Maria Magdalena – war sie wirklich eine Sünderin?

Montag, 22. Juli 2013

Heute feiert die Kirche den Gedenktag einer besonders populären Heiligen. In der Bibel spielt sie eine herausragende Rolle: Die treue Jüngerin begegnet dem Auferstanden als erste noch vor den Aposteln. Dennoch bleibt ihre Identität bis heute umstritten: War sie wirklich die Sünderin, die an anderen Stellen vorkommt? Glaube, Legende und Tradition verbinden sich zu einem zwar ungesicherten, aber eindrucksvollen Porträt einer ungewöhnlichen Frau. Auch ihr späteres Leben wird oft sehr phantasievoll geschildert, und in Frankreich werden bis heute Reliquien gezeigt.

Der reiche Pharisäer Simon hat Jesus zum Essen eingeladen. Plötzlich stiehlt sich eine schöne junge Frau von äußerst schlechtem Ruf in den Raum. Schluchzend sinkt sie vor dem Gottessohn nieder. Als ihre Tränen auf Jesu Füße tropfen, löst sie ihr Haar, wischt die Füße trocken, küsst sie und salbt sie mit kostbarem Öl.

Es ist eine der ergreifendsten Szenen der Bibel – und eine der meistdiskutierten. Denn bis heute streiten sich Gläubige und Gelehrte: War das die hl. Maria Magdalena, ist die treue Jüngerin wirklich eine Sünderin?

Die Bibel ist kein Geschichtsbuch, sie zeigt Gottes wunderbare Wege, deshalb enthält der Text immer wieder Rätsel, Lücken und Widersprüche. Soviel aber scheint auch der modernen Forschung klar:

Maria Magdalena stammt aus gutem Hause: Sie lebt mit ihren Eltern in Bethanien, einem Villenvorort Jerusalems. Ihre Schwester Martha geht wie alle wohlerzogenen Mädchen ganz in häuslicher Arbeit auf. „Maria aber ist anziehend, unternehmungslustig und idealistisch“, sagt Oxford-Theologe John Wenham. „Es frustriert sie, im Schatten ihrer Schwester zu stehen. Sie ist Stimmungsschwankungen unterworfen und sehnt sich danach, die Welt zu sehen und das Leben zu genießen.“

Deshalb flieht die junge Frau aus dem engen, strengen Elternhaus nach Magdala, einen Badeort am See Genezareth, mondän wie heute St.Tropez: Die Playboys sind junge römische Offiziere, lebenslustig, freigebig und unkompliziert.

„Wir dürfen uns Maria Magdalena nicht als gewöhnliche Prostituierte vorstellen“, meint Wenham, „sie ist eine selbstbewußte, charmante Frau, deren Gefälligkeiten von den höheren Gesellschaftsschichten in Anspruch genommen werden“ – kein Partyluder, sondern eine junge Dame mit Stil.

Ihre jüdischen Landsleute verachten sie trotzdem: Für sie ist es schon unsittlich, wenn eine Frau vor Männeraugen das Haar löst. Deshalb sind die anderen Gäste über ihr Eindringen höchst empört. Jesus aber dankt ihr, und er kümmert sich um sie: Er treibt aus ihr sieben Dämonen (die sieben Todsünden) aus und macht die Sünderin zu seiner Jüngerin. Nach seiner Auferstehung am Ostermorgen ist sie sogar die erste unter allen seinen treuen Gefolgsleuten, die ihn sehen darf.

Ihr Vorleben hätte Jesus sicher nicht gestört: Er war ja gerade für die Ausgegrenzten am Rand der Gesellschaft da, und unter seinen eigenen Vorfahren findet sich die berühmte Prostituierte Rahab aus Jericho.

Maria Magdalena ist, nach der Gottesmutter Maria, die am meisten bevorzugte Frau der Bibel. Hure oder Heilige? Die Antwort ist mit dem Verstand nicht zu finden – Jesus gibt sie mit dem Herzen.

Der Anblick der Reliquie Maria Magdalenas aber ist trotzdem erst einmal ein Schock: Durch das uralte Eisengitter starrt ein Totenkopf in die Krypta der Basilika  Sainte-Marie-Madeleine de Saint-Maximin-la-Sainte-Baume. Mit dem halb geöffneten Mund hinter der gespenstischen Maske sieht der Schädel aus wie ein Monster aus einem Gruselfilm. Doch vor frommen Augen wandelt sich die Fratze zum Antlitz einer schönen, jungen Frau: Als Jesus sie von sieben Dämonen gerettet hat, folgt sie ihm mit anderen Frauen auf seinen Wanderungen, steht weinend unter seinem Kreuz, hilft bei seiner Bestattung und ist der erste Mensch, dem er nach der Auferstehung erscheint.

