Pilgern in Deutschland (4)

Samstag, 13. Juli 2013

Sommerzeit ist Pilgerzeit. Unsere Serie führte erstmals 2004 zu Deutschlands beliebtesten Wallfahrtsorten. Seither stiegen die Besucherzahlen sogar noch an. Heute: Kloster Andechs.  

Graf Rasso aus dem Rittergeschlecht der Huosi war von echtem Schrot und Korn: Weit über zwei Meter groß, machte der bärenstarke Bayer erst reihenweise räuberische Ungarn nieder, dann pilgerte er mit seiner Herzogin Judith ins Heilige Land und sammelte Reliquien. Sein weltliches Erbe verging, sein geistliches aber blüht seit über tausend Jahren: in Kloster Andechs, Bayerns ältestem Wallfahrtsort.

Jedes Jahr kommen über eine Million Menschen aus der ganzen Welt in die Benediktiner-Abtei über dem Ammersee. Jeder zweite steigt zu Fuß auf den 177 Meter hohen Berg. Der Werbespruch der Mönche heißt „Genuss für Leib und Seele“. Zwei Drittel der Besucher sind eher an ersterem interessiert. Zwischen Himmel und Haxe können gleichzeitig bis zu 2300 Zecher die sieben dunklen Klosterbiere trinken. Viele aber folgen frömmeren Motiven: „Sie suchen ihren eigenen Lebenssinn“, sagt Diplomtheologe Martin Glaab. „Die Wallfahrt, das Beten mit den Füßen, ist eine uralte Übung der Seele. Und weil die christlichen Milieus in unseren Städten immer stärker verdunsten, sehnen sich immer mehr Christen nach Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Uns gab es außerdem einen Schub, dass neuerdings ein Pilgerweg nach Santiago de Compostela durch Andechs führt.“

Pilger suchen jene besonderen Nähe zu Gott, die sich durch das Gebet in Gegenwart heiliger Gegenstände gewinnen lässt. Als älteste Reliquien finden sich in Ritter Rassos Erbe: Teile des Tischtuchs vom Letzten Abendmahl; das Tuch, mit dem Jesus damals die Füße der Apostel abtrocknete; das Schweißtuch Jesu vom Ölberg; ein Stück von seinem Gewand; ein Stück der Geißelsäule; das Rohr, das die Römer dem Gottessohn als Spottzepter in die Hand drückten; Stücke aus Christi Dornenkrone; Splitter vom Kreuz; Stücke vom Rock, Gürtel, Schleier und Tischtuch Mariens; ein Messgewand des Apostels Petrus; Gürtel der Maria Magdalena und des Apostels Johannes; und die Stola des hl.Nikolaus.

Am meisten verehren Pilger und Mönche indes drei wunderkräftige Hostien in einer neun Kilo schweren Silbermonstranz: eine trägt das Bild des Erlösers, an den beiden anderen finden sich Spuren von Christi Fleisch und Blut. Sie gehen auf Papst Gregor den Großen zurück, der 604 starb.

Über die ersten Pilger ins „bayerischen Montecassino“ schweigt das finstere Mittelalter, doch es waren gewiss nicht wenige, denn die Macht der Herren von Dießen-Andechs reichte von der Rhön bis an die Adria. Die Adelsfamilie vom Ammersee gründete Innsbruck, bauten den Bamberger Dom und brachten mehr Heilige hervor als jedes anderen Fürstenhaus Europas: Das Decken-Fresko „Dießener Himmel“ zählt 28, darunter die hl. Elisabeth von Thüringen und die hl. Hedwig von Schlesien.

Wunder brachten die Wallfahrt in Schwung: Erst konnte eine Blinde plötzlich wieder sehen, dann schilderte Graf Heinrich von Dießen-Andechs höchstpersönlich Lichterscheinungen und Engelschöre in einem Brief an den Papst. Zur besseren Betreuung der Pilgerscharen siedelten sich sieben Benediktiner an, immer mehr Berichte von Heilungen machten die Runde, und bald drängten sich an einem einzigen Himmelfahrtstag 40.000 Menschen um den heiligen Berg.

Von 1455 bis 1657 melden die Andechser Mirakelbücher 23.000 Wunder: In 3403 Fällen wurden „Pestilenz“ und „Ungarisch Fieber“ geheilt, 355 Mal „Krumbe und Lahme gerad und gesund“, und 221 „Irrsinnige“ kamen wieder „zu rechtem Verstand“. Über 300 mannshohe Votivkerzen, von Bittenden und Dankenden auf den Berg getragen, erzählen davon. Die älteste von 1527 ist 2.40 Meter hoch. Auch Kaiserin Sisi stiftete eine. Das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum in Oberpfaffenhofen schmückte seine Kerze mit einem Flugzeug, der TSV 1860 München dankt mit zwei Metern Wachs für den Wiederaufstieg in die Bundesliga 1995.

„In unseren Fürbittbüchern finden sich alle Probleme der Zeit“, sagt Theologe Glaab, „Kriegsgefangenschaft, verlorene Kinder, Arbeitsunfälle. Die Wallfahrer wissen: Durch ihre Kerzen bleiben sie vor Gott, auch wenn sie wieder gegangen sind.“ Manche bitten auch zu Andechs-Ahnherr Rasso, der nach seinem Tod im Jahr 953 heiliggesprochen wurde: Der wackere Rittersmann gilt vor allem als Nothelfer bei Nieren- und Gallensteinen.

 

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