Als Leo Kirch die ARD in den USA auf drei Milliarden verklagte

Montag, 16. September 2013

Vor 30 Jahren, im September 1983, erreichte ein Streit zwischen dem Münchner Filmkaufmann Leo Kirch (1926-2011) und der ARD ihren vorläufigen Höhepunkt. Heute sind die langjährigen Auseinandersetzungen vergessen, damals aber, so zeigt dieser Bericht, führten sie zu folgenreichen Diskussionen in Politik und Öffentlichkeit.   

Vor einem US-Bundesgericht in Los Angeles sind jetzt zwei Schadensersatz-Klagen über insgesamt mehr als drei Milliarden Mark anhängig. Es geht um den Ankauf amerikanischer Filme für das deutsche Fernsehen. Prozeßgegner sind die größte Filmfirma der Welt, ein Münchner Filmkaufmann und die ARD-Adoptivtochter Degeto.

Die Degeto (Deutsche Gesellschaft für Ton und Bild) mit Sitz in Frankfurt wird seit 1959 als Gemeinschaftseinrichtung der ARD geführt. Mit einem Jahresbudget von 6O Millionen DM regelt sie die finanziellen und vertraglichen Aufgaben beim Lizenzerwerb von jährlich etwa 180 Kinofilmen und 60 verschiedenen Serienproduktionen (z. B. „Dallas") für das erste Programm und die III. Programme. Die Ausstrahlungsrechte werden bei internationalen Filmgesellschaften und bei Filmhändlern erworben. Der bei weitem größte dieser Händler ist der Münchner Filmkaufmann Dr. Leo Kirