Bei der Geliebten schreibt er sein Loblied auf die Ehe

Mittwoch, 4. September 2013

Vor 245 Jahren wird der Schriftsteller und Staatsmann Chateaubriand geboren. Der bedeutende Politiker und geniale Philosoph gilt als der einflussreichste Autor der französischen Frühromantik und dient dem großen Victor Hugo als bewundertes Vorbild. Der Nachwelt aber bleibt er hauptsächlich durch ein 400 Gramm großes Stück Ochsenfilet in Erinnerung, das zwölf bis 15 Minuten lang gegrillt und dann mit Kräuterbutter bestrichen wird: das Chateaubriand, erfunden von seinem Koch Montmireil.

Francois Rene Vicomte de Chateaubriand, am 4. September 1768 in St. Malo als Sohn eines bretonischen Landadeligen geboren, hat keinen leichten Start. Sein Vater, als Sklavenhändler und im Siebenjährigen Krieg als Reeder wohlhabend geworden, erwirbt die Herrschaft Combourg in den Wäldern und zieht sich dorthin mit seiner Familie wie in die Abgeschiedenheit ferner Jahrhunderte zurück.

Dem Sohn wird eine Karriere als Offizier bestimmt. Im Kampf gegen die Revolutionsarmee schwer verwundet, verliert der 19jährige einen Bruder auf dem Schafott und seine Mutter im Kerker. Er selbst entflieht in die Neue Welt; schon auf der Reise zeigte sich, welche skurrilen Formen jugendlicher Romantik das noch ungeformte Genie bewegten: Während eines Sturms lässt er sich wie Odysseus am Mast festbinden, um so dem Heulen der Elemente zu trotzen.

Große Ziele und mangelnder Erfolg, ungebärdige innere Kräfte und die existentiellen Erfordernisse einer überaus bewegten Zeit lassen in dem jungen Mann die Widersprüche wachsen: Begeistert liest er den großen Aufklärer Jean-Jacques Rousseau und verdammt ihn gleichzeitig als Schurken, der seine Bastarde in Findelhäusern abgegeben habe. Schon mit 40 schreibt er seine Memoiren, verbittet sich aber ihre Veröffentlichung zu Lebzeiten und redigiert bis zu seinem Tod darin herum. Und als er in einer religiösen Schrift heftig die Unverletzlichkeit der Ehe verteidigt, wohnte er nicht bei seiner Gattin, sondern bei einer seiner Geliebten.

Nach Emigrantenjahren in London kehrt Chauteaubriand unter Napoleon in seine Heimat zurück. Es folgen die fruchtbarsten Jahre des Schriftstellers: 1801 veröffentlicht er die Indianergeschichte „Atala", 1802 das Selbstporträt „Rene", eine moralische Lektion voller Melancholie, die in Frankreich eine ähnliche Stimmung hervorruft wie 28 Jahre zuvor Goethes „Werther" in Deutschland.

Wenige Tage bevor der große kleine Korse sein Konkordat mit der Römischen Kirche abschließt, publizierte der Bretone sein Glaubensbekenntnis „Geist des Christentums". Der Erfolg des Buches macht den Autor für Napoleon interessant: Er schickte ihn als Botschaftssekretär nach Rom. Als sich Meinungsverschiedenheiten einstellen, besitzt Chateaubriand den Mut, den Mächtigen um seinen Abschied zu bitten. Als er es später wagt, Napoleon indirekt mit Nero zu vergleichen, droht der Kaiser, den Kritiker „auf den Stufen der Tuilerien niedersäbeln" zu lassen.

Zurück in Paris, widmet Chateaubriand sich wieder ganz der Pflege seines Dichterruhms, den ihm auch die bekannteste seiner Geliebten zu hegen hilft: die Bankiersfrau Juliette Recamier, kokette Salonkönigin des Empire und in der Kunstwelt Objekt der Porträtkunst Jacques-Louis Davids.

Unter den Bourbonenkönigen erwacht Chateaubriands politischer Ehrgeiz von neuem. Er wird Gesandter in Berlin und Botschafter in London. Natürlich reist er nicht ohne seinen Koch zu den kulinarischen Inselbarbaren. Der wackere Herd-Heros Montmireil hat einst für Napoleon gekocht. Seinem patriotischen Herrn ist der Weltruhm des englischen Steaks ein Dorn im Auge. Montmireil soll es übertreffen. Der Franzose grillt ein dickes Doppelstück vom Rind von mindestens 400 Gramm aus der Lende zu knuspriger Perfektion und serviert es mit einer Sauce béarnaise. Es wird ein Klassiker nicht als „Montmireil“, sondern als „Chateaubriand“.  

Als der Royalist endlich Außenminister ist, setzt er durch, dass französische Truppen im revolutionären Spanien intervenieren, den gefangenen König Ferdinand VII. befreien und ihm bei harten Vergeltungsmaßnahmen bis hin zu schaurigen Blutbädern helfen. Von Skrupeln kaum geplagt, brüstet er sich mit diesem politisch eindeutigen, aber moralisch höchst zweifelhaften Erfolg so heftig, dass ihm der König den Abschied gibt. Sein Nachfolger macht den Dichter freilich noch einmal zum Botschafter, diesmal in Rom. Papst Leo XII. vererbte dem Franzosen eine graue Katze, die später als „Katze des Papstes" hochgeehrt in Paris lebt.

Nach der Juli-Revolution von 1830 zieht sich Chateaubriand aus der Politik zurück und widmete sich seinen Erinnerungen. Kritiker rühmen den Egozentriker als„“bahnbrechenden Schriftsteller" und „Erneuerer der französischen Poesie". Aber auch als politischer Prophet bleibt er bis heute aktuell, als er zum Beispiel vorhersagt: „Der Atlantik ist nur ein Flüsschen... Der politische Einfluss der Staaten, die sich in Amerika bilden, wird sich in Europa fühlbar machen."

Die letzten Tage seines Lebens verbringt der fast 80jährige mit der um zehn Jahre jüngeren Madame Recamier in deren berühmten Salon, beide gebrechlich, halb gelähmt und nahezu unfähig, sich ohne fremde Hilfe zu bewegen. Schweigend sitzen sie sich gegenüber, „zwei Ruinen", wie ein Zeuge schildert,„“die lebende Verkörperung der Poesie der Vergänglichkeit und Wehmut, die über allen Dichtungen Chateaubriands liegt". Als der Poet stirbt, hielt die Muse seine Hand.

 

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