Pilgern in Deutschland (8) Einst jagte er die RAF

Mittwoch, 17. Juli 2013

Sommerzeit ist Pilgerzeit. Unsere Serie führte erstmals 2004 zu Deutschlands beliebtesten Wallfahrtsorten. Seither stiegen die Besucherzahlen sogar noch an. Heute: Walldürn.  

Der Weg ist schwer, das Ziel ist weit: Vor den 700 Frauen, Männern und Kindern aus Köln, Bonn und dem Bergischen Land, die sich in Porz-Urbach am östlichen Rheinufer sammeln, liegen 268 Kilometer durch Westerwald, Taunus, Spessart und Odenwald - steinige Pfade, steile Anstiege, viele harte Stunden in Hitze und Staub.

Ihr Anführer ist 71 und zeigt keine Schwäche. Sieben Tage später ziehen die 700 geschafft, aber glücklich in Walldürn zur großen Basilika – mit Blasmusik, Glockengeläut, Fahnen: Es sind keine Wanderer, es sind Wallfahrer. Ein Weihbischof feiert für sie ein Pontifikalamt am Blutaltar. Die Pilger singen, knien, beten, manche weinen, aber nicht aus Schwäche: Es sind Tränen der Seele, vergossen in frommer Ergriffenheit.  

Während sich überall in Deutschland Kirchen leeren, blühen die Wallfahrten auf - auch in dem 12.000-Seelen-Städtchen im Neckar-Odenwald-Kreis: „Vor ein paar Jahren waren es immer so um die 120 000, dieses Jahr werden es mindestens 150 000 sein“, glaubt Kirchenführerin Helmtrud Pfister, „darunter sehr viel mehr Fußwallfahrer, Jugendliche und junge Leute als früher.“

Die Pilger kommen aus dem Rheinland, aus Fulda und dem thüringischen Eichsfeld, aus Franken, Bayern, Schwaben und vielen Nachbarländern. Sie kommen zu Fuß, im Bus, auf Fahr- und Motorrädern. Sie kommen mit Ängsten und Sorgen um Job, Ehe und drogensüchtige Kinder, mit Krankheiten, Geld- und Familienproblemen: „Oh Heilig Blut, bitte mache meine Enkel wieder gesund an Leib und Seele“, fleht eine Frau im Fürbittbuch am Altar, oder: „Hilf meinem schwerkranken Mann, die Operation gut zu überstehen.“

Und sie gehen fast immer getröstet, mit neuer Hoffnung, manchmal sogar schon geheilt: „Danke, dass ich wieder gesund bin.“ - Danke für unsere 25 Ehejahre.“ – „Danke, dass meine Tanja wieder bei mir ist.“ – „Danke, dass Du für uns alle da bist.“

„Viele gehen mit dem Gefühl: Jetzt reicht es wieder für ein Jahr“, sagt Wallfahrtsleiter Pater Arno Meyer, „dann muss ich wieder nach Walldürn zum Auftanken.“

Die Pilger stützen ihren Glauben auf ein einzigartiges Wundermittel: Vor vielen Jahrhunderten, im Jahr 1330, stieß der Priester Heinrich Otto bei einer Messfeier versehentlich den Altarkelch um. Der rote Wein, nach christlicher Liturgie bereits in das Blut Christi gewandelt, ergoss sich auf das weiße Leinentuch („Korporale“) unter dem Hostienteller, und vor den Augen des erschrockenen Geistlichen zeichnete sich dort plötzlich das Bild des Gekreuzigten ab, umgeben von elf mit Dornen gekrönten Christushäuptern.

Der Priester versteckte das Tuch unter der Altarplatte. Erst auf dem Sterbebett bekannte er das Geheimnis. Das Tuch wurde gefunden, die Nachricht von dem Wein-Wunder verbreitete sich in Windeseile, und bald erschienen die ersten Pilger: Die Nöte des Mittelalters, Krieg, Hunger, Pest, drängten zur Suche himmlische Gnade. Heute beginnt die eigentliche „Wallfahrt zum Heiligen Blut“ mit dem Fest der Hl.Dreifaltigkeit am Sonntag nach Pfingsten und dauert vier Wochen.

Die Pilger aus Porz folgen altbekannten Pfaden: „Viele sind die Urenkel Kölner Wallfahrer, die vor 100 Jahren durch die gleichen Dörfer zogen“, sagt ihr jährige Anführer Josef Bellinghausen aus Köln. „Und viele übernachten in Privatquartieren bei den Urenkeln jener Gastgeber, die einst schon die Urgroßväter beherbergt haben.“

Bellinghausen schätzt besonders „die Gemeinsamkeit, die Ruhe beim Rosenkranzgebet, die guten Gespräche, das Nachdenken über das Leben“ – seins war besonders ungewöhnlich: als Oberstaatsanwalt in Köln und Karlsruhe verfolgte er einst die Terroristen der RAF. „Baader, Meinhof, Raspe, Meins – ich habe sie alle persönlich gekannt“, sagt er. „Als Staatsanwalt erlebt man viele böse Dinge, als Wallfahrer viele gute. Klar, auch Pilger haben Sünden, viele sind ja gerade deshalb unterwegs. Aber bei den Wallfahrern habe ich doch viel eher das Gefühl, dass sie sich ändern können, als bei den vielen Gestrauchelten, die ich trotz aller Besserungsversprechen doch immer wieder auf der Anklagebank fand.“

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt