Bergpredigt und Politik auf der Insel der Seligen

Mittwoch, 4. September 2013

In MOMENT MAL zeigen Kolumnen aus dem Jahr 1998, welchen Themen die Öffentlichkeit bewegten, als Rot-Grün zum ersten Mal die Ablösung einer schwarz-gelben Koalition anstrebte. Anders als heute ging es damals auch um die Frage, ob Sozialisten die besseren Christen seien.  

Bonner Regierende nennen das Land noch immer eine Insel der Seligen. Oppositionelle, von denen nicht wenige Jesus auf die Größe eines Sozialrevolutionärs reduzieren wollen, klagen zuweilen die Forderungen der Bergpredigt ein. Beides läßt Zweifel an der Bibelfestigkeit der Betreffenden keimen: Wissen sie, wovon sie reden?

So wenig wie die irdischen Heilsversprechen der Politiker, sollten sie sich denn je erfüllen, tatsächlich unserer Seligkeit dienten, so wenig glücklich wären Wähler und Gewählte, sollten sie sich gezwungen sehen, dem Anspruch der Bergpredigt auch nur annähernd zu genügen.

„Als Jesus die vielen Menschen sah", beginnt Kapitel 5 des Matthäus-Evangeliums, "stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie..." Dann folgen Verse, die sich tief einprägen.

Vers 3: "Selig, die arm vor Gott sind; denn ihnen gehört das Himmelreich." Gemeint sind die Seelsorger, und da sieht es schon mal gar nicht gut aus: 1997 baten 235 junge Deutsche um Aufnahme in die Priesterseminare; nur jeder zweite hält bis zur Priesterweihe durch, der Mangel an Geistlichen zwingt bereits zur Zusammenlegung von Gemeinden.

Vers 4: "Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden." Diese Aufgabe bleibt Sozialämtern und Telefonseelsorgern  überlassen; Nachbarn hingegen wundern sich nur, wenn Polizisten nebenan Wohnungen aufbrechen, in denen seit Monaten unbemerkt ein Toter lag.

Vers 5: "Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben." In Deutschland bekommt Friedfertigkeit kein Bein auf den Boden, auch nicht auf den Bildschirm: "Tagesschau"-Kameras richten sich lieber auf gewalttätige Randalierer, ob Castor-Transport oder Chaos-Tage.

"Selig, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden." Deutsche Richter lassen Kinderschänder und Drogendealer laufen.

Vers 7: "Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden." Schon 1974 orientierte sich nur noch jeder vierte Bundesdeutsche am Gebot der Nächstenliebe, heute ist es jeder fünfte. Als Oase der Mitmenschlichkeit gilt der Stasi-Staat.

Vers 8: "Selig, die ein reines Herzens haben; denn sie werden Gott schauen." Ehrlichkeit gilt als Dummheit, gebeichtet wird nur noch in Talkshows, ertappte Sünder zeigen statt Reue lieber Rechtfertigungsposen. SED-Bonzen faseln von Siegerjustiz. Ein TV-Pfarrer, im Auto einer Dame verunglückt, von der seine Ehefrau nicht wußte, fordert anschließend "mehr Erotik".

Vers 9: "Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen." Im Land der Rechtsschutzversicherung und der Nachbarschaftsprozesse um ungestutzte Hecken oder zugeparkte Garageneinfahrten nimmt die Gewalt auf Straßen und Schulhöfen immer weiter zu.

Vers 10: "Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich." Stasi- und Enteignungsopfer bekommen kaum oder gar keine Entschädigung, Kirchengemeinden kämpfen lieber für Asylbetrüger - ein Pfarrer über einen ghanaischen Paßfälscher: "Ja, er hat gelogen, aber Jesus hat ihm verziehen."

Noch geringer scheinen die Chancen weniger bekannter Forderungen der Bergpredigt. Beispiele:

Vers 31: "...Wer seine Frau entläßt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus: und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch." Heute sind Scheidungen auch für Politiker kein Problem.

Vers 37: "Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein." Inzwischen bietet jede Partei einen Chor vieler Zungen, die einander wortreich widersprechen, bis niemand mehr weiß, was z.B. im Falle von Regierungsmacht beschlossen werden soll.

Vers 44: "Liebet eure Feinde." Politiker beschimpfen und verleumden einander. Unter Fußballern gilt es als clever, Konkurrenten durch Körperverletzung zu eliminieren. Zuschauer bewerfen gegnerische Athleten mit Feuerwerkskörpern oder Bananen.

Kapitel 6, Vers 1: "Wenn du Almosen gibst, laß es nicht vor dir herposaunen." Heute haben solche Hilfsaktionen den größten Erfolg, bei denen die Namen der Spender in TV-Sendungen eingeblendet werden.

Vers 16: "Wenn ihr fastet, macht kein finsteres wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, daß sie fasten." Der Leiter einer evangelischen Fasten-Initiative ist schon weiter, er lehnt kulinarische Restriktionen öffentlich ab: "Auf keinen Fall wird es einen Diätplan geben. Schließlich soll das Ganze nicht pharisäerhaft werden."

Und Vers 24: "Niemand kann zwei Herren dienen...Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Die Zusammenhänge zwischen Kirchensteuern und Kirchenaustritten sind klar. Pessimisten könnten meinen, die Deutschen hätten sich entschieden.

 

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