamkeit, um einen gespielten Sturz behände wie ein Wollaffe an einer armdicken Feuerliane abzufangen und mit ungestümem Schwung zwischen seinem Großvater und seiner Schwester zu landen.

  „He!“ sagte Blaukrönchen, die sich hinter der aus gelbem Bast geflochtenen Maske eines Löwenäffchens verbarg. „Pass doch auf! Musst du immer so wackeln?“ Obwohl der starke Ast nur wenig vibrierte, hielt sie sich, betont Halt suchend, mit einer Hand im Geflecht einer mächtigen Würgfeigenranke fest, die das Holz wie eine grüne Polsterung umschlang.

  „Hab dich nicht so“, sagte Wolkenfänger übermütig und rückte seine durch die Landung verrutschte schwarzweiße Nachtaffenmaske wieder gerade.

  „Blaukrönchen hat ganz recht“, sagte seine Mutter tadelnd, aber er konnte ihre Augen hinter der Maske eines Weißnasensakis lächeln sehen.

  Senex, der sich als Kaisertamarin verkleidet hatte, strich respektheischend über den mächtigen weißen Schnurrbart der Maske. „Du wirst noch hinfallen“, mahnte er. „Als kleiner Junge hattest du fast jeden Tag eine blutige Nase.“

  Wolkenfänger wollte sich verteidigen, aber in diesem Augenblick drang ihm vom Feuer her der köstliche Duft der gekochten Palmenfrüchte in die Nase. Wie alle Nachbarn und Bekannten, die mit ihnen auf den Ästen saßen, sog er die Luft ein und begann genießerisch zu schmatzen; es klang wie das Gezwitscher balzender Trupiale.

  Der Erzengel auf der Brücke winkte den Wartenden zu. Rasch erhoben sie sich und wanderten in einer langen Reihe zu der Hochbrücke. Von der anderen Seite kamen ihnen zwei weitere Engel mit dem großen, aus Palmbast geflochtenen Korb der heiligen Speisung entgegen. Als sie den Torbaum erreicht hatten, stellten sie ihre Last auf die hölzernen Planken und begannen, die Hungrigen zu verköstigen.

  Die Menschen hatten die Masken abgelegt und sich um den Hals gehängt. Alle aßen mit ebenso viel Frömmigkeit wie Appetit. Wolkenfänger aber biss so kräftig in seine Frucht, dass ihm der süße Saft übers Kinn lief; schnell fing er ihn mit der Hand auf und leckte ihn auf, damit ihm ja keiner der köstlichen Tropfen entgehe. Er war glücklich, denn bald würde er volljährig sein und zum ersten Mal das heilige Pulver schmecken. Die Tochter des Wassers würde vor dem Lebensbaum tanzen und über die sechsbeinigen Ungeheuer der Tiefe siegen, wie jedes Jahr seit der Erschaffung des Paradieses. Zum Schluss würde der Herr sie alle segnen. Die wespenäugigen Teufel in dem riesigen fliegenden Ameisenei aber waren verschwunden; niemals würden sie wiederkehren.

***

 Sander verstaute seine Kuraruholzkiste hinter dem Sitz und zurrte sie mit einem dicken Gummiseil fest. Der Ingenieur und seine Mitarbeiter füllten Kerosin in die beiden Tanks. Als sie fertig waren, kam Maria Behring über den Platz gelaufen. Erstaunt sah Sander, dass sie kein Gepäck bei sich trug. Ungeduldig winkte sie ihm; nach einer Weile begriff er, kletterte aus der Gondel und ging zu ihr.

  „Was ist?“ fragte er von weitem.

  Sie winkte wieder und wartete, bis er aus der Hörweite der anderen getreten war. Dann sagte sie: „Ich habe mir die Sache doch noch mal überlegt. Dieser Oberst ist wirklich zu allem fähig. Wir werden lieber Experten aus Caracas kommen und das Schiff untersuchen lassen, ehe wir damit losfahren.“

  „Ist doch meine Rede“, sagte er.

  Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht bringt es ja wirklich was“, sagte sie. „Vielleicht auch nicht. Aber dann sind wir wenigstens sicher. Ich habe keine Lust, diese Typen unfreiwillig zu unseren neuen Freunden zu führen. Verstehen Sie? Die Venezolaner würden die Neuigkeit vermutlich sofort ausposaunen. Und dann kommen die Amis mit ihren Dollars und machen daraus eine Art Dschungel-Disneyland. Nein, danke. Ich werde von jetzt an nicht mehr das geringste Risiko eingehen.“

  „Das klingt vernünftig“, sagte Sander. „Kommen Ihre Elektronikspezialisten aus Caracas?“

  Sie nickte und sah auf ihre zierliche Luxusuhr. „Sie werden gegen drei Uhr landen, schätze ich. Dann rauschen wir ab. Darauf wird der Oberst nicht gefasst sein.“

  „Nein“, meinte Sander lächelnd, dem die Sache nun wieder etwas besser gefiel.

