Kap. 11: Caligo

Montag, 5. August 2013

III. Caligo

 

Die Dämmerung dauerte nur drei Minuten. Dann war auch der letzte Widerschein des gewaltigen Gasballs, der alles Leben auf dem blauen Planeten erzeugt und erhält, hinter dem Horizont verschwunden, und die tropische Nacht begann eine neue Regentschaft, die am Äquator auf die Sekunde genau so lange dauert wie die des Tages. Diejenigen unter den vielen Geschöpfen des Waldes, die für ein Leben im Licht geschaffen waren, zogen sich nun in den Schutz ihrer vielgestaltigen

Schlafplätze zurück: der Montezuma-Stirnvogel in sein Nest, das wie ein Volleyball an einem Strang aus Bast eineinhalb Meter tief unter dem höchsten Ast eines Topffruchtbaumes hing; die Baumtermite in ihren betonharten Bau in der metertiefen Astgabel eines mächtigen Wollbaumes; der buntschillernde Morphofalter in seine winzige Höhle unter der Rinde einer breitbeschirmten Combretacea; der Kahlkopfuakari mit seinem roten, wie gehäutet wirkenden Monstergesicht auf sein geselliges Ruhelager im dichten Geäst eines riesigen

Hülsenfrüchtlers. Sie alle hatten die Stunden des Tages genutzt, um Nahrung aufzunehmen, ihre sozialen Bindungen zu pflegen, ihre Instinkte weiter zu schärfen und auch alles andere zu tun, was der Erhaltung und dem Vorankommen ihrer Art im weltumspannenden Konzert der zahllosen Organismen förderlich war, dem Schöpfer und seinem blinden Famulus zu Gefallen, den die Menschen Evolution zu nennen sich angewöhnt haben.

  Statt ihrer betraten nun jene Tiere die Bühne des Wolkenwaldes, die dazu ausersehen waren, ihr Dasein im Dunkel zu führen. Der Nachtaffe kletterte gähnend aus seiner Baumhöhle und sammelte das schwache Restlicht in den Glaskörpern seiner überdimensionierten Augen, die es ihm gestatteten, auch noch bei fast völliger Finsternis mit unfassbarer Flinkheit durch die Wipfel der Kronenregion zu jagen. Der Tropenwaldkauz schwirrte in ersten, noch etwas ungelenken Probeflügen auf seinen gewohnten Luftwegen durch die Wipfel; bald würde seine Muskulatur geschmeidig genug

sein für eine elegantere Bahn und schärfere Manöver, ohne die den schnellen Leguanen und anderen Baumechsen keinesfalls beizukommen war. Langzüngige Fledermäuse folgten dem Duft der Blüten am Stamm eines Kalebassenbaumes, die mit dem Aroma reifen Camemberts lockten, krallten sich an die zwölf Zentimeter hohen Kelche und flatterten dann mit Pollen im Pelz zum nächsten Wirt, um als unbewusster Bote der Befruchtung die genetische Partnerschaft zweier Pflanzen zu besiegeln.

  Die Ablösung der taglebenden durch die nachtlebenden Arten vollzog sich mit der routinierten Reibungslosigkeit eines Schichtwechsels in einer großen Fabrik. Schon nach wenigen Minuten waren alle frei gewordenen Räume bis zu den kleinsten ökologischen Nischen von neuen Nutzern besetzt. Das Leben in seiner nächtlichen Form, das nicht mehr des Lichtes, wohl aber noch der nur langsam weichenden Wärme bedarf, entfaltete sich im Wolkenwald zu besonderer Fülle, so, wie es eines Paradieses würdig war.

  Wolkenfänger saß mit Mutter, Schwester und Großvater vor seiner Hütte und blickte zu den Sternen empor, die in der mond- und wolkenlosen Nacht hell wie die Fackeln frommer Prozessionen brannten. Sein Herz war frei von Furcht, denn der Axtbrecherbaum stand fest wie je, das Palmendach war frisch gedeckt, und die Volieren der Schlaflosen Wächter hingen an ihren Plätzen; bald würden die Menschen des Paradieses sich zur Ruhe betten, sorgenlos, reinen Herzens und ohne Furcht vor dem morgigen Tag.

