Pilgern in Deutschland (11) Gebete und Gelübde retten Leben

Samstag, 20. Juli 2013

Sommerzeit ist Pilgerzeit. Unsere Serie führte erstmals 2004 zu Deutschlands beliebtesten Wallfahrtsorten. Seither stiegen die Besucherzahlen sogar noch an. Heute: Vierzehnheiligen

Ein 17jähriger versteht die Welt nicht mehr: Seine Mutter ist gestorben. Gott hat sie ihm genommen, unbarmherzig, gnadenlos, ohne Begründung. Der Junge sagt sich los von diesem Gott, der kein Herz hat. Jahre später heiratet er eine liebe Frau, die ihn einen gesunden Sohn schenkt. Bei der zweiten Schwangerschaft aber gibt es Komplikationen: Um 18.22 Uhr stellt eine Ärztin Herzstillstand fest. Sie leitet sofort eine Notgeburt ein. Um 18.44 kommt das Kind, wieder ein Junge, durch Kaiserschnitt zur Welt. Es ist klinisch tot. 

Der Ärztin gelingt es, das Frühchen zu reanimieren, doch nach zwei Stunden rät der Chefarzt schweren Herzens, „der Natur ihren Lauf zu lassen“: Das Kind, fast eine halbe Stunde lang ohne Sauerstoff, werde für immer körperlich und geistig schwerstbehindert bleiben. Der verzweifelte Vater gibt nicht auf. Er beginnt wieder zu beten, und er fährt nach Vierzehnheiligen, um in der Wallfahrtsbasilika eine Kerze anzuzünden. Als er keine findet, klingelt er an der Klosterpforte und erzählt dem Pförtner von seiner Not. Der Mönch sagt, er werde für das Kind beten, der Vater möge ohne Sorge wieder heimfahren, es sei alles in Ordnung. 
Es klingt wundersam, doch plötzlich fühlt sich der verzweifelte Mann in tiefster Seele beruhigt: Er spürte von diesem Moment an, dass sich alles zum Guten wenden werde. Und tatsächlich: Am nächsten Tag tritt wider alle Erwartung die Wende ein. Das Kind erholt sich, und so bekommt es einen Namen: Sebastian. Aber der Junge ist halbseitig gelähmt, kann nicht schlucken, viele Gehirnzellen sind abgestorben. Der Vater betet ein volles Jahr lang jeden Tag am Grab seiner Mutter, nach deren Tod er einst den Glauben verlor - und er gelobt alle zwei Jahre eine Fußwallfahrt über 40 Kilometer nach Vierzehnheiligen. 

Acht Jahre später, am 18.Dezember 1999, entdeckt ein Pater in der Basilika zwei völlig verfrorene Männer. Es sind der Vater und der Großvater des Jungen. Sie haben wieder einmal das Wallfahrtsgelübde eingelöst, in Eis und Schnee. Der Pater taut die beiden im Küchenstüberl des Klosters wieder auf. So erfährt er die ganze Geschichte. Heute steht auf der Internet-Seite www.vierzehnheiligen.de: „Sebastian ist in einer Sonderschule, ein lieber Lausbub, zu manchem Schabernack bereit, ein Sonnenkind, liebenswert. Sicher, er wird einmal nicht Professor werden können. Aber er wird seinen Weg im Leben finden und sich dort behaupten. Denn er hat schon von Anfang an gelernt zu kämpfen.“

Vielen Gerettete danken ihr Glück den vierzehn heiligen Nothelfern in der barocken Wallfahrtsbasilika im oberfränkischen Staffelstein hoch über dem Main geweiht. Zwischen Mai und Oktober suchen eine halbe Million Menschen dort Hilfe, Trost und die Begegnung mit Gott, und es werden immer mehr: „Vor 15 Jahren hatten wir höchstens 90 Gruppen von Fußwallfahrern, dieses Jahr waren es 160“, sagt Pater Claus Scheifele, der Guardian des Franziskanerklosters, das die Pilger betreut. „Manche kommen sogar aus Würzburg und Fulda, sind drei, vier Tage lang unterwegs. Immer mehr junge Leute sind dabei, und fast alle kommen wieder, denn Pilgern macht süchtig!“

Die Wallfahrt ist gut ein halbes Jahrtausend alt: Am 24.September 1445 sah der junge Klosterschäfer Hermann Leicht auf einem Acker ein weinendes Kind. Als er es aufheben wollte, war es plötzlich verschwunden. Wenig später erschien es ihm wieder, neben zwei brennenden Kerzen, und nach einem Jahr noch einmal, diesmal mit einem roten Kreuz auf der Brust und umgeben von 14 kleineren Kindern. Ihre Botschaft: „Wir sind die 14 Nothelfer und wollen eine Kapelle haben und gnädiglich hier rasten. Willst du unser Diener sein, dann wollen wir auch deine Diener sein.“ Kurz darauf wurde auf dem Acker eine todkranke Frau wieder gesund. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und bald beteten mit Tausenden Gläubigen auch die Kaiser Friedrich III. und Ferdinand I. an der heiligen Stätte.

Seither zählt Vierzehnheiligen zu Deutschlands meistbesuchten Pilgerzielen. „In unserem Fürbittbuch stehen die Probleme unserer Zeit: Krankheit, Kinder, Angst um den Arbeitsplatz, Beziehungsprobleme“, sagt Pater Claus. „Vor kurzem kam einer, den hatte die Geliebte verlassen. Er wollte sie zurück, und legte uns einen ganzen Packen ihrer alten Liebesbriefe auf dem Altar.“

„Wallfahren ist eine Art der Glaubensverwirklichung, die dem modernen Menschen sehr entgegenkommt“, weiß der Pater, „denn es verbindet Sport, Erlebnis, Natur und Gemeinschaft. Außerdem geht es auf einer bayerischen Wallfahrt nie nur um das rein Geistliche, sondern immer um Kreuz und Krug. Aber wir achten darauf, dass die Wallfahrt nicht zum Event wird, sondern ein religiöses Ereignis bleibt, das im Herzen möglichst lange nachwirken soll.“

ENDE

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