Kapitel 17: In der Goldenen Pagode

Freitag, 14. September 2012
„Es roch mal nach Fellen, mal nach Häuten und immer nach Pferdemist“: An der Alten Wage 1885. © Museum für Hamburgische Geschichte

Auch Kowalski fluchte, denn Onkel Johnny kam zwar pünktlich zum Treffpunkt vor die „Vier Löwen“, wollte aber unbedingt erst in die „Goldene Pagode“, bevor sie sich auf die Suche nach dem verschleppten Mädchen machten.

  „Vermaletrackt, wir haben keine Zeit“ sagte der Pole, „meine Schwester kann jede Stunde entehrt sein!“

  „Und mein Bruder tot!“ sagte Onkel Johnny, der meiner Vorhersage, Vater werde die nächsten zwei Tage kaum irgendwo auftauchen, nicht traute. Als er Kowalski berichtet hatte, worum es ging, und dass es nicht lange dauern würde, willigte der Husar schließlich ein, die eigene Sache zurückzustellen, „aber nur halbe Stunde!“

  Das weitere habe ich hauptsächlich von Kowalski, denn mein Onkel hatte ja immer viel zu wenig Zeit, mir groß was zu erzählen.

  Auf der Reeperbahn drehten tatsächlich noch Reepschläger ihre Schiffstaue, und an der Großen Freiheit döste eine eintönige Reihe schlecht gelaunter Häuser mit ein paar kümmerlichen Hökerläden vor sich hin, es roch mal nach Fellen, mal nach Häuten und immer nach Pferdemist. Es gab dort nur drei kleine Tanzlokale, in denen sich Kutscher und Bleicherknechte mit ihren Kaffeemietjes und Plätterinnen vergnügten, Harry Reuss-Löwenstein hat es ja so nett überliefert: Vormittags schallte nur der melancholische Ruf der Fischfrauen durch die öde Gegend, begleitet von einer fernen Drehorgel oder dem Geschrei von Schweinen, die irgendwo abgeladen wurden, und nachts schoben Seeleute ihre Düffeljacken breitschultrig ins Abenteuer, arme Kommissjungens ließen sich von ihren Kökschen freihalten, und Mädels zeigten mit ihren Poussierstengeln den Straßenmusikanten ihre Schottschen, Walzer und Öberpedder, dideldumdei. Die interessanteren Etablissements lagen am Spielbudenplatz: Die  „Central-Halle“ mit ihren erotischen Tänzerinnen, äußerst leicht geschürzt, aber immerhin noch so bekleidet, dass eine von ihnen ein paar Jahre zuvor jämmerlich verbrannte, als sie zu nahe an die Gasflamme geriet. Der „Concert-Saal zum deutschen Kaiser“ mit „Auftreten sämtlicher Spezialitäten aller Nationen in Gala-Kostümen.“ Dann das „Casino“, das „Gesangs-Institut internationaler Prägung“ der vaterländischen Schauspielerin Wiebke Führing, die als „Germania“ so zackig auftrat, dass sie später sogar eine Briefmarke zieren durfte. Oder Vogt's Singspielhalle, „täglich Concert-Vorträge von 8 Damen, die in eleganten Salon-Costümen auf der Bühne placiert sind, und 4 Komikern verschiedener Nationalität. Solis, Duette und gemischter Chor, unter Leitung des Musikdirigenten Jul.Martens. Entree gänzlich frei. Kein Programmzwang, kein Sammeln.“

  Überall tippelten sich Amüsiermädchen die Füße wund. An der Davidswache spielte ein winziges Mädchen auf einem Spielzeugxylophon „Tomorrow we dance“. Die Kleine war keine vier Jahre alt, und ihre arme kleine Seele hatte nichts anderes zum Festhalten als nur das Brausen der nächtlichen Stadt.

