Kap. 9: Der Überfall

Montag, 22. Juli 2013

 

 Maria Behring erwachte, als sie etwas Hartes an der Wange fühlte. Zunächst glaubte sie, ein Käfer habe sich dort niedergelassen, doch als sie mit der Hand an die schmerzende Stelle fuhr, stieß sie gegen Metall. Ihr erster Gedanke war: Sander! Was ist das jetzt schon wieder für ein Blödsinn? Dann öffnete sie die Augen. Es war schon hell geworden. Das Stück Metall, auf dem ihre Finger lagen, war glatt und kühl, und erst jetzt erkannte sie, dass es ein Gewehrmündung war. Dahinter sah sie ein wildes, von einem wuchernden schwarzen Bart bedecktes Gesicht. Von Nikotin geschwärzte Zahnstummel standen in einem höhnisch grinsenden Mund.

  Neben sich hörte sie Sander stöhnen. Ohne den Kopf zu bewegen, schielte sie zu ihm; sein graues Haar war rot von Blut.

  „Schnell, kommt mal her“, rief der Fremde auf Portugiesisch.

  „Ich habe zwei Turteltäubchen gefangen.“

  Der Mann packte Maria Behring an den Haaren und zerrte sie so grob aus dem Zelt, dass sie vor Schreck und Schmerz einen lauten Schrei ausstieß. Sie strampelte mit den Beinen, um sich von dem Schlafsack zu befreien und mit den Füßen Halt zu finden; gleichzeitig versuchte sie mit beiden Händen, den brutalen Griff zu lockern. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Sander regungslos auf dem Boden lag; sein Kopf war blutüberströmt. Der Fremde lachte höhnisch und schlug ihr den Lauf des Gewehrs über beide Schienbeine. Der scharfe Schmerz raubte ihr den Atem und lähmte ihren Widerstandswillen. Sie spürte, wie sie mit dem Rücken an einen Baum stieß und ihr die Arme nach hinten gebogen wurden. Eine Hand öffnete ihren Gürtel und zog ihn mit einem heftigen Ruck aus den Schlaufen des Overalls; dann wurden ihr mit dem Riemen die Hände so fest zusammengebunden, dass das Leder in die Haut an ihren Handgelenken drang.

  Benommen fühlte sie Hände auf ihren Brüsten; Wut stieg in ihr auf, und sie rief auf Portugiesisch: „Was fällt Ihnen ein! Hören Sie sofort auf damit und binden Sie mich los, sonst werden Sie großen Ärger bekommen!“

  Mit funkelnden Augen starrte sie den Fremden an. Er war mittelgroß und sehr hager, wirkte dabei aber zäh und gewandt; eine zerschlissene Uniform umhüllte seinen knochigen Körper.

  „He, sie spricht Portugiesisch!“ rief er.

  „Was ist mit dem Kerl?“ hörte sie eine andere Stimme. „Hast du ihn erledigt?“

  „Er schläft heute ein bisschen länger als sonst“, sagte der Schwarzbärtige und tätschelte Maria Behrings Bauch. Nur ruhig, du kleine puta“, sagte er. „Du kriegst schon noch, was du brauchst!“

  „Hände weg!“ schrie sie empört. Sie versuchte sich aus den Fesseln zu winden, aber der Ledergürtel schnitt nur noch tiefer ein.

  „Nun hab dich mal nicht so, du kleine americano-puta“, sagte der Mann und griff ihr hart zwischen die Beine. „Nur nicht so ungeduldig. Oder bist du schon heiß?“ Er lachte wieder.

  Zwei weitere Männer kamen aus dem Dschungel, stapften durch den aufgeweichten Boden der kleinen Lichtung, zogen Sander heraus und fesselten den Bewusstlosen an einen Baum.

  „Sie sind nur zu zweit“, sagte Roberto.

   Die drei Männer verschwanden hinter einigen rot blühenden Helikonien. Sander kam wieder zu sich und zwinkerte heftig, um das Blut in die Augen loszuwerden. „Wie viele sind es?“

  „Drei“, sagte Maria Behring.

  „Sie werden uns umbringen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche“, murmelte Sander.

  „Umbringen? Einfach so? Ich werde ihnen Lösegeld anbieten.“

  „Zwecklos. Das sind Desperados, die riskieren nichts. Die Polizei knallt sie ab wie die Hunde.“ 

  „Aber es muss doch einen Ausweg geben!“ Sie zerrte vergeblich an ihren Fesseln. Auch Sander spannte probeweise seine Muskeln an.

  „Aussichtslos. Denen entkommt keiner.“

  „Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter!“

  „Hier schon. Hier ist immer noch Konquistadorenzeit. Habgier und Gewalt. Sie werden uns ausplündern und abmurksen. Dschungelgesetz. Ich hätte nicht so viel trinken dürfen.“

  „Selbstvorwürfe helfen uns jetzt am wenigsten. Lassen Sie sich lieber was einfallen, Sie waren doch mal Dschungelkämpfer!“

  Sander gab keine Antwort.