  „Kommen Sie“, sagte sie. „Trinken wir erst mal einen anständigen Kaffee! Den haben wir uns verdient.“

  Später aßen sie gemeinsam zu Mittag. Danach sagte Maria Behring: „Ich glaube, ich lege mich noch ein Stündchen aufs Ohr. Und Ihnen empfehle ich das gleiche. Das wird noch ein anstrengender Tag. Ich lasse uns um Viertel vor drei wecken, okay?“

  Sander nickte; er spürte die Anstrengungen der vergangenen Tage in den Knochen und war längst alt genug, den Wert einer Pause zu schätzen. Gleich nach dem Essen ging er in seinen Wohncontainer und legte sich auf sein Bett. Bald schlief er tief und fest.

  Kurz nach drei Uhr landeten zwei der verschwiegenen Herren, die das elektronische Gerät gebracht hatten. Maria Behring nahm sie allein in Empfang.

  „Wo ist Ihr Pilot?“ fragte der ältere der beiden.

  „Der macht ein Nickerchen“, erwiderte Maria Behring lächelnd.

  „Wollen Sie ihn nicht wecken?“

  „Jaja“, sagte sie. „Gleich. Kümmern wir uns erst mal um die Wanze.“

  Die Männer hoben zwei olivgrüne Kisten aus dem Laderaum. Auf einer stand Schlauchboot, auf der anderen ‚Filtrieranlage‘.

  „Recht so?“ fragte der Ältere.

  „Sehr gut“, sagte Maria Behring. Gespannt sah sie zu, wie die Elektronikexperten die Kiste, die angeblich einen Wasserfilter enthielt, öffneten und ein kleines schwarzes Kunststoffkästchen hervorholten. Schon nach wenigen Minuten hatten sie einen kleinen Sender lokalisiert; er klebte an der Unterseite eines der Wasserkanister.

  „Was schlagen Sie vor?“ sagte Maria Behring.

  „Lassen Sie den Kanister hier“, riet der ältere. „Dann werden die Venezolaner nicht wissen, ob Sie den Sender entdeckt oder den Behälter aus einem anderen Grund zurückgelassen haben.“

  „Gut“, sagte sie und deutete auf die andere Kiste. „Verstauen Sie die hinten in der Gondel. Möglichst weit unten. Mein Pilot muss auch nicht immer gleich alles wissen.“

  „Verstehe“, sagte der jüngere der beiden, und sie machten sich an die Arbeit.

  Als Sander aus dem Camp über das Flugfeld auf das Luftschiff zulief, luden sie die Kiste mit dem angeblichen Wasserfilter schon wieder in ihr Flugzeug, stiegen ein und starteten.

  „Die haben es aber eilig“, sagte Sander. „Warum haben Sie mich denn nicht geweckt?“

  „Der Oberst hat uns tatsächlich einen kleinen Sender untergejubelt, an einem der Wasserbehälter.“

  „Und?“

  „Den lassen wir jetzt hier.“ 

  „War es wirklich nur einer? Ich habe keine Lust auf die venezolanische Geheimpolizei.“

  „Keine Angst. Ich schließe einen Beratervertrag mit Ihnen für das nächste Jahr ab, dann bleiben Sie unser Mitarbeiter, und die Kerle lassen Sie in Ruhe.“

  „Danke“, sagte er und kletterte in die Gondel.

  Sie schnallte sich fest. „Ehe ich es vergesse“, sagte sie, „wir haben noch knapp fünfzig Kilo Zuladung aufgenommen. Neue Messgeräte und so was, Zelt, Kocher. Und ein Schlauchboot.“

  „Wozu denn das?“ fragte Sander verblüfft.

  „Nur so. Für alle Fälle. Man weiß nie, wann man so ein Ding braucht.“

  „Wie viel genau?“ fragte Sander und blickte prüfend auf die Armaturen.

  Sie zog einen Zettel aus der Brusttasche. 55,5 Kilogramm, sagte sie. Dafür 20 Liter Wasser weniger.“

  „Wo ist das Zeug verstaut?“

  „Hinten in der Gondel. Ich habe die Verladung selbst überwacht.“

  Sander meldete sich beim Tower, startete die Motoren, winkte dem Ground-crew-Chef zu und löste das Luftschiff vom Mast. Ein paar Minuten später waren sie auf dem Weg zu dem Wald zwischen den schwarzen und den weißen Wolken. Sie fuhren wieder mit großer Vorsicht über die Ilha Pedro II und erreichten den Krater am frühen Nachmittag. Langsam bugsierte Sander die Hülle unter die Äste der großen Bäume neben dem Schlund des Cerro Impacto und verankerte sie sturmsicher zwischen zwei mächtigen Piquiäbäumen. Die Stämme waren am Boden vier Meter dick.

  „Bringen Sie schon mal die Apparate nach oben“, schlug sie vor, „ich kümmere mich um das Lager.“

  Keuchend schleppte Sander Kamera, Fernrohr und Richtmikrophon auf die steile Böschung. Dann kletterte wieder in die Gondel, schaltete das Funkgerät aus, holte seine Kiste hinter dem Sitz hervor und schaffte sie in das Zelt. Maria Behring hatte ihren Schlafsack schon ausgerollt; er warf seine Decke auf die gegenüberliegende Seite.

