Pilgern in Deutschland (10) 100 Meter in 70 Sekunden

Freitag, 19. Juli 2013

Sommerzeit ist Pilgerzeit. Unsere Serie führte erstmals 2004 zu Deutschlands beliebtesten Wallfahrtsorten. Seither stiegen die Besucherzahlen sogar noch an. Heute: Telgte.  

Es ist 3 Uhr früh, windig, regnerisch. Am Friedhof St.Johannis in Osnabrück setzen sich 6000 Pilger in Bewegung. Starke Böen zerren heftig an 200 frommen Fahnen. Bischof Franz-Josef Bode hat einen roten Rucksack über seine Windjacke geschnallt. „Die Wallfahrt ist ein Symbol dafür, dass Christen immer bereit sind, auch neue Schritte zu gehen“, sagt er. „Wer unterwegs ist, kreist nicht immer nur um sich selbst, nimmt Umwege in Kauf, schaut aus nach einem Ziel.“

In den Dörfern warten weitere Pilger. „So eine Wallfahrt ist wie ein Fluss“, sagte Dechant Hermann Wieh. „Die Pilger fluten wie Wasser über das Land, und auf dem Weg kommen Ströme von Wallfahrern wie Nebenflüsse dazu.“ 

An der Spitze sorgt Schrittmacher Klaus Meinert aus Telgte schon zum 30.Mal für gleichmäßiges Tempo: 100 Meter in siebzig Sekunden. Der Pilgerzug ist fast drei Kilometer lang. Ein Tross von 28 Treckern folgt mit Gepäckstücken, Verpflegung und Fußkranken. Die Polizei sperrt die B 51.

Knapp neun Stunden später, nach 48 Kilometern, vielen Liedern und noch mehr Blasen an den Füßen sind die inzwischen 8000 Teilnehmer der größten norddeutschen Fußwallfahrt am Ziel: Ehrfürchtig knien sie vor dem Gnadenbild der Schmerzhaften Madonna von Telgte nieder.

Die 1,5 Meter hohe Gottesmutter aus bemaltem Pappelholz wurde nach der Legende von einem Bauernburschen in einer gespaltenen Linde entdeckt. „Bringe mich zu den Menschen“, rief sie dem Staunenden zu. Die Telgter hofften auf wundersame Wirkungen des frommen Fundes – sie täuschten sich nicht:

Vor Beginn der Wallfahrt vor heute genau 350 Jahren wurde das Städtchen im Münsterland erobert (1453), von einem Großbrand zerstört (1500), geplündert (1591), von der Pest entvölkert (1599) und im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) schlimm verheert. Doch seit Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen 1644 den Pilgern einen prächtigen Barockbau errichtete, überstand Telgte nahezu schadlos alle Krisen, selbst den Zweiten Weltkrieg.

Die Telgter Wallfahrt begann, weil die Menschen damals „von Not, Elend und Schmerz so geplagt waren, dass sie geschrieen haben“, sagt Kirchenhistoriker Prof. Dr. Arnold Angenendt. „Der Mensch will eine Stelle haben, wo er seine Not anbringen kann. In der Not will man etwas tun, man ruft nach himmlischer Hilfe und findet diese dann in der Gottesmutter, die für alle und alles zuständig ist. Das ist heute nicht anders.“

Telgte besaß den Vorzug, dass es nahe bei den Bischofsstädten Münster und Osnabrück lag: „Damals gerieten mehrtägige Wallfahrten in die Kritik“, schildert Angenendt, „weil man nachts in der Scheune irgendwo übernachten musste; dann kroch er zu ihr, oder sie zu ihm. Deswegen wurden Kurzwallfahrten propagiert. Die schädigten auch die Wirtschaft nicht, weil die Menschen schneller wieder arbeiten konnten.“

Inzwischen kommen jährlich 90 000 Pilger in das 20.000-Seelen-Städtchen an der Ems, die meisten aus dem Münster-, Ems- und Osnabrücker Land. Immer mehr junge Leute gehen mit, oft sogar als Fahnenträger oder Vorbeter. Sie wollen Gott begegnen und mit ihm über ihre Probleme reden: Lehrstellenmangel, soziale Kälte, Gefahr für den Frieden in Gesellschaft und Welt. In der Kirche hängen kleine Marienfiguren, Silberherzchen mit dem Wort „Danke“ und Abbildungen kranker Körperteile, deren Besitzer die Heilkraft des Himmels erfuhren.

Doch nicht nur an das eigene Wohl soll der Wallfahrer denken: „Maria hat den Einsatz Gottes für die Menschen wesentlich mitgetragen“, sagt Münsters Bischof Reinhard Lettmann, in dessen Bistum Telgte liegt. „Wir bitten Gott, dass er uns durch die Betrachtung des Lebens Marias die Kraft gebe, uns ganz in seinen Dienst zu stellen und unser Leben einzusetzen für das Heil der Menschen.“

 

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