  „Können wir nicht versuchen, sie zu bequatschen, dass sie uns zum Schiff bringen? Wir können behaupten, dass wir dort Geld versteckt haben, und dann unauffällig die Funkanlage einschalten!“

  „Versprechen Sie sich nicht zu viel davon“, sagte Sander. „Diese Kerle sind schlau wie die Pumas. 

  „Wissen Sie was Besseres?“

  „Versuchen können wir es ja.“

  Aus dem Wald drangen die lauten Schreie der Brüllaffen, die sich wie jeden Morgen gegenseitig über ihre Positionen informierten, damit sich die Horden bei der Futtersuche nicht in die Quere kamen. Große Zebrafalter flatterten über das feuchtglänzende Gras zu den Helikonien.

  Die drei Garimpeiros kamen zurück. „Sieht aus, als wären sie wirklich allein“, sagte Lomeo und rieb sich die Raubvogelnase.

  „Sage ich doch“, meinte Roberto triumphierend und leckte sich aufgeregt die Lippen. „Also, worauf warten wir noch?“

  „Ich will erst wissen, was sie dort oben am Krater zu suchen hatten“, sagte Lomeo.

  „Was schon!“ sagte Roberto ungeduldig.

  „Dummkopf“, sagte Lomeo. „Und wenn sie dort oben ein Funkgerät aufgestellt haben? Wenn du zu faul bist, werden Pepe und ich uns dort oben mal umsehen. Pass du solange auf die Gringos auf. Und dass du die Gringa nicht anrührst, bevor wir zurück sind. Wir wollen alle was von ihr haben. Wir werden würfeln.“

  „Geht nur“, sagte Roberto grinsend. „Ich werde sie schon nicht kaputtmachen.“ 

  Lomeo machte sich an den Aufstieg. Der andere Mann folgte ihm; er war untersetzt und von Blatternarben entstellt.

  Maria Behring wartete, bis von den beiden nichts mehr zu sehen war. Dann sagte sie leise zu Sander: „Wenn ich Ihnen zuzwinkere, fangen Sie an, den Kerl zu beschimpfen, aber kräftig! Sie müssen ihn mindestens zehn oder zwanzig Sekunden lang ablenken.“

  Sander nickte.

  „He, Roberto!“ rief sie.

  Der Garimpeiro, der es sich auf einem  Baumstamm bequem gemacht hatte, drehte sich um. „Was willst du, puta?“

   „Ich will nicht sterben“, sagte Maria Behring. „Lass mich laufen! Dann darfst du vorher alles mit mir machen, was du willst.“

  Sander traute seinen Ohren nicht. Der Garimpeiro lachte höhnisch. „Das machen wir sowieso!“

  „Und wenn du beim Würfeln verlierst?“ sagte sie. „Jetzt kannst du mich noch ganz allein für dich haben. Und ich werde es dir besonders gut machen. Ich werde alles tun, was du verlangst.“

  Roberto stand auf und kratzte sich am Kinn.

  „Denk nicht so lange nach“, sagte sie und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Sonst sind deine Freunde zurück, und dann ist es zu spät. Ist es nicht viel schöner für einen Mann, wenn die Frau ihn will?“

  Roberto kam langsam auf sie zu.

  Sie blickte zu Sander, der begriffen hatte. „Lass meine Frau in Ruhe, du Schwein!“ rief er wütend.

  „Oho!“ versetzte der Garimpeiro lachend und ging auf ihn zu. „Eifersüchtig! Aber für dich alten Mann ist sie viel zu schade. Ich werde ihr zeigen, was ein richtiger Kerl ist!“

  Maria Behring ließ die linke Schulter hängen, bis die Kette ein Stück auf der schweißnassen Haut hinab rutschte, beugte den Kopf, so tief sie konnte, spitzte den Mund, hob dann schnell die Schultern und bekam das Metall glücklich zwischen die Lippen.

  Der Garimpeiro stellte sich vor Sander auf und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Maria Behring transportierte hastig die Kette zwischen Lippen und Zähnen, bis sie endlich den kleinen Lederbeutel in den Mund bekam.

  Sander hob mit Mühe den Kopf. „Dreckschwein“, stieß er zwischen blutenden Zähnen hervor.

  „Nur weiter so!“ rief Roberto hohnlachend, holte aus und schlug wieder zu, diesmal so heftig, dass Sanders blutiger Kopf gegen den Baum knallte. Maria Behring wurde übel. Sie nahm alle psychische Kraft zusammen und schob die Zungenspitze in die Öffnung des Beutels, um sie zu erweitern. Ihr Mund war trocken wie Staub.

  „Hund!“ hörte sie Sander keuchen. Wieder schlug der Garimpeiro zu. Diesmal blieb Sanders Kopf unten; er hatte das Bewusstsein verloren.

  Maria Behring fühlte, wie ihr die Zyankalikapsel in den Mund glitt. Rasch schob sie sie mit der Zunge in die linke Backentasche und begann die Sekunden zu zählen: einundzwanzig, zweiundzwanzig...

  „Bist du endlich soweit?“ rief sie Roberto zu.

