Kapitel 13: Im Paradies

Sonntag, 15. September 2013

Auch diesmal wurde Maria Behring vor Sander wach. Er roch den Duft von Kaffee, als er sich gähnend die Augen rieb. Es war drei Uhr nachmittags. Sie aßen von der Astronautenverpflegung und überprüften dann ihre Geräte.

  Als es dämmerte, meldete sich Maria Behring wieder im Camp. „Alles verläuft planmäßig. Sehr interessante Bromelien. Sagen Sie das Doktor Meybohm!“ Verschwörerisch grinste sie Sander an.

  „Der Oberst ist unheimlich sauer“, sprudelte der junge Funker hervor. „Er redet schon davon, Hubschrauber loszuschicken. Am liebsten würde er uns alle verhaften. Wann kommen Sie denn endlich zurück?“

  „Ein paar Tage werden wir schon noch hier draußen bleiben müssen“, sagte sie. „Die Ausbeute ist wirklich erstaunlich, und ich möchte nicht auf wesentliche Forschungsergebnisse verzichten, nur weil einen Herrn von der venezolanischen Armee unnötige Nervosität plagt.“

  Sander musste lächeln, als er sich vorstellte, was Gómez für ein Gesicht machen würde, wenn er das hörte.

  Um 23 Uhr warf Sander die Motoren an. Sie fuhren auf der gleichen Route wie bei der vorigen Fahrt zu dem Aguanobaum, an dessen Kronendach sie schon einmal angedockt hatten. Die ganze Zeit über redeten sie kein Wort. Hoffentlich hat der Alte den Brief gefunden, dachte Maria Behring immer wieder. Hoffentlich entschließt er sich zum Kontakt!

  Sander beobachtete sie von der Seite. Auch wenn der Priester sich gegen ihren Vorschlag entschied, würde sie sich nicht davon abbringen lassen, mit den Wolkenwaldmenschen zu sprechen; da war er sich ganz sicher.

  Eine Viertelstunde später standen sie wieder auf dem Zedrachriesen neben dem Torbaum und schauten zu der Hängebrücke hinunter.

  „Der Wächter ist weg!“ sagte Maria Behring triumphierend.

  Sander hörte ihre Stimme unangenehm laut in seinen Kopfhörern. „Vorsicht“, mahnte er. „Er könnte in der Nähe sein und auf uns lauern.“ Der zunehmende Mond stand als hauchdünne Sichel über den drei großen Paranussbäumen. Der größte Teil des Himmels war von Wolken bedeckt.

  Maria Behring tastete nach dem Elektrostick in der Seitentasche ihres Overalls. Dann gab sie sich einen Ruck. „Gehen wir“, sagte sie.

  Vorsichtig kletterte sie die Leiter hinunter und trat auf die Brücke. Sander folgte ihr. Ein leichter Wind fuhr in die Zweige der Bäume, und sie bewegten sich, als winkten sie den beiden Besuchern zu.

  Maria Behring überquerte den Lianensteg und wartete, bis auch Sander das andere Ende erreicht hatte. „Er wartet auf uns“, sagte sie und zeigte auf das Fenster. Unter den hölzernen Läden drang ein flackernder Lichtschein hervor.

  Sander räusperte sich vorsichtig; die Spannung hatte ihm die Kehle ausgetrocknet, und er schluckte einige Male, um sie anzufeuchten.

  Maria Behring ging über den kleinen Vorplatz zur Tür der Höhle und drückte sie vorsichtig auf. Der alte Mann saß an der gegenüberliegenden Wand des in den Felsen gehauenen Saales. Er schien allein zu sein.

  „Also los“, sagte Maria Behring, öffnete die Tür und trat in die Höhle. Sander folgte ihr, behielt aber vorsichtshalber die Tür in der Hand.

  Der alte Mann starrte die Besucher an: auf seinem faltigen Antlitz erschien erst ein Ausdruck von Verblüffung, dann von Angst und schließlich von Zorn. Heftig hob er sein Kruzifix und hielt es Maria Behring wie zur Abwehr entgegen. „Vade, Satana!“ rief er, und dann auf Portugiesisch: „Hebt euch hinweg, ihr Ausgeburten der Hölle! Ihr sollt verflucht sein!“

  Maria Behring drehte sich verblüfft zu Sander um. Als sie ihn sah, verstand sie und riss sich den Helm mit den Okularen vom Kopf. Auch Sander erkannte die Situation und tat es ihr gleich.

  „Haben Sie keine Angst“, sagte sie. „Wir sind Menschen und keine Teufel.“

   Der alte Mann sah sie entgeistert an. Dann schluckte er und ließ das Kruzifix sinken, behielt es aber misstrauisch in der knochigen Hand, um es jederzeit wieder gegen seine Besucher richten zu können. „Habt Ihr Euch verkleidet, um mich zu erschrecken?“ sagte er unwillig. „Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr?“ Er sprach ein sehr altmodisches Portugiesisch.

  „Verzeihen Sie, Vater“, sagte Maria Behring schnell. „Wir hatten nur vergessen, dass wir noch immer unsere ... unsere Sichtgeräte trugen. Wir können damit in der Dunkelheit besser sehen. Wir sind Forscher und kommen von weit her.“

  „Aus Portugal seid Ihr nicht, das hört man“, sagte der Alte, wiewohl Ihr die Sprache geziemend parlieret. Seid Ihr denn Spanier?“

  „Nein“, sagte Maria Behring. „Wir kommen aus Deutschland.“

  „Teutschland?“ wiederholte der alte Mann. So reist Ihr für den Kaiser?“ Noch immer hielt er das Kruzifix fest umklammert.

  Maria Behring und Sander wechselten Blicke. Nein, sagte sie dann. „Einen Kaiser gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr.“

  Der Alte blickte sie staunend an. „Wie das?“ fragte er. „Die Teutschen hätten keinen Kaiser mehr, sagt Ihr? Aber wie könnte das möglich sein? Hat nicht Gott der Herr ihn selbst zum Verteidiger des katholischen Glaubens bestimmt, wider die Häresie und Ketzerei, für ewigliche Zeiten?“

  Maria Behring und Sander wechselten wieder Blicke. „Diese Zeit liegt schon sehr lange zurück“, sagte Maria Behring dann. „Unser letzter Kaiser ist schon lange tot.“

  Der alte Mann schüttelte ungläubig den Kopf. „Seid Ihr wirklich Menschen?“ fragte er. „Oder seid Ihr doch Geschöpfe des Bösen, ausgesandt, mich zu versuchen?“

  „Wir sind fromme Christen“, beeilte sich Maria Behring zu versichern.

  Der alte Mann beugte sich etwas vor. „Wie ist Euer Name?“

  „Ich heiße Behring“, sagte sie. „Und das ist Herr Sander. Wir sind aus Berlin, ich meine, ich bin aus Berlin;

Herr Sander lebt in Ciudad Guayana. Wir führen gerade eine Forschungsexpedition in den tropischen Regenwald durch. Es geht um epiphytische Bromelien“ - Sie verstummte, als ihr klar wurde, dass der Alte natürlich nichts von alledem verstehen konnte.

  „Berlin?“ fragte er. „Diesen Namen habe ich noch niemals gehört. Wo liegt es denn? Und ist es ein Fürstentum oder eine freie Stadt?“

  „Es ist eine sehr große Stadt“, sagte Maria Behring verwundert. „Die Hauptstadt Deutschlands.“

  „So hätten die Teutschen eine Hauptstadt?“ fragte der Alte erstaunt. „Niemals hat es solches gegeben, regiert der Kaiser doch einmal hier, einmal dort, wie man liest und hört!“

  „Der letzte Kaiser regierte jedenfalls in Berlin“, sagte Maria Behring geduldig.

  Der Alte fasste sie scharf ins Auge und fragte: „Fromme Christen wollt Ihr sein und besitzt nicht einmal einen christlichen Namen?“ zweifelte er.

  Maria Behring drehte sich nervös zu Sander um. „Was meint er denn damit?“ fragte sie ihn auf Deutsch.

  „Die Vornamen“, raunte er ihr zu.

  Sie sah wieder den alten Mann an. „Ich heiße Maria“, sagte sie „Und er heißt Josef.“

  Sander hätte fast gelacht: Bisher war ihm gar nicht zu Bewusstsein gekommen, dass sie wie die Eltern Jesu hießen. Es ist wirklich ein Witz, dachte er.

  „Maria“, wiederholte der alte Mann. „Josef. Das sind sehr schöne Namen. So glaubt Ihr an Gott, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde?“

  Maria Behring nickte heftig. „Ja, das tun wir“, antwortete sie.

  „Und Ihr?“ fragte er Sander. „Glaubt auch Ihr?“

  „Ja“, sagte Sander, obwohl er sich darüber keineswegs sicher war.

