Ein Religions-Ghetto im heidnischen Berlin?

Montag, 2. September 2013

Das Wort vom Sonntag

Lesefrüchte. Peter Bamm, „Welten des Glaubens“: „Aleppo, heute eine rein arabische Stadt, hat eine Moschee zu Ehren Abrahams und eine zu Ehren des heiligen Zacharias, des Vaters Johannes des Täufers.“ Über das 19. Jahrhundert: „Während man die alten großen Wahrheiten des Glaubens zu belächeln begann und Erkenntnisse der Naturwissenschaften bewunderte, von denen kaum eine ihre neue kleine Wahrheit in die Welt unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse hat hinüberretten können, hatte man die Musik Bachs vergessen.“ – Über Antike und Christentum: „Das Christentum hat seinen Anteil am Untergang der Antike gehabt. Aber es ist das Christentum gewesen, das ihr Erbe so lange bewahrt hat, bis Europa fähig war, es zu übernehmen. Das ist eine seiner großen geschichtlichen Leistungen. Sie ist überwiegend von Byzanz vollbracht worden. Wäre Byzanz nicht christlich gewesen, dann hätte im 7.Jahrhundert, als der Islam in die Welt des Mittelmeeres einbrach, Zeus gegen Allah kämpfen müssen.“ Über das Abendland: „Europa ist eine geistige Wesenheit von höchst merkwürdiger Art. Es ist entstanden aus Antike und Christentum. Aber die Völker, deren Kraft heute die europäische Kultur verteidigt, haben weder das eine noch das andere geschaffen.“ Über Byzanz: „Schon die antike Polis hatte als Stadtzeichen den Halbmond mit dem Stern.“ – „Der Patriarch von Konstantinopel führt noch heute in seinem Siegel den Titel eines Erzbischofs von Nea Rome.“ Über die Mutter Konstantins des Großen: „Wenn Helena, was sehr wahrscheinlich ist, ein Wirtstöchterchen aus Trapanum in Nikomedien gewesen ist, ist es noch wahrscheinlicher, dass sie in ihrer Jugend sehr hübsch gewesen ist.“ -Über den christenfeindlichen Kaiser Hadrian: „Über dem Heiligen Grab hatte er eine Statue Jupiters aufstellen lassen, auf Golgatha ein Marmorbild der Venus. Die Höhle, in der Jesus geboren ist, hatte er zu einem Heiligtum des Adonis, des Liebhabers der Venus, gemacht.“ Über die Argonauten: „Die Argonautenfahrt wird von den Historikern auf die Zeit zwischen 1150 und 1000 vor Christi Geburt angesetzt. König Salomos Expedition über See nach dem Lande Ophir ist etwa auf das Jahr 945 anzusetzen.“ Über die ersten Jahre der Mission: „Für die Apostel und die frühen Missionare der ersten Jahrhunderte ... bestand die Welt nicht allein aus der Kultur der Antike. Die Botschaft Christi war nicht nur für die Menschen dieser Kultur bestimmt. Sie war an alle Menschen gerichtet. Die Idee, daß es eine Menschheit gebe, ist in der Tat von allem Anfang an ein ganz moderner Zug des Christentums.“ – Über die Araber: „Bemerkenswert ist, daß Arabien der einzige Fall in der ganzen Geschichte ist, bei dem die Wissenschaft sich nicht die Frage stellt, woher die Völker dieses Landes gekommen seien. Arabien gilt als die Heimat der Semiten. So ist das Volk, das am weitesten auf der Erde umhergetrieben worden ist, das einzige, welches wirklich weiß, woher es stammte.“

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Im Jenseits erfahren wir, was uns auf Erden verborgen blieb: Wer meinte es ehrlich mit uns? Wer betete für uns? Wer hasste und verfluchte uns? Überraschungen nicht ausgeschlossen.

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Morgen feiert die katholische Kirche den Gedenktag Gregors des Großen. In der „Legenda aurea“, den Heiligenviten des Jacobus de Voragine, schreibt der Papst dem Präfekten Innozenz von Afrika bescheiden über die Werke des hl. Augustinus und seine eigenen: „Im Vergleich zu seinem feinen Weizenmehl werdet Ihr wohl kaum nach unserer Kleie verlangen!“ Aus Gregors „Dialogus“ zitiert der Autor: „Mein armes Gemüt, das von der Wunde der Geschäftigkeit geschlagen ist, erinnert sich daran, wie es einst im Kloster war, wie alles Dahingleitende ihm unterworfen war, wie es sich erhob aus allem, was hin und her wogte, da es die Gewohnheit hatte, an nichts anderes zu denken als an Himmlisches.“ Über das riesige Mausoleum Kaiser Hadrians in Rom: „Dann sah der hl. Gregor auf der Burg … den Engel des Herrn stehen, der sein blutiges Schwert abwischte und wieder in die Scheide steckte. Daran erkannte Gregor, dass die Pest aufgehört hatte, und so kam es auch. Deswegen wurde von nun an jene Burg die Engelsburg (castrum angeli) genannt.“

Nach dem Gebet Gregors für Kaiser Traian berichtet der Autor: „Es heißt auch, ein Engel habe zu Gregor gesagt: ‚Da du für einen Verdammten gebetet hast, wird dir nun die Wahl zwischen zwei Dingen gelassen: Entweder wirst du zwei Tage lang im Purgatorium zu leiden haben, oder während deines ganzen Lebens werden dich Krankheiten und Schmerzen quälen.’ Da zog es Gregor vor, das ganze Leben lang Schmerzen zu haben.“ Geschichten, so düster wie das Mittelalter.

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Meister Eckhart: "Die Leute brauchten nicht so viel nachzudenken, was sie tun sollen, sondern sie sollten nachdenken, was sie seien. Wären die Leute gut und auch ihre Weise, zu leben, so könnten ihre Werke sehr leuchten. Bist du gerecht, so sind auch deine Werke gerecht. Nicht gedenke Heiligkeit zu gründen auf ein Tun; Heiligkeit soll man gründen auf ein Sein, denn die Werke heiligen nicht uns, sondern wir sollen die Werke heiligen."

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Thomas Wolfe, „Tod, der stolze Bruder“: „Mit allem, was nachts auf Erden geschieht, hatte ich Bekanntschaft gemacht, und schließlich auch nachts jene drei Gefährten kennen gelernt, mit denen ich meines Lebens besten Teil zubrachte, den stolzen Tod und dessen Geschwister, die strenge Einsamkeit und den großen Schlaf.“ – „Menschen halten stets der leblosen Hülle die Treue und behüten und bewachen sie und sehen sie an, bis die blinde Erde sie aufnimmt und bedeckt.“ – „Was sollte ich da zu fürchten haben, Einsamkeit, so lang du bei mir bist? Heldische Freundin, Blutsschwester des stolzen Todes, dunkles Angesicht, sind wir nicht zusammen Millionen Straßen entlanggegangen, nicht zusammen auf den großen, wütigen, nächtlichen Zufahrten umhergestreift, haben wir nicht zusammen und allein die stürmischen Meere gekreuzt und sind wiedergekommen, um wiederum auf dem Kontinent der Nacht umherzuwandeln und abermals der Stille der Erde zu lauschen?“ – „Im Schlaf sind wir alle nackt und allein, im Schlaf werden wir eins mit dem Herzen der Nacht und der Dunkelheit, und wir kennen dann keinen Tod, denn da ist kein Tod, da ist kein Leben, keine Freude, kein Kummer und keine Herrlichkeit auf Erden außer dem Schlaf.“ - „Ich dachte daran, wie des großen Cäsar Staub in den Mörtel eingehen könne, damit man eine Mauer bewirft, und daran, wie unsre Leben an jegliches andere Leben rühren, da je gelebt ward, und daran, wie in der Luft um uns jeder dunkle Augenblick, jedes verschollne Leben, jede verklungne Stimme und jeder verhallte Tritt einmal auf dem Pflaster geklungen hatte.“

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Vergangene Woche berichtete BZ-Chefkolumnist Gunnar Schupelius aus Berlin, dass im grün regierten Bezirk Friedrichsberg-Kreuzberg die Ehrenmedaille nicht mehr an Leute verliehen werden soll, die sich zwar Verdienste um die Stadt und ihre Menschen erworben habe, aber Angehörige einer Religionsgemeinschaft sind. Jetzt lehnt der zuständige Stadtrat Peter Beckers (SPD) es sogar ab, weiterhin religiöse Feste zu genehmigen: Es gebe Anwohnerbeschwerden wegen Lärms. Schupelius wundert sich: Der Karneval der Kulturen, die Biermeile, die schwul-lesbischen Feste, alles lärmfrei? Beckers ist um eine Ausrede nicht verlegen: Diese Feste hätten eine lange Tradition. Weihnachten und Ramadam etwa nicht? Daraufhin Beckers: „Wir versuchen, einen Platz zu finden, sauf dem dann alle religiösen Feste gefeiert werden.“ Ein religiöses Ghetto im heidnischen Berlin?

 

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