Pilgern in Deutschland (6)

Montag, 15. Juli 2013

Sommerzeit ist Pilgerzeit. Unsere Serie führte erstmals 2004 zu Deutschlands beliebtesten Wallfahrtsorten. Seither stiegen die Besucherzahlen sogar noch an. Heute: Köln.  

Die Bibel sagt weder, dass es drei, noch, dass sie Könige waren. Ebenso wenig werden Namen genannt. Trotzdem sind Caspar, Melchior und Balthasar die erfolgreichsten Heiligen auf deutschem Boden: durch sie stieg Köln zum größten Wallfahrtsort nördlich der Alpen auf, und für sie wurde Deutschlands größter Dom errichtet, in den heute täglich 20 000 Menschen aus aller Welt strömen.

„Viele junge Menschen, die zu uns kommen, bringen zum Ausdruck, wie sehr sie die Lebens- und die Glaubensgeschichte dieser Heiligen anspricht“, sagt Prälat Heiner Koch. „Wie die Drei aufbrachen und nach Gott suchten, seine Spuren in ihrem Le­ben entdeckten, wie sie ihn aus den Augen verloren, nach ihm fragten, ihn schließlich ganz überraschend fanden und von ihm bewegt ganz neue Wege in ihrem Leben einschlugen - gerade die jüngeren Pilger sehen in ihnen gute Weg- und Glaubensbegleiter. Zum Weltjugendtag im August 2005 erwarten wir eine Million Teilnehmer, und bei den Vorbereitungskonferenzen haben junge Menschen aus aller Welt  gesagt, wie sehr sie sich darauf freuen, im Kölner Dom den Heiligen Drei Königen zu begegnen.“

Nach dem Evangelisten Matthäus waren die weitgereisten Morgenländer unter dem Weihnachtsstern keine Monarchen, sondern Magier, Astrologen oder Weise. Erst zwei Kirchenväter des 3.Jahrhunderts, Origenes und Tertullian, machten aus ihnen Könige. Vom Apostel Thomas in ihrer persisch-indischen Heimat getauft, kehrten die Drei später nach Palästina zurück und verschieden dort im Jahr 54 nach einer gemeinsamen Weihnachtsfeier. Roms erste christliche Kaiserin Helena fand um das Jahr 324 auf einer Pilgerfahrt zusammen mit vielen anderen Reliquien auch die Gebeine dieser ersten heidnischen Glaubenszeugen und überführte sie nach Konstantinopel.

Ein Jahrhundert später kamen die knöchernen Kostbarkeiten als Geschenk nach Mailand, wo ihr Kult besonders im 9.Jahrhundert blühte. Als Kaiser Barbarossa die Stadt eroberte und zerstörte, überließ er den Glaubensschatz seinem Reichskanzler Rainald von Dassel, Erzbischof von Köln. Der Kirchenmann brachte die Reliquien im Jahr 1164 über die Alpen in seine Heimatstadt, die prompt als „hilliges Köln“ einen höchst willkommenen Aufschwung nahm. Bald wurde der alte Dom zu klein, und die Kölner begannen mit dem Bau jener gewaltigen Kathedrale, die bis heute die Silhouette der Millionenstadt beherrscht.

Jedes Jahr am Dreikönigstag, dem 6.Januar, öffnen Kirchendiener den acht Jahrhunderte alten Reliquienschrein und bieten die Häupter der Drei auf dem „Schädelbrett“ den Gläubigen zur Verehrung dar. Wissenschaftler bezeugen zwar nicht die Echtheit, wohl aber das ehrwürdige Alter: Nach Untersuchungen im „Internationale Forschungszentrum für alte Textilien“ (CIETA) in Lyon wurde der überaus teure Seidenstoff, der die Gebeine umhüllt, im 2.Jahrhundert im syrischen Palmyra gewebt. Das „Bayer“-Labor in Leverkusen wiederum bewies: Das Dunkelviolett der Borte rührt tatsächlich von antikem Purpur, der Farbe der Kaiser, her.

Für die Pilger ist die Echtheit keine Frage: „Die Wallfahrt zum Schrein der Heiligen Drei Könige“, sagt Reliquien-Experte Alfred Läpple, „will gläubig-dankbare Erinnerungen wecken an eine Wanderung vor zweitausend Jahren, mit dem Ziel, den Messias und Retter der Welt anzubeten, und damit ist mehr und etwas ganz anderes als die wissenschaftlich abgesicherte Feststellung eines archäologischen oder medizinischen Befundes gemeint.“

„Die Weisen aus dem Osten sind kritisch-fragende und Sinn-suchende Menschen ihrer Zeit“, schrieb die Zeitung des Papstes, der „L’Osservatore“, im Januar dieses Jahres. „Sie fragten ernsthaft, sie suchten zielstrebig und sie machten sich bereitwillig auf den Weg“ – so wie ihre modernen Nachfolger, die Wallfahrer des 21.Jahrhunderts.

 

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