 *

800 Meter über den Wipfeln der Bäume zog das Luftschiff seine Bahn durch die Nacht. Die Positionslichter waren gelöscht, die Funkverbindung abgeschaltet. Sander hatte das Nachtsichtgerät wieder abgesetzt; der Mond versteckte sich zwar noch immer im Schatten der Erde, aber da keine Wolken am Himmel standen, reichte das Licht der Sterne aus, den Weg über den Dschungel tief unter ihnen zu finden.

  Maria Behring beobachtete Sander nachdenklich von der Seite. Seit ihrem Start vor einer knappen Stunde hatten sie kein Wort gewechselt. Nachdem sie den weißen Mann auf dem Monitor gesehen hatten, hatte es keinerlei Diskussion mehr über das gegeben, was nun zu tun war. Es schien, als treibe sie nur noch ein und derselbe Gedanke: das Rätsel des Wolkenwaldes und seiner Bewohner zu lösen. Je länger Maria Behring darüber nachdachte, was genau sie eigentlich zu dieser Entscheidung bewogen hatte, desto sicherer wurde sie, dass es ihr wissenschaftlicher Ehrgeiz allein nicht gewesen sein konnte; es war, als habe eine tiefe Sehnsucht von ihr Besitz ergriffen, eine Sehnsucht nach Erkenntnissen, die ihr die zivilisierte Welt nicht zu vermitteln vermochte. Mehr und mehr wurde sie sich darüber klar, dass sie nach etwas suchte, was tiefer reichte als das Wissen, das durch Studium und Forschung zu erwerben war; dass sie mehr über das Leben erfahren wollte, als aus Büchern oder elektronisch gewonnenen Informationen erlernt werden konnte; dass sie auf dem Weg in eine Welt war, die nicht nur mit den fünf Sinnen, sondern mit den Gefühlen des Herzens und den Sehnsüchten der Seele entdeckt werden wollte, eine Welt, die sich nicht der Neugier, sondern allein dem Glauben erschloss, deren Entdeckung aber Suchende zu Sehenden, Ahnende zu Wissenden und Zweifelnde zu Überzeugten machen würde. Niemals hatte sie gedacht, dass sie einmal so fühlen würde.

  Auch Sander hing ungewohnten Gedanken nach. Ihn trieb nicht Neugier und noch weniger Ehrgeiz, sondern ein plötzliches Gefühl von Verantwortung. Die Art, in der er sein Leben gelebt hatte, schien ihm auf einmal töricht und schal. Er empfand seine bisherige Zeit auf der Erden deutlich als eine bloße Ansammlung von Tagen, alle geprägt von nichts anderem als einer kleinlichen Sorge um die materiellen Aspekte der eigenen Existenz, mit Plänen nur für den nächsten Tag, abgeschmackten Vergnügungen und von einigen Freund- und Liebschaften, die ihm weder Träume noch Tränen beschert hatten. Schon lange war ihm klar, dass er sein Leben vertat, dass er keine Familie, keine Kinder, keine Menschen besaß, denen er etwas bedeutete oder um die er sich sorgte. Sicher, es war nicht seine Schuld, dass ihn das Leben so umhergeworfen hatte, und vielen anderen seiner Generation ging es im beginnenden Alter nicht besser. Einmal entwurzelt, hatte er viel zu wenig getan, um seinem Leben wieder Grund zu schaffen. Nach seinem Tod würde er schnell vergessen sein, und nichts würde von ihm zurückbleiben

Als ein paar Liter Wasser, ein paar Pfund Humus und ein paar Mineralstoffen. Nun aber gab es doch noch einmal die Chance, etwas zu tun, das den Einsatz wert war; nicht zu seinem Ruhm, sondern zur Rettung seiner überaus schlappen Rolle als Mitglied der Menschheit, die bisher vergeblich auf einen nützlichen Beitrag wartete, und als Kind der Schöpfung, die er bewunderte, auch wenn er an einen Schöpfer schon lange nicht mehr so recht glaubte. Er würde mithelfen, das Rätsel des Wolkenwaldes und seiner Bewohner zu lösen, und alles tun, diese Menschen zu beschützen. Das war der Gedanke, der ihn bewegte. Er wusste, dass ihn nur noch dieses eine Ziel davor bewahren konnte, seine Existenz mit der Frustration eines nutzlosen und überflüssigen Individuums zu beschließen.

