Die Rechtschreibreform und die Bibel

Freitag, 16. August 2013

In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 15 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe vom 16. August 1998.

SONNTAG

Die Rechtschreibreform bringt auch der Lutherbibel Probleme. In Psalm 37,5 heißt es: „Befiehl dem Herrn deine Wege, und hoffe auf ihn, er wird's wohlmachen." Nach den neuen Regeln würde dort stehen: „Befiehl dem Herrn deine Wege, und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen." Deshalb soll bei diesem Vers ausnahmsweise an der alten, zusammenhängenden Schreibweise festgehalten werden. Psalm 14,1 (neue Schreibweise): „Die Toren sind ein Gräuel mit ihrem Wesen."

MONTAG

Nordrhein-Westfalens SPD-Schulministerin Gabriele Behler will die Qualität an den Schulen sichern. Deshalb sollen Schüler mit ungenügenden Leistungen in Deutsch, Mathematik oder Englisch künftig nicht mehr versetzt werden. Bisher war das offenbar möglich. Goethe: „Narrenpossen sind eure allgemeine Bildung und eure Anstalten dazu."

DIENSTAG

Der Schweriner Landtag wählt einen neuen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Die PDS bleibt der Abstimmung nahezu geschlossen fern: Das Amt sei überflüssig. Wilhelm Busch: „Doch geht's nicht so, wie er wohl möchte‘, denn die Geschichte will nicht recht.“

MITTWOCH

In Berlin fordert ein Gewerkschafter: „Wenn die Temperatur über 30 Grad steigt, soll der Chef seine Angestellten ins Freibad schicken. Wo das nicht möglich ist, soll es längere Pausen und kühle Drinks geben.“ Henry de Montherlant: „Die menschliche Dummheit besteht nicht darin, dass man keine Ideen hat, sondern, dass, man dumme Ideen hat."

DONNERSTAG

Ein evangelischer Geistlicher lebt seit sechs Jahren mit seinem Lebensgefährten in einem Frankfurter Pfarrhaus. Ein Kirchensprecher erklärt, man müsse zur Kenntnis nehmen, dass sich gesellschaftliche Werte und Normen änderten. Luther: „Lieber Herrgott, wie muss deine Kirche allenthalben geplagt werden, drinnen und draußen!"

FREITAG

Pläne Gerhard Schröders zur Feier der Deutschen Einheit am 3. Oktober in Hannover sehen vor, die Nationalhymne in eine Komposition mit der DDR-Hymne und dem Gassenhauer „Goodbye Johnny" zu verarbeiten. Lessing: „Es ist eine nichtswürdige Liebe, die kein Bedenken trägt, ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen."

SAMSTAG

Nach jahrelangen Debatten wird in Hamburg-Eppendorf ein neuer Park eingeweiht: eine mit zwei Dutzend armseliger Bäumchen besetzte Kiesfläche, von einer Waschbetonmauer umgeben. Die Kritik der Anwohner wehrt ein Bezirkssprecher ab: Der Entwurf zweier Kasseler Gartenbauarchitekten habe sogar den Otto-Linne-Preis erhalten. Günter Schatzdorfer: „In das Poesiealbum eines Architekten: Lass Gras darüber wachsen!"



Anmerkungen

Die SPD-Politikerin Gabriele Behler war 1995-1998 Ministerin für Schule und Weiterbildung, 1998-2000 Ministerin für Schule, Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung und 2000-2002 Ministerin für Schule, Wissenschaft und Forschung in NRW.

 

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