In frühen christlichen Legenden ist die schöne Jüngerin die verlassene Verlobte Johannes des Täufers, aber auch tatsächlich die reuige Sünderin, deren Tränen auf die Füße des Heilands fallen. Als Schwester des Lazarus, den Jesus von den Toten auferweckt, gehört sie schließlich zum engsten Kreis um den Erlöser.

Noch weit mehr erlebt Maria Magdalena in der Fantasie moderner Schriftsteller. Der Pole Krystin Jôzef Ostrowski macht sie 1861 zur Braut des Judas, der Jesus aus Eifersucht verrät. Der Dramatiker Paul Heyse erfindet 1899 einen römischen Verehrer, dem sie sich hingeben soll, um Jesus zu retten.

Bei Luise Rinser wird Maria Magdalena 1983 zur emanzipierten Friedensbewegten ganz im Zeichen von Ganzheitlich- und Gewaltlosigkeit. 2002 stellt US-Autor Dan Brown sie in „Sakrileg“ als Geliebte des Herrn und Mutter einer Jesus-Tochter Sarah vor. 2006 behauptet die US-Autorin Kathleen McGowan sogar, die Jüngerin habe Johannes dem Täufer einen Sohn, Jesus sogar Sohn und Tochter geboren.

Beide Bücher schöpfen aus apokryphen Schriften – Texte, die zwar auf die Zeit der Evangelien zurückgehen, aber aus verschiedensten Gründen nicht in die Bibel aufgenommen wurden. Das erstmals 300 n.Chr. aufgeschriebene „Philippusevangelium“ etwa überliefert, dass Jesus Maria Magdalena „mehr liebte als alle Jünger“ und sie oft auf den M... küsste - die Stelle ist nicht erhalten, aufgrund der Größe der Lücke heißt es aber wohl „Mund“.

Im Evangelium enden die Berichte über Maria Magdalena mit der Auferstehung, doch die Apostelgeschichte enthält entscheidende Hinweise über ihr weiteres Schicksal: Nach der Kreuzigung „brach eine schwere Verfolgung über die Kirche in Jerusalem herein“, Frauen und Männer werden aus ihren Häusern gezerrt und ins Gefängnis geschleppt.

Besonders die engsten Vertrauten Jesu sind in Gefahr. Ihr Retter wird der jüdische Ratsherr Joseph von Arimathäa, der schon Jesu Beerdigung organisierte: Der weitgereiste Kaufmann kennt die See- und Handelswege nach Europa. In einer Nacht- und-Nebelaktion bringt er sie auf einen kleinen Segler. Ziel ist die unbewachte Küste der Camargue: In dem Malariesümpfen der Rhonemündung halten es nur ein paar Gesetzlose aus.

Die Flüchtlinge bringen die neue Religion nach Frankreich: Lazarus missioniert im heutigen Marseille und wird dort später Bischof. Joseph zieht weiter nach Britannien. Der Kelch, mit dem er das Blut Jesu auffing, wird zum heiligen Gral.

Auch eine Sarah geht an Land, doch sie ist keine Jesus-Tochter, sondern eine ägyptische Dienerin – und später die Schutzheilige der Roma in Frankreich und Spanien.

Maria Magdalena findet das ideale Versteck in einem Waldgebirge, das heute noch genauso undurchdringlich ist wie vor 2000 Jahren: Das „Massif de la Sainte Baume“ - „Gebirge der Heiligen Höhle“. Die Grotte, in der sie 37 Jahre lang als Einsiedlerin lebt, ist ein Heiligtum der Dominikaner. In der Basilika um Fuß des Berges liegt Maria Magdalenas Grab. In Süden Frankreich schildern viele Legenden das spätere Leben der Heiligen in vielen realistischen Details. Von Nachkommen Jesu wissen sie so wenig wie die Bibel selbst – sie bleiben Kinder der Fantasie.

Der Vatikan hebt die überragende Rolle der Heiligen als Zeugin der Auferstehung hervor: Der Kirchenlehrer Augustinus nennt sie schon vor 1600 Jahren die „Apostelin der Apostel“. Für Benedikt XVI. erinnert ihre Geschichte an eine „grundlegende Wahrheit“: „Jünger Christi ist derjenige, der sich aufgemacht hat, um ihm aus der Nähe nachzufolgen und so zum Zeugen der Kraft seiner erbarmenden Liebe geworden ist, die stärker ist als Sünde und Tod.“

 

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