Hitlers nicht ganz williger Zar

Mittwoch, 28. August 2013

Vor 70 Jahren, am 28. August 1943,  stirbt Boris III., der letzte Herrscher Bulgariens. Im Oktober 1991, kurz nachdem auch in Bulgarien die kommunistische Tyrannei beendet ist, findet Dimitar Witanow von der bulgarischen Akademie der Wissenschaften im Garten der Königsresidenz nahe Sofia ein Glasgefäß mit einem Herzen. Das in einer konservierenden Flüssigkeit aufbewahrte Organ, gerade in das Kloster Rila umgebettet, ist der einzige sterbliche Rest, den das Land von seinem letzten Zaren besitzt.

Am 30. Januar 1894 in Sofia als ältester Sohn des Königs Ferdinand I. von Bulgarien aus dem Hause Sachsen-Coburg-Gotha geboren, hat Boris als 20jähriger auf dem Balkan die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges kennengelernt und die bittere Niederlage miterleben müssen, durch die sein Land große Gebiete verlor.

Ferdinand tritt 1918 zurück. Bei den ersten Wahlen 1920 gewinnen Linke und Kommunisten die Mehrheit. Der Links-Diktator Stambolijski behandelt den neuen jungen Zaren wie einen Operettenkönig. Doch nach Hitlers Machtergreifung gelingt Rechtsradikalen 1934 in Sofia ein Staatsstreich. Nun greift der König ein und übernimmt, auf die Armee gestützt, die Regierungsgewalt. Er hofft, mit Hilfe Hitlers die verlorenen Gebiete zurückgewinnen zu können.

Der deutsche Diktator erfüllt diese Wünsche: 1940 zwingt er Rumänien, die Dobrudscha abzutreten. 1941 fällt Saloniki mit den ehemals bulgarischen Gebieten Thraziens an Sofia zurück, und nach der Niederwerfung Serbiens auch Mazedonien.

Die Gegenleistungen sind bescheiden: Boris gestattete lediglich, dass die Wehrmacht auf bulgarischem Gebiet zum Feldzug gegen Griechenland aufmarschiert. Die Kriegserklärung an die Sowjetunion aber verweigert er - als einziger Alliierter der Achse -, obwohl Hitler ihn immer stärker bedrängt.

Zur letzten Unterredung kommt es am 15. August 1943 auf dem Obersalzberg. Als der knapp 50jährige eine Woche später stirbt - offiziell an einer Verstopfung der linken Herzarterie -, kommen Gerüchte auf, die Nazis hätten dabei ihre Hände im Spiel gehabt. Doch noch einige Wochen vor diesem Besuch hat der König erklärt:„“Wir haben unseren Weg gewählt, und wir wollen nicht in die Geschichte als untreue Verbündete eingehen." Eine Kehrtwendung, wie sie Italien wenige Wochen später vollzieht, kommt für ihn nicht in Frage.

Als Hitler die Todesnachricht erhält, schleuderte er eine Vase auf den Boden und schreit:„“Mußte mir das auch noch passieren!" Zwei deutsche Arzte, die zur Pflege des erkrankten Königs herangezogen waren, haben angesichts der Leiche den Eindruck eines „typischen Balkantodes" durch Gift. Goebbels schreibt in sein Tagebuch: „Der Führer glaubt, dass König Boris sicher ermordet worden sei. Die deutschen Ärzte sind zu der Überzeugung gelangt, dass er mit Schlangengift vergiftet worden sei." In einer etwas späteren Eintragung spielte der Reichspropagandaminister darauf an, Hitler glaube, dass der Zar von Mitgliedern des italienischen Königshauses umgebracht worden sei.

Nach dem Tod des Königs regiert ein Regentschaftsrat die Bulgaren. Alle drei Mitglieder werden 1946 nach der kommunistischen Machtübernahme erst vor Gericht und dann an die Wand gestellt. Einer von ihnen, Prinz Kyrill, hat zuvor ausgesagt, der König habe auf der Heimreise aus Deutschland im Flugzeug ein Sauerstoffgerät benutzt, das nicht sachgemäß gehandhabt worden sei. Dadurch sei eine Lungenverletzung erfolgt, die später den Tod herbeiführte.

Zwei Tage später aber korrigiert sich der Prinz und behauptete nun zur Zufriedenheit seiner Richter, dass dem König durch eine Chloroformmaske Giftgas verabreicht worden sei. Dem widerspricht allerdings, daß Boris zwei Tage nach seiner Rückkehr in guter Verfassung den Gipfel des 2923 Meter hohen Musalla bestiegen hat.

Beim Eichmann-Prozeß 1961 versucht die Anklage vergeblich zu beweisen, Agenten des deutschen Massenmörders hätten den Anschlag auf Boris verübt, weil dieser sich der Deportation und Vernichtung bulgarischer Juden widersetzt habe. Heute halten es die meisten Forscher für wahrscheinlich, dass der Mord im Auftrag Stalins verübt wurde. Nach dem Tod des sowjetischen Diktators 1953 wird der Leichnam des Königs aus seinem Grab im Rila-Kloster geholt und im Hof des Vrana-Palastes beigesetzt. 1991 suchen die befreiten Bulgaren dort ihren letzten Zaren, finden aber nur sein Herz und bringen es wieder in sein Grab im Kloster.

 

 

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