;Liga-Pokal;Bundesliga-Sommerpause;Olli Kahn;Fußballsucht;

Mittwoch, 31. Juli 2013

In Sport-Wort RETRO zeigen Kolumnen aus früheren Jahren mit einem Augenzwinkern, was damals bedenkenswert erschien – und was sich inzwischen (manchmal) geändert hat. Heute eine Ausgabe vom 13.Juli 2001. Auch damals lauerten Fans sehnsüchtig auf den Beginn der neuen Bundesliga-Saison…

Beim Bundesliga-Finale war es so weit: Kanal endgültig voll! Erst Bayern, dann Schalke, dann doch Bayern, Haching raus, Pauli doch noch rauf, und das waren nur die letzten Minuten – so was hält doch kein Mensch aus!

Und was haben wir auch vorher schon erlebt: versemmelte Elfer, verpennte Schiris, verblödete Kommentare. Ärger, Stress & Frustration. Dazu jede Menge Hiobsbotschaften. Lügen, Pleiten,  Abzockerei. Vorher große Klappe, dann feiges Ballgeschiebe. Sicher geglaubte Punkte vergeigt. Lieblingsclub gescheitert. Kleiner Heimatverein abgestiegen. Jetzt ist Schluß damit!

Jedes Jahr zur Sommerszeit nehmen sich Millionen vor: Nie wieder werde ich mir von kurzbehosten Balltretern den Puls auf tausend Touren jagen lassen. Nie wieder werde ich mir samstags schon am frühen Nachmittag die Kurzen reinpeifen, weil ich sonst die Spannung nicht aushalte. Nie wieder werde ich wie ein Irrer vor dem Fernseher herumbrüllen, bloß weil so ein Klumpfuß nicht in der Lage ist, ein Plastikteil 100 Zentimeter weit über eine Kreidestrich zu schieben. Nie wieder werde ich meiner Frau das komplette Wochenende durch miese Laune versauen, nur weil irgend so ein bestußter Fliegenfänger von einem Torwart unter einer Flanke ins Nirwana segelte.

Der Vorsatz ist fest wie Eisenbeton: Nie wieder Fußball! Nichts sehen, nichts hören, und auch nicht mehr darüber reden. Mögen sich Charakterschwächere als ich diesen Unfug Zeit und Nerven kosten lassen – ich brauch das nicht.

Dann naht die neue Saison. Wirklich lachhaft, die plumpen Versuche dieser abgefeimten Fußballfunktionäre und ihrer journalistischen Hilfstruppen, Spannung zu erzeugen: Wer Meister wird? Da gibt’s wohl Wichtigeres auf der Welt. Nächstes Jahr WM? Und wenn schon! Zidane für 137 Mio.zu Real? Wahnsinn, hat doch mit Sport nix mehr zu tun!

Und erst dieser Liga-Pokal: Auch nur für die Doofen, die Teams sind doch gerade mal erst im Training! Man sieht es ja auch: keine Abstimmung, Kondition für siebzig Minuten, die Neuen noch gar nicht richtig integriert – obwohl: der Kracher von Marcellino, alle Achtung! Alves macht halb Leverkusen verrückt. Und dieser Deisler wird tatsächlich ein ganz Großer! Wollen aber doch erst mal sehen, wie sich die neue Hertha im Halbfinale gegen Bayern...

Rumms! Da ist es wieder – ich bin verloren. Der Kopf warnt schrill wie eine Fahrradklingel, aber das Herz ist ein Geisterfahrer und längst auf der Gegenfahrbahn aller guten Vorsätze. Selbstdiagnose: Fußballsucht. Was also tun?

 

In Neubrandenburg hat ein zuckerkranker Richter Produzenten von süßen Pausensnacks verklagt: Der 45jährige zieht sich jeden Tag Schokoriegel und Cola rein, jetzt fühlt er sich abhängig und will 10 000 DM Schmerzensgeld. Bombenidee. Meine Klageschrift ist fast fertig. Die wichtigsten Positionen:

Eine Mio. vom DFB für das WM-Quali-Nervenspiel im September gegen England.

500 000 DM von Bayern München, weil diese Vielfraße glatt zum 4. Mal in Folge Meister werden wollen.

250.000 DM von Borussia Dortmund, weil sie auf die Champions League einen 100-Mio.-Sturm loslassen.

200.000 DM von Oliver Kahn, weil er bestimmt auch diese Saison wieder irre Dinger rausholt.

100.000 DM von Gerald Asamoah, weil er nicht nur den Gegner, sondern auch das Publikum um den Verstand kreiselt.

Dazu 100.000 DM für jeden versiebten Elfer. 50.000 DM für jeden falschen Abseitspfiff. Und 10.000 DM für jede Minute, die das Spiel noch länger dauert, obwohl mein Lieblingsverein in Führung liegt.

Den richtigen Anwalt habe ich auch schon - Immanuel Kant! Der große Philosoph brandmarkte bereits vor 200 Jahren die gesundheitsschädlichen Komplikationen und Nebenwirkungen der Begeisterung: „Affekten und Leidenschaften unterworfen zu sein, ist wohl immer eine Krankheit des Gemüts, weil beides die Herrschaft der Vernunft ausschließt“ – und zwar, meine Selbstbeobachtung beweist es, ausnahmslos, lebenslang und unheilbar.

 

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