  „Kommen Sie“, sagte sie munter. „Wollen mal sehen, was unsere Freunde jetzt machen.“

  Leichtfüßig eilte sie die Böschung hinauf. Oben schaute er zu, wie sie sich an dem Fernrohr zu schaffen machte, und wartete, bis sich sein Atem wieder beruhigt hatte.

  „Ihre Kondition ist wirklich nicht berühmt“, konnte sie sich nicht enthalten zu sagen.

  „Warten Sie mal, bis Sie so alt sind wie ich“, versetzte er. „Ich bin keine 20 mehr.“

  „Das ist mir nicht verborgen geblieben“, erwiderte sie lachend. „Aber ein Mann, der in der Wildnis lebt…“

  „Ich lebe keineswegs in der Wildnis“, unterbrach er sie, „sondern in einer Millionenstadt. Ich bin Pilot und kein Sherpa. Wenn Sie einen Bergführer suchen, rufen Sie am besten beim Alpenverein in Caracas an.“

  „Seien Sie doch nicht gleich eingeschnappt“, sagte sie. „Sie gehören noch lange nicht zum alten Eisen.“

  Sander gab sich damit zufrieden und stellte sich wieder hinter die Kamera. Sie spähten zu dem Axtbrecherbaum und den anderen Urwaldriesen, konnten aber keinen der Bewohner entdecken.

  „Seltsam“, sagte Maria Behring nach einer Weile. „Sie scheinen alle fortgegangen zu sein.“ Sie lauschte in den leichten Wind und fragte dann: „Hören Sie das auch?“

  „Was?“ fragte Sander und horchte ebenfalls. „Ja. Komisches Geräusch. Wie ein Wasserfall.“

  „Nein, viel höher“, sagte sie. „Eher wie eine Kreissäge.“

  Sie lauschten beide. „Ich bin wahrscheinlich verrückt“, sagte Sander nach einer Weile, „aber für mich klingt das wie Trompeten oder Posaunen.“

  „Ja, für mich auch“, sagte sie. „Wie irgendwelche Signale. Haben Indianer Trompeten?“

  „Nicht dass ich wüsste“, meinte Sander. „Ich habe sie nur ab und zu auf Flöten spielen hören. Außerdem haben sie Kürbisrasseln.“

  „Es kommt aus Nordnordost“, stellte sie fest. „Aus der Gegend des Vulkankegels. Kann es sich um ein Naturphänomen handeln? In bestimmten Felsformationen gibt es manchmal einzigartige Windgeräusche.“

  „Halte ich für ausgeschlossen“, sagte Sander. Der Wind hat höchstens Stärke zwei, und der Kegel ist dicht bewachsen.“

  „Nun, wir werden es schon noch herausfinden“, sagte sie hoffnungsfroh. „Die Tiere sind jedenfalls noch da. Sehen Sie die Tamarine auf dem obersten Ast? Sie sitzen da wie Dackel, die auf Herrchens Heimkehr warten.“

  Sander musste lachen. „Sie haben recht“, meinte er. „Wie Haustiere. Kaum zu glauben.“

  Sie filmten und beobachteten noch eine Zeit lang, dann kehrten sie zu ihrem kleinen Camp zurück und machten sich mit den Infrarotgeräten und den Restlichtaufhellern vertraut. Danach stellten sie das Landelicht auf und befestigten das Richtmikrophon an der Gondel. Als sie mit allem fertig waren, bereitete Sander mit geübten Griffen Tee; sie tranken und warteten, bis es dunkel wurde. Große Motten umflogen die kleine Petroleumlampe vor dem Zelt.

  Maria Behring reichte Sander noch einige Pillen gegen Moskitos und sagte: „Also los jetzt!“

  Sie kletterten in die Gondel, setzten die großen Infrarotbrillen auf und schalteten sie ein. Schlagartig schien es, als erhellte gespenstisches grünes Licht die Umgebung.

  „Phantastisch“, hörte Sander sich in die Stille hinein sagen. „Mit diesen Dingern könnte man jetzt ein Buch lesen.“

  „Schauen Sie mal hier durch“, sagte Maria Behring und reichte ihm die Infrarotkamera. Er hielt das Auge an das Okular. „Donnerwetter, entfuhr es ihm. „Hell wie ein Scheinwerfer!“

  „Wir werden diesen Indianern schon auf die Schliche kommen“, sagte sie energisch.

  Sander startete die Motoren. Der Lärm erfüllte den nächtlichen Urwald, und Tiere flohen in alle Richtungen. Das Luftschiff löste sich aus den Halterungen, drehte die Nase in den Wind und fuhr langsam steigend nach Westen. Nach einigen Minuten änderte Sander den Kurs auf Nord. Sie überquerten den Kraterrand; die Luft war schon ziemlich kühl.

  Sander betätigte das Mikrophon. „Wir fahren erst mal zum Nordrand und drehen dann mit dem Wind“, sagte er. „Dann lassen wir uns ohne Motor über den Kegel treiben.“

  Er sah sie im grünen Schein seines Infrarotgeräts nicken; mit den Okularen vor den Augen wirkte sie wie eine große grüne Fliege.

