Pilgern in Deutschland (9) Erst Satansmessen, dann Wallfahrt

Donnerstag, 18. Juli 2013

Sommerzeit ist Pilgerzeit. Unsere Serie führte erstmals 2004 zu Deutschlands beliebtesten Wallfahrtsorten. Seither stiegen die Besucherzahlen sogar noch an. Heute: Fulda.  

Er war ein Riese, fromm, freimütig und furchtlos. Im südenglischen Crediton adelig geboren, taufte der Angelsachse Heiden in Friesland, holte die Franken in die katholische Kirche und gründete in Amöneburg Hessens erstes Kloster. Bei Fritzlar hieb der heilige Hüne eine Eiche des Germanengottes Donar um, im niederländischen Dokkum wurde der gut Achtzigjährige von Räubern mit der Axt erschlagen. Mönche überführten den Leichnam auf dem Rhein nach Mainz und von dort in feierlichem Zug nach Fulda: Winfried, genannt Bonifatius („Wohltäter“), gilt als „Apostel der Deutschen“, an seinem Grab tagt jedes Jahr die Bischofskonferenz.

1250 Jahre nach seinem Martertod zieht der Missionar wieder Hunderttausende Gläubige in seinen Bann: 25 000 Wallfahrer pilgerten allein in der ersten Juni-Woche nach Fulda, viele auf der neuen „Bonifatius-Route“, einem 180 Kilometer langen Pilger- und Wanderweg auf den Spuren des einstigen Leichenzugs.

Aus Amöneburg nahmen über 100 Jugendliche mit ihrem Schulpfarrer die 80 Kilometer nach Fulda unter die Sohlen. Der Jugendpfarrer des Bistums, Thomas Maleja, pilgerte wiederum mit 16 Schülern nach Fritzlar: „Hundert Kilometer, aber nicht das war beeindruckend, sondern dass die Jungs täglich bis zu fünf Stunden beten können. Jeden Tag Eucharistie, Morgen- und Abendgebet, Rosenkranz, viele Beicht- und Glaubensgespräche...“

Die jugendlichen Pilger suchen Auswege aus Schwierigkeiten mit Eltern, Arbeitsplatz oder Drogen, beten für den Weltfrieden und freuen sich an der Gemeinschaft Gleichgesinnter - doch vor allem geht es um Spiritualität: „Fragen nach Gott, nach dem Sinn des Lebens und der Welt, nach Himmel und Hölle“ hört der Jugendpfarrer am häufigsten. „Ein 17jähriger zeigte mir den narbigen Arm, aufgeschlitzt bei Satansmessen. Heute ist er Ministrant. Als die tschetschenischen Terroristen die Schule in Beslan überfielen, schrieben junge Leute auf unsere Homepage: Betet mit uns für ein friedliches Ende der Geiselnahme! Dem einem geht es um Hartz IV, dem anderen um den Irak, und ein dritter sagt: Ich mache mit, weil meine Oma wieder gesund werden will.“

Dass immer mehr junge Deutsche auf Pilgerfahrt gehen, sei auch dem Papst zu danken: „Die Jugendlichen spüren: der mag uns, der nimmt uns ernst“, sagt Maleja. „Er bevormundet die Jugend nicht, er ermuntert sie, wenn er z.B. sagt: An euch liegt es, den Glauben in die Welt zu tragen. Baut mit an einer Zivilisation der Liebe und des Friedens!“

Als Bonifatius den Glauben nach Germanien trug, war er schon 40, aber noch so feuerköpfig wie ein Jüngling; auch er hörte nur auf seinen Papst. Die einheimischen Kirchenfürsten seiner Zeit mit ihren Eitelkeiten und Eifersüchteleien dagegen bekämpfte der fromme Riese so energisch, dass sie gegen ihn sogar Mordpläne schmiedeten.

An seinem Sarkophag in der Krypta des Fuldaer Doms beten täglich Tausende. Viele Fulda-Pilgerinnen zieht es auch auf den nahen Petersberg, auf dem die Wallfahrtskirche der hl. Lioba steht. Sie war eine Verwandte des hl. Bonifatius, folgte ihm auf seine Missionsreisen, gründete zahlreiche Klöster am Main und starb um 782 bei Mainz. Ein Schrein bewahrt ihr Haupt. Wenn Wallfahrtsgruppen es wünschen, öffnet der Pfarrer den Deckel zur direkten Verehrung der heiligen Schädelknochen. 

Auch von Bonifatius blieben Reliquien bis heute erhalten. 1964 öffneten Ärzte seinen Sarkophag. Sie fanden die Gebeine eines 1.90 Meter großen, bärenstarken Mannes, der aber krank und bereits vom Alter gebeugt war. Das Dom-Museum zeigt einen Reliquienbehälter aus Holz der Donars-Eiche mit dem Haupt des Missionars und auch das fromme Buch, das er über sich hielt, das Haupt zu schützen. Mehrere tiefe Kerben im Einband zeigen, warum das misslang: Wut und Wucht der Axthiebe waren enorm.

„Bonifatius repräsentiert den Geist und die Kultur eines christlichen Europas“, sagt Fuldas Bischof Heinz Josef Algermissen. „Ein Europa der Technokraten und der bloßen wirtschaftlichen Interessen muss ein Torso bleiben. Vor allem aber ermutigt uns Bonifatius, die Herausforderung eines völlig säkularisierten und mitunter neu-heidnischen Milieus anzunehmen“: Der Bekehrer der altgermanischen Heiden soll auch gegen das neudeutschen Heidentum helfen.

„Mit Bonifatius begann gewissermaßen die Geschichte des Christentums in Eurem Land“, rief Papst Johannes Paul II. im November 1990 in Fulda 100.000 Gläubigen zu. „Viele sagen, diese Geschichte neige sich dem Ende zu. Ich sage Euch: Diese Geschichte des Christentums in Eurem Land soll jetzt neu beginnen, und zwar durch Euch, durch Euer im Geist des hl.Bonifatius geformtes Zeugnis.“

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