  „Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn?“ fragte der Alte weiter. Geboren aus der Jungfrau Maria? Gelitten unter Pontius Pilatus? Gekreuzigt, gestorben und begraben?“

  Obwohl sie schon seit vielen Jahren nicht mehr in irgendeiner Kirche gewesen war, erinnerte sich Maria Behring an die Worte des Glaubensbekenntnisses und nickte bei jedem Satz eifrig, obwohl es ihr ziemlich makaber vorkam, in dieser geradezu überwältigend fremdartigen Welt baumlebender Menschen hoch in der Kronenregion des tropischen Regenwaldes am Amazonas nach den strafprozessualen Maßnahmen eines römischen Beamten befragt zu werden, der vor zwei Jahrtausenden im Hügelland Vorderasiens über einen religiösen Streit unter Nachfahren eines semitischen Nomadenvolkes zu richten hatte.

  Bei Sander lag die Zeit, da er ernsthaft an Gott geglaubt hatte, noch länger zurück. Dennoch empfand er es nicht als Lüge, nun ebenfalls immer wieder zu nicken. Er hatte dem Glauben nie abgeschworen, sondern ihn lediglich im Lauf der Zeit vergessen und Gott nur noch als ferne Kindheitserinnerung bewahrt, neben Begriffen wie ‚Himmel‘ und ‚Hölle‘, ‚Engel‘ und ‚Teufel‘, deren physische Existenz er sich nicht mehr vorstellen konnte, seit er erwachsen geworden war. Wie so viele Söhne seines Jahrhunderts war er jedoch all die Jahre immer davon ausgegangen, dass es irgendein höheres Wesen geben musste, das man Gott nennen konnte. Es war durchaus nichts Ehrenrühriges, daran zu glauben, und die meisten taten es; nur mit der Kirche, der Priesterschaft oder gar dem Papst mochte er sich wie die meisten anderen nicht abfinden.

  „Abgestiegen zu der Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten?“

  „Ja“, murmelten seine beidem Besucher im Chor.

  Der alte Priester schien mit dem Grad ihrer Zustimmung zufrieden. Als er geendet hatte, verstummte er für einige Minuten und faltete die Hände; seine Gäste wagten nicht, ihn zu stören. Dann sagte er: „Nun kommt näher, damit ich Euch besser sehen kann.“ Er legte das Kruzifix nieder, ließ aber die Hand darauf ruhen.

  Sie gehorchten und traten zu ihm an den Tisch. Das flackernde Licht kam aus einer kleinen Holzschale voller Wachs. Es fiel auf das runzlige Gesicht des alten Priesters. auf sein schlohweißes Haar und den langen Bart, die braune Kutte und das kleine silberne Kruzifix vor seiner Brust. Auf dem ungehobelten Tisch aus Palmenholz lag die Bibel.

  Schweigend nahm der Alte Maria Behrings linke Hand in seine Rechte und Sanders rechte Hand in seine Linke, hielt sie mit sanftem Druck fest und schloss die Augen.

  Maria Behring fühlte die knochigen Finger wie hölzerne Zangen auf Rücken und Innenfläche der Hand. Was will er denn jetzt? dachte sie. Ist das irgend so ein altes katholisches Ritual? Die Unsicherheit machte ihren Körper steif; sie half sich, indem sie lautlos die Sekunden mitzählte, und schielte immer wieder zu Sander. Nach einer Weile erwärmten sich die kalten Finger des alten Mannes, und nun schien aus ihnen eine seltsame Kraft zu fließen, die Maria Behring in den Körper drang und ihren Geist mit einem Gefühl tiefer Ruhe und Zuversicht erfüllte. Was ist das? fragte sie sich. Ist das die Kraft des Glaubens? Oder will er mich irgendwie hypnotisieren? Aber geht das denn mit geschlossenen Augen?

  Auch Sander empfand die Berührung des alten Priesters zunächst als unangenehm; er konnte sich nicht erinnern, jemals mit einem Mann Händchen gehalten zu haben. Aber auch er entspannte sich nach einer Weile, wie durch eine geheimnisvolle Kraft beeinflusst. Tiefe Ruhe zog in sein Herz, er konnte bald wieder klar denken und sagte sich: Das ist es wahrscheinlich, was uns modernen Menschen am meisten fehlt - die Stille; das bewusste Verstreichenlassen von Zeit; die Nähe eines Fremden; die Ferne von sich selbst; das Wiederfinden des Innersten; das Verlassen der Welt, die der Mensch sich schuf, und die Rückkehr in die Welt, die Gott schuf; der bewusste Verzicht auf den erwachsenen Zweifel und das Zurückgewinnen kindlichen Vertrauens; das Menschsein als Kindsein; und die Bejahung des Höheren, dem man sein Schicksal anvertrauen kann.