   Von solchen Gefühlen angespornt, hatten Maria Behring und Sander keine Sekunde gezögert, hatten die Geräte wieder in die Gondel gebracht, das Luftschiff mit dem Spürgerät sorgfältig nach Wanzen abgesucht und dann eine Mitteilung für Oberst Gomez aufgesetzt, in der von Forschungen an den Quellen des Rio Manipitari die Rede war, die 200 Kilometer nordöstlich einem flacheren Teil des großen Guayanaschildes entspringen. Sie hatten alle Aufzeichnungen und auch Maria Behrings Computer mitgenommen.

  „Alles, was wir über den Wolkenwald wissen, ist jetzt hier“, sagte sie. „Wenn wir abstürzen, geht es mit uns unter.“

  „Wir stürzen nicht ab“, sagte Sander. Er lauschte dem monotonen Dröhnen der Motoren und schielte zu ihr hinüber. Sie hielt gerade ein Feuerzeug unter einen Weinkorken, um sich die Verbrennungsrückstande auf Stirn und Wangen zu reiben. Ihr blondes Haar war ganz unter dem Helm mit dem Nachtsichtgerät verschwunden. Als sie ihr Gesicht genügend geschwärzt hatte, zündete sie das Feuerzeug wieder an und reichte Sander den Korken mit neuem Ruß. Ungeschickt begann er sich zu beschmieren. Nach einigen Sekunden nahm sie ihm den Korken aus der Hand und vollendete das Werk.

  Es war schon Mitternacht, als sie den Wolkenwald erreichten. Die Anzeige signalisierte Stärke und Richtung des Windes; er blies mit 1,6 Metern pro Sekunde aus Nordnordost. Sander steuerte um den westlichen Rand des Kraters nach Norden, bis der Kegel des Vulkans exakt in Windrichtung lag. Dann pumpte er Luft in die Ballonetts, schaltete die Motoren ab und ließ das Schiff von der leichten Brise nach Südwesten treiben.

   Die Sterne begannen zu flackern und dann nacheinander zu verlöschen. Sander zeigte nach oben. Sie sah die Wolken und nickte zufrieden.

   Zehn Minuten später erkannte sie vor sich große Bäume, die etwa achtzig Meter vor dem Vulkankegel standen. Sie fuhren langsam über sie hinweg. In ihren Infrarotgeräten erkannten sie zahlreiche Brücken und Hochwege, aber keine Hütten. Maria Behring zeigte auf einen Aguanobaum. Sander nickte und blickte prüfend auf Kompass und Höhenmesser. Langsam trieb das Schiff über die hohen Kronen hinweg. Minuten später kam der südliche Rand des Kraters in Sicht. Als sie ihn überflogen hatten, startete Sander die Motoren, drehte das Schiff und fuhr einen Bogen. Als sie wieder zu dem Aguano kamen, schaltete er die Motoren ab und ließ das Schiff langsam treiben, bis sie an den Baum kamen. Sander fuhr die Festhaltevorrichtung am Bug aus. Mit einem leichten Ruck erreichte das Schiff Tempo Null, und der Mechanismus schloss sich fest um die Rinde.

  Maria Behring löste ihre Gurte, kletterte von ihrem Sitz und nahm den schweren Batterietornister für das UV-Gerät auf den Rücken.