  Minuten später erreichten sie den nördlichen Kraterrand. Sander fuhr ein Stück darüber hinaus, drehte das Schiff dann in den Wind, ließ es auf 80 Meter sinken und steuerte es auf den Vulkankegel zu, der sich in dem grünen Licht der Geräte über den Wald erhob wie ein Pistazieneis über ein Pfefferminzsorbett. Die Propeller drehten sich langsamer, und das Geräusch der Motoren wurde so schwach, dass sie die Kopfhörer absetzen konnten.

  Der Wind trug das Schiff mit einer konstanten Geschwindigkeit von zwölf Stundenkilometern über den Riesenwald. Sander spähte aufmerksam nach vorn, damit nicht etwa einer der besonders hohen Paranussbäume in ihre Bahn geriet. Maria Behring beobachtete das in dem unwirklichen Licht noch wirrer erscheinende Geäst unter der Gondel, sah aber nur große Vögel und einmal eine schlafende Brüllaffenhorde.

  Als der Kegel vor ihnen größer wurde, rüttelte Maria Behring Sander plötzlich am Arm und deutete auf ihr rechtes Ohr. Sander lauschte; dann hörte auch er den seltsamen Ton. Diesmal klang es wirklich wie ein fernes Trompetenkonzert. Dann wichen die letzten Bäume, und sie sahen das riesige Feuer, umringt von vielen hundert Gestalten, Männern, Frauen und Kindern, vereint in ekstatischem Tanz.

  Sofort drückte Sander die Aufnahmetaste des Richtmikrophons und schaute fasziniert auf die starken Ausschläge des Anzeigers. Ein an- und abschwellendes Geräusch vermischte sich mit den Trompetenstößen. „Sie singen!“ sagte Sander halblaut. „Mein Gott, es klingt wie ein gregorianischer Choral!“

  Maria Behring presste den Finger so fest auf die Aufnahmetaste ihrer Infrarotkamera, dass es zu zittern begann. Ihr war, als sei sie mit einer Zeitmaschine in frühe Tage der Menschheitsgeschichte zurückgekehrt, um aus sicherer Höhe einem Beutezauber jungsteinzeitlicher Horden oder einem Stammesritual wandernder Mammutjäger beizuwohnen.

  Während alle Aufnahmegeräte liefen, schob sich das Luftschiff 20 Meter über die Kronen der drei Zedrachbäume hinweg. Staunend registrierte Maria Behring im Sucher ihrer Infrarotkamera die Hängebrücke, die vom Torbaum zu dem Vulkankegel führte, und den im Vergleich zu den anderen ungewöhnlich hoch gewachsenen Mann mit dem Schwert, die anderen Männer in den weiten Gewändern am Feuer, die vielen Körbe mit den gekochten Palmfrüchten und schließlich die Menschen im dichten Geäst der mächtigen Meliazeen; sie saßen darin wie ein Schwarm großer Vögel.

  Die Überquerung der Bäume dauerte kaum drei Sekunden; trotzdem hatten Sander und Maria Behring in dieser Zeit so viele Eindrücke registriert, dass es ihnen vorkam, als hätten sie minutenlang über dem urzeitlichen Fest geschwebt. Als der Wind ihr Schiff nach Süden davontrug, rangen beide nach Worten.

  „Ich kann es nicht glauben, dass es so viele sind“, platzte Maria Behring schließlich heraus. „Es müssen Tausende sein. Ein ganzer Stamm auf den Bäumen! Wie machen sie das? Wie kommen sie alle da hinauf, mit den kleinen Kindern? Wovon leben sie dort oben? Es ist wie eine ganz neue Kultur!“

  „Haben Sie gesehen, wie sie auf den Ästen tanzen?“ rief Sander. „60 Meter über dem Erdboden, und sie tanzen! Als hätten sie ihr ganzes Leben auf diesen Bäumen verbracht. Aber das ist unmöglich!“

  „Denken Sie an die Legende vom Hombrecillo“, sagte sie. „Ich glaube, wir haben den wahren Kern dieser Sage gefunden. Es gibt ihn wirklich. Es gibt wirklich Menschen, die auf Bäumen leben. Mit allen Tierarten, die in der Kronenregion zu Hause sind. Es ist wie ein Paradies.“

  Sie redete noch eine ganze Weile, von ihren Emotionen völlig übermannt. Erst nach Minuten bekam sie sich wieder in die Gewalt. „Wir fahren eine zweite Runde“, befahl sie. „Versuchen Sie, diesmal noch langsamer zu sein. Wir müssen möglichst viele Einzelheiten dokumentieren, sonst wird uns das kein vernünftiger Mensch jemals glauben.“

  Sander nickte, startete die Motoren und steuerte das Luftschiff erst nach Westen, dann wieder nach Norden. Der Wind hatte nachgelassen, und sie kamen gut voran. Gegen neun Uhr hatte das Schiff zum zweiten Mal den Nordrand des Kraters erreicht. Sander blickte zu dem Kegel in der Ferne, steuerte einige hundert Meter nach links, stellte dann die Triebwerke ab und arbeitete nur noch mit den Seitenrudern. Träge trieb das Schiff nach Süden; es hatte nun kaum noch Fußgängertempo.