  Fast eine halbe Stunde lang saßen sie so da, ein jeder seinen eigenen Gedanken überlassen. Dann löste der alte Mann seinen Griff, schaute Maria Behring an und sagte: „Euer Glaube ist wie ein Knäblein, welches zu wachsen vergessen hat. Deshalb ist es jetzt ohnmächtig, bänglich und verlassen. Gebt ihm bald Speise und Trank, damit es weiterwachse und den Platz in Eurem Herzen einnehme, der ihm gebührt!“

  Dann wandte er sich Sander zu und sagte: „Euer Glaube ist wie ein Knäblein, das seinen Namen vergessen hat und nicht weiß, wohin es gehört. Schon viele Jahre hat sich niemand mehr dieses Kindes angenommen. Gebt ihm bald wieder eine Heimstatt, damit er den Platz in Eurem Leben einnehmen könne, der ihm bestimmt ist.“

  Danach versank er wieder in tiefes Schweigen. Schließlich fuhr er sich mit den Händen über die Augen, blickte seine Besucher nacheinander an und fragte: „Nun erzählt mir aber: Wie seid Ihr durch die Caligo gelangt?“

  „Die Caligo?“ wiederholte Maria Behring. „Das ist dieses dunkle Gewölk unter dem Kronendach, nicht wahr? Wir sind mit einem Luftschiff gekommen. Durch die Luft.“ Sie lächelte recht freundlich, aber der Alte blickte sie wieder voller Misstrauen an. „Wie, durch die Luft?“ fragte er ungläubig. „Seid Ihr denn wie die Vöglein geflogen?“

  „Nein“, antwortete sie. „Ich sagte doch, in einem Luftschiff. Einem Zeppelin. Einer fliegenden Zigarre.“ Der Gesichtsausdruck des Alten verriet ihr, dass er mit jedem Wort misstrauischer wurde. „So helfen Sie mir doch, Sander“, bat sie.

  „Ein Ballon“, schlug Sander vor. „Eine Montgolfiere. Auch nicht? Ein... ein...“ Vergeblich suchte er nach weiteren Begriffen, aber etwas noch Altertümlicheres als Montgolfiere fiel ihm nicht ein. „Es ist ein Fahrzeug, mit dem man sich durch die Luft fortbewegen kann“, fügte er hinzu; es klang selbst in seinen eigenen Ohren nicht sehr überzeugend.

  Der Alte dachte nach; gespannt warteten sie. „So meinet Ihr einen Ornithopter?“ fragte er schließlich.

  „Ja, so etwas Ähnliches“, sagte Maria Behring, obwohl sie keine Ahnung hatte, was der Priester meinte; sie verließ sich auf ihren Instinkt. „Man schwebt damit durch die Luft.“

  „Ich habe dereinst von solchen Apparaturen gelesen“, erklärte der Alte, „aber noch niemals eine mit eigenen Augen gesehen. Zeigt mir Euren Ornithopter!“

  „Gern“, sagte Maria Behring. „Gleich morgen, wenn Sie wollen ... Wann immer Sie wollen, Vater. Sagen Sie uns aber nun: Wer sind Sie? Und was machen Sie in dieser Wildnis?“

  „Padre Afonso de Mesa, Societas Jesu“, sagte der alte Mann. Ich kam einstens hierher, vor langer Zeit schon, den Glauben zu lehren und die Völker der Neuen Welt der Finsternis ihrer Abgötterei zu entreißen.“

  „Wann war das?“ konnte Maria Behring sich nicht enthalten zu fragen.

  „Vor vielen Jahren“, antwortete der alte Mann. „Ich war damals noch sehr, sehr jung. Die Gnade Gottes lenkte meine Schritte in diesen Wald. Doch davon zu erzählen ist später noch die Zeit. Was ist nun Euer Begehr? Warum wollt Ihr mich sprechen? Schon viele Jahre habe ich nichts mehr von den Weltläufen vernommen.“

  Maria Behring überlegte und wählte ihre Worte dann mit besonderer Sorgfalt. „Wir kamen in diesen Wald, um seine Früchte zu erforschen“, sagte sie. Wir wollen erfahren, ob sie dem menschlichen Organismus zuträglich sind oder nicht; auch, wie man sie am besten pflanzt und erntet.“ Sie hielt kurz inne, dann fügte sie hinzu: „Denn der Hunger ist ein gar schrecklicher Feind aller Völker.“ Unwillkürlich passte sie sich der antiquierten Redeweise des Priesters an.

