Kapitel 12: Kontaktaufnahme

Sonntag, 15. September 2013

  „Nur ein halbes Stündchen“, antwortete Sander und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus. „Gleich geht die Sonne auf.“

  Sie schüttelte ihre Locken und öffnete den Mund zu einem herzhaften Gähnen, das sie mit einer Hand nur unzureichend verdeckte. „Also los“, sagte sie dann munter, „ich kann es kaum erwarten, mit der Auswertung anzufangen.“

  Sie kletterte in den hinteren Teil der Gondel, klappte die Notbank aus und stöpselte ihren Computer in die Bordelektrik. Sander nahm die Kassette aus der Infrarotkamera und setzte sich neben sie. Sie schaltete den Monitor ein, legte die Kassette in das Abspielgerät, koppelte es an den Computer an und drückte die Starttaste. Auf dem Monitor erschien der alte Mann in seinem Bett. Maria Behring schaltete auf Standbild. „Was würden Sie schätzen?“ fragte sie.

  „Schwer zu sagen“, meinte Sander. „Mindestens 70 Jahre. Vielleicht 80. Älter wird man nicht hier in den Tropen. Man sieht nur älter aus.“

  Sander wiegte den Kopf. „Brasilianer europäischer Abstammung“, erwiderte er. „Oder Portugiese. Das Buch ist jedenfalls aus Lissabon.“

  Sie ließ das Bild weiterlaufen, und auf dem Monitor erschienen nun der Reihe nach die verschiedenen Gegenstände. „Sauber und ordentlich“, kommentierte sie. „Entweder er hat gutes Personal, oder er versteht es, seine Sachen selber in Schuss zu halten. Würde sagen, letzteres. Typisch katholischer Priester. Ein Cousin von mir ist Pfarrer im Sauerland. Bei dem können Sie vom Fußboden essen. Manche Männer entwickeln erstaunliche Talente, wenn sie keine Frau haben, die ihnen die Hausarbeit abnimmt.“

  Sander dachte an das Innenleben seiner Seekiste und zog es vor, zu schweigen.

  Als nächstes erschienen die Altargeräte. Maria Behring schaltete die Größenfeststellung ein und führte die Skala auf dem Bildschirm zu den einzelnen Gegenständen. „Kelch, vermutlich Gold, henkellos, Kreuzeszeichen auf der vorderen Rundung, Fuß achteckig, Höhe 38,5 Zentimeter. Breite oben 12,5 Zentimeter, unten 8,5 Zentimeter.“

  Der Reihe nach vermaß sie auch die anderen Gerätschaften. Dann betrachteten sie lange die fremdartigen Ornamente auf dem bauchigen Keramikgefäß, konnten sie aber nicht einordnen.

  „Auch irgendwie antik“, meinte Sander.

  „Finden Sie? Mir kommt das eher indianisch vor“, sagte Maria Behring.

  „Vielleicht beides.“

  Sie nickte und ließ das Band wieder ein Stück weiterlaufen. Das Kruzifix erschien, und sie legte die elektronische Messlatte an. „31,2 Zentimeter“ meldete sie und überprüfte, ob der Computer die Information auch sicherte. Ein Lichtsignal bestätigte, dass sie auf der Festplatte abgespeichert war.

  Lange betrachteten sie die Gestalt des Gekreuzigten. Ausdruck und Proportionen der Figur zeigten, dass es sich um ein edles Stück aus erstklassiger Werkstatt handeln musste.

  „Mindestens hundert Jahre alt“, vermutete Maria Behring. “So etwas wird heute gar nicht mehr hergestellt.“

  „Haben Sie eine Ahnung“, widersprach er. „Caracas ist voll von solchen Dingern.“

  „Wirklich?“ Ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Sehen Sie doch mal, wie fein das gearbeitet ist! Das war ein Künstler, kein gewöhnlicher Handwerker. Wahrscheinlich werden so prächtige Kruzifixe schon seit der Säkularisation nicht mehr gemacht.“

  „Mag sein“, brummte Sander.

  Sie schaltete den Vorlauf ein und drückte erst wieder auf Start, als der Baum in dem kleinen Innenhof erschien. Dann stützte sie das Kinn in die Hand; auf ihrer Stirn bildete sich eine kleine Falte.

  „Sehen Sie die auffällig sperrige Verzweigung? Das ist ein Imbauba. In Venezuela nennt man ihn Yagrumo oder Orumo, glaube ich.“

  „Ein Ameisenbaum?“ fragte Sander verblüfft.

  „Ja“, sagte sie und zeigte ihm ihre Hände. „Allerdings wundern mich die vielen Bromelien. Normalerweise verteidigen die Ameisen ihren Wirtsbaum gegen alle Epiphyten und Schmarotzer. Kaum fällt ein Keim auf die Rinde nieder, kommen sie gleich heraus und beißen ihn ab. Sie jäten wie Gärtner. Komischerweise halten sich auch nur Bromelien auf diesem Baum, keine Orchideen, Würgfeigenranken, Lianen oder Farne. Höchst ungewöhnlich. Es gibt eigentlich keine Erklärung dafür. Es sei denn…“

  Sander wartete gespannt.

  „Es sei denn, diese Bromelien haben irgendeinen Abwehrstoff gegen die Ameisen entwickelt. So, wie sich manche Pflanzen gegen bestimmte Schädlinge wehren. Zum Beispiel durch giftige Säfte. Das müssen wir unbedingt untersuchen!“

  „Kennen Sie diese Bromelien denn nicht?“ meinte er verwundert.

  „Das ist es ja gerade“, sagte sie. „Die erste neue Bromelienart auf der ganzen Expedition, und sie wächst ausgerechnet im Hinterhof eines katholischen Priesters, der einen Stamm baumbewohnender Indianer kommandiert, mit einem bewaffneten Wächter vor der Tür! Aber wir kommen schon noch an den Baum heran, das können Sie nur glauben.“ Herausfordernd sah sie ihn an.

  „Ich habe nicht den geringsten Zweifel“, sagte Sander eilig.