Die Bäume glitten unter ihnen vorbei wie Algen unter dem Bauch eines Korallentauchers.

  Diesmal dauerte es fast eine halbe Stunde, bis der Kegel vor ihnen lag. Sander korrigierte leicht mit den Pedalen und steuerte das Schiff wieder zu den drei auffällig hohen Zedrachbäumen. Sie hörten keine Trompeten mehr und erkannten schon von weitem, dass der Tanz beendet war. Männer, Frauen und Kinder des Wolkenwaldes standen in einer langen Reihe, die aus dem Geäst bis auf die Hängebrücke reichte, und nahmen aus den Händen der beiden seltsam gekleideten Männer Früchte entgegen. Der auffallend große Mann mit dem Schwert stand wachsam daneben; für einen Augenblick war es, als blicke er nach oben. Maria Behring hielt unwillkürlich die Luft an, filmte aber weiter, darauf vertrauend, dass sie für den Mann unsichtbar waren und die Infrarotkamera fast völlig geräuschlos arbeitete.

  Sander hatte sich wieder die Kopfhörer des Richtmikrophons übergestülpt und lauschte. Ein Wirrwarr verschiedenster Stimmen, die ihn entfernt an indianische Dialekte erinnerte, drang an seine Ohren. Er versuchte sich zu konzentrieren, aber obwohl ihm manche Worte bekannt vorkamen, konnte er nichts verstehen.

  Sehr langsam schwebten sie über die unwirklich anmutende Szenerie hinweg. Selbst als sie schon wieder mehrere hundert Meter von dem Kegel entfernt waren, konnten sie den Blick nicht lösen.

  Der Wind frischte nun etwas auf und wehte bald mit fast zwei Metern pro Sekunde. Trotzdem beschlossen sie, eine dritte Runde zu fliegen. Wiederum dauerte es annähernd eine halbe Stunde, bis sie an den nördlichen Kraterrand kamen. Dort aber fiel plötzlich schwerer Regen auf das Luftschiff und das unter ihm liegende Land. Als sie den Kegel erreichten, durchzuckten Blitze den Himmel, und das Krachen des tropischen Donners dröhnte ihnen in den Ohren.

  „Es hat keinen Zweck mehr!“ rief Sander und startete die Motoren.

  Das Feuer brannte noch, aber die Feiernden hatten sich unter das dichte Laubdach der Mahagonibäume zurückgezogen, das selbst wolkenbruchartige Regen nicht zu durchdringen vermochte. Die großen, kräftigen Blätter absorbierten so viele Tropfen, wie sie tagsüber durch die Verdunstung verloren hatten, und leiteten das überschüssige Wasser zu den zahllosen Epiphyten, die ihren Anteil in ihren Zisternen, ihren schwammigen Blättern und ihren verästelten Wurzelgeflechten speicherten. Der Rest benetzte das Blattwerk tieferer Zonen der Kronenregion, die weit weniger Wasser brauchten, da sie der Sonne längst nicht so stark ausgesetzt waren. Nur wenige Tropfen erreichten schließlich den Boden.

  Sander warf einen letzten Blick auf die Wolkenwaldmenschen, die in dichten Gruppen zusammengekauert auf den hohen Ästen ruhten, als lägen sie in den weichen Betten eines Luxushotels, der Sicherheit von Betondecken und Blitzableitern vertrauend; viele schienen sogar zu schlafen. Unglaublich, sagte er kopfschüttelnd, während neue Donnerschläge niederfuhren. Als Sander sah, dass Maria Behring besorgt zu ihm herüberblickte, winkte er ihr beruhigend zu. Dann steuerte er das Funkfeuer ihres Camps an, das alle vierfünftel Sekunden in der Ferne aufblinkte. Einige Minuten später überquerten sie den südlichen Kraterrand. Sander trat kräftig in die Pedale und steuerte so geschickt mit den Seiterudern, dass ihr Schiff genau zwischen den beiden grossen Piquiábäumen zur Ruhe kam. Rasch fuhr er die hydraulischen Halterungen aus, verankerte den Rumpf sicher zwischen den mächtigen Stämmen und stellte die Motoren ab.

  „Geschafft“, sagte er zufrieden.

  „Respekt“, sagte Maria Behring. „Das war gekonnt. Ich muss gestehen, dass ich diesmal ein bisschen nervös war. Was passiert eigentlich, wenn ein Blitz in den Rumpf einschlägt? Geht dann das Helium mit uns hoch?“

  Sander lachte. „Nein, natürlich nicht. Der Blitz wird abgeleitet wie bei einem Flugzeug. Sonst wäre ich bestimmt nicht in das Gewitter hineingeflogen, das können Sie mir glauben.“

  „Tue ich“, sagte sie, löste die Gurte und kletterte aus ihrem Sitz. Sie nahm die Infrarotkamera so vorsichtig in den Arm, als trage sie ein Baby. „Die kommt heute Nacht mit ins Zelt.“

  Sander entlud den Recorder des Richtmikrophons, sicherte gewohnheitsgemäß die Zündung auf dem Armaturenbrett, schaltete die Beleuchtung ab und arbeitete sich, den ständig wiederkehrenden Schein des kleinen Funkfeuers nutzend, zu dem Zeit vor.