  Der Alte hatte aufmerksam zugehört. „Da sagt Ihr Wahres“, erwiderte er und nickte dabei mehrere Male. „Schon manches ist aus diesem Erdteil nach Europa gelangt, wie ich gehört habe; gewiss könnt Ihr noch Weiteres finden. Nun aber sagt: Was wisst Ihr von Portugal?“

  Maria Behring dachte angestrengt nach, aber es fiel ihr nichts ein, was sie hätte berichten können: für die Innenpolitik anderer Länder hatte sie sich nie sonderlich interessiert.

  „Wisst Ihr nicht, wie es dem König geht?“ forschte der Alte. „So sagt wenigstens: Wer sitzt auf Petri heiligem Stuhle?“

  „Johannes Paul der Zweite“, sagte Maria Behring schnell. Er stammt aus Polen und reist viel. Mehr fiel ihr dazu nicht ein; auch mit religiösen Dingen hatte sie sich nie beschäftigt.

  „Aus Polen?“ fragte der Priester verwundert. Aber noch niemals gab es einen Papst aus diesem wilden und entfernten Lande! Ihr müsst mir unbedingt mehr darüber erzählen! Es ist schon lange her, dass ich mit Christenmenschen sprach. Wie lange wollt Ihr bleiben?“

  „Nur ein paar Tage, Padre“, antwortete Maria Behring. „Wir möchten gern die Früchte Ihres Waldes kosten, wenn Sie erlauben, und mit den Menschen hier sprechen, um zu erfahren, welches Obst sie gern verzehren und welches sie meiden. Auch, welches hier besonders häufig wächst und welches nur selten zu finden ist.“

  Der alte Priester dachte wieder lange nach. „Gut“, sagte er dann. „So seid denn unsere Gäste. Aber bevor Ihr bei uns wohnt und mit meinen Kindern sprecht, sollt Ihr schwören, dass Ihr dabei allezeit die Gebote Gottes und unseres Waldes achten wollt. Schwört es auf die Heilige Schrift!“

  „Schwören?“ fragte Maria Behring. „Welche Gebote?“ Dann besann sie sich. „Natürlich, wenn Sie es so wollen...“ Sie legte die Hand auf die Bibel.

  „Und Ihr?“ fragte der alte Mann Sander.

  Sander beugte sich vor; Maria Behring zuckte ein wenig zurück, als seine Hand die ihre berührte.

  „Schwört Ihr, dass Ihr allezeit die Zehn Gebote Gottes befolgen wollet?“ fragte der Priester.

  „Ich schwöre“, sagte Maria Behring; die Szenerie kam ihr nun noch unwirklicher vor, als sie es ohnehin war. Kann es wirklich wahr sein, dass ich hier mitten im Urwald in einem Tuffsteinkegel sitze und einem offenbar geistesverwirrten Gottesmann einen heiligen Eid auf die Bibel leiste? fragte sie sich.

  Sander bemühte sich angestrengt, ihre Hand nicht noch einmal zu berühren. Aus den Augenwinkeln schielte er zu Maria Behring; ihre Miene war undurchdringlich, ihr Gesicht glatt wie das einer Marmorstatue. Schwören kann man ja viel, dachte er sich, auf das Halten kommt es an; da wird der Alte wohl noch seine Überraschungen erleben.

  „Schwört Ihr, dass Ihr auch die Gebote dieses Waldes haltet?“ fuhr der Priester fort. „Ihr dürft kein Tier mit Fell oder Federn töten. Ihr dürft Euch den Befehlen der Männer, die ich erwählt habe, nicht widersetzen. Ihr dürft den Berg, auf dem Ihr Euch jetzt befindet, niemals ohne meine Erlaubnis betreten. Und Ihr dürft niemals von dem Baum in meinem Garten nehmen. Wenn Ihr diese Gebote befolgt, mögt Ihr bei uns bleiben, so lange Ihr wollt. Wenn Ihr aber gegen eines dieser Gebote verstoßt, sollt Ihr dafür bestraft werden.“

  „Ich schwöre“, sagte Maria Behring und dachte dabei: Der kann mir viel erzählen; die Bromelien auf der Cecropia knöpfe ich mir auf jeden Fall vor, ob es ihm passt oder nicht.

  „Ich schwöre“, sagte auch Sander und blickte sie an; er wusste genau, was in ihr vorging, und dachte: Hoffentlich geht das gut.

 

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