  „Von jetzt an nur noch Helmfunk“, sagte sie, setzte das Mikrophon in Betrieb und flüsterte: „Hören Sie mich?“

  „Klar und deutlich“. Auch Sander nahm sein Infrarotgerät auf. Dann folgte er ihr in den Korb. Sie öffnete die Luke unter der Gondel und lenkte die Kohlefaserkonstruktion mit der Handsteuerung schräg nach unten. Mit einem leichten Schaben schlössen sich die Krallen um einen fast einen halben Meter dicken Ast.

  „Wird das halten?“ hörte Sander sie in seinen Kopfhörern fragen. Im Okular des Infrarotgeräts sah sie wie ein grünes Gespenst aus.

  „Ja“, sagte er.

  Sie stieg aus dem Korb, balancierte über den Ast zu dem Hochweg, kletterte über das Lianengeländer und ging zwanzig Meter in nördliche Richtung.

  „Wie ist die Verständigung?“ fragte sie dort.

  „Könnte nicht besser sein.“

  „Worauf warten Sie dann noch?“

  Vorsichtig hob Sander erst das rechte, dann das linke Bein über den Rand des Korbes und hielt sich an einer Verstrebung der Hydraulik fest, bis er festen Stand auf dem Ast hatte. Dann balancierte er mit ausgebreiteten Armen zu dem Geländer. Aufatmend hielt er sich an den Lianen fest.

  „Na, sehen Sie!“ hörte er sie aufmunternd sagen. „So schwer ist das doch gar nicht. Sie werden hier oben bald genauso herumspringen wie die Indianer.“

  „Das glaube ich kaum. Ich habe Höhenangst.“ Er spürte, dass ihm der Schweiß über den ganzen Körper lief.

  „Gütiger Himmel“, sagte sie betroffen, und Sander konnte sehen, wie die grüne Figur 20 Meter vor ihm mit den riesigen Okularen unter dem Helm und dem seltsamen Kasten auf dem Rücken den Kopf schüttelte. So wird es aussehen, wenn die grünen Männchen wirklich mal auf unserem Planeten landen, dachte er.

  „Meine Güte! Und ich habe Sie damals zum Spaß auf diesen 70 Meter hohen Wollbaum genötigt!“

  „Das war vielleicht der erste Schritt, mir den Quatsch abzugewöhnen“, scherzte er hohl.

  „Wieso sind Sie damit überhaupt Flieger geworden?“

  „Damals wusste ich das noch nicht. Merkte das erst vor ein paar Jahren.“

  „Ach so.“ Sie überlegte kurz. „Hören Sie. Es ist sehr tapfer von Ihnen, dass Sie mitkommen wollen, aber ich schaffe das auch allein.“

  „Geht schon. Ich werde einfach nicht so oft nach unten schauen. Außerdem ist es jetzt ja dunkel.“

  „Sicher?“ fragte sie.

  „Sicher“, antwortete er.

  „Okay. Gehen Sie mir einfach nach.“ Sie lief noch einige Meter auf dem Hochweg, blieb dann stehen, drehte suchend den Kopf, bis sie den Vulkankegel gefunden hatte, und bog nach rechts auf eine Hängebrücke, die sich zwischen zwei Bäumen spannte.

  „Eine erstaunliche Konstruktion“, sagte sie, als sie einige Meter darauf gegangen war. „Ich hätte gedacht, dass sie wie verrückt schaukelt, aber sie bewegt sich kaum.“

  „Machen Sie keine überflüssigen Experimente“, warnte er besorgt.

  „Keine Angst.“

  Auch Sander betrat nun die Hängebrücke. Er hielt sich mit beiden Händen an dem Lianengeländer fest und arbeitete sich langsam vorwärts. Die Wolkendecke wurde immer dichter. 

  „Wir haben Glück mit dem Wetter“, sagte Maria Behring. „Ohne die Infrarotgeräte würden wir die Hand nicht vor den Augen sehen.“

  „Gott sei Dank“, sagte Sander ehrlich. „Die Indianer dürften zwar um diese Zeit tief und fest schlafen, aber bei diesem Engel bin ich mir nicht so sicher.“

  Sie folgten einem anderem Hochweg, wechselten über eine weitere Brücke und kamen nach 60 Metern zu den drei großen Zedrachbäumen, auf denen die Wolkenwaldmenschen das Palmfruchtfest gefeiert hatten. Hinter dem Stamm einer der mächtigen Meliazeen blieben sie stehen und spähten zu dem Torbaum.

