Claus Jacobi 1927-2013

Samstag, 17. August 2013

Wer für den Chefredakteur Claus Jacobi Buchbesprechungen schrieb, zum Beispiel bei der „Welt am Sonntag“, und sich dabei Rezensionen zum Vorbild nahm, wie sie bis heute die Literaturbeilagen namhafter Bildungsblätter füllen, der fand sich rasch in schwerer See. „Feuilletonistische Heißluft!“ oder „Qualm!“ waren das mindeste, was ihm an schmählicher Bewertung entgegenschlug. Und, noch schlimmer: der Anklage folgte alsbald der Beweis. Manches Manuskript wurde vor den Augen des Verfassers auf ein Fünftel des ursprünglichen Umfangs eingedampft, ohne dass es dabei auch nur im Geringsten an Substanz verloren hätte. Im Gegenteil: während die kräftigen und schonungslosen Streichungen den in besonders schweren Fällen als „Elaborat“ verhöhnten Beitrag von allen Überlegungen des Rezensenten befreiten, trat der Inhalt des Buches immer reiner und klarer hervor, bis schließlich, in kondensierter Form und rückstandsfrei, das Wesentliche übrig blieb.

Auch Originalauszüge erreichten den Leser stets in verknappter Form, die Auslassungen korrekt mit Pünktchen vermerkt. Der permanente Abwehrkampf gegen alles Langweilige, Überflüssige und Prätentiöse kannte besonders bei den vom deutschen Feuilleton panegyrisch gefeierten Autoren des gesellschaftlichen Fortschritts keinen Kompromiss. Zeitgenössische, mehr noch zeitgeistige Literatur hatte es schwer, selbst mancher Bestseller überwand nur unter Mühen die hohen Hürden einer stets wachen Sorge um die Zeit und frohe Laune des Sonntagslesers.

Belletristik konnte überhaupt nur bestehen, wenn sie frisch, originell, unterhaltsam, flüssig geschrieben und vor allem spannend war. Die Angelsachsen schafften das am ehesten. Die Betroffenheitsliteratur neudeutscher Nabelbetrachter, lacrimoser Weltleidender und spätgeborener Selbstbezichtiger dagegen scheiterte stets schon im Ansatz. Ein Satz von mehr als zehn Druckzeilen Länge galt bereits als Anschlag auf die Geduld des Lesers, zumal wenn sich die Misshandlung von Syntax und Grammatik als Kunst ausgeben wollte. Auf solche Versuche reagierte Jacobis Stift mit der Konzilianz eines Rasiermessers.

Interessante Sachbücher kamen der Kondenskritik jacobischer Prägung entgegen: Der Rezensent konnte sich auf das Ausflöhen der interessantesten Facts konzentrieren und tat am besten, wenn er die Highlights unter Auslassung der Überleitungstexte aneinander strickte. Er kehrte damit einen Arbeitsschritt vieler Autoren um, der darin besteht, das Rohmaterial eines Textes durch Hinzufügungen zu strecken. Oft genug macht erst diese Luftleimerei aus einer schmalbrüstigen Broschüre ein hartgedeckeltes Buch. Da der Nährwert solcher literarischen Sättigungsbeilagen nahe Null liegt, betrachtete Jacobi sie natürlich als ohne weiteres entbehrlich. Ein zweischneidiger Effekt bestand darin, dass Leser die Besprechungen in „Welt am Sonntag“ häufig interessanter fanden als das daraufhin gekaufte Buch.

Was – zuweilen nach sechs, sieben oder mehr Überarbeitungen – diesen bis in den frühen Samstagmorgen unermüdlich bullernden Redaktionsschmelzofen verließ, stand sonntags in der Zeitung so dicht, fest und solide wie gehämmerter Stahl. Das Publikum schätzte diese gediegene Ware. Der Buchhandel wiederum wusste: Kunden mit der „Welt am Sonntag“ unter dem Arm besaßen präzise Vorstellungen und kauften auch fast immer was.

Nach diesen Erfahrungen konnte es kaum etwas Interessanteres geben als eine Antwort auf die Frage, was wohl dabei herauskommen würde, wenn der Mann, der diese Form der Rezension ersonnen, entwickelt und vervollkommnet hatte, selbst Bücher schrieb.

Der Anspruch an einen Journalisten solchen Kalibers ist klar: „Was immer du schreibst – schreibe kurz, und sie werden es lesen, schreibe klar – und sie werden es verstehen, schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten“, riet Joseph Pulitzer. Kürze ist jene Forderung, die Matthew Arnold sagen ließ, Journalismus sei „Literatur in Eile“ - Lesestunden sind heute noch teurer als zu den viktorianischen Zeiten des britischen Dichters (und Kritikers). Eins, zwei, drei, im Sauseschritt? Die Warnung Wilhelm Buschs treibt den Normalverbraucher offenbar weder an noch um. In Jacobis „Von Glück, Gespenstern und dem Geheimnis des Lebens“ heißt es über den typischen Zeitgenossen: „Er arbeitet, liebt und lacht und widmet Belanglosigkeiten Stunden, als habe er das ewige Leben. Er sieht eine schwachsinnige TV-Show oder streitet um einen Platz an der Parkuhr. Oder er überlegt, wie er die Zeit totschlagen soll – während sie ihn totschlägt.“ Zeit ist für den Verfasser denn auch wichtiges Kriterium der Zeiten. „Meine Windeln trockneten in der Weimarer Republik. Unter dem Hakenkreuz lernte ich Latein, Tanzen und Schießen. Die Bundesrepublik bescherte mir graue Haare. Denn immer schneller dreht sich das Rad der Geschichte. Was früher Jahrhunderte hielt, hält gerade noch Jahrzehnte“, heißt es im Jacobi-Erinnerungsbuch „Fremde, Freunde, Feinde“. „Immer rascher vollzieht sich Aufstieg und Fall der Mächte, immer flinker wechseln Werte und Moral ... Staatsmänner werden vergessen, bevor sie begraben sind, wissenschaftliche Entdeckungen sind überholt, ehe sie publiziert werden.“

Solche und ähnliche Beobachtungen könnten den Naturfreund Jacobi zu der Erkenntnis geführt haben, dass in der Zeit, die es kostet, einen zu lang geratenen Artikel zu lesen, ungefähr drei Tier- und fünfzehn Pflanzenarten aussterben. „In den letzten 150 Jahren wurde dieser Stern von Zweibeinern mehr beschädigt, geplündert und vergiftet, als in den vorausgegangenen 150.000 Jahren“, klagen seine Memoiren an. Könnten alle Autoren ihre Gedanken so kurz und knapp fassen wie Claus Jacobi, stünde noch mancher Baum, statt in der Papierfabrik zu Zellulose verarbeitet worden zu sein. 

Jacobis Kunst kürzt nie auf Kosten der Substanz: sein Stift stärkt die Information, wie ein Kompressor die Motorleistung erhöht. Wohin kunstlose Kürze führt, zeigt das oft hilf- und witzlose Gestammel im Internet. Jacobis Buch von Glück und Gespenstern stellt dem elektronischen Troglodyten-Content einprägsame Onliner entgegen: „Glück ist Zufriedenheit der Seele.“ – „Die Zeit prägt die Sprache.“ – „Jedes Gemeinwesen hat die ihm angemessene Führungsschicht.“ Solche Texte lassen sich nicht mehr verbessern, nur verwässern.

Auch anekdotische Passagen atmen stets die kühle Luft Lakoniens. Kostprobe aus „Aufbruch zwischen Elbe und Oder“: „Der mal weinende, mal wütende Hitler entließ erst Göring, dann Himmler in absentia aus allen Ämtern, diktierte sein Testament, ernannte Dönitz zu seinem Nachfolger und heiratete Eva Braun.“ Der konzise Stil stellt den Erzähler Jacobi in die Tradition etwa des Franzosen Prosper Mérimée, zu dessen viel bewunderten Vorzügen Kritiker „die außergewöhnlich trockene Darstellungsweise, die knappen Szenen, die unparteiisch und nüchtern vorgetragenen Vorgänge und die geradezu klassische Sparsamkeit des Ausdrucks“ rechnen. Zitat aus der Schlüsselszene in „Carmen“: „Beim zweiten Stich sank sie um, ohne einen Schrei.“

Die Schwester der Kürze heißt Klarheit, beide sind Mütter der Kunst: Die eine meißelt das Überflüssige ab, die andere malt das Übriggebliebene an. „Deutlichkeit erspart Längen und kann Gedanken beweisen“, wusste der Marquis de Vauvenargues. „Ich würde tausend Originalitäten hergeben für eine Klarheit“, gestand Manès Sperber. „Klarheit ist die Höflichkeit des Schriftstellers“, sagte Jules Renard. „Klarheit geht vor Schönheit“, bekam zu hören, wer mit Claus Jacobi um Kunststückchen feilschte: Manieriertheit der Manier war ihm genauso zuwider wie schlichte Unfähigkeit zu verständlicher Ausdrucksweise. Grundregeln etwa so: Mitteilen, was ist – eine typische Anweisung lautete: „Dann schreib das doch!“ Je heißer der Stoff, desto kühler die Nadel – Zitat: „Seid doch nicht so aufgeregt!“ Und: Präzision beginnt mit Semantik. Wehe dem, der auf so schwammigen Begriffe wie „Villa“ oder „Millionär“ vertraute, die dem, der es sein und haben möchte, völlig anders klingen als dem, der es hat und ist.

Klarheit forderte vor allem die Darstellung komplexer politischer Probleme. Jacobis Bücher lassen darin nicht zu wünschen übrig. „Räumen wir einmal alle negativen Aspekte des DDR-Systems ab – Unrecht und Gewalt, Misstrauen und Misswirtschaft -, so wird ein Positivum sichtbar: Die Menschen der neuen Länder bewahrten sich unter dem Zwang der Diktatur etwas von dem, was in den Bombennächten des Kriegs und in der Not der Nachkriegszeit in ganz Deutschland verbreitet war: Hilfsbereitschaft und eine soziale Einbindung des einzelnen – mochte beides von NSDAP und SED auch gleichermaßen gründlich missbraucht worden sein“, heißt es in dem Reisebericht „Aufbruch zwischen Elbe und Oder“ so richtig wie bündig – nicht viele Autoren fügen Widerstrebendes so überzeugt und überzeugend zusammen.

Eine Voraussetzung dieser Kunst ist jene Objektivität, die sich auch aus einer besonderen Biographie speist. Die wichtigste Besonderheit besteht darin, dass der Betreffende sie nicht empfindet: „Ich bin Steinbock, parteilos und billig in der Haltung. Hummer, Austern und Kaviar mag ich nicht“, heißt es in Jacobis Glück-und-Gespenster-Buch. „Meine Freunde sind hausbacken. Ich lese gern im Bett, wenn der Kamin brennt, fahre nach Kampen, wenn der erste Kuckuck ruft, ziehe mir ein Dinnerjackett an, wenn Weihnachtsabend ist.“ Noch nüchterner klingt die Erinnerung an junge Jahre: „...reiste ich - angestiftet von meinem Freund Sefton Delmer – mit Vorliebe an abseits gelegene Orte, deren Name voll geheimnisvoller Verlockung und romantischer Verheißung waren, wie Trebisund oder Samarkand. Bei der Ankunft erwiesen sie sich meist als besonders triste Habitate. Ähnlich erging es mir oft mit den Menschen: Je klingender der Titel, umso weniger interessant der Inhaber.“