  „Du kleines Luder“, sagte der Garimpeiro. „Gefällt dir wohl, wie ich deinen Alten vermöbelt habe. Jetzt werde ich dir's besorgen!“ Er spürte, wie sich Speichel in seinem Mund sammelte, und spie aus; die Erregung schnürte ihm die Kehle zu.

  Maria Behring zählte weiter. Bei fünfundsechzig würde sie die Kapsel ausspucken müssen; dann war alles vorbei. „Worauf wartest du dann noch!“ rief sie und drückte die Brüste heraus. Nur mit Mühe vermied sie, auf das Messer in seinem Gürtel zu starren, von dem alles abhing. Einunddreißig, zweiunddreißig...

  „Das gefällt mir bei euch americano-putas“, keuchte Roberto erregt. „Mit euren blonden Haaren seht ihr unschuldig wie die Engel aus, aber in Wirklichkeit seid ihr heiß wie die Teufel!“ Breitbeinig baute er sich vor ihr auf; seine rechte Hand ruhte auf dem Griff des Messers.

  „Küss mich“, sagte sie. Achtunddreißig, neununddreißig ...

  Sein grinsendes Gesicht kam näher; als sie die verfaulten Zähne sah, hätte sie sich fast übergeben. Dreiundvierzig, vierundvierzig. „Küss mich“, sagte sie und spitzte die Lippen.

  Er keuchte, drückte seine Hände auf ihre Brüste und rieb seine Hüften an ihrem Schoß.

  Vierundfünfzig, fünfundfünfzig, sechsundfünfzig... Sie stöhnte und bewegte ihren Körper.

  Sander war wieder zu sich gekommen, ließ den Kopf aber unten und schielte durch die blutigen Haare vor seiner Stirn zu Maria Behring.

  Einundsechzig, zweiundsechzig... „Ich will, dass du mich wie eine Geliebte behandelst und nicht wie eine Hure“, sagte sie.

  Der Garimpeiro lachte höhnisch und riss das Oberteil ihres Overalls auf,

  Achtundsechzig, neunundsechzig... „Küss mich endlich! Oder weißt du nicht, wie man eine Frau küsst?“

  „Das wirst du gleich sehen“, stieß der Garimpeiro hervor, presste seinen stinkenden Mund auf den ihren und wollte ihr die Zunge zwischen die Zähne schieben; zu seinem Erstaunen war sie schneller und kam mit der ihren in seinen Mund. Zweiundsiebzig, dreiundsiebzig, Ende. Sie zog ihre Zunge zurück; als er die seine begierig hinterherschob, biss sie kräftig zu.

  Der Garimpeiro stieß einen lauten Schrei aus und schluckte das Blut, das sich in seinem Mund sammelte, mit dem Zyankali hinunter. „Puta!“ brüllte er und schlug ihr roh ins Gesicht. Dann hielt er inne, fasste in seinen Mund und starrte staunend auf die Reste der Kapsel zwischen den Fingern. „Was ist das?“ fragte er drohend. „Was hast du da gemacht?“

  Maria Behring gab keine Antwort; aus ihrer Nase lief Blut.

  Plötzlich begann der Garimpeiro am ganzen Leib zu zittern. „Puta!“ schrie er noch einmal. Dann brach er in die Knie, fiel zu Boden und wälzte sich in krampfhaften Zuckungen auf der Erde. Sekunden später lag er still.

  Maria Behring rutschte an dem Baumstamm herunter, bis sie auf dem Boden saß, und streckte die Beine aus. Als sie die Füße zusammenpresste und langsam anzog, löste sich das Messer jedoch nicht aus dem Gürtel; jetzt erst bemerkte sie, dass es von einer kleinen Sicherheitsschlaufe gehalten wurde. Rasch zog sie die Beine an, stellte den Absatz des linken Stiefels auf den rechten Knöchel und versuchte, den Fuß aus dem engen Leder zu ziehen.

  „Schnell“, sagte Sander. „Sie werden gleich wieder da sein!“

  Quälend langsam löste sich der Fuß aus dem Stiefel. Sie stieß das Schuhwerk zur Seite, fuhr mit der Spitze des linken Stiefels unter den oberen Rand der Socke und streifte sie ab. Dann streckte sie wieder beide Beine aus und versuchte mit der großen Zehe die Schlaufe zu lösen. Blut lief ihr in den halbgeöffneten Mund, und sie musste husten.

  „Olá, Roberto!“ hörten sie Lomeo rufen.

  Die kleine Lederschlaufe glitt zurück. Maria Behring nahm den Messergriff zwischen die Zehen und zog die Waffe langsam aus dem Gürtel des Toten. Dann winkelte sie das rechte Bein so eng an, wie sie könnte, ließ das Messer los, schob sich mühsam an dem Stamm in die Höhe, drehte sich stehend um ihn herum und ließ sich wieder hinunter auf den Boden, so dass sie das Messer mit den Händen zu fassen bekam.

  Maria Behring versuchte den Ledergürtel durchzutrennen, aber das Messer war ziemlich stumpf, und sie kam nur langsam voran.

  „Was ist denn?“ fragte Sander ungeduldig.

  „Scheißmesser!“ rief Maria Behring und säbelte wie besessen; dicke Schweißperlen liefen ihr übers Gesicht. Endlich löste sich die Fessel. Maria Behring sprang auf und befreite Sander. „Nehmen Sie das Gewehr“, befahl sie. „Ich schalte die Funkanlage an.“

  „Nein“, sagte Sander. „So entkommen wir denen nicht. Das sind Killer. Legen Sie sich unter Roberto und tun Sie so, als ob ... na, Sie wissen schon.“

  Sie warf einen angeekelten Blick auf den Toten.

  „Es wird sie in Sicherheit wiegen“, sagte Sander. „Ich werde so tun, als wäre ich noch gefesselt. Sie werden sich nicht um mich kümmern, sondern gleich zu Ihnen laufen. Dann bin ich hinter den Kerlen. Das ist das sicherste.“

  Maria Behring legte sich auf den Boden und zog Roberto auf sich, bis sein schwerer Körper sie ganz bedeckte. Sander half ihr. „Bewegen Sie sich ein bisschen und schreien Sie!“ Er nahm das Gewehr, hastete zu dem Baum zurück, stellte die Waffe hinter den Stamm, wickelte sich die Zeltleine um die Brust und hielt die Enden fest.

  „Verdammtes Schwein!“ schrie Maria Behring und hob unter der Last des Leichnams immer wieder die Hüften in die Höhe.

  Lomeo brach krachend aus dem niedrigen Buschwerk. „Roberto!“ brüllte er erbost. „Hör sofort auf!“

  Sander wartete, bis die beiden vorübergeeilt waren, sprang auf die Füße und packte das Gewehr.

  „Du verfluchter Hurenhund!“ rief Lomeo und trat mit aller Kraft in das Gesäß des Toten. Sander hielt die Mündung des Gewehrs in den Rücken des anderen Garimpeiros und drückte ab. Der Mann wurde nach vorn geschleudert, und sein Blut spritzte auf die Leiche.

  Lomeo fuhr herum, und Sander schoss zum zweiten Mal.

  Maria Behring kroch unter Robertos Leichnam hervor, stützte sich auf alle viere und übergab sich.

  Als sich der Pulverdampf verzog, sah Sander, dass Lomeo noch lebte. Rasch beförderte er mit einem Fußtritt das Gewehr aus der Reichweite des Schwerverletzten.

  „Schauen Sie woanders hin“, sagte Sander zu Maria Behring. „Halten Sie sich die Ohren zu.“

  Sie gehorchte. Er richtete den Lauf auf den Verwundeten.

  „Drück schon ab!“ röchelte Lomeo. „In der Hölle sehen wir uns wieder!“

  Sander zielte auf den Kehlkopf des Garimpeiro, und die Kugel zerfetzte Lomeos Hals.

  „O Gott!“ rief Maria Behring; ein neuer, heftiger Anfall von Brechreiz schüttelte ihren Körper.

  Sander setzte sich auf den von Schlingpflanzen überwucherten Baumstamm und holte eine Zigarettenschachtel aus der Brusttasche seines Overalls. Er nahm eine Zigarette heraus, aber seine Finger zitterten so heftig, dass sie ins Gras fiel; erst beim zweiten Versuch gelang es ihm, sie anzuzünden. Er rauchte mit tiefen Zügen.  

  Maria Behring setzte sie sich auf. „Wir sollten hier so schnell wie möglich verschwinden. Vielleicht treiben sich noch andere hier in der Gegend herum und haben die Schüsse gehört.“

  „Jetzt haben wir Gewehre“, sagte Sander.

  „Mussten Sie die Kerle gleich abknallen?

  „Was dachten Sie denn?“ sagte Sander unwirsch. „Dass die sich vielleicht von uns gefangen nehmen lassen? Und im Luftschiff nach Venezuela transportieren?“

  „Sie haben recht“, sagte sie nach einer Weile.

  „Den ersten haben Sie übrigens selber umgebracht“, erinnerte er sie.

  Sie senkte den Kopf. „Ich weiß. Es tut mir leid.“

  „Das braucht es nicht“, sagte er. „Das waren keine Menschen. Sie hätten Sie der Reihe nach vergewaltigt und dann zu Tode gefoltert. Vielleicht hätten sie Ihnen Ameisen zwischen die Beine gesteckt.“

  „Hören Sie auf“, sagte sie leise.

  Sie schwiegen einen Augenblick. Dann wischte Maria Behring sich wieder Blut aus dem Gesicht und schaute auf ihren Handrücken. Es will einfach nicht aufhören, sagte sie. Hoffentlich ist die Nase nicht gebrochen.“

  „Halten Sie mal still“, sagte Sander. Er trat neben sie und nahm sorgfältig Maß. Dann schlug er ihr zweimal schnell mit der flachen Hand vor die Stirn und gleichzeitig mit der Handkante der anderen Hand in den Nacken. Die Schläge unterbrachen für eine Sekunde den Kreislauf, und das Nasenbluten hörte auf.

