Pilgern in Deutschland (7) Ein Wallfahrer wird Papst

Dienstag, 16. Juli 2013

Sommerzeit ist Pilgerzeit. Unsere Serie führte erstmals 2004 zu Deutschlands beliebtesten Wallfahrtsorten. Seither stiegen die Besucherzahlen sogar noch an. Heute: Neviges

„Ein großes Zeichen erschien am Himmel: eine Frau mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt einen Kranz von zwölf Sternen“ - so schildert der Evangelist Johannes in der „Offenbarung“, dem letzten Buch der Bibel, das Nahen des Jüngsten Gerichts.

In Neviges erblicken Gläubige das geheimnisvolle Endzeit-Ereignis schon heute. Denn das über 300 Jahre alte Gnadenbild der „Immaculata“, der unbefleckten Gottesmutter Maria, zeigt alle Symbole der 2000 Jahre alten Vision: Die Sonne für die innere Schönheit des Menschen, der Mond für seine Unbeständigkeit, die Sterne für die zwölf Apostel. 

„Jährlich sind 200 000 Pilger bei uns“, sagt Bruder Stefan, Küster der Wallfahrtskirche, „die allermeisten aus dem Ruhrgebiet und aus dem Rheinland. Aus manchen Pfarreien kommen die Gläubigen schon seit Jahrhunderten. Immer mehr Menschen machen sich wieder zu Fuß auf den Weg, und es sind auch wieder viele junge Leute dabei, die singen, tanzen oder Instrumente spielen. Am schönsten singen immer die Schlesier, wie unser Kölner Kardinal Meisner sagt: Wir Schlesier haben uns den Glauben ins Herz hineingesungen!“

Mönche vom Orden des hl.Franziskus nehmen die Pilgerzüge vor den tonnenschweren Toren in Empfang. Nach einem Gottesdienst prozessieren die Wallfahrer durch das riesige Kirchenschiff zu der modernen Bildsäule mit der Immaculata. Fürbittbücher verraten die Motive der Pilger: Krankheiten, Ehe- und Familiennöte wie auch früher schon, dazu moderne Sorgen um Arbeitsplatz, Lehrstelle oder den Frieden der Welt.

Die Wallfahrt ist die älteste zu einer Unbefleckten Maria nördlich der Alpen. Der Anfang fällt in die Zeit erbitterter Konfessionskämpfe. Der 8 x 12 Zentimeter große Kupferstich der „Immaculata“ wurde 1661 in ein Kölner Gebetbuch gedruckt. Im Herbst 1676 hörte der Franziskanerpater Antonius Schirley im westfälischen Kloster Dorsten beim Beten eine Stimme, die ihm auftrug, das Bildchen, das er sehr verehrte, in die Herrschaft Hardenberg zu bringen. Dort rangen damals Katholiken und Protestanten besonders heftig um den wahren Glauben. Die geheimnisvolle Stimme kündigte an, ein erkrankter Fürst werde genesen, wenn er zu dem Bildchen pilgere. Daraufhin wurde die Immaculata in einem Umschlag nach Hardenberg geschickt und in der Kirche des Dorfes Neviges ausgestellt.

Im Sommer 1681 erkrankte der Fürstbischof von Paderborn und Münster, Ferdinand von Fürstenberg, lebensgefährlich. Er hatte von dem Bildchen gehört, gelobte die geforderte Wallfahrt und genas. Am 25.Oktober pilgerte er mit dem Landesherrn, Herzog Johann II. von Jülich und Berg, nach Neviges. Ein Jahr später kamen schon 5000 Wallfahrer aus Düsseldorf. Wunderheilungen sprachen sich schnell herum, Franziskaner übernahmen die Betreuung der Pilger, und heute steht Neviges als spiritueller Schwerpunkt Nordrhein-Westfalen nur noch hinter Kevelaer am Niederrhein zurück.

Die moderne Wallfahrtskirche „Maria – Königin des Friedens“  entwarf der Kölner Kirchenarchitekt Gottfried Böhm 1966 als riesigen Bergkristall aus Beton, passend zur Landschaft wie zur Wallfahrt: Mit seinen Spitzen gleicht der Bau einem Zelt als Zeichen des Unterwegs-Seins. Das Zweite Vatikanische Konzil definierte Kirche damals „als eine Gemeinschaft aus Menschen ... auf ihrer Pilgerreise auf dem Weg zum Reich des Vaters.“

In dem 35 Meter hohen Dom finden 6000 Menschen Platz. 1978 kam Kardinal Wojtila aus Krakau nach Neviges, 23 Tage später wurde er in Rom zum neuen Papst gewählt. Die Christmette 2002 feierte mit anderen Pilgern unangekündigt und fast unerkannt der damalige Bundespräsident Johannes Rau. Dem Protestanten mag die für eine Wallfahrtskirche ziemlich nüchterne Ausstattung sympathisch gewesen sein. „Kevelaer, das ist Jesus in Jerusalem, mit Jubel, Palmen, Hosianna“, sagt Bruder Stefan, der selbst vom Niederrhein stammt, „Neviges, das ist Jesus in Nazareth: der Alltag. Für die Pilgerschaft auf Erden sind wir eine Raststätte an der Autobahn.“ 

 

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