Der Untergang von Ninive

Montag, 5. August 2013

Das Wort vom Sonntag

Der Katholische Medienpreis geht dieses Jahr an die Autorinnen von Reportagen über die Opfer des Massakers auf der norwegischen Insel Utøya (Print) und Ausschreitungen von Soldaten in der Zentralafrikanischen Republik (Elektronische Medien). Im vergangenen Jahr gewannen Autoren von Reportagen über ein Flüchtlingslager in Kenia und über abgelehnte lettische Asylbewerber. Die dramatischen Christenverfolgungen vor allem in arabischen und asiatischen Ländern sind für die katholischen Medienpreisverleiher bisher kein Thema.

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Weiter in „Zu Fuß von Passau nach Jerusalem“ von Friedrich Schröger (1931-1994). Der Neutestamentler, 1959 zum Priester geweiht und seit 1971 Professor in Passau, unternahm Pilgerfahrten auch nach Rom, Santiago de Compostela, Tschenstochau und andere Orte. Über die Strapazen auf dem Weg durch eintönige Landschaften nach Antiochia in Pisidien schreibt er: "Das Beten ohne Worte, das innere Gebet des Herzens, z.B. das sogenannte Jesus-Gebet, das ständig sich wiederholende Herzensgebet: 'Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner' - unter dem Abt Hesychios in der Ostkirche schon im 7. und 8.Jahrhundert geübt - hilft hier enorm in die Innerlichkeit zu kommen bzw. dem aufkommenden Stumpfsinn in der Ausgesetztheit solcher einsamen Wege zu wehren. Menschen, die auf eine gewisse Technik auch in solchen inneren Dingen Wert legen, mögen darauf achten, daß sie die erste Hälfte des 'Herr Jesus Christus' beim Einatmen sprechen und die zweite 'erbarme dich unser' beim Ausatmen.“

Dazu Romano Guardini: "Alles Beten beginnt damit, daß der Mensch still wird, seine verstreuten Gedanken zusammenholt, seiner Schuld in Reue inne wird und sein Gemüt auf Gott richtet. Tut er das, dann öffnet sich ihm der heile Raum; nicht nur als Bereich seelischer Stille und geistiger Sammlung, sondern als etwas, was von Gott kommt. Wir bedürfen dieses Raumes stets, besonders aber dann, wenn die Erschütterungen der Zeiten besonders groß sind. Leider läßt sich der Mensch durch die Betriebsamkeit des äußeren Lebens zu leicht von dieser Ruhe abdrängen. Gerade aber zu diesen Zeiten wäre vom Menschen eine besondere Tapferkeit verlangt; nicht nur die Bereitschaft, mehr zu entbehren und Größeres zu leisten als sonst, sondern in einer Ortlosigkeit auszuharren, um sich in seinem Wesen tief drinnen wieder zu finden."

Im Nachwort zu Schrögers Buch schreibt der Fundamentaltheologe Lorenz Wachinger unter Hinweis auf Walter Nigg: "Der Mensch muß sich als einer empfinden, der unterwegs ist, solange er lebt; besonders der Christ weiß, daß seine Heimat nicht hier auf der Erde ist, daß er seine Heimat, sein Ziel erst sucht und daß sein ganzes Leben der Weg zu diesem Ziel ist. Und das stellen die Pilger mit ihrem Leben dar, die ihre Heimat verlassen und nach einem Ziel, sei es Jerusalem oder Rom oder Santiago, unterwegs sind." - "So ist also der Mensch: Er kann nicht im Eigenen bleiben, muß einen langen Weg gehen, Kampf und Läuterung bestehen, und so zu sich selbst, zu den anderen in die Heimat kommen." - "Solange wir Menschen sind, ist unserer Lebensreise die Richtung auf den Tod zugewiesen, als unser gewissestes Schicksal; und wir tun gut daran, unser Eingebundensein in die Zeit, ins Älterwerden und in alle Veränderungen nicht zu verdrängen. Vielmehr ist uns ein großer Weg, den wir selber gehen, oder den wir miterleben im Erzählen oder Lesen, ein Anlaß, unseren eigensten Seelen- und Lebensweg zu betrachten und zu meditieren, damit wir ihn bewußter gehen, da wir ihn doch gehen müssen."

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Wahrheit ist ein Hauptwort aus Gottes Schöpfungsbefehl.

