Pedalritter und Gladiatoren

Freitag, 19. Juli 2013

In Sport-Wort RETRO zeigen Kolumnen aus früheren Jahren mit einem Augenzwinkern, was damals bedenkenswert erschien – und was sich inzwischen geändert hat. Heute: Die Ausgabe vom 19.Juli 2002. Damals, vor elf Jahren, dominierte Lance Armstrong die Tour noch mehr als heute der Brite Christopher Froome.  

Ein großer Baum zieht den Wind an.

Chinesisches Sprichwort

Einer gegen alle, alle gegen einen: Dreimal gewann der texanische Pedal-Titan Lance Armstrong die Tour, doch jetzt, wo sein stärkster Gegner Jan Ullrich gar nicht startete, wurde der Widerstand zäh wie nie. Nicht mehr nur einer, nein, praktisch alle wollen den vierten Sieg in Folge verhindern. Die Kampfansage: Übermensch oder Untergang!

Die Recken des Rades beherzigen ein Ur-Gesetz der Geschichte: Wird ein Herrscher gar zu mächtig, rotten sich alsbald die anderen gegen ihn zusammen. Die einen treibt der Drang der um ihr Reich besorgten Liliputaner, den bedrohlichen Riesen Gulliver mit Zwirn zu fesseln. Andere spornt das Vorbild der alten Griechen, die vereint dem Perserkönig Xerxes die Tour vermasselten, obwohl dessen Team so stark war, dass die Spitzenfahrer bereits an den Bosporus rollten, während die Nachzügler 2000 Kilometer dahinter in Persepolis eben erst an den Start gingen. Manche wollen den Koloss kippen, um selber auf den Sockel zu klettern. Nicht wenige ärgert zudem ein deprimierender Dauer-Frust, wie ihn auch jene spüren, die beim Grand Prix nur immer Schumis Auspuffrohre sehen.

Nicht immer wird der Kampf so offen geführt wie jetzt in Galliens Gebirgen: Zu Cäsar schlichen Roms Senatoren an den Iden des März mit dem Dolch im Gewande, und manchen modernen Politiker lassen klammheimlich die eigenen Parteikameraden im Stich. Hier allerdings enden die Parallelen, und nicht nur aus optischen Gründen: Was in der Politik Hochverrat heißt, ist dem Sport der eigentliche Daseinszweck, denn auch der Allerbeste gewinnt immer nur dann, wenn die anderen es absolut nicht verhindern können.

Und das ist gut so. Nicht einmal eingefleischte Bayern-Fans wünschen sich, das die Meisterschale jedes Jahr nach München geht. Pete Sampras sollte es nach sieben Wimbledon-Siegen endlich mal gut sein lassen, und dass Spandau 04 in dreiundzwanzig Jahren zweiundzwanzig Mal als Nummer 1 in der Abschlusstabelle stand, macht den Wasserball auch nicht zum Blockbuster. Der THW Kiel ist die CSU des Handballs: nicht mehr die Jüngsten, ab und zu setzt es schon mal eine Schlappe, aber zum Schluss sind sie doch immer vorn. Und will denn wirklich noch jemand sehen, wie Tiger Dariusz Michalszewski weitere zehn oder zwölf halbschwere Jungs durch die Seile katapultiert?

Die alten Römer kannten ein bewährtes Mittel gegen die Gefahr der Langeweile: In der Arena war die erste Niederlage meist zugleich die letzte, denn der Verlierer wurde anschließend abgemurkst. Könnte man von den Gladiatoren nun nicht wenigstens den kleinen dramaturgischen Kniff übernehmen, Armstrong & Co. für die letzte Etappe auf Räder mit Sichelnaben zu setzen? Dann wäre Sieger nicht, wer als erster, sondern wer überhaupt in Paris ankommt.

Was sagt der Sportsgeist dazu, wo sind die Sympathien der Fans? Für Wettbewerb ist Wechsel gut, doch die Legende braucht den einsamen Helden, den Roland im Basken-, den Hagen im Hunnenland oder den Boris auf dem Centercourt. Den Heroen selbst aber kann die Herausforderung durch das komplette Peloton nur nutzen: In der ersten Pyrenäen-Etappe hat es Armstrong den anderen noch mal so richtig gezeigt – und wenn er doch noch vom Podest fällt, dann jedenfalls mit dem standesgemäßen riesigen Rumpeln!

Heute wissen wir, dass Armstrong ein Titan des Doping war, und Jan Ullrich offenbar auch in dieser Disziplin sein stärkster Verfolger. Christopher Froome verließ nach zähen Nachfragen genervt eine Pressekonferenz. Und wieder wurde ein schnelles Rudel der Tartanbahn des Dopings überführt. Wann kippt der nächste Gigant?

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