  „Können Sie was erkennen?“ fragte Maria Behring.

  „Nein“, sagte Sander. „Wir müssen näher heran.“

  Sie nickte, veränderte die Position der Gurte, die ihr in die Schultern schnitten, und fragte: „Ist die Infrarotkamera aufnahmebereit?“

  „Ja“, antwortete Sander und klopfte auf das Gerät an seinem rechten Arm.

  „Dann los!“ Langsam stieg sie über eine kleine Treppe auf den obersten Ast des Zedrachbaumes, ging auf ihm entlang bis zum nächsten Hochweg, überquerte auf einer kurzen Hängebrücke die Kluft vor dem Torbaum und blieb an dessen Stamm stehen. Sander folgte ihr mit etwa zehn Meter Abstand. Die Hängebrücke zu dem Vulkankegel lag nun direkt unter ihren Füßen.

  Sander spürte, wie Maria Behring ihn am Arm packte. „Er ist da“, wisperte sie in ihr Mikrophon.

  Sander spähte in die Dunkelheit. Am anderen Ende der Hängebrücke lag der Engel auf dem Boden, das Flammenschwert zwischen den Armen. Er schien zu schlafen.

  Sie warteten eine Weile, aber der Indianer rührte sich nicht.

  Maria Behring stellte den Absatz ihres rechten Stiefels auf die oberste Sprosse der Leiter, die zu der Hängebrücke hinabführte, und zog ganz langsam den linken Fuß nach. Die hölzerne Konstruktion zeigte sich stabil, und bald hatte sie das diesseitige Lager der Brücke erreicht.

  Auch Sander machte erst eine vorsichtige Belastungsprobe, denn mit seinen 75 Kilogramm war er mehr als doppelt so schwer wie die Menschen, für die diese Leiter gebaut war. Aber auch er fühlte sich bald sicher und holte Maria Behring ein.

  Sie wartete, bis er neben ihr stand. Dann hob sie einen Fuß auf die Konstruktion. Diesmal hielt auch sie sich an den Lianen fest. Vorsichtig setzte sie Fuß vor Fuß. Sie hatte schon die Mitte der Brücke erreicht, als der Wächter sich plötzlich aufsetzte. Der Schreck fuhr Sander so in die Knochen, dass er fast einen Warnruf ausgestoßen hätte. Im letzten Augenblick beherrschte er sich; das Herz klopfte ihm bis zum Hals.

  Maria Behring stand wie angewurzelt. Jetzt erst erkannte sie, dass der Engel den linken Fuß auf eines der Seile gelegt hatte, so dass ihn die Erschütterung aufwecken musste.

  Der Wächter spähte suchend in ihre Richtung, konnte aber in der Dunkelheit nichts erkennen. Prüfend rüttelte er ein paarmal an dem Seil, und die Lianenkonstruktion begann leicht zu wippen. Maria Behring versuchte, mit den Knien abzufedern, aber der Indianer schien trotzdem zu merken, dass etwas nicht stimmte. Er hob sein Flammenschwert, trat auf die Brücke und ging langsam auf-Maria Behring zu, die sich genauso langsam zurückarbeitete. Sorgfältig achtete sie darauf, dass sie immer nur dann einen Schritt machte, wenn auch der Indianer den Fuß aufsetzte. Als er die Mitte erreicht hatte, stand sie wieder auf dem Torbaum. Rasch zog Sander sie hinter die Leiter.

  Der Wächter ging bis zum Ende, drehte suchend den Kopf, tastete mit dem Schwert in die Dunkelheit und schritt langsam auf den Hochweg zu. Er schien mit jedem Ast des Torbaumes vertraut zu sein und bewegte sich fast so sicher, als sei heller Tag. Als er sich einige Meter von der Brücke entfernt hatte, zog Maria Behring Sander am Ärmel und schlich hinter dem Wächter vorbei. Sander folgte ihr. Eilig überquerten sie den Abgrund.