  Maria Behring war schon hineingeschlüpft und hielt ihm die Taschenlampe entgegen. Er ging zu dem Funkfeuer, stellte es ab, kehrte zurück und kroch vorsichtig unter die Plane.

  „Nur nicht so schüchtern“ sagte sie. „Ich werde Sie schon nicht beißen. Hoffentlich schnarchen Sie nicht.“

  „Nur wenn ich blau bin.“ 

  „Dazu wird es hier wohl kaum kommen, oder? Obwohl wir uns jetzt eigentlich einen anständigen Schluck verdient hätten.“

  „Ich weiß nicht, was man in Kreisen der deutschen Pharmaindustrie trinkt“, erwiderte Sander, „aber wenn dort auch ein Kentucky Bourbon als anständig gilt, sind wir vielleicht doch nicht so arm dran, wie Sie denken.“

  „Da bin ich aber gespannt“, sagte sie.

  Er kramte in seiner Kiste und zog eine Flasche Jack Daniels hervor. „Was halten Sie davon?“ fragte er.

  „Meine Güte!“ sagte sie erfreut. „Sie haben tatsächlich was dabei. Scotch wäre mir lieber gewesen, dieser Bourbon ist ein Rachenputzer, aber besser als nichts.“

  Sander löste den Verschluss, goss zwei Zentiliter ein und reichte ihr das winzige Gefäß. Sie nahm es mit einem Vorsichtigen Feingriff, hielt es einen Augenblick an die Lippen, um den Duft auszukosten, kippte den Inhalt dann in den Mund, schluckte und stieß genießerisch die Luft aus.

  „Gut?“ fragte Sander und goss sich selbst einen ein.

  „Sogar sehr gut“, sagte sie. „Das war eine großartige Idee von Ihnen. Sie sind überhaupt in Ordnung, Sander, das wollte ich Ihnen schon lange mal sagen. Ich bin froh, dass ich Sie angeheuert habe.“

  „Man tut, was man kann“, sagte Sander. „Noch einen?“

  Sie tranken einen zweiten Becher. „Wir haben allen Grund zum Feiern“, sagte sie. „Das ist ein wahrhaft großer Tag. Für uns und für die Wissenschaft. Nach Lage der Dinge gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass wir nicht nur einen bisher unbekannten Stamm, sondern eine völlig neue Rasse mit einer bisher nicht für möglich gehaltenen Lebensweise entdeckt haben. Menschliche Baumbewohner, stellen Sie sich das einmal vor!“

  Sie streckte fordernd die Hand aus; gehorsam goss Sander nach. „Schon der Wald an sich ist eine Sensation“, fuhr sie fort. „Ausschließlich Bäume der größten Arten, sämtlich riesenwüchsige Exemplare, 20 bis 30 Prozent höher als normal, in unglaublicher Vielzahl auf engstem Raum zusammengewachsen und fast alle fruchttragend. Haben Sie die Palmfrüchte gesehen? Groß wie Melonen! Die Kronen ineinander verfilzt wie ein riesiger grüner Boucléteppich; man hat das Gefühl, man könnte barfuß über sie hinwegspazieren. Und erst die Epiphyten! Die Orchideen und die Bromelien stehen hier so dicht wie Streusel auf dem Kuchen; so etwas habe ich noch nie gesehen.“

  „Ich auch nicht“, stimmte Sander zu und schenkte wieder ein; eine wohlige Wärme breitete sich in seiner Brust aus, und die Anspannung der Fahrt begann sich zu lösen.

  „Und dann die Tiere“, sagte sie begeistert. „Hier sind praktisch alle Arten versammelt, die in der Kronenregion heimisch sind. Fast wie in einem Zoo. Und alle zahm! Sie scheinen überhaupt keine Angst vor den Menschen zu haben. Unerklärlich! Dabei wären sie doch eine wichtige Nahrungsquelle! Es sieht fast so aus, als hätten die Menschen in diesen Bäumen so etwas wie tierisches Eiweiß überhaupt nicht nötig.“

  „Auch wie im Paradies“, sagte Sander.

  „Ach, wirklich?“ sagte sie. „Ich bin nicht so religiös.“

  Sander zuckte mit den Schultern. „Ich war auf einer katholischen Schule. Mit Religionsunterricht. Adam und Eva waren genauso Vegetarier wie Noah und seine Sippe. Es hätte dem Frieden des Paradieses und auch der Harmonie in der Arche ja nicht gutgetan, wenn die Leute ab und zu ein Kälbchen abgestochen hätten, um sich ein Steak in die Pfanne zu hauen.“

  Sie kicherte. „Ja, das hätte nicht recht in diese heiligen Geschichten gepasst. Vor allem nicht zu Noah. Erst rettet er die Tiere, und dann grillt er sie, aber auf ganz kleiner Flamme.“ Sie beobachtete, wie er vorsichtig Whiskey in das Becherchen füllte. „Übrigens, ich habe nichts dagegen, mit Ihnen aus einer Flasche zu trinken“, sagte sie. „Sie sind ein hygienischer Mensch, und bevor Sie noch einmal so viel verschütten, wie eben…“

  „Tut mir leid“, brummte er schuldbewusst und reichte ihr den Whiskey. Sie setzte ihn gekonnt an und ließ sich einen tüchtigen Schluck durch die Kehle fließen, ehe sie absetzte.