Bei aller Kürze und Klarheit ist es wohl die Bildhaftigkeit, die das Publikum an Jacobis Büchern besonders schätzt, ja liebt. Ob er in Thüringen „die Stätten der Dichter und Henker“ sucht oder das Glück „einen Schmetterling auf deiner Schulter“ nennt, stets greift sein Ausdruck rasch und sicher nach dem besten Halt, und manche Formulierung ging als für immer unverwechselbar in einen ganz eigenes Vokabular ein: „Zweibeiner“, „siriusfern“, „Wie das Wasser zu seinem tiefsten Punkt“, „blau wie die See hinter Helgoland.“ Eine Auswahl von Aphorismen: „Die Geschichte kennt kein Tempolimit.“ – „Die Weisheit der Alten hat einen Bart? Höchstens einen Dreitagebart!“ – „Würde Heuchelei dick machen, bräuchten unsere Parlamente Flügeltüren.“

Der Zusammenhang von Inhalt und Verpackung war Könnern nie ein Geheimnis. „Nur erst, wenn dir die Form ganz klar ist, wird dir der Geist klar sein“, wusste Robert Schumann. Prägnante Stilmittel in Jacobi-Büchern sind Wortpaar und Alliteration. Auf seiner Reise durch die neuen Bundesländer sprach er mit „Managern, Mönchen und Ministern, Mächtigen und Möchtegernen“. Geld weckt „Gier und Geiz“, Neid motiviert „Denunzianten und Demonstranten“, in unserer Fernsehdemokratie dominieren „Medien, Mittelmaß und Massen, Verbände, Volk und Volksvertreter.“ Wohl überlegt muss Wortwahl sein, „Sprach-Schluderei“ ist dem Perfektionisten verhasst: „In der Ära des Videoclips wird die Sache mit dem Artikulieren nicht mehr so genau genommen“, heißt es in seinen „Denkanstößen über den Tag hinaus“. „Nun füllt neudeutsches Kauderwelsch Kanäle und Magazin-Spalten. Plattheiten, Parolen und Phrasen fallen unserer politischen Klasse vom Mund. Worthülsen sind das Feuerwerk der Talkshows. Psychologen, Soziologen und Friedensforscher haben sich der Sprache der Gebrüder Grimm bemächtigt. Qualm und Quatsch umwabern uns.“

„Der große Journalist sollte über den Dichtern stehen“, forderte der Nobelpreisträger Knut Hamsun. Claus Jacobi liegt dergleichen fern, auch wenn er weiß: „In unserer Zeit leidet die Poesie an Magersucht“ und „Die Kunst trägt abstoßende Züge, ordinär und obszön.“ In seinen Büchern erfüllt er die Forderung Tschechows, nach dem Schriftsteller genauso objektiv sein müsse wie ein Chemiker, und überquert mit eleganter Leichtigkeit die Meßlatte Henry de Montherlants, dass der ein großer Schriftsteller sei, „der unvergessliche Sätze schreibt“. In „Fremde, Freunde, Feinde“ steht ein solcher auf fast jeder Seite: „Ich wuchs auf in einer Zeit, als Ohrfeigen noch nicht als Folter angesehen wurden und Weinerlichkeit noch nicht als besonders männlich galt.“ – „Unsere Erinnerungen sind das Paradies, aus dem man uns zuletzt vertreiben wird.“ – „Pornographie statt Prüderie mag ja für manche noch Fortschritt bedeuten. Bei Solidarität statt Nächstenliebe bin ich mir schon nicht mehr so sicher.“