  An der Davidstraße durften die Herren mittanzen, wobei sie allerdings denn doch den Hut abnehmen mussten, den sie hier ansonsten lieber aufbehielten, denn wie schnell war so ein gutes Stück gemopst! Alle Tanzlokale, ob „Goldner Engel“, „Adler“ oder „Vier Löwen“, bedienten die Kundschaft nach dem gleichen System: Wer sich mit seiner neuen Braut einig war, ging mit ihr zu Kaffee oder Kuchen aufs Zimmer. Aus der Dachluke hing eine Fahne, sobald geöffnet war. Die Nachtschwalben durften auch schon einladend vor der Tür herumflattern, aber nur in einem abgetrennten Bereich hinter einem Eisenzaun, so viel Anstand musste denn doch sein.

  An diesem Zaun hatte Kowalski nichtsahnend festgemacht, doch als die Tauben allzu angriffslustig girrten, von wegen „Na, Schatzi, du starker Husar, wie ist es denn mit uns beiden“, da verzog er sich um die Ecke.

  „Chinesen?“ fragte er missmutig, als Johnny die kleine Planänderung bekannt gab.

  „Triaden“, klärte ihn Onkel Johnny auf. „Nennen sich 'Little Dragon'.“

  „Soll ich mit rein?“

  „Hast du Angst? Dann gehe ich allein.“

  Der Husar machte sich noch einen halben Kopf größer.

  Onkel Johnny lächelte. „Ist ganz gut, dass du dabei bist, die Triaden legen sich mit Soldaten nicht gern an, in China kommt dann immer gleich die ganze Armee.“

  Die „Goldene Pagode“ am Circusweg überragte die Attraktionen des Rummels, Achtbahn, Teufelsrad, Hexenschaukel, Cake-Walk oder Tobogan, die Pferdebahn, die Karussells und das Panoptikum mit ihren Schlangenmenschen, Seejungfrauen und schwebenden Bajaderen wie eine Mutter ihre Kinder. Es war wirklich ein imposantes Bauwerk, die hölzernen Dachkränze um den achtstöckigen Mittelpfeiler waren auf der Elbe so weit zu sehen wie die kupferne Turmkuppel des Michel, und den Matrosen fiel beim Landgang die Wahl nicht schwer: Mochten sie in den Stürmen auf See, die Stahlklammerfäuste in braver Faltung, inbrünstig Gebete gemurmelt haben, an Land war jedenfalls erst mal wieder die Sünde dran.

 In dem halbdunklen, von Zigarrenrauch bläulich eingenebelten Tanzsaal führten reizend kostümierte Mädchen gepfefferte Kurzfassungen chinesischer Opern vor. Die Bar schenkte Getränke aus, von denen die meisten Besucher noch nie gehört hatten. Auf der dunklen Tanzfläche wiegten sich unternehmungslustige Mädchen mit noch unternehmungslustigeren Kurzzeitkavalieren, und aus schummerigen Separées führten verschwiegene Stiegen in noch verschwiegenere Kämmerchen. In dem verwinkelten Kellerlabyrinth warteten Spielsäle und Opiumhöhlen, hinter eisernen Türen, zu denen sich bei Razzien niemals ein Schlüssel fand. Die allergeheimsten Genüsse kannte kein Polizeibericht.

  Aus dem überfüllten Saal drang Stimmengewirr, das übliche Weibergekreisch und Männergrölen, doch als Onkel Johnny und Kowalski durch die Perlenschnüre tauchten, wurde es schlagartig still.

  „Aha“, sagte Kowalski. „Das ist wohl die berühmte Ruhe im Paff!“

  Zecher, Freier und Rausschmeißer bestaunten den Soldaten mit dem großen Säbel. Ein paar bullige Drachen, finstere Gestalten mit brutalen Gesichtern, bauten sich vor ihm auf. Onkel Johnny sagte ein paar Worte in Mandarin, und einer der Saalwächter verschwand hinter der Bar.