  „Sie haben einen tüchtigen Zug“, sagte Sander bewundernd und nahm seinerseits einen weiteren Schluck.

  „Lernt man alles beim Studium“, sagte sie. „Da versuchen dauernd irgendwelche bebrillten Typen, ihre Kommilitoninnen abzufüllen.“

  „Wundert mich nicht, so, wie Sie aussehen“, sagte Sander.

  „Danke, erwiderte sie und schaute ihn prüfend an, aber das diffuse Licht der Taschenlampe erlaubte keine genaue Einschätzung seines Gesichtsausdrucks. „Haben Sie auch studiert?“

  „Nein“, sagte Sander. „Das hätte sonst bestimmt in meinen Unterlagen gestanden.“

  „Woher in Deutschland stammen Sie denn eigentlich?“ bohrte sie nach.

  „Haben Sie das denn nicht gelesen?“ fragte er verwundert zurück.

  „Diesen Teil nicht so genau“, gab sie zu. „Mich interessierten mehr die Daten aus Venezuela. Die aus der Zeit davor waren sowieso ziemlich spärlich.“

  „Sind inzwischen auch ziemlich veraltet“, sagte er.

  „Fischen Sie nicht so plump nach Komplimenten“, ermahnte sie ihn. „Also, raus mit der Sprache!“ Sie hielt ihm die Flasche hin.

  Er nahm einen Schluck. „Wissen Sie, wo Bromberg liegt? In Westpreußen. Heute polnisch. Die Stadt heißt jetzt Bydgoszcz .. . keine Ahnung, wie man das ausspricht. Dabei war mein Vater Pole.“

  „Und Ihre Mutter?“

  „Deutsche. Arbeitete in einer Textilfabrik. Wie mein Vater auch. Erst hatten sie kein Geld zum Heiraten. Als sie genug zusammengespart hatten, kamen die Nazis, und dann gab es natürlich keine Heiratserlaubnis mehr. Wegen Rassenschande oder wie das damals hieß. Meinen Vater haben die Deutschen 1945 erschossen, bei irgend so einem Aufstand, ich glaube, in Warschau. Meine Mutter hat mir das nach dem Krieg mal erzählt.“

  „Was ist aus ihr geworden?“ fragte Maria Behring.

  „Sie ist gleich danach mit mir vor den Russen getürmt“, berichtete Sander. „Sie hatte eine solche Heidenangst vor dem Iwan, dass sie nicht stehen blieb, bevor sie im Saarland war. Sie hatte da irgendwelche Verwandte, ich erinnere mich nicht mehr so genau. Mit 16 bin ich zur Fremdenlegion gegangen, die nahm damals jeden, weil es in den französischen Kolonien schon ziemlich unruhig wurde. Vor allem in Indochina. Die Einheimischen hatten mitgekriegt, wie ihre vorgeblich unbesiegbaren Kolonialherren plötzlich von den Japanern zu Paaren getrieben wurden. Da haben sie sich natürlich gesagt: Das können wir auch. Schließlich hatte Ho Chi Minh die Vietminhbewegung schon 1941 gegründet, und dem hatten selbst die Japse nicht beikommen können. 1953 rissen sich die Schlitzaugen Laos unter den Nagel, 1954 kesselten sie uns in Dien Bien Phu ein, und die Messe war gelesen.“

  „Sie waren in Vietnam?“ fragte Maria Behring beeindruckt und nahm noch einen Schluck.

  Sander nickte. „Bis zum bitteren Ende“, sagte er. „Jedenfalls bis zum Ende des Vietnamkriegs, französische  Ausgabe. Bei der amerikanischen Version war ich dann schon weit weg. Kam 1954 mit der Legion nach Guayana. Kurz darauf lief meine Dienstzeit ab, und als ich hörte, was am Orinoco los war, bin ich natürlich hin.“

  „Sie haben allerhand mitgemacht“, sagte sie. „Sind Sie auch verwundet worden?“

   „Ein Beindurchschuss und ein Schultersteckschuss, aber die Narben sind nicht besonders attraktiv. Die meisten Leute wissen nicht, dass in einem modernen Krieg nur jede zweihunderttausendste Kugel trifft. Wenn man immer schön in Deckung bleibt, kann einem eigentlich nicht viel passieren.“

  „Vielen Dank für den Tipp“, sagte sie. „Ich für meinen Teil ziehe friedliche Weltgegenden vor. Für eine Frau ist es sowieso schwer zu verstehen, warum die Kerle immer gleich aufeinander ballern müssen, wenn sie Meinungsverschiedenheiten haben.“

   „Liegt uns vielleicht so im Blut“, sagte Sander, der sich darüber nicht streiten wollte.