  „Glück gehabt“, sagte er. „Die Nase ist nicht gebrochen.“

  „Danke“, sagte sie. „Wo haben Sie das gelernt?“

  „Weiß nicht mehr“, sagte er. „Ist schon lange her.“ Er hockte sich neben sie ins Gras. „Sagen Sie mal…“

  „Ja?“

  Er suchte nach den passenden Worten. „Das mit der Zyankalikapsel, wenn das nicht geklappt hätte ... Sie sagten was von fünfundvierzig Sekunden, bis die Kapsel schmilzt. Aber mir schien das viel länger zu dauern.“

  „Es waren genau achtundfünfzig Sekunden“, sagte sie. „Aber ich hatte die ganze Zeit über einen sehr trockenen Mund. Keine Angst, ich hätte es schon noch rechtzeitig gemerkt, wenn es gefährlich geworden wäre, und das Zeug dann immer noch schnell ausspucken können.“

  „Ja, das denke ich mir“, sagte er. „Aber hätten Sie das auch getan? Ich meine, wenn der Kerl nicht auf den Trick reingefallen wäre? Hätten Sie ausgespuckt?“

  „Nein, wahrscheinlich nicht. Sie haben recht, die wollten uns so oder so umbringen.“

  „Wir haben wirklich Glück gehabt. Wahrscheinlich waren das die Burschen, die neulich die beiden Indianerdörfer niedergebrannt haben.“

   „Und was machen wir nun mit ihnen? Wir können sie doch nicht einfach hier liegen lassen.“

   „Wir werfen sie in den Cerro Impacto“, sagte Sander. „Da findet sie keiner.“ Er dachte kurz nach. Und da gehören sie auch hin“, schloss er. „In die Hölle.“

  Er stand auf, packte Lomeos Leichnam an den Füßen und schleifte ihn hinter sich her. Danach beförderte er auch die beiden anderen zu dem riesigen Erdloch.

  Maria Behring stand auf, trat auf wackligen Beinen an den Rand des Intrusivkraters und starrte in die schwarze Tiefe. Trotz der Hitze lief es ihr kalt über den Rücken. „Wollen Sie das wirklich tun?“ fragte sie.

  „Haben Sie eine bessere Idee?“ gab Sander zurück. „So wird jedenfalls niemand von dieser Sache erfahren, und wir können nicht damit in Verbindung gebracht werden.“

  Er rollte zuerst den toten Roberto über den Rand und ließ ihn in die Tiefe fallen. Dann schickte er den zweiten Garimpeiro und zum Schluss Lomeo hinterher. Dessen Leichnam verfing sich jedoch nach wenigen Metern in einer Wurzel.

  „Mist!“ fluchte Sander. Er lief zu einem Trompetenbaum, brach einen starken Ast ab und stocherte nach dem Toten, konnte ihn aber nicht aus dem Wurzelgeflecht lösen.

  „Das hat noch gefehlt“, sagte Sander wütend. Dann ging er zu dem Luftschiff. Nach einer Weile kehrte er mit einem Seil zurück, verknotete es sorgfältig an einem mittelgroßen Rauhblattbaum, schlang sich das andere Ende um die Hüften und kletterte langsam in den Krater.

  „Seien Sie vorsichtig!“ sagte Maria Behring und blickte besorgt auf Sanders blutiges Haar.

  Sander ließ sich ein Stück an der schrägen Kraterwand hinunterrutschen, stützte sich dann mit dem linken Stiefel auf dem Wurzelgeflecht ab, packte den Arm des Leichnams und zog ihn in die Höhe, bis er sich löste. Dann hob er ihn zu der anderen Seite und ließ los; wie ein Stein stürzte der tote Lomeo in die lichtlose Tiefe.

  Maria Behring griff nach dem Seil und ging damit auf die andere Seite des Baumes, bis es gespannt war.

  „Kommen Sie“, sagte sie „ich halte Sie fest.“

  Sander spuckte in die Hände, packte das Seil und kletterte daran in die Höhe, während er sich mit den Füßen an der felsigen Wand des Cerro Impacto abstieß.

  „Das war’s“, knurrte er, als er wieder auf sicherem Boden stand. „Und jetzt ab nach Hause.“

  „Lassen Sie uns darüber erst noch mal nachdenken“, sagte Maria Behring.

  „Warum?“ fragte er erstaunt. „Eben konnte es Ihnen nicht schnell genug gehen!“

   „Ja, aber da war ich in Panik. Jetzt finde ich das mit dem Heimfahren nicht mehr so gut. Stellen Sie sich mal vor, was in Cocuy los ist, wenn wir jetzt dort landen, so, wie wir aussehen. Sie mit Ihrer Kopfwunde, ich mit meiner Nase.“

  „Wir können sagen, dass wir eine harte Landung hatten und gegen die Armaturen gesaust sind“, schlug er vor.