   Der Anführer der „Little Dragon“ wurde von seinen Leuten ehrfurchtsvoll „Meister der fünf Tugenden“ genannt, denn er verstand sich auf Mädchenhandel, Menschenraub, Verstümmelung und Folter ebenso so gut wie auf Mord. Aus dem Munde der von ihm stillschweigend verachteten, weil höherer Weisheit und wahrhaft erlesener Höflichkeit durchweg unkundigen Europäer genügte ihm indes die Anrede „Mister Tai-Tai“, was so viel wie „Gebieter“ bedeutet. Von seinem kleinen Greisenschädel waren die Haare längst desertiert, die schmalen Augen lagen in einem Labyrinth von Falten, der Kiefer hielt nur noch zwei Zähne fest, und die dünnen grauen Bartenden hingen wie Speichelfäden auf den Schildkrötenhals herab. Er war fast hundert Jahre alt und schon nach Hamburg gekommen, als noch Old Naps Franzmänner unsere schöne Stadt kujonierten.

  Als der uralte Chinamann hörte, eine der verachteten Langnasen spreche, wenn auch schlecht und lückenhaft, Mandarin, war sein Misstrauen glockenwach, und sein scharfer Geist erfasst sogleich die Notwendigkeit, sich ein genaues Bild von den Absichten und Fähigkeiten dieses offenbar mit dem Reich der Mitte vertrauten Weißen zu machen. Dass der Besucher einen Soldaten im Schlepptau hatte, war allerdings unverzeihlich, doch darüber konnte man sich später noch mit ihm entzweien. Als Mister Tai-Tai hervortrat, verbeugte sich Onkel Johnny und legte wieder auf Chinesisch los, aber nach einer Weile schlug der Alte höflich vor, sich auf Deutsch zu unterhalten, und Onkel Johnny begann ungefähr so: „Verzeiht mir die Kühnheit, Euch uneingeladen aufzusuchen, ehrwürdiger älterer Bruder. Ich komme, Euren Rat zu erbitten, denn ich hörte, dass Ihr ein weiser Mann seid, ein Lehrer der Philosophen und Großvater kluger Gedanken.“

  Der alte Chinese lächelte und antwortete: „Man sollte einsam sich im Geist des Herbstes bilden; im Geist des Frühlings mit den anderen leben. Willkommen im Palast der tausend Genüsse, Hochwürdigster! Hier wachen die Freuden, hier schlummert der Zorn. Erweist mir die Ehre, meine geehrten Gäste zu sein! Dieses bescheidene Haus sei das Eure, und meine Töchter werden Euch alle Wünsche erfüllen.“

  Er klatschte in die Hände, sogleich traten ein paar der berühmten mandeläugigen Schönen aus dem Dunkel der Nischen, ganz gewiss keine Töchter, sondern frühestens Urenkelinnen, und führten die beiden in das größte Separee, das für die ganz geldschweren Geschäftsleute reserviert war.

  Kowalski behielt die Rausschmeißer im Blick und den Säbelgriff in der Hand. Wohl versuchte er, seinem Gesicht einen betont gleichmütigen Ausdruck zu geben, aber die Augen ließen keinen Zweifel daran, dass er bei der geringsten Gefahr als erstes dem alten Chinesen den Kopf von den Schultern hauen würde.