  Sie schaltete den Monitor ab. „He, was ist das denn?“ fragte sie dann und schaltete gleich wieder ein. „Da ist was im Postfach.“ Sie drückte einige Tasten. „Von Professor Sarosi. Wissenschaftlich gesehen. Hatte ich gar nicht gemerkt. Ihre Finger arbeiteten auf dem Keyboard, bis der Text auf dem Bildschirm erschien.

  „Guten Tag. Frau Doktor Behring“, las sie. „Hier nun die versprochenen Angaben über die Omagua. Quelle eins: Francisco de Orellana. Befuhr 1541/42 als erster den Amazonas bis zur Mündung. Folgte der bekannten Legende von El Dorado, dem Indianerkönig, der sich täglich salbte und dann von seinen Untertanen mit Goldstaub gepudert wurde, den er in einem heiligen See abwusch. Lernte von den Omagua die Verwendung von Caesalpina echinata für den Schiffsbau sowie des Saftes von Hevea brasiliensis zum Abdichten der Fugen.“

  „Caesalpina echinata liefert das rote Paobrasil, das ‚Holz der glühenden Kohle‘. vorzügliches Schiffsholz“, erklärte sie Sander. „Hevea brasiliensis ist der wichtigste Kautschuklieferant, mit zehn bis zwölf Arten im Amazonasgebiet.“

  Sie las weiter: „Die Konquistadoren bauten also ein Schiff, um märchenhafte Reichtümer zu gewinnen, und hatten keinen Schimmer, dass sie dazu einen Pflanzensaft benutzten, der ihre Nachkommen märchenhaft reich machen würde.“ Sie lachte. „Komm, komm, Professorchen, keine philosophischen Exkurse, wir brauchen Fakten! Ah,hier: ‚Die Omagua zeigten den Spaniern, wie man die Bäume vor dem Fällen entastet, damit sie im Stürzen nicht in anderen Bäumen hängenbleiben‘ Das hätten sie mal lieber lassen sollen. Die Indianer versorgten die Weißen großzügig und halfen ihnen nach Kräften. Unter Aufsicht Orellanas hielten sich die Spanier deshalb zurück — nicht brennen, nicht morden, nicht schänden, nicht rauben, nicht plündern - was durchaus nicht dasselbe ist. Wissenschaftlich gesehen.‘“

  Sie übersprang einige Absätze und las dann weiter: „‘Orellana erreichte nach acht Monaten die Mündung des Amazonas. Damit hatte er als erster Weißer den südamerikanischen Subkontinent in West-Ost-Richtung durchquert.‘ Ja doch, nur nicht so feierlich! Was hat das denn mit den Omagua zu tun? Vielleicht jetzt: ‚Unterwegs zahlreiche Kontakte mit Indianern am Strom. Das gesamte Amazonasgebiet offenbar dicht besiedelt. Stämme allerdings fast sämtlich untereinander verfeindet‘. Nun, das ist mir allerdings neu. ‚Größenangaben höchst unterschiedlich. Fluss hieß damals noch Marannon. Erste Nachrichten über kämpfende Frauen führten später zum Namen Amazonas.' Aha. Also mal wieder wirre Männerphantasien. ‚Dokument: Aufzeichnungen des Orellana-Begleiters Fray Gaspar de Carvajal.‘ Also ein Mönch. ‚Zitat vom zwölften Februar 1842 am Ufer des Rio Napo: Vielleicht werden wir morgen schon die in der Sonne blinkenden Goldtempel am großen Strom erblicken und Schatzkammern öffnen, die voll Gold, Silber und Edelsteinen sind.‘ Feiner Priester, das! Genauso goldgierig wie die Soldateska. Das waren schon dolle Gottesmänner, die Europa damals auf die armen Indianer losgelassen hat.“

  Sie übersprang wieder einige Absätze. „Hier, Ostern 1842 — das klingt auch ganz gut. ‚Carvajal berichtet: Große Boote kamen auf dem Strom auf uns zu. Viele der Ruderer sprangen ins Wasser und schwammen dicht an unseren beiden Schiffen vorbei‘. Aha, inzwischen hatten sie schon zwei Schiffe, dank der tüchtigen Omagua. ‚Es war ein herrlicher Anblick. Denn der Kopfschmuck der Indianer, bunte Federkronen, blitzte wie Geschmeide in der Sonne. Wir warfen ihnen Lianentaue zu, und sie kletterten sofort an Bord. Sie waren groß und stark‘ - aha, deshalb hat Sarosi das Zitat ausgewählt – ‚und nackt bis auf einen Lendenschurz. Auf dem Kopf trugen sie außer dem Federschmuck kunstvoll bearbeitete Muscheln. Ihre schwarzen Haare hingen bis auf die Schultern herab. Die Gesichter waren rot bemalt, die Runzeln um die Augen nachgezogen, dadurch wirkten die Augen wie Masken.‘ Na ja, das brauchen wir wohl nicht mehr.“

  Sie scrollte weiter im Text. „Hier kommt etwas über Manoa. ‚Das ferne, reiche Manoa mit seinen goldenen Tempeln. Wurde nie gefunden.‘ Wen wundert's. Hirngespinste. Da: ‚Das Gold schien vor uns zurückzuweichen, klagte Carvajal.‘ Geschah ihnen recht. ‚Bei einem anderen Stamm, den Culino an der Mündung des Putumayo, hörte Orellana von einem GoIdland an einem grossen See mit Namen Parime.‘ Das brauchen wir alles nicht. Darüber hat AvH schon das Rechte geschrieben.“

  Auf dem Schirm erschienen Ziffern. Erstes Eindringen von Menschen in die Regenwälder Südamerikas 6000 v. Chr. Geschätzte Zahl der Bewohner des tropischen Regenwaldes in Mittel- und Südamerika vor der Ankunft des Kolumbus 7-10 Millionen. Davon im Amazonasgebiet 6 Millionen. Geschätzte Zahl der amerikanischen Regenwaldbewohner hundert Jahre nach Ankunft des Kolumbus 700.000 bis 1 Million.“

  Maria Behring lehnte sich betroffen zurück. „Innerhalb eines Jahrhunderts um 90 Prozent dezimiert!“

  „Heutige Einwohnerzahl in den tropischen Regenwäldern und angrenzenden Savannen 1 Million“, meldete der Computer. „Zahl der Siedlungen 5000. Zahl der Volks- und Stammesgruppen 300. Zahl der Individuen: Yanomami 15 000.“

  Maria Behring schaltete auf Pause und rieb sich die Augen. „Ich schlage vor, wir machen erst mal Schluss“, sagte sie und tippte sich an die Stirn. „Meine Festplatte ist voll, ich kann nichts mehr speichern.“

  „Wenn Sie sich hier ausstrecken wollen, gehe ich wieder auf meinen Sitz.“

  „Danke“, sagte sie.