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Morgen begeht die Kirche den Tag der Verklärung Jesu auf dem Tabor. Erhart Kästner (1904-1974) sieht das Ereignis in seiner „Stundentrommel vom heiligen Berg Athos“ als vorweggenommene Auferstehung, denn „beides sind Augenblicke, in welchem Christus in seinem Eigentlichen erscheint. Nur die Zeit trennt die beiden verschiedenen Male, also nichts, da es ja gerade die Zertrümmerung der Zeitlichkeit ist.“ Und: „Wenn anders Verklärung der Durchbruch des Eigentlichen durchs Schemenhafte, des Lebendigen durch den Schatten, des Geliebten durchs Ungeliebte und die Ankunft des Langerwarteten ist, so weiß jeder, dass solche Momente es sind, um derentwillen wir leben. Verklärung ist Durchschein des Urbilds. Das wird von jedem Geborenen erhofft.“ Kästner, einst Sekretär Gerhart Hauptmanns und Kriegsfreiwilliger mit Einsätzen in Griechenland und Nordafrika, wird später Direktor der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel und ein beliebter Schriftsteller der Nachkriegsjahre. Sein bekanntestes Wort ist das weit verbreitete Nachkriegsmotto „Über das Dunkle ist zu schweigen“, das auch Lehrer und Lehrstoff beeinflusste: Bis weit in die sechziger Jahre endete der Geschichtsunterricht in der Bundesrepublik gewöhnlich im August 1914. Im Zweiten Weltkriegt war Kästner auf Wunsch des Reichsministeriums für Propaganda und Volksaufklärung freigestellt, um für die „kämpfende Truppe“ Bücher über Griechenland zu verfassen. Im 1943 erschienenen Band „Griechenland“ verherrlicht er den Sieg der nordischen Deutschen als die Rückkehr der arischen Rasse in das angestammte Südland. Die Nachkriegsauflagen mussten von schlimmen Ausfällen gesäubert werden. Es ist ein weiter Weg von der verbrecherischen Rassenideologie der Nazis zum christlichen Glauben. Die „Stundentrommel“ erschien 1956.

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Zum Gedentag des hl. Dominikus (um 1170-1221): Als er Franz von Assisi besucht, umarmen die beiden Heiligen einander und sprechen während der gesamten Begegnung kein einziges Wort: Sie teilen sich ihr Leben mit, ohne etwas zu sagen. „Magnificat“ dazu: „In ihrem Schweigen haben sie einander ganz an- und aufgenommen."

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Zitate Edith Steins zum Gedenktag der Heiligen am Freitag,

"Gott ist die Wahrheit. Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht."

"Was wir von uns erkennen, auch von unseren Fehlern und Vergehen, ist nur die belichtete Oberfläche. Die Tiefe, woraus sie kommen, ist weitgehend auch uns selbst verborgen. Gott kennt sie und kann sie reinigen."

"Wir müssen uns ohne Sicherung in die Hände Gottes legen; umso tiefer ist die Geborgenheit."

"Ihr sollt sein wie ein Fenster, durch das Gottes Güte in die Welt hineinleuchten soll."

„Wer gesammelt in der Tiefe lebt, der sieht auch die kleinen Dinge in großen Zusammenhängen.“

„Was Gott von dir will, das musst du Auge in Auge mit ihm zu erfahren suchen.“

Vor 71 Jahren erlitt sie in den Gaskammern von Auschwitz ihr Martyrium. Die letzten Verse aus einem von ihr gedichteten Hymnus

  "Doch die du auserwählt dir zum Geleite,

  dich zu umgeben einst am ewgen Thron,

  sie müssen hier mit dir am Kreuze stehn,

  sie müssen mit dem Herzblut bittrer Schmerzen

  der teuren Seelen Himmelsglanz erkaufen,

  die ihnen Gottes Sohn als Erbe anvertraut."

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Am 30.Dezember 1934 schreibt Thomas Mann in sein Tagebuch über die Zukunftsaussichten der katholische Kirche: „Sie hat nun einmal das ‚Geistige‘ als Prinzip der Sittigung in populärer Verwaltung: als Tröstung der Niedrigkeit und Beugung des Stolzes.“

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Der Monotheismus Echnatons und Nabonids scheiterte als theologische Revolution in den Großreichen Ägypten und Babylonien, führte aber über einige befreite Sklaven zu drei Weltreligionen. Gott schickt seinen Sohn nicht als Prinzen in einem Palast, sondern als Kind einer kleinen Handwerkerfamilie auf dem Lande zur Welt. Die Apostel stammen wie die allermeisten Märtyrer und anderen Heiligen aus dem Volk. Das Christentum war nie die Religion der Mächtigen, auch wenn die Kirchengeschichte Fälle von Machtmissbrauch kennt. Und auch heute darf sich das Christentum nicht durch Nähe zur Macht kompromittieren: Es ist immer die Stimme der Opposition, auch wenn viele sie lieber an der Regierung sähen.

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Corelli, Concerto grosso op.6 Nr.9 F-Dur: Die fröhliche Musik taugt so recht zur Entspannung und Ablenkung. Sie hüllt das Denken in Watte und füllt Honig ins Fühlen. Samt für die Seele.

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Ariost, "Orlando furioso" XVII/5 über Attila und andere Gottesgeißeln:

  "Gott willigt ein, daß wir von einer Bande,

  Die Böses mehr vielleicht als wir getan,

  Für unsre Bosheit, Ungebühr und Schande

  Ohn End und Ziel, jetzt Züchtigung erfahn." 

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Vor 2625 Jahren, am 10. August 612 v. Chr., wird Ninive als dritte und letzte Hauptstadt Assyriens nach Assur und Nimrud von den Medern und Babyloniern zerstört. Jona hat der stolzen Metropole die Vernichtung angedroht, nachdem ihn der Wal ausgespuckt hatte, Gott sie aber doch noch einmal verschont. Dann kommen Meder und Babylonier. Sie belagern Ninive zwei Jahre lang, dann reißt ein Hochwasser des Tigris eine Lücke in die unbezwingliche Stadtmauer. Ihr legendärer Gründer ist Nimrod, der einst auf dem Turm von Babel einen Pfeil in den Himmel schoss.  


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