Zu den besonderen – und besonders selten erfüllten – Anforderungen an Schriftsteller zählt zweifellos die Kunst, hinter sein Werk zurückzutreten, ohne sich zu verstecken. Hier ist die hanseatische Tugend eleganter Zurückhaltung von unersetzlichem Nutzen. Der Leser möchte zwar immer auch etwas über den Autor erfahren, aber meist etwas anderes, als viele Autoren für interessant oder wichtig halten. Ein Schriftsteller, der sich selbst lobt, preist einen Ochsen, aber auch allzu vornehmes Schweigen entlarvt Eitelkeit. „Ich habe einige gekannt, die von ihrem geringen Verdienst mit so viel pietistischer Dünnigkeit zu sprechen wussten, als wenn sie fürchteten, man möchte schmelzen, wenn sie sich in ihrem ganzen Lichte zeigten“, höhnte Lichtenberg. Wie löst Jacobis feine Art das Problem, wie viel von seinem Innersten, von Gefühlen und Seele enthüllt er in seinen Büchern? Am meisten verrät er dort von sich, wo es um Helden, Herzen oder Hunde geht: Die einen bewundert er, über die anderen wundert sich zuweilen noch heute, und die dritten sind ihm selber Wunder: „Der Hund ist der einzige echte Freund, den man sich kaufen kann.“ Am wenigsten erfährt Jacobis Lesergemeinde bei jenem Thema, das ihn zur Person der Zeitgeschichte machte. Über den zweiwöchigen Gefängnisaufenthalt als Opfer der „Spiegel“-Affäre 1962 heißt es in „Unsere fünfzig Jahre“: „Ich hatte auf See und im Krieg schon unbequemer gewohnt.“

Schwulst ist ihm zuwider, Bombast verhasst. Lobreden sind ihm Nessoshemden, schon beim schüchternsten Kompliment windet er sich in geradezu körperlicher Qual. Die Selbstbeweihräucherung anderer Autoren quittiert er mit mildem Lächeln. Ihm selbst beschert bereits der Gebrauch des „Ich“ in einem zur Veröffentlichung vorgesehenen Text seelische Schüttelfröste. Seine Verleger müssen lange betteln, bis er sich zähneknirschend und auch dann nur im geringsten möglichen Grade jenen Marktgesetzen zu beugen bereit ist, die vor den Verkaufserfolg die literarische Zurschaustellung der eigenen Person setzen. Vita im Klappentext von „Fremde, Freunde, Feinde“: „Claus Jacobi wurde 1927 als Sohn eines Kaufmanns in Hamburg geboren. 1944 trat der spätere Seekadett als Matrose in die Kriegsmarine ein. Nach dem Krieg wurde er Journalist. Er war Korrespondent in Bonn und Washington. Seit 30 Jahren ist er Chefredakteur und Redaktionsdirektor.“ Ende der Durchsage.

Wir wussten auch so, mit wem wir es zu tun hatten, und die Neuen fanden das schnell heraus. Kenner veranschlagten die Karenzzeit gewöhnlich auf vier Monate. Wer dann die jacobischen Grundsätze des Schreibens begriffen und verinnerlicht hatte, konnte hoffen, bald auch den Ansprüchen einigermaßen gewachsen zu sein. Für die anderen war es besser, weiterzuziehen. Übertreffen ließ er sich natürlich von niemandem, selbst die Besten vermochten sich im Vergleich mit ihm nie von einem Gefühl der Mittelmäßigkeit zu befreien, obwohl viele seiner Schüler selber große Journalisten waren oder wurden. „Jacos Hand hat uns geprägt“, sagte Claus Larass, nachdem er es erst zum Chefredakteur der größten Zeitung und dann zum Zeitungsvorstand des größten Zeitungshauses Europas gebracht hatte. „Uns“, das waren allein aus der kleinen „Welt am Sonntag“ ein gutes Dutzend spätere Chefredakteure und doppelt so viele stellvertretende Chefredakteure. Ein Jacobiner dient dem Bundeskanzler als Sprecher, ein anderer dreht für das ZDF quotenprächtige Historicals; praktisch aus jedem, der es bei ihm lange genug aushielt, ist später etwas geworden. Kein Augstein, kein Nannen hat auf diesem Sektor Vergleichbares bewirkt.