  Er stand auf, stellte seine Rückenlehne so weit nach hinten, wie es die Arretierung zuließ, und ließ sich mit einem wohligen Seufzer nieder. Plötzlich fühlte er, wie etwas Weiches auf ihm landete.

  „Nehmen Sie eine Decke“, hörte er Maria Behring sagen. „Schließlich sind Sie ein Kulturmensch.“

  „Danke“, murmelte er und schlief sofort ein.

  Als er wieder aufwachte, roch er Kaffeeduft. Er richtete sich auf und sah, wie Maria Behring im hinteren Teil der Gondel an einem Kocher hantierte.

  „Ich wusste gar nicht, dass Sie kochen können!“ sagte er erfreut.

  „Für Kaffee reicht es gerade so. Guten Nachmittag. Haben Sie gut geschlafen?“

  Seine längst aus der Mode gekommene Dugena Tropica Automatic zeigte 16.45 Uhr. „Ja“, sagte er, „gut und lange.“

  „Dann können Sie ja zwei von den Verpflegungspäckchen aufmachen“, schlug sie vor. „Ich schätze. Sie haben genauso viel Hunger wie ich.“

  Sie kletterte auf den Pilotensitz, setzte die Funkanlage in Betrieb, schaltete die Companyfrequenz ein und meldete sich bei der Funkstation im Camp: „Airship Delta Bravo Papa Whiskey Oscar. Position Rio Manipitari, Quellgebiet. Alles okay. Gute Ausbeute. Grüße an alle.“

  „Gut, dass Sie sich melden. Frau Doktor, sagte der Funker aufgeregt. „Der Oberst ist ziemlich sauer!“

  „Dann sagen Sie ihm ganz besonders schöne Grüße“, gab Maria Behring zurück und schaltete ab.

  Sie aßen kaltes Roastbeef mit Salat aus der Kühltruhe. Sander trank eine Cola, Maria Behring ein Perrier. Dann warf sie die Reste in den Müllbehälter und sagte: „Wenn Sie nichts dagegen haben, schauen wir uns erst mal die Bibel und dann das andere Buch an.“

  Sie ließ das Band zurücklaufen, bis es an die Stelle kam, die das Frontispiz der Bibel zeigte. Dort stand in lateinischer Sprache „Biblia Sacra iuxta Vulgatam Tridentinam nova editio“ und darunter „Olisipo MDXXXXVI“.

  „Schönes altes Stück“, sagte Maria Behring. „Pergament. Ziemlich gut erhalten, finden Sie nicht?“

  „Ja“, sagte Sander, obwohl er sich nicht im Entferntesten für kompetent hielt, darüber zu befinden.

  Sie holte das andere Buch auf den Monitor. Die aufgeklappte Seite war von oben bis unten eng mit einer Handschrift beschrieben, die wie gestochen wirkte.

  „Ob das der Alte war?“ murmelte Maria Behring. Sie vergrößerte die ersten Worte der obersten Zeile. Hier ist wieder eine Jahreszahl. Moment... M-D-L-I-I-I. Früher konnte ich so was lesen. Warten Sie mal. M ist tausend. D ist fünfhundert... also, wenn mich nicht alles täuscht, heißt das 1553. Stammt also wohl doch nicht von unserem seltsamen Freund.“ Sie lächelte.

  „Schwerlich“, stimmte Sander zu.

  Sie kniff die Augen zusammen und versuchte zu lesen, konnte aber kein einziges Wort entziffern. „Ich geb's auf“, sagte sie nach einer Weile. „Muss irgendwie Portugiesisch sein, aber eben Portugiesisch von vor 450 Jahren. Ganz andere Buchstaben. Schauen Sie nur mal, diese Schnörkel: Können Sie Portugiesisch?“

  „Klar. Das bleibt in diesen Breiten nicht aus.“

  „Aber um das entziffern zu können, muss man Romanistik studiert haben. Sieht aus wie ein Tagebuch. Wozu liegen diese alten Schwarten dort herum?“

  „Vielleicht hat er sie hier gefunden?“ meinte Sander.

  „Wohl kaum“, entgegnete sie. „Selbst Pergament kann sich in dieser Hitze und bei dieser Luftfeuchtigkeit nicht länger als ein paar Jahrzehnte halten.“

  „In der Höhle ist es kühl und trocken“, bemerkte Sander.