  Als sie sich am anderen Ende umdrehten, sahen sie, wie der Wächter kopfschüttelnd vom Torbaum auf das Lianengeflecht trat und ihnen nachging. Sie liefen auf den kleinen Platz vor dem Eingang der Höhle. Der Wächter blieb am Ende der Brücke stehen, bettete sich wieder auf sein Lager aus Laub und legte einen Fuß auf das Lianenseil.

  Sander sah Maria Behring an. Sie deutete auf den Eingang der Höhle, schob sich an ihm vorbei und blieb vor einer kleinen Tür aus Palmengeflecht stehen. Sie suchte nach einem Riegel, konnte aber keine Absperrvorrichtung entdecken. Sander behielt indessen den Wächter im Auge.

  Maria Behring zog leise die Tür auf und spähte in das Innere der Höhle. Zu ihrem Erstaunen war der Raum viel größer, als sie erwartet hatte. Die Wände folgten nicht den zufälligen Formen natürlichen Steins, sondern bildeten vier große, lotrechte und glatte Flächen, als seien sie mit großer Sorgfalt gemauert worden. Die mindestens sechs Meter hohe Decke war nicht gewölbt, sondern eben wie eine Tischplatte: sie schien, wie auch die Wände, von sehr heller Farbe zu sein. Einige Meter neben der Tür befand sich das große Fenster, in dem sie den Weißen gesehen hatte. Von außen war es ihnen rund wie eine natürliche Felsenöffnung erschienen, von innen aber war zu erkennen, dass auch hier geschickte Hände am Werk gewesen sein mussten, denn es besaß eine viereckige Fassung aus Palmenholz sowie Läden, die jetzt geschlossen waren, und einen Riegel aus dem gleichen Material.

  Maria Behring drehte langsam den Kopf nach rechts und ließ den Strahl des Infrarotdetektors in ihrem Helm durch den Saal wandern. Ihr Blick fiel auf verschiedene Möbelstücke, die ebenfalls sämtlich aus Palmenholz gemacht schienen: einige Regale, Schränke und Kisten, einen Tisch und mehrere Stühle. In der gegenüberliegenden Ecke stand ein Paravent; hinter ihm drangen leise, leicht rasselnde Atemzüge hervor.

  Sie zupfte Sander am Arm und schlüpfte in die Höhle. Sofort bemerkte sie, dass die Luft im Inneren viel kühler und trockener war als im Freien. Fast genießerisch pumpte sie sich die Lungen voll.

  Sander stand hinter ihr und sah sich staunend um.

  Maria Behring streckte die Hand aus und betastete die Wand neben der Tür: sie fühlte sich wie Sandstein an. Dann ging sie vorsichtig quer durch den Raum und blickte über den Paravent. Der alte weiße Mann lag in einem Bett unter einer aus grober Wolle gefertigten Decke und schlief. Sein Kopfkissen war aus dunklen Fellen zusammengenäht, die deutlich mit seinem weißen Bart und seinem weißen Haar kontrastierten.

  Maria Behring winkte Sander zu sich und deutete auf den Alten. Sander hob die Kamera über den Paravent und drückte die Aufnahmetaste. Das Geräusch des kleinen Elektromotors in der Kamera war kaum zu hören.

  Maria Behring inspizierte indessen die Kleidungsstücke, die säuberlich zusammengefaltet auf einem Stuhl neben dem Bett lagen. Danach wandte sie sich den Gegenständen- auf dem Tisch und in den Regalen zu. Zuerst fand sie eine Menge Gebrauchsartikel, die sämtlich aus Bast und Holz bestanden: Messer und Löffel in verschiedenen Größen. Nadeln, eine Zange, eine Schere und anderes, recht primitives Werkzeug, einen Kamm, große und kleine Bürsten aus Palmenfasern, allerlei Tücher, geschnitzte Teller und mehrere ausgehöhlte Gefäße.