So nüchtern der Stil, so farbig die Persönlichkeit: seit alters bilden sich um das Jacobinertum Legenden in Fülle, dabei war die Realität bunt genug und durchaus nicht nur froh. Einen Redakteur, der zu dicht stand, mahnte eine energische Bitte: „Treten Sie zwei Schritte zurück, Sie haben Mundgeruch!“ – die Betonung lag auf „zwei“. Einem anderen, der in der Aufregung „Herr Dr. Jacobi“ sagte, beschied eine gequälte Antwort: „Ich bin kein Doktor“ – die Betonung lag auf „kein“. Von akademischen Titeln hielt unser großer Lehrmeister nicht viel, und noch weniger von ihren Trägern, so sie diesen stolz auf ihren Visitenkarten vermerkten. Vernichtend seine dreifache Negation „Neinneinnein!“ – eine Atombombe von Ablehnung. Seine erste Frage an mich lautete, am Tag meines Dienstantritts und bei Vorlage meines ersten Manuskripts: „Wo haben Sie das denn abgekliert?“ Auf seinem Schreibtisch hockte das Misstrauen wie ein Gargoyle auf Notre Dame und wurde immer wacher, je später es war. Als die Redaktion eine Zeitlang aus Jux einen militärischen Umgangston pflog (wir fanden dafür den Ausdruck „kodierte Gefechtsfeldsprache“), kommentierte er am Konferenztisch: „Jetzt wird hier so kurz und knapp gelogen wie noch nie.“

Der Strenge der journalistischen Form entsprach eine unbarmherzige Bewertung des Inhalts, jede Information wurde nachgeprüft, jede Behauptung seziert. Das galt besonders für Themen mit „S“: Sylt, Sachs, Sachsenwald. Der Auftrag, über sie zu schreiben, galt als Himmelfahrtskommando, denn es war unmöglich, über die Insel, den Industriellen oder die Bismarcks auch nur annähernd so viel zu recherchieren, wie Jacobi (den ich erst sehr viel später Jaco nennen durfte) als alter Freund und Vertrauter der drei längst wusste. Die Höchststrafe bestand in der Verlesung eines misslungen Manuskripts vor versammelter Mannschaft, eingeleitet mit Worten wie „Der Redakteur Nyary hat einen etwas sonderbaren Aufsatz zu Papier gebracht...“ Als Randnotizen fanden Verrisse wie „oh, oh“ oder „oh weh“ den Weg zum unglücklichen Verfasser; Ausdruck höchster Missbilligung war das finale „Amen“. Aber wenn ihm etwas gefiel, fackelte er nicht lange: Als ich mit ihm ganz vorsichtig den Versuch einer neuen Form von Fernsehkritik erörtern wollte, schnappte er sich das Manuskript, eilte in die Grafik, räumte eine Spalte aus, und fortan gab es jede Woche „Teletäglich“, siebzehn Jahre lang, und viele Male von ihm verbessert, mit dann aber doch schonend leiser Hand.

Als Blattmacher führte Jaco die Pensionsgrenze ein Jahrzehnt lang ad absurdum, er hielt die „Welt am Sonntag“ noch in Schwung, als Jüngere längst Spazieren gingen. „Jacobis Tagebuch“ in „Bild“ liefert jede Woche eine Essenz seiner Erfahrung als Autor und Zeuge seiner Zeit. Zusammen mit seinem Sohn Tom schenkte er uns das opulente Opus „Wo Gott wohnt“. Zitat: „Ob Religionen nun gerade Saison haben oder nicht – nie wird der Zweibeiner aufhören, Gott zu suchen, so, wie er ihn Jahrtausende an den mystischen Meilen der Menschheit gesucht hat.“ Nach Überbevölkerung („Die menschliche Springflut“), Wiedervereinigung („Aufbruch zwischen Elbe und Oder“) und 20.Jahrhundert („Unsere fünfzig Jahre“) ein weiteres großes, wichtiges, spannendes Thema. Wieder eins, bei dem Jaco uns voranging, eins, das manchen überraschte und damit Goethes alte Forderung erfüllt: „Die größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben kann, ist, dass er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst auf der jedesmaligen Stufe eigener und fremder Bildung für recht und nützlich hält.“

Am Samstag, kurz nach Mitternacht, schlief Claus Jacobi in den Armen seines Sohnes Sven für immer ein.

 

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