  „Das stimmt“, gab sie zu. „Aber glauben Sie wirklich, dass dieser Saal schon länger existiert? Mir kam es eher so vor, als sei er erst vor ein paar Jahren aus dem Felsen gehauen worden. Vermutlich besteht der ganze Kegel aus Tuffstein; die Wand fühlte sich wie Sandpapier an. Sehen wir mal, was wir haben. Zweifellos handelt es sich um einen Priester. Höchstwahrscheinlich um einen Missionar. Vermutlich schon seit einigen Jahren im Wolkenwald tätig. Möglicherweise sogar schon seit zwei oder drei Jahrzehnten. Seine Indianer leben auf Holzkulturstufe. Offenbar überwiegend auf den Bäumen. Ganzjährig, meine ich. Population aus ungefähr 3000 bis 3500 Individuen. Das von ihnen besiedelte Gebiet füllt offenbar den größten Teil des Kraters aus. Mit dem Riesenwuchs der Bäume und der Dichtheit der Bestände geht eine besondere Fertilität einher, die sich in der Vielzahl und der Größe der Früchte und Nüsse ausdrückt. Die Baumfrüchte dienen als Grundnahrungsmittel. Tierisches Eiweiß vorhanden, Nutzung allerdings fraglich. Ich halte es für wahrscheinlich, dass diese Menschen freiwillig auf das Jagen und Schlachten von Tieren verzichten. Möglicherweise aus religiösen Gründen. Anreicherung des Speisezettels vermutlich durch besonders große und proteinreiche Insekten. Zusammenleben der Menschen in Familien. Zusammenkünfte festlichen Charakters vor der Behausung des Missionars im Mittelpunkt des Siedlungsgebiets. Einfache hierarchische Strukturen mit dem Priester an der Spitze, drei oder mehr besonders großen und kräftigen Indianern als Assistenten. Einer der Assistenten, vielleicht der Häuptling der Eingeborenen, ist bewaffnet, führt aber offenbar die Befehle des Missionars aus. Haben wir etwas vergessen? Ja, haben wir. Sprache Guarani, vermutlich ein alter, bei anderen Völkern heute nicht mehr gebräuchlicher Dialekt. Nur wenig Kontakt zur Außenwelt, vielleicht sogar schon seit Jahren überhaupt keine Umwelteinflüsse mehr. Erstaunliche Sicherheit bei der Fortbewegung in den hohen Bäumen durch Anlage eines verzweigten Systems aus Hochwegen, Hängebrücken und Leitern. Erstaunlich vertrauter Umgang mit Affen, Vögeln und baumlebenden Nagern. Ich finde, wir wissen schon eine ganze Menge. Aber es bleiben viele Fragen offen. Als da sind: Herkunft und ethnische Zugehörigkeit der Indianer. Ursachen ihre Zwergwüchsigkeit. Ursachen der ausgeprägten Schulter- und Armmuskulatur sowie der Polydaktylie. Alter der Ansiedlung. Herkunft des Missionars. Gründe für den Mangel an Kontakten. Gründe für die Lebensweise überwiegend auf Bäumen. Ich finde, es gibt eine ganze Menge Fragen an den Alten.“

  Sander rutschte unruhig hin und her. „Und ich finde, dass wir darüber noch mal reden sollten“, sagte er.

  „Wozu?“ fragte sie. „Haben wir das nicht längst beschlossen?“

  „Das haben Sie beschlossen, nicht wir“, verbesserte Sander, und zwar unter ziemlichem Stress. Ich will Ihnen das gar nicht ausreden, aber…“

  „Das können Sie auch gar nicht“, fuhr sie dazwischen.

  „...aber ich finde, wir sollten trotzdem vorher noch einmal in Ruhe darüber reden. Die Vor- und Nachteile abwägen. Wie stellen Sie sich diese Operation denn eigentlich vor? Wollen wir uns wieder nachts in die Höhle schleichen, Licht machen und sagen: ‚Aufwachen, Herr Pfarrer, Sie haben Besuch?‘“

  „Seien Sie nicht albern“, sagte Maria Behring.

  „Bin ich nicht. Eins ist doch klar: Sobald uns die Indianer gesehen haben, und zwar die Mehrheit, nicht nur ein paar einzelne, gibt es kein Zurück mehr. Denken Sie an Ihre kleinen grünen Männchen vor dem Brandenburger Tor.“

  „Wir müssen natürlich behutsam vorgehen“, räumte sie ein. „Ich habe keineswegs vor, eine Art Luftangriff zu fliegen oder den Menschen einen Kulturschock zu verpassen.“

  „Aber genau das werden wir tun“, beharrte er. „Das dort drüben ist ein kleines Paradies. Und was Sie vorhaben, wird dieses Paradies kaputt machen.“

  „Ich sehe nicht, wieso“, sagte sie. „Ja, wenn dieser alte Mann nicht wäre! Dann würde ich es mir wirklich überlegen, ob ich diese Indianer mit meinem weißen Gesicht erschrecken soll. Aber die hier wissen ja nun, dass es Menschen anderer Hautfarbe gibt. Sie sind mit dem christlichen Glauben bekannt gemacht worden. Das bedeutet, sie wissen, dass die Welt nicht allein aus Dschungel besteht. Wenn die Bibel dort nicht allein nur für den privaten Gebrauch herumliegt, sondern gelegentlich auch zum Vorlesen dient, und davon gehe ich aus, dann müssen diese Leute auch schon mal etwas von Euphrat und Nil, vom Berg Sinai und vom Roten Meer, von der Wüste und von Schnee, von Babylon, Jerusalem und Rom gehört haben. Und auch von sonderbaren Fahrzeugen, die durch die Luft fliegen, wenn ich mich richtig erinnere. Swing low, sweet chariot!“ Herausfordernd summte sie einige Takte der Melodie. „Denken Sie mal an den feurigen Wagen, in dem Elia herumkutschierte! Ich meine, wo Missionare hindürfen, dürfen Wissenschaftler schon lange hin. Oder denken Sie etwa, es wäre besser für die Welt, wenn wir den Priestern das Feld überließen? Dann hätten wir heute vermutlich überall so nette Gebräuche wie Ablass, Abtreibungsverbot und Inquisition.“

  „Das meine ich überhaupt nicht“, entgegnete Sander fest. „Aber wir wissen noch nicht mal, wie der Alte reagiert. Wahrscheinlich hat er noch nie ein Luftschiff gesehen. Wahrscheinlich lebt er wirklich schon seit Jahrzehnten unter diesen Indianern und weiß gar nicht, was draußen in der Welt inzwischen los ist.“

  „Dann sollten wir es ihm so rasch wie möglich mitteilen. Damit er schon mal darüber nachdenken kann, was er seinen Indianern erzählt, wenn die ersten Hubschrauber der brasilianischen Bundespolizei über ihren Köpfen herumschwirren.“

  „Wenn man auf alles eine Antwort hat, heißt das noch lange nicht, dass man auch Recht hat“, sagte Sander ärgerlich. Was ist, wenn die Menschen in Panik geraten und davonlaufen? Wenn sie sich vor uns so fürchten, dass sie von den Bäumen klettern und im Urwald verschwinden?“

  „Das tun sie nicht.“

  „Woher wollen Sie das wissen? Es kann doch ohne weiteres sein, dass sie total die Nerven verlieren.“

  „Tun sie nicht, glauben Sie mir.“

  „Ich möchte mal wissen, was Sie so sicher macht“, sagte er verdrossen. „Entweder Sie verstehen das Problem nicht, oder Sie wollen es nicht verstehen.“

  „Ich verstehe es sehr wohl“, sagte sie mit leichter Schärfe. „Unterstellen Sie mir bitte nicht, dass ich gegenüber den Problemen von Indianern unsensibel wäre! Das Gegenteil ist der Fall. Ich möchte Kontakt aufnehmen, weil ich glaube, dass wir hier eine Mission zu erfüllen haben.“

  „Eine Mission!“ wiederholte Sander ungläubig. „Das ist doch nicht Ihr Ernst! Sie wollen berühmt werden, das ist alles!“

  „Jetzt reicht es aber! Was fällt Ihnen eigentlich ein? Ich habe es nicht nötig, mir solchen Mist anzuhören. Sie haben sich verpflichtet, während der Vertragsdauer meine Anweisungen zu befolgen. Wenn Sie nicht parieren, können Sie Ihr Honorar in den Rauchfang schreiben!“

  „Darauf pfeife ich“, sagte er. „Von Ihnen lasse ich mir überhaupt nichts mehr vorschreiben. Schon gar nicht, was gut und was falsch ist. Machen Sie das mit Ihren Subalternen, aber nicht mit mir!“

  Zornig funkelten sie einander an. Dann stand Maria Behring abrupt auf, schleuderte ihren Kaffeebecher auf den Boden, stieß die Tür auf und sprang ins Freie. „Ich brauche frische Luft!“

  Ziellos lief sie kleine Kreise durch den Dschungel, blieb aber immer in Sicht- und Hörweite des Luftschiffs. Sander steckte sich eine Zigarette an der anderen an.

  Nach einer Stunde kam sie zurück. „Tut mir leid, sagte sie verlegen. „Sie haben recht, wir sollten noch einmal in Ruhe darüber reden.“

  „Schon gut“, sagte Sander versöhnlich. „Wir müssen aufpassen, dass wir jetzt nicht die Nerven verlieren.“

  „Allerdings“, sagte sie. „Ohne Sie wäre ich hier auch völlig aufgeschmissen. Ich könnte ja nicht mal das Luftschiff zurückbringen.“

  „Keine Sorge“, sagte Sander. „Ich lasse Sie nicht im Stich, nur weil wir mal verschiedener Meinung sind.“ Er lächelte schief. „Außerdem will ich ja irgendwann auch wieder nach Hause. Nicht sofort, aber bald.“

  „Also gut“, sagte sie. „Dann mache ich Ihnen jetzt einen Vorschlag. Wir lassen den alten Mann selbst entscheiden. Ich schreibe ihm einen Brief, in dem ich ihn um Kontaktaufnahme bitte. Wir werfen den Brief in seinen Innenhof. So, dass er ihn unmöglich übersehen kann. Wir verabreden ein Zeichen mit ihm. Gibt er uns das Zeichen, gehen wir zu ihm. Gibt er uns das Signal nicht, fahren wir nach Hause. Einverstanden?“

  „Sie scheinen sich Ihrer Sache ja ziemlich sicher zu sein“, sagte Sander.

  „Das bin ich auch. Aber wie wir jetzt gesehen haben, reicht das offenbar nicht mehr. Ich muss auch noch Sie überzeugen.

  Sie öffnete die Kiste für Notfälle, nahm eine der Macheten heraus, ging zum nächsten Strauch und hieb einen kräftigen Ast ab. Dann holte sie eine der leuchtendroten Signalfahnen aus der Gondel, wickelte sie um den Ast und befestigte sie mit der Halteschnur. Befriedigt betrachtete sie ihr Werk.

  „Das ist wirklich nicht zu übersehen“ gab Sander zu.

  Sie holte einen Notizblock und einen Filzstift aus ihrem Gepäck. „Dann wollen wir mal. K-O-N-T-A-K-T.“ Sie malte das Wort in Großbuchstaben über die ganze Seite und setzte den Stift dann eine Zeile tiefer an. „Wie reden wir den Mann an? Hochwürden? Das klingt wie aus ‚Don Camillo und Peppone‘. Vater? Vielleicht ist er ein Mönch, dann wäre Bruder besser. Bruder in Christo oder so.“

  „Schreiben Sie doch einfach >‘Pater‘“, schlug Sander vor. „Wenn schon, denn schon.“

  „Okay“, sagte sie. „Also dann.“ Sie sprach die Worte beim Schreiben mit. „Pater! Sie wissen nicht, wer wir sind. Aber wir sind Christen und möchten Sie morgen um Mitternacht in Ihrer Wohnung aufsuchen. Wir werden uns so verhalten, dass wir von Ihren Indianern nicht bemerkt werden können. Wenn Sie einverstanden sind, lassen Sie die Brücke für die Zeit unseres Besuches unbewacht.“

  Sie blickte Sander unschlüssig an. „Und wie unterschreibe ich das jetzt? Einfach mit Maria Behring? Das kommt mir irgendwie zu geschäftsmäßig vor.“

  „Ihre gehorsame Tochter Maria“, schlug Sander vor.

  „Meinen Sie das im Ernst?“

  „Warum denn nicht? Das macht die Sache so richtig rund.“

  „Ich glaube, Sie wollen mich auf den Arm nehmen. Aber vielleicht ist das mit der Tochter wirklich nicht so übel. Baut Misstrauen ab. Erlegt ihm vielleicht sogar eine gewisse Verpflichtung auf.“

  Sie riss das Papier ab, schob es in eine Klarsichtfolie, wickelte den Brief mit der Schrift nach außen um den Stecken und befestigte ihn mit einem Einweckgummi.

  „Sie haben wirklich alles dabei“, meinte Sander anerkennend.