  „Ach ja? Und warum ist dann an den Armaturen kein Blut? Oder bluten wir jetzt noch mal? Wenn der Oberst sieht, dass wir verletzt sind, sperrt er uns womöglich den Flugplatz. Ich habe keine Lust, wochenlang herumzuhängen und zu warten, bis meine Anwälte die Sache mit der Regierung in Caracas geregelt haben.“

  „Was schlagen Sie also vor?“

  „Wir tun so, als wäre nichts geschehen. Machen einfach weiter. Erst schauen wir unsere Aufnahmen durch. Und heute Nacht fahren wir wieder über den Wald. Nach Cocuy gehen wir erst wieder, wenn ich alles im Kasten habe: Videos, Tonbänder, das volle Programm.“

  Sander seufzte. „Sie sind der Boss.“

  „Danke. Ohne Sie wäre ich aufgeschmissen gewesen.“

  „Danke. Ohne Sie wäre ich tot.“

  „Bringen wir uns erst einmal wieder in Form“, sagte sie.

  Sander holte Wasser aus dem Luftschiff, und sie wuschen sich die Gesichter.

  „Zu dumm“, dass Sie die ganze Flasche ausgetrunken haben“, sagte sie.

  „Ich kann uns ja einen Tee kochen.“

  „Besser als nichts.“

  Sie ging zur Gondel, um sich im Camp zu melden.

  „Sie haben sich schon Sorgen gemacht. Meybohm meckert, weil er keine Bromelien mehr hat.“

  „Bis vor ein paar Tagen waren das auch Ihre Sorgen“, sagte Sander sanft.

  „Ja, da haben Sie recht.“ Sie lächelte. „Dieser Wald“, sagte sie. „Er ist irgendwie... wie ein Wesen. Ich habe das Gefühl, dass er alles beobachtet, was wir tun. Es ist fast, als wolle er Besitz von uns ergreifen.“

  „Das ist nur Phantasie“, sagte Sander. „Ihre Nerven sind überreizt.“ Er reichte ihr einen Becher.

  Sie schlürfte mit gespitzten Lippen. „Übrigens, tut mir leid, dass ich vorhin so... So alt sind Sie gar nicht. Ich meine, Sie wirken nicht so…“

  „Nicht so alt, wie ich bin.“

  „Ja. Danke!“ Sie hob den Becher.

  „Ich glaube, wir sind quitt“, sagte er. „Für mich waren Sie erst mal eine dumme Gans. Sie haben sich aufgeführt, als würde BPW Ihnen gehören.“

  „Wenn wir schon ‚Sag die Wahrheit‘ spielen: BPW gehört tatsächlich mir“, erwiderte sie. „Jedenfalls zum größeren Teil. Fünfzig Prozent plus eine Aktie.“

  „Wirklich?“ staunte er.

  „Das bleibt aber unter uns“, sagte sie. „Ich will das nicht an die große Glocke hängen. Heute steht ‚BPW‘ für ‚Berliner Pharma-Werke‘. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren es die ‚Behring Pharma-Werke‘. Gegründet 1874 von meinem Ururgroßvater Jakob Behring. Dann kamen noch der Jakob, dann Hugo, mein Vater. Er starb, bevor er einen Sohn zeugen konnte. Glück für mich. Ich habe die Aktien letztes Jahr von meiner Mutter geerbt.“ Befriedigt trank sie einen großen Schluck Tee. „Der tut wirklich gut“, wiederholte sie.

  „Ihre Eltern sind beide tot? Das tut mir leid.“

  „Bin schon drüber hinweg. Über Mutters Tod. Vater habe ich nie gekannt. Er starb, als ich noch ein Baby war.“

  Sie schwiegen eine Weile. Dann gab sich Sander einen Ruck. „Und wieso treiben Sie sich dann in der Wildnis herum, statt gemütlich in Ihrem Büro zu sitzen und Geld zu zählen?“

  „Weil ich Wissenschaftlerin bin. Das Geldzählen besorgen andere. Flanellos mit schwarzen Aktenköfferchen, die alle gleich aussehen.“ Sie stellte den Becher auf die Erde. „Die Akkus müssen aufgefüllt werden.“

   Er die Akkumulatoren aus den Geräten und schloss sie in der Gondel an die Ladestation des Generators an.

  „Geben Sie mir auch mal eine Zigarette“, rief Maria Behring.

  Er ging zu ihr, reichte ihr die Schachtel, gab ihr Feuer und zündete sich auch eine an. Dann lief er wieder zum Luftschiff.

  Als Maria Behring den Rauch inhalierte, musste sie husten. Enttäuscht warf sie die Zigarette ins Gras. „Das nützt auch nichts“, sagte sie. Dann ließ sie sich zu Boden sinken und begann zu schluchzen. Sander lief rasch zu ihr, hockte sich neben sie ins Gras und schlang die Arme um sie. „Weinen Sie sich nur aus“, sagte er.

