Pilgern in Deutschland (5)

Sonntag, 14. Juli 2013

Sommerzeit ist Pilgerzeit. Unsere Serie führte erstmals 2004 zu Deutschlands beliebtesten Wallfahrtsorten. Seither stiegen die Besucherzahlen sogar noch an. Heute: Trier.  

Die Glocken läuten, blaurot weht die heilige Fahne am Turm. Die Pilger sind tief bewegt, manche haben Tränen in den Augen. Ein Mönch führt sie in die Kirche. An der Treppe zum Altar steht ein Sarkophag mit einer Heiligenfigur. Die Wallfahrer drücken ehrfürchtig den steinernen Fuß. Ein Lied erklingt:

„Zu der Apostel Zahl

gesellt durch heil’ge Wahl,

Matthias, Gotteszeuge.

Jetzt an den Höchsten Thron,

hilfreicher Schutzpatron,

zu uns dich niederbeuge...“

„Die Pilger berühren den Fuß des Apostels mit gutem Grund“, sagt Bruder Markus aus der Benediktiner-Abtei St.Matthias in Trier, „denn zu diesem Körperteil haben sie ja ein besonderes Verhältnis. Viele sind fünf Tage auf den Beinen, zum Beispiel aus dem Raum Mönchengladbach, über 250 Kilometer weit. Und manche machen diese Wallfahrt schon 25 Mal.“

Ziel der Frommen ist das einzige Apostelgrab nördlich der Alpen: Es birgt die Reliquien jenes Jüngers, den göttlicher Losentscheid an die Stelle des Verräters Judas setzte. Nach der Legende wurde Matthias („Geschenk Jahwes“) als Missionar in Äthiopien mit einem Beil erschlagen. Um das Jahr 324 ließ die erste christliche Kaiserin Helena den Toten nach Trier überführen, damals eine von vier Hauptstädten des Römischen Reiches.

Auf gleiche Weise kam eine der wichtigsten Reliquien der Christenheit in den Trierer Dom: der ungenähte Rock Christi, um den die Legionäre unter dem Kreuz gewürfelt hatten. Die Tunika ist etwa 1.50 Meter lang und besteht aus rotbraunem, kunstvoll besticktem Stoff.

Die Echtheit der Rock-Reliquie ist unbewiesen und für die moderne Kirche auch nicht relevant: In jedem Fall ist sie, so Reliquien-Experte Alfred Läpple, „ein für den Glauben anregendes Zeichen“. Der hl. Thomas von Aquin schrieb schon im Mittelalter über die Trierer Hauptreliquie: „Den materiellen Elementen ist an sich keine Verehrung zu schenken. Sie stellen nur die geschichtlich-materielle Beziehung her, die den Pilger ermutigt, in diesem ehrwürdigen Gegenstand die Person des Gottesmenschen Jesus Christus zu verehren.“

Seit dem Mittelalter wird der hl. Rock zu besonderen Anlässen einige Tage lang den Augen der Gläubigen zur Verehrung dargeboten. Im Jahr 1810 kamen 230.000 Pilger, 1844 waren es 550.000, 1933, im Jahr der Machtergreifung der Nazis, zwei Millionen, 1959 wieder 1,7 Millionen. 1996 kamen in nur zehn Tagen rund 700.000 Pilger nach Trier.

Jährlich besuchen über eine Million Menschen den Dom. Die Reliquie liegt in einem Holzschrein unter einer Glasvitrine und wurde zuletzt 1996 zur 800-Jahr-Feier des Gotteshauses gezeigt. „Die Menschen waren tief berührt“, sagt Kunsthistoriker Markus Groß-Morgen, „auch dann, wenn sie nur den geschlossenen Schrein sehen. Unser Dom ist kein Museum, sondern Gotteshaus, zur Besinnung, zum Innehalten, zum Beten.“

Das gilt ebenso für die sechs Kilometer entfernte Basilika mit dem Apostelgrab. Im Jahr kommen 5000 Pilger, aus manchen rheinischen Pfarreien wallfahren Matthias-Bruderschaften schon seit acht Jahrhunderten an die Mosel. „Sie suchen Gott, Glaubenserfahrung und Gemeinschaft“, weiß Benediktiner-Pater Markus. „Seit einiger Zeit steigt ihre Zahl an, und es sind auch immer mehr Jugendliche dabei, oft auch Kinder von zehn oder elf Jahren.“  

Nach der Legende heilte der Apostel 250 Blinde durch Handauflegen. Heute hoffen die Matthias-Pilger auch auf Hilfe gegen Arbeitslosigkeit, Geldprobleme oder Zerrüttung der Ehe. Die meisten Wallfahrer aber stellen sich Fragen, die lange vom Leben verdeckt waren. „Sie wollen wissen: Wo stehe ich? Wo führt das Leben mich hin? Was trägt mich?“, sagt Pilgerpater Hubert. „Viele hatten mit der Kirche Jahrzehnte lang nichts zu tun, und durch die Wallfahrt zu Fuß bekommt ihr Leben plötzlich eine neue spirituelle Dimension: da wird in ihnen buchstäblich etwas losgetreten.“

 

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