  Plötzlich war Sander, als höre er von draußen ein Geräusch; rasch drückte er die Pausentaste der Kamera, damit das leise Surren des Elektromotors sie nicht verriet, und lauschte in die Dunkelheit. Maria Behring schaute ihn fragend an. Nur die tiefen Atemzüge des alten Mannes waren zu hören. Nach einer Weile schüttelte Sander den Kopf, löste die Pausentaste, und die Kamera lief weiter.

  Maria Behring trat zu dem hintersten der Regale. Die Vorderseite war von einer hellen Stoffbahn verhüllt: erst jetzt bemerkte sie das große Kreuz in der Mitte. Aufgeregt winkte sie Sander zu sich. Als er die Kamera vor das Auge gehoben hatte, schob sie den Vorhang langsam zur Seite, und beide hielten den Atem an. In dem niederfrequenten, vom menschlichen Auge erst durchtechnische Hilfen erkennbaren Licht der Infrarotstrahlung funkelten mehrere Gegenstände, bei denen es sich nur um christliche Kultgeräte handeln konnte: Ein offenbar aus massivem Gold gegossener Kelch mit dem Kreuzeszeichen stand neben einem großen, bauchigen Gefäß aus Keramik, das kunstvoll mit ungewöhnlichen, jedenfalls nicht europäischen Ornamenten bemalt war. Daneben erschienen mehrere Becher, vermutlich aus Silber, und ein wenigstens 30 Zentimeter großes Kruzifix.

  Maria Behring betrachtete alle Geräte genau und versuchte sich so viele Einzelheiten wie möglich einzuprägen. Dann nahm sie jeden Gegenstand einzeln in die Hand und schätzte sein Gewicht.

  Sander wartete. Schließlich trat Maria Behring zur Seite und ließ ihn die Geräte aufnehmen. Er filmte das Regal erst in der Totale und dann jeden einzelnen Gegenstand aus der Nähe. Im Fach darunter lagen mehrere große Bücher. Sander streckte den linken Arm aus und zeigte darauf. Maria Behring schlug den ersten Band auf und hielt das Frontispiz vor das Okular der Infrarotkamera. Dann legte sie das Buch zurück und holte das nächste heraus. Die Seiten waren von Hand beschrieben. Sie blätterte es vor Sanders Kamera auf und legte es dann zurück. Auch die anderen Bücher waren allesamt handgeschrieben.

  Sander hängte sich die Kamera über die Schulter und zeigte auf seine Armbanduhr. Es war genau zwei Uhr. Maria Behring nickte und deutete zur Tür. Doch als sie darauf zugingen, sah sie noch eine andere Tür. Sie drückte sie langsam auf und schaute in einen kleinen Innenhof von etwa zehn Meter Durchmesser, der von einer hohen Mauer umgeben war. Der Boden war völlig kahl. In der Mitte wuchs ein etwa acht Meter hoher Baum, der ganz und gar von Bromelien überwuchert war.

  Maria Behring ging in den kleinen Garten hinaus und hob einen Zweig des Baumes hoch, während Sander ihn filmte. Schon nach Sekunden spürte sie Ameisenbisse und ließ den dünnen Ast wieder los.

  Sander schob die Kamera in die Tasche zurück und tippte mit dem rechten Zeigefinger energisch auf seine Uhr.

  Sie gingen zurück in die Höhle, schlossen die eine Tür hinter sich, öffneten ebenso leise die andere und gingen auf den kleinen Vorplatz hinaus. Der Wächter lag an der Brücke. Mit einem großen Schritt stieg Maria Behring über den Schlafenden hinweg. Sander folgte ihr. Eilig überquerten sie den Abgrund zwischen Vulkankegel und Torbaum. Das Gewölk unter ihnen wirkte in der Infrarotstrahlung ebenfalls grün. Es schien in der Zwischenzeit etwas höher gestiegen zu sein.