  Sie schluchzte an seiner Schulter, immer wieder von Krämpfen geschüttelt. Er streichelte sie, konnte sie aber nicht beruhigen. Schließlich hob er sie auf und trug sie ins Zelt. „Ich hole Ihnen was“, sagte er, „bin gleich wieder da. Er lief zum Luftschiff, zog hinter Maria Behrings Sitz den Erste-Hilfe-Kasten mit der Aufschrift Tropenapotheke hervor, öffnete ihn und studierte den Inhalt, bis er Beruhigungstabletten gefunden hatte. Er eilte zu Maria Behring zurück, löste drei Tabletten in einem Becher mit Wasser auf, hob ihren Kopf und hielt ihr den Rand des Bechers an den Mund. „Trinken Sie“, befahl er. „Gleich geht es Ihnen besser.“

  Gehorsam schluckte sie die bittere, weißliche Flüssigkeit und ließ sich auf ihren Schlafsack zurücksinken.

  „Bitte gehen Sie nicht weg“, flüsterte sie.

   Als sie eingeschlafen war, verstaute Sander die Geräte in der Gondel. Dann hob er Maria Behring vorsichtig aus dem Zelt, trug sie zum Luftschiff, legte sie auf ihren Sitz und schnallte sie sorgfältig fest. Danach nahm er das Skalpell aus der Tropenapotheke, löste die aseptische Plastikhülle und schnitt sich in die Kuppe des linken Zeigefingers. Der Schmerz ließ ihn nach Luft schnappen. Er wischte das Skalpell an seiner Hose ab und legte es in den Kasten zurück. Das Blut quoll dick und reichlich aus der dicht von Kapillaren durchzogenen Fingerspitze, und Sander begann, verschiedene Armaturen damit zu beschmieren, erst auf seiner, dann auch auf Maria Behrings Seite.

  Es dauerte lange, bis er mit seinem Werk zufrieden war. Immer wieder blickte er besorgt auf Maria Behring, aber ihre regelmäßigen Atemzüge zeigten, dass sie tief und fest schlief.

   Sander klebte ein Pflaster über seine Wunde, schnallte sich auf seinem Sitz fest und startete die Motoren. Ein Moskito stach ihn in den Nacken; fluchend hieb er nach dem Insekt und fühlte befriedigt, dass er es zerquetscht hatte. Er streifte die Überreste an seinem Overall ab, überprüfte das Barometer und ließ etwas Luft aus den Ballonetts, bis das Helium das Luftschiff trug und die Gondel sich vom Boden hob. Dann startete er die Motoren, löste die Haltevorrichtungen an Bug und Heck, schaltete auf Rückschub und rangierte das Schiff

vorsichtig unter den Bäumen hervor. Langsam glitt es über den Cerro Impacto, der selbst jetzt, in der grellen Vormittagssonne, wie ein schwarzer Höllenschlund unter ihnen lag. Der dichte Bewuchs an den Rändern des Intrusivkraters verhinderte, dass das Tageslicht ihn erhellte; erst die senkrechten Strahlen der Mittagssonne würden auf seinen Grund dringen, für einige Minuten mit Licht und Wärme beschenkend, was immer dort unten leben mochte.

  Als die kleine Lichtung vor ihm lag, gab Sander Vollschub und drehte das Höhenruder mit aller Kraft. Das Luftschiff fuhr über den Cerro Impacto hinweg, hob die Nase und stieg steil wie ein Düsenjet in den wolkigen Himmel.

  Sander ließ den Wolkenwald an der Steuerbordseite liegen und nahm Kurs nach Westen. Als er die Grenze überquert hatte und wieder über venezolanischem Gebiet fuhr, schaltete er die Funkanlage ein, ging auf Companyfrequenz und rief die Bodenstation. Sie meldete sich sofort, und er erkannte die Stimme des jungen Mannes aus dem Funkraum.

  „Wir hatten einen Unfall“, meldete er. „Frau Behring ist verletzt.“

  „Um Himmels willen“, sagte der Funker aufgeregt.

  „Holen Sie den Arzt“, befahl Sander.

  Wenige Sekunden später meldete sich eine andere Stimme. „Was ist passiert?“

  „Eine Bö hat uns gegen ein paar Bäume geworfen“, log Sander. „Wir sind gegen die Armaturen geknallt. Frau Behring hat sich die Nase aufgeschlagen. Sie hatte einen Schock und starke Schmerzen. Ich habe ihr Beruhigungspillen gegeben. Aus ihrer Tropenapotheke.“

  „Was für Pillen?“ fragte der Arzt.

  Sander versuchte sich zu erinnern. „Aus einer roten Packung“, sagte er dann. „Irgendwas mit BPW-X hundert oder tausend oder so.“

  „Wie viele?“ wollte der Arzt wissen.

  „Drei“, sagte Sander.

  „Dann wird sie eine Weile schlafen“, sagte der Arzt. „Schätzungsweise 48 Stunden lang. Ist die Atmung stabil?“

   „Ja“, sagte Sander. „Sie atmet ganz ruhig.“

   „Was ist mit der Nase? Gebrochen?“

   „Nein, ich glaube nicht. Die Blutung hat bald wieder aufgehört. Wahrscheinlich nur eine Prellung.“

  „Das Gefährlichste ist der Schock“, sagte der Arzt.

  „Ich bin in 90 Minuten da“, sagte Sander und griff automatisch nach den Gashebeln, aber sie waren schon bis zum Anschlag nach vorn geschoben.