  Nach weiterem asiatischen Höflichkeitsgefloskel kam Onkel Johnny zum Thema: „Ehrwürdiger älterer Bruder, ich besitze eine gewisse Köstlichkeit, nicht mehr als fünfzig Pfund zwar, eine wirklich bescheidene Menge, jedoch in reinstem Zustand, und jedenfalls viel zu viel, um allein darüber zu verfügen. Es wäre mir eine Ehre und Freude, Euch diese unbedeutende Menge für immer zu übereignen. Indes gab es ein Missverständnis mit einem Bruder, der offenbar ebenfalls die Absicht verfolgt, sich an Euch zu wenden.“   Der Meister der fünf Tugenden nickte verständnisvoll und erwiderte: „Glücklich ist, wer genug Geld besitzt, um anderen zu helfen, und genug Gelehrsamkeit, einem Freund freimütig und aufrichtig Ratschläge zu erteilen. Meine unbedeutende Winzigkeit würde es niemals wagen, etwas zu begehren, das sich im Besitz Eurer Herrlichkeit befindet, Hochwürdigster, so wenig wie einem Lamm nach der Beute gelüstet, die in den Pranken des Tigers ruht. Doch wenn Ihr in Eurer Großmütigkeit unsere bescheidene Hilfe annehmen wolltet, würdet Ihr einen alten Mann sehr glücklich gemacht haben. Auch gibt es ja Dinge, die so ungesund, ja gefährlich für Leib und Leben sind, dass der Unkundige sie gern loswerden möchte. Und in diesem Punkt verfügen wir über eine gewisse Erfahrung. Die Harmonie der göttlichen Ordnung darf niemals gestört werden.“

  Onkel Johnny verbeugte sich wieder und antwortete: „Eure Weisheit ist nicht genug zu bewundern, Ehrwürdigster, und gern nähme ich diese Eure Großzügigkeit in Anspruch, wenn sich die glücklichen Folgen nicht nur auf den Handel beschränkten, sondern außerdem Eure großmütige Sorge um die Unversehrtheit meines unglücklichen Bruders einschlössen.“

  Der Meister der fünf Tugenden verbeugte sich noch etwas tiefer und säuselte: „Junge Leute sollten die Weisheit des Alters und Alte das Herz der Jugend besitzen. Leider besitzt meine unbedeutende Winzigkeit keinerlei Einfluss auf den Gang der Geschehnisse. Was rettet den Irrenden, dessen verborgenen Pfad keine glücklichen Sterne erleuchten? Wenn unser bescheidener Wunsch, das schädliche und zudem völlig wertlose Besitztum, wie Ihr selbst es nanntet, zur alsbaldigen Vernichtung in unsere dankbaren Hände zu nehmen, nun doch nicht erfüllt wird, so könnte daraus gewaltiges Unheil entstehen. Die göttliche Ordnung darf nicht gestört werden. Nehmt es nun jedoch als erstes Zeichen meiner Ergebenheit, wenn ich Euch nunmehr mitteile, dass einige portugiesische Hundesöhne bereits nach Euch fragten. Ihr Schiff musste wohl nach einem Unglück in die Werft, und sie scheinen sich darüber mit Euch besprechen zu wollen. Möge ihnen der Darmwind der Götter mit höchstem Druck in die weit geöffneten Nüstern fahren!“

  Mein Onkel konnte seine Überraschung nicht ganz verbergen. „Mit den Portugiesen verbinden mich Ereignisse, die nichts mit unserem Gespräch zu tun haben, ehrwürdiger älterer Bruder, so dass dieses ganz unter uns bleiben kann.“

  Der alte Chinese nickte lächelnd und schlug mit einladender Geste vor, sich, falls alles Notwendige besprochen sei, nunmehr mit den gastlichen Töchtern zu erquicken: „Ein alter Dichter sagt, das Leben wäre nicht wert, gelebt zu werden, wenn es den Mond nicht gäbe, keine Blumen und keine schönen Frauen.“

  Onkel Johnny kannte zufällig den zweiten Teil des Zitats und fügte hinzu: „Auch nicht Pinsel und Papier, das Schachspiel und den Wein.“ Da lächelte Mr.Tai-Tai anerkennend und vollendete: „Und keine Helden und keine Dichter.“

  Onkel Johnny und Kowalski erhoben sich und traten den geordneten Rückzug an, misstrauisch beäugt von den Rausschmeißern, die sich die üblichen undurchdringlichen chinesischen Mienen aufsetzten, aber erkennbar schon mal die Gesichter der beiden tief einprägten: Man würde sich zweifellos wiedersehen.

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