  Sie kletterten die Leiter hinauf, balancierten auf dem großen Ast zu dem Hochweg und kamen zehn Minuten später wieder bei dem Luftschiff an. Ein leichter Windstoß ließ die Blätter rascheln. Maria Behring wartete, bis Sander in den Korb gestiegen war. und betätigte die Steuerung. In der Gondel schnallten sie sich wortlos auf ihren Sitzen fest. Sander löste die Haltevorrichtung und ließ Luft aus den Ballonetts: das Schiff begann zu steigen und trieb langsam von den hohe Bäumen fort nach Süden. Erst jetzt wagten sie wieder zu sprechen.

  „Er ist ein Priester“, sagte sie. „Dem Gewicht nach sind die Altargeräte aus Gold und Silber. Der Text auf dem Frontispiz war portugiesisch. Haben Sie alles drauf?“ Sie rieb sich die Hände. Die Ameisenbisse hatten große Quaddeln hervorgerufen.

  „Ja. Was war das für ein komischer Baum?“

  „Cecropia“, sagte sie. „Wirklich ungewöhnlich. So viele Bromelien! Er war damit behängt wie ein Weihnachtsbaum mit Kugeln.“

  „Dieser Engel hat mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt“, gestand Sander und zündete sich eine Zigarette an. „Ich dachte schon, er kann im Dunkeln sehen und erwischt Sie.“

  „Keine Angst“, sagte sie und zog den kleinen Elektrostick aus der Hüfttasche. „Nach 50 000 Volt hätte er sich bestimmt schlafen gelegt und später gar nicht gewusst, wie ihm geschah.“

  Sander runzelte die Stirn. „Sie hätten das Ding wirklich eingesetzt?“ 

  „Glauben Sie, ich hätte es gern getan? Es scheint mir aber immer noch die humanste Methode zu sein, sich Kerle vom Leib zu halten.“

  „Jetzt haben wir es ja geschafft.“

  „Fürs erste“, sagte sie. „Aber eins ist schon jetzt klar: Wenn wir das alles ausgewertet haben, müssen wir uns überlegen, wie wir mit dem Alten Kontakt aufnehmen, ohne dass die Indianer etwas davon bemerken. Wir müssen wissen, wer der Mann ist, woher er kommt und warum er mit diesen Baumbewohnern im Wolkenwald lebt. Vielleicht braucht er Hilfe. Vielleicht können wir etwas für diese Menschen tun. Auf jeden Fall müssen wir mit ihm reden. Und zwar so bald wie möglich.“

  Sander wartete, bis sie den Rand des Kraters überquert hatten, und startete die Motoren. Er steuerte das Schiff aber nicht zu ihrem alten Landeplatz an dem Cerro Impacto, sondern umrundete den Westen des Wolkenwaldes und kehrte an den Nordrand zurück. Dort mussten sie eine Weile suchen, bis sie eine geeignete Lichtung fanden. Dann pumpte Sander Luft in die Ballonetts, fuhr eine Kurve und drückte die Nase des Luftschiffs nach unten. Kurze Zeit später setzte das Rad im Gras einer schmalen Schneise dicht unterhalb des Kraters auf. Sander ging auf Gegenschub und brachte das Luftschiff kurz vor zwei stämmigen Myristikazeen zum Stehen. Nach einigen Manövern gelang es ihm, es mit den Haltevorrichtungen an Bug und Heck so unter den weit ausladenden Blätterdächern der beiden Bäume festzumachen, so dass es vor Sturmböen sicher und aus der Luft nicht zu sehen war.

  Sie setzten die Infrarotgeräte ab. Als sie aussteigen wollten, ging ein Wolkenbruch nieder, und sie mussten in der Gondel warten. Der Regen fiel so dicht, als hätten sie das Schiff unter einem Katarakt festgemacht. Die wasserabweisende Hülle des Luftschiffs zeigte sich den riesigen Tropfen wie immer gewachsen, aber die Luft und das Helium in ihrem Inneren kühlten stark ab, und die Kohlefaserverstrebungen begannen unter dem steigenden Gewicht zu ächzen. Sander öffnete die Ventile und ließ einige Kubikmeter Luft ab, bis sich die Druckverhältnisse wieder stabilisierten. Im Osten wurde es hell.

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