  Mit dröhnenden Motoren donnerte das Luftschiff unter knapp 3000 Meter hohen Kumulonimben nach Westen. Argwöhnisch äugte Sander zu den riesigen Gewitterwolken, hoffend, sie würden ihre nasse Last noch so lange bei sich behalten, bis er gelandet war.

  Nach einer Viertelstunde sah er unter sich den Rio Cauaburi; blinkend reflektierte das bräunliche Wasser das Sonnenlicht. Die schwarze Wolkenwand schob sich langsam näher; besorgt versuchte Sander abzuschätzen, wann die Gewitterfront seinen Kurs kreuzen würde. Maria Behring schlief tief und fest; über der aufgeplatzten Haut auf ihrer Nase hatte sich schon etwas Wundschorf gebildet.

  Kurz darauf steuerte Sander das Luftschiff an den Kumulonimben vorbei nach Norden und atmete erleichtert auf. Als er sich umdrehte, sah er, wie sich die Wolken genau an der Stelle, über die er Minuten zuvor hinweggefahren war, entluden. Der Regen fiel in dichten Schleiern nieder.

  Sander griff nach Maria Behrings Hand und fühlte ihr den Puls; er schlug langsam, aber deutlich. Beruhigt konzentrierte sich Sander wieder auf seine Instrumente. Der Felsen von Cocuy war nur noch wenige Kilometer entfernt.

  Maria Behring seufzte im Schlaf und drehte den Kopf zur Seite. Sander beugte sich zu ihr und prüfte die Gurte. Dann stellte er die Füße wieder auf die Pedale, reduzierte die Geschwindigkeit und legte die Hände auf das Höhenruder.

  Der Flugplatz kam in Sicht. Sander schwebte 30 Meter über den letzten Baumwipfeln auf die Landebahn und steuerte auf die große schwarzweiße Flagge des Ground-crew-Chefs zu. Zu beiden Seiten der Gondel erschienen Männer, hängten sich an

die Aluminiumstange des Handlaufs und zogen das Luftschiff zu Boden, bis das Rad das Gras berührte und sich quietschend zu drehen begann. Eine halbe Minute später rastete die Feststellvorrichtung am Haltemast ein. Der Arzt riss die rechte Tür der Gondel auf. Hinter ihm standen zwei Männer mit einer Trage. Vorsichtig hoben sie Maria Behring von ihrem Sitz und betteten sie auf das Gestell. Dann brachten sie die Schlafende in die Krankenstation.

  Dr. Weber untersuchte Sanders Kopf. „Kommen Sie mit“, befahl er dann. „Das muss genäht werden.“

  Als seine Wunde versorgt war, nahm Sander die Disketten und die Kassetten aus den verschiedenen Geräten, brachte sie in Maria Behrings Wohncontainer, schloss die Tür sorgfältig ab, ging in seine Schlafkabine und legte den Schlüssel unter das Kopfkissen. Dann trank er ein Bier, ließ sich auf die schmale Pritsche fallen und schlief augenblicklich ein.

  Als Maria Behring erwachte, schien die Nachmittagssonne durch die halbgeöffneten Jalousien, und die Klimaanlage arbeitete auf vollen Touren. Sie benötigte einige Sekunden, um zu erkennen, wo sie sich befand. Dann tastete sie am Kopfende ihres Bettes umher, bis sie den Knopf der Rufanlage fand. Eine halbe Minute später stand Dr. Weber an ihrem Bett.

  „Guten Morgen“, sagte er. „Oder vielmehr guten Nachmittag. Wie fühlen Sie sich?“

  „Lassen Sie mich nachdenken, Doktor“, sagte sie. „Eigentlich ganz gut. Was ist passiert?“

  „Sie hatten einen Unfall“, sagte der Arzt. „Schlugen mit dem Kopf gegen das Armaturenbrett. Erinnern Sie sich nicht?“ Prüfend leuchtete er mit einer kleinen Stablampe in ihre Augen.

  „Doch, doch“, sagte sie schnell. „Wo ist Sander?“

  Dr. Weber zuckte mit den Schultern. „In seinem Zimmer, nehme ich an. Ich musste ihm versprechen, dass ich ihn sofort anrufe, wenn Sie aufgewacht sind. Er versucht schon seit gestern, zu Ihnen vorzudringen.“

  „Seit gestern?“ meinte sie erstaunt. „Wie lange bin ich denn schon hier?“

  „Sie haben 48 Stunden geschlafen“, sagte der Arzt.

  Sie schüttelte ungläubig den Kopf.

  „Ihr Pilot hat Ihnen BPW-XX-Hundert verabreicht“, erklärte der Arzt, „und zwar drei Stück.“

  „Der meint es ja besonders gut mit mir“, entfuhr es ihr. „Drei BPW-XX, das haut sogar ein Nashorn von den Hufen.“

  „Es hat Ihnen nicht geschadet“, sagte der Arzt lächelnd. „Im Gegenteil. Wie ich Sie kenne, hätte ich Sie sonst kaum so lange hier festhalten können.“

  „Allerdings, Doktor“, sagte sie und richtete sich auf.

                                                

 

 

 

 

 

 

 

 

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