   „Kommen Sie mir bloß nicht mit ‚Männer sind nun mal Kämpfer‘ und diesem Quatsch“, sagte sie.

   Sander zog es vor, zu schweigen und noch einen Schluck zu nehmen. Die Flasche war schon fast halb leer, und er begann die Wirkung des Alkohols zu spüren.

   Auch Maria Behring war nun nicht mehr ganz nüchtern. „Wenn die Frauen an der Macht wären, gäbe es bestimmt keine Kriege“, stichelte sie.

  „Bestimmt nicht“, sagte Sander, der sich auf nichts mehr einlassen wollte, was die Harmonie stören konnte. „Und Sie? Woher sind Sie?“

  „Aus Berlin natürlich“, sagte sie. „Was haben Sie denn gedacht?“

  Er hielt ihr die Flasche hin.

  „Danke, im Moment nicht“, sagte sie.

  „Und was sind Sie nun ganz genau bei BPW?“ fragte er, um das Gespräch in Gang zu halten; das Blut in seinen Adern wurde immer wärmer.

  „Ich leite unsere Entwicklungsabteilung“, sagte sie. „Wir bringen jedes Jahr fünf bis zehn neue Medikamente heraus, medizinische und veterinärmedizinische; da ist eine Menge zu tun.“

  „Kann ich mir vorstellen“, sagte er. „Diese ganzen Tests und so…“

  „Jaja“, sagte sie. „Vor allem das ‚und so‘, das macht immer die meiste Arbeit.“

  Obwohl sie ihn dabei freundlich anlächelte, fühlte er sich nicht mehr ganz ernst genommen und schwieg verstimmt. Sie schien sich daran nicht zu stoßen.

  „Haben Sie was dagegen, wenn ich rauche?“ fragte er nach einer Weile.

  „Nur draußen“, sagte sie sanft.

  Er stopfte die Zigaretten umständlich in seine Brusttasche zurück. „Darf ich noch was fragen?“ brachte er dann etwas verdrießlich hervor.

  „Nur zu“, sagte sie und griff nach dem Ledersäckchen, das ihr an einer Kette vom Hals hing. „Meinen Sie das? Es ist eine Pille. Für alle Fälle.“

  „Für welche Fälle denn?“ fragte er blöde.

  Sie seufzte ein wenig genervt. „Na, Sie wissen schon, sagte sie.

  „Ich weiß gar nichts“, erwiderte er trotzig.

  „Nun seien Sie doch nicht so dumm“, sagte sie. „Für den Fall, dass ... nun, wenn überhaupt keine Hoffnung mehr besteht…“ Sie lächelte ein wenig gequält. „Damit man schneller in den Himmel kommt.“

  „Ach so“, sagte er. „Todespille, was?“ Er goss sich einen tüchtigen Schluck in die Kehle.

  „Sie sollten nicht so viel trinken“, mahnte sie.

  „Ich weiß schon, was ich mir zumuten kann“, sagte er eigensinnig. „Also eine Todespille. Das ist ja interessant. Übrigens, in Vietnam hatten wir die auch. Die Vietminh gingen nicht besonders rücksichtsvoll mit ihren Kriegsgefangenen um, wissen Sie. Für schwache Naturen oder empfindliche Gemüter war es besser, gleich ganz auszusteigen, bevor sie erwischt wurden. Die meisten hatten Zyankali dabei.“

  „Das ist genau das Richtige“, sagte sie, als wolle sie ihm nicht widersprechen.

  Mit dem oft unnütz feinen Ohr des Betrunkenen registrierte er den leicht ungeduldigen Unterton sofort. So plump wollte er sich nicht abhängen lassen. „Also haben Sie auch dieses Zeug da drin?“ bohrte er.

  „Ja“, sagte sie. „In einer kleinen Kapsel aus Stärke, wenn Sie es genau wissen wollen. Die Hülle schmilzt in 45 Sekunden. Wer es ganz eilig hat, kann die Dinger natürlich auch zerbeißen. Der Tod tritt innerhalb von fünf Sekunden ein.“

  „So was muss ich mir auch mal besorgen“, sagte er.

  „Zyankali können Sie aber nicht einfach so kaufen“, erklärte sie. „Da müssen Sie schon Pharmakologe sein. Und jetzt sollten wir endlich schlafen. Machen Sie die Lampe aus.“

  „Schade“, sagte er. „Ich hätte mich gern noch ein bisschen mit Ihnen unterhalten.“

  Maria Behring richtete sich in ihrem Schlafsack auf, riff nach der Taschenlampe und schaltete sie aus. Sander leerte im Dunkeln unauffällig die Flasche und schlief schließlich ein.

  Maria Behring hatte die ganze Zeit gelauscht; es war so finster, dass man die Hand nicht vor den Augen sehen konnte. Erst war sie ein wenig beunruhigt, als sie Sander stoßweise atmen hörte; dann hörte sie das leise Gluckern und dachte bei sich:" O Gott, hoffentlich säuft der Knabe nicht die ganze Pulle aus." Erst als sie seine regelmäßigen Atemzüge hörte, entspannte sie sich und schlief beruhigt ein.

 

 

 

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