  „Alte Expeditionserfahrung“, sagte sie. „Immer reichlich Einweckgummi mitnehmen, den kann man zu allem Möglichen gebrauchen.“ Sie wog den Stecken prüfend in der Hand. „Jetzt brauchen Sie nur noch das Luftschiff über diesen kleinen Innenhof zu fahren“, sagte sie gutgelaunt, „und die Sache ist gelaufen.“

  „Für mich kein Problem“, sagte Sander. „Hoffentlich treffen Sie auch.“

  „Ich war mal Charlottenburger Juniorenmeisterin im Speerwerfen“, erwiderte sie. „Vielleicht nützt mir das ja jetzt mal was.“

  Sie warteten. Es regnete wieder, aber der Wind blieb schwach. Sander schaltete das Radio ein und hörte sich die Wetterberichte der Region an. Sie klangen beruhigend. Maria Behring setzte sich wieder vor den Computer und las, was Professor Sarosi ihr sonst noch an Informationen zugedacht hatte.

  „He“, rief sie Sander zu. „Deutsche Entdecker waren auch mal hier in der Gegend. Schon vor AvH. Im 16. Jahrhundert. Haben Sie das gewusst?“

  „Ja“, sagte Sander. „Irgendjemand hat mir mal davon erzählt. Die Fugger oder irgendwelche anderen Pfeffersäcke.“

  „Die Welser“, verbesserte sie. „Donnerwetter, die waren hier ganz schön unterwegs. Kamen gleich nach den Spaniern.“

  „Warum sollten Kaufleute auch weniger goldgierig sein als Konquistadoren! sagte Sander.

  Sie las, bis sie müde wurde. „Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich mich ein bisschen hinlege?“

  „Schlafen Sie nur. Ich wecke Sie, wenn es soweit ist.“

  Kurz vor Mitternacht setzten sie die Infrarotgeräte wieder auf und stellten die schweren Batterietornister neben ihre Sitze. Sander startete die Motoren, manövrierte das Luftschiff unter den Bäumen hervor und nahm Kurs auf den Vulkankegel. Über dem niedrigen Kraterrand stellte er die Triebwerke ab. Sie segelten einige hundert Meter geräuschlos dahin. Plötzlich erschütterte ein heftiger Windstoß das Schiff wie mit einer riesigen Faust, und sie wurden in ihre Sitzgurte geschleudert.

  Sander schaute besorgt auf den Windmesser. Der Zeiger fiel von zwölf Sekundenmetern wieder auf 1,6 zurück.

  „Ziemlich starke Bö“, sagte Sander. „Bleibt hoffentlich die einzige.“

  Er hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, als ein neuer Stoß das Schiff traf und gut 30 Meter nach Steuerbord schob.

  „He, was soll das!“ rief Maria Behring. „Tun Sie doch was!“

  „Tut mir leid“, sagte Sander. Wir kommen vom Kurs ab. Entweder schalte ich jetzt die Motoren wieder an, oder wir können die Aktion vergessen, jedenfalls solange es hier oben so unruhig ist.“

  „Schalten Sie sie ein“, sagte sie. „Es ist stockfinstere Nacht. Die Indianer werden denken, dass es donnert.“

  Sander startete die Motoren, ließ sie aber zunächst noch im Leerlauf arbeiten. Erst nach der nächsten Bö übertrug er Kraft auf die Propeller und korrigierte den Kurs.

  Maria Behring sah durch das geöffnete Seitenfenster. „Tiefer“, befahl sie über das Helmmikrophon, „wir sind viel zu hoch.“

  Sander pumpte Luft in die Ballonetts, und das Luftschiff sank, bis es nur noch 15 Meter über den Baumwipfeln dahinschwebte. Der Vulkankegel ragte vor ihnen auf.

  „Noch etwas tiefer“, sagte sie.

  „Das ist zu gefährlich“, erwiderte Sander. „Ich habe keine Lust, mit der Gondel gegen den Felsen zu krachen, auch wenn der nur aus Tuffstein besteht.“

  „Wir haben noch mehr als genug Sicherheitsabstand“, sagte sie.

  Sander gehorchte unwillig; die Ballonetts waren nun prall gefüllt.

 „Ja. so geht's“, antwortete sie. Der Felsen kam näher. Sie beugte sich mit dem Oberkörper aus dem Fenster und wog den Stecken in der rechten Hand. Als sie den Innenhof überquerten, schleuderte sie das Holzstück in die Tiefe. Durch den Fahrtwind wurde es ein wenig aus der Richtung getrieben, fiel aber in den Hof, wo es gegen die Mauer prallte und mit wehender Signalfahne im Gras liegenblieb.

  „Das sieht er“, sagte Maria Behring befriedigt. “Das sieht er ganz bestimmt. Ab nach Hause.“

  Sander öffnete die Ventile der Ballonetts, um Luft abzulassen und durch das Helium wieder mehr Höhe zu gewinnen. Doch das erwartete Zischen blieb aus, und das Luftschiff setzte seinen Sinkflug fort. Heftig rüttelte Sander an dem Schieber.

  „Was ist denn?“ fragte Maria Behring nervös. „Warum steigen Sie nicht? Vorsicht, der Baum!“

  Ein riesiger Wipfel raste in der Dunkelheit auf sie zu. Sander trat wild in die Pedale und schaffte es gerade noch, das Luftschiff an dem breiten Schirm vorbeizusteuern.

  „Verdammt, was machen Sie denn da?“ rief Maria Behring erschrocken. „Sie sollen steigen!“

  „Eins von den Ventilen klemmt“, sagte Sander. „Wir kommen nicht hoch.“

  „Gehen Sie auf volle Kraft und arbeiten Sie dann mit dem Höhenruder!“

  „Dann geht das auch noch zu Bruch. Wir landen besser und warten bis es hell wird.“

   „Schaffen wir es noch über den Rand?“

  „Ausgeschlossen. Diesmal müssen wir im Krater landen. In der nächsten Lichtung. Halten Sie sich fest, ich gehe jetzt auf Gegenschub.“

  „Nein“, sagte sie. „Nicht landen! Auf keinen Fall! Gehen Sie auf volle Kraft!“

  „Halten Sie sich da raus!“ erwiderte er. „Das ist meine Entscheidung. Ich bin der Pilot. Finger weg!“

  „Nein!“ rief sie heftig und klammerte sich an seinen Arm. „Nicht landen, sage ich!“

  „Weg da!“ brüllte er. „Loslassen!“ Grob befreite er sich aus ihrem Griff.

  „Also gut“, sagte sie. „Wie Sie wollen!“ Sie streifte den Sicherheitsgurt ab, sprang von ihrem Sitz und kletterte hastig in den hinteren Teil der Gondel.

  „Was machen Sie denn da?“ fragte Sander verblüfft. „Kommen Sie sofort zurück, und schnallen Sie sich wieder an. Die Landung wird vielleicht ziemlich holprig!“

  „Erst brauchen wir die Atemschutzmasken“, antwortete sie und riss den Deckel der Kiste mit der Aufschrift „Schlauchboot“ auf.

  „Wozu?“ fragte er; er spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. „Was ist hier eigentlich los?“

  „Gas!“ rief Maria Behring. „Der ganze Krater ist voller Gas. Dieses dunkle Gewölk besteht hauptsächlich aus Kohlendioxid. Vermutlich vulkanischer Ursprung. Ohne Schutzgerät überleben wir dort keine drei Minuten.“

  „Gas?“ wiederholte Sander erschrocken. „Und das sagen Sie mir erst jetzt? Sind Sie wahnsinnig?“

  „Verlieren Sie jetzt nur nicht die Nerven! Entweder Sie schaffen es, das Luftschiff doch noch aus dem Krater zu bringen, oder Sie setzen sich dieses verdammte Ding hier auf. Und zwar sofort. Entscheiden Sie sich. Aber schnell! Wenn wir erst einmal in den Wolken sind, ist es zu spät.“

  Sander riss die beiden Gashebel nach oben und drehte mit aller Kraft das Höhenruder nach oben. Die beiden Triebwerke brüllten auf; ein gewaltiger Lärmteppich legte sich auf den Wolkenwald.

  „Los, komm schon!“ sagte Sander. „Komm schon, du blödes Scheißding!“

  Das Luftschiff hob träge die Nase. Wieder tauchten hohe Bäume vor ihnen auf. Sander trat wie rasend in die Pedale und zog eine Kurve, von der er nie geglaubt hätte, dass sie ihm gelingen würde. Aber das Manöver glückte ihm, und der befürchtete Zusammenstoß blieb ein zweites Mal aus. Dann tauchte endlich der niedrige Felsenwall vor ihnen auf. Sie überquerten den Kraterrand, und Sander sah den alten Landeplatz unter sich. Ohne zu zögern, ging er auf Gegenschub, bis das Schiff in der Luft stillstand, dann ließ er es langsam sinken. Wenige Meter neben dem Cerro Impacto berührte das Rad den Boden. Sander steuerte das Schiff auf die beiden großen Piquiábäume zu, verankerte es aber nur provisorisch.

  Maria Behring blickte zu dem riesigen Loch. Im Strahl des Infrarotgeräts schien ihr, als steige grüner Dampf aus den Eingeweiden der Erde empor.

  „Nicht hier“, sagte sie. „Fahren Sie uns woanders hin.“

  Sander gab keine Antwort. Er holte einen Schraubenschlüssel aus dem Werkzeugkasten und kletterte aus der Gondel. Maria Behring sah ihm nach und schaute dann wieder zu dem Intrusivkrater. Sie konnte nicht verhindern, dass vor dem Auge ihrer Phantasie die Gesichter der drei toten Garimpeiros erschienen.

  Sander stieg auf die Abdeckung des rechten Motors. Im Okular seines Infrarotgeräts begann ein Warnsignal zu blinken: „ACHTUNG! BATTERIE! ABSCHALTEN IN FÜNF MINUTEN! ACHTUNG! BATTERIE! ABSCHALTEN IN FÜNF MINUTEN!“

  „Auch das noch!“ fluchte Sander. Ächzend ließ er sich auf die Knie nieder und tastete nach dem Ventilzug. Schweiß strömte ihm über das Gesicht.

  Die Anzeige in seinem Okular leuchtete wieder. „ACHTUNG! BATTERIE! ABSCHALTEN IN VIER MINUTEN!“

  „Jaja“, knurrte er. „Hauptsache, ihr macht nicht zu früh Schluss!“ Er setzte seinen Schraubenschlüssel an und zog mehrere Muttern fester. „Schlamperei!“   '

  Er kehrte in die Gondel zurück. „Geschafft“, sagte er.

  „Mein Infrarotgerät hat keinen Saft mehr“, stellte sie fest und nahm den Helm ab. Schalten Sie bitte die Innenbeleuchtung ein.“

  Er gehorchte. Sie legten ihre Batterietornister ab. Sanders klebten die Haare auf der Stirn; Maria Behring rieb sich völlig übermüdet die Augen.

  „Warum haben Sie mir das mit dem Gas verschwiegen?“ fragte Sander wütend.

  „Tut mir leid. Ich dachte, dann würden Sie gar nicht mehr mit mir in den Wolkenwald fahren. Ich hielt es für ausgeschlossen, dass wir jemals zu einer Notlandung gezwungen sein könnten. Was war denn los?“

  „Eines der Ventile für die Ballonetts klemmte. Ich konnte es nicht öffnen, weil ein paar Schrauben am Ventilzug nicht fest genug saßen. Schlamperei bei der Wartung. Fast wären wir gegen die Bäume gebrummt.“

  „Das wird ein Nachspiel haben“, versprach sie.

  „Nachspiel, Nachspiel!“ wiederholte Sander ungeduldig. „Schenken Sie mir lieber endlich reinen Wein ein! Sie verlangen von mir unbedingte Loyalität, und selber verschweigen Sie mir solche Sachen!“  

  „Kommen Sie!“ Sie kletterte wieder in den hinteren Teil der Gondel und schaltete den Computer ein. Wieder erschien die Grafik, die sie schon nach ihrem ersten Flug über den Wolkenwald gesehen hatten: „Stickstoff 74,09 Prozent…“

  „Achten Sie auf das Kohlendioxid“, sagte sie. „Sehen Sie? Vierzehn Komma null drei Prozent. Normal sind vier bis fünf Prozent. Acht Prozent führen nach wenigen Minuten zum Tod durch Ersticken.“

  „Und wo kommt das Gas her?“ fragte Sander. Dieser Vulkan muss doch schon seit Jahrtausenden erloschen sein!“

  „Wahrscheinlich tritt hier das gleiche Phänomen wie am Niossee auf“, sagte Maria Behring. Sie tippte einige Befehle, und eine Email füllte den Bildschirm. „Die Antwort unserer Chemiker“, erklärte sie und las vor: „Zusammensetzung ähnlich wie Erdatmosphäre. Unterschied: Erheblich höhere Anteile an Kohlendioxid und Helium. Verhältnis annähernd wie bei Gaseruption in Kamerun 1986. Siehe NIOS... Sie übersprang ein paar Zeilen, und auf dem Bildschirm stand: NIOS. See in Nordwestkamerun. Ausbruch am 21. August 1986. Kohlendioxid hatte sich in unterirdischer Magmakammer angesammelt, die auch Helium enthielt, und war von dort in den See gelangt, wo es zunächst in Kaltwasserschichten auf dem Grund blieb. Durch Austausch von Wasserschichten infolge starker Erwärmung gelangten plötzlich große Mengen Gas an die Oberfläche, quollen über die Ränder und flössen in die umliegenden Täler ab. Folgen: 1746 Tote, vollständige Vernichtung sämtlichen tierischen Lebens.“

  Maria Behring schüttelte den Kopf. „Eine furchtbare Katastrophe. Aber nicht die einzige. Sehen Sie: Am 15. August 1964 erstickten 37 Anwohner des Monounsees an plötzlich aus dem Wasser aufsteigendem Kohlendioxid. Das war ebenfalls in Kamerun. Auch aus anderen vulkanischen Zonen sind solche Vorfälle bekannt.“

  „Aber das waren Eruptionen“, sagte Sander ungläubig. „Dieses Gewölk da draußen ist ständig da. Offenbar im gesamten Krater, der immerhin einen Durchmesser von mehr als fünf Kilometern hat!“

  „Das ist gar nichts“, sagte Maria Behring. Die Wolke vom Niossee bedeckte ein Gebiet von 62 Quadratkilometern. Sie war 15 Meter hoch und bestand aus einer Milliarde Kubikmeter Gas. Erst nach Tagen wurde sie von Winden zerteilt, in einem gebirgigen, ziemlich stark zerklüfteten Gebiet. Der Boden dieses Kraters hier ist topfeben. Die Ränder sind 30 bis 40 Meter hoch. Kohlendioxid ist eineinhalbmal so dicht wie Luft. Hier steht es! Sie tippte auf den Bildschirm. Eine Gaswolke kann sich hier wochenlang, vielleicht sogar einige Monate halten.“

  „Glauben Sie, dass er unter diesen Wolken ein See liegt? Und die Bäume alle im Wasser stehen?“

  Sie schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich stehen sie in vulkanischem Schlamm. Das würde auch ihre Größe und ihre Fruchtbarkeit erklären. Und den unglaublich dichten Bewuchs in diesem Krater. Vielleicht ist die Magmakammer so groß, dass immer wieder neues Gas nach oben gedrückt wird. Ich weiß es nicht. Eins aber weiß ich genau: Diese Leute hier leben nicht nur deshalb auf den Bäumen, weil es ihnen so gefällt. Sie leben dort oben, weil sie gar nicht auf den Boden herunterkönnen. Und deshalb ist es so wichtig, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Diese Menschen können nicht fort. Das Gas hält sie gefangen. Dieses Paradies besitzt kein Tor, durch das die Menschen fliehen könnten. Sie werden hier leben, und sie werden hier sterben.“

  „Sie hätten es mir trotzdem sagen müssen“, beharrte Sander. „Das Zeug hätte uns beinahe umgebracht!“

  „Daran bin nicht ich schuld, sondern die lockeren Schrauben“, verteidigte sich Maria Behring. „Außerdem habe ich vorsorglich Atemschutzgeräte kommen und an Bord schaffen lassen. Als Sie Ihr Mittagsschläfchen hielten. Ich gebe zu, das war vielleicht nicht ganz fair, aber ich sah keine andere Möglichkeit. Seien Sie ehrlich: Wären Sie noch einmal mit mir in den Wolkenwald gekommen, wenn Sie früher von dem Gas erfahren hätten?“

  „Weiß ich nicht“, sagte Sander lahm.

  Sie lächelte. „Ich habe mich entschuldigt“, sagte sie. „Also vertragen wir uns wieder!“ Burschikos gab sie ihm einen Klaps auf die Schulter.

  „Also gut“, sagte Sander, noch immer gekränkt. „Aber wenn Sie noch ein einziges Mal so etwas mit mir machen, steige ich aus. Endgültig.“

  „Abgemacht“, sagte sie schnell.

  Sie warteten, bis es hell wurde und die ersten Brüllaffenchöre erklangen. Dann startete Sander die Motorenund steuerte das Luftschiff zu dem neuen Lagerplatz am Nordrand des Kraters. Als sie unter den beiden Myristikazeen festgemacht hatten, sagte Maria Behring:

  „Am besten hauen wir uns jetzt erst mal für eine Weile

aufs Ohr. Ich bin hundemüde, und Sie sehen aus, als hätten Sie drei Nächte nicht geschlafen.“

  „So fühle ich mich auch“, gestand Sander.

  Sie rollte ihren Schlafsack aus, machte es sich ohne weitere Umstände im hinteren Teil der Gondel bequem und schlief sofort ein. Sander war darüber einigermaßen verwundert: Er hatte geglaubt, dass sie vor Gewissensbissen nicht zur Ruhe kommen würde. Seufzend stellte er die Rückenlehne bis zum Anschlag nach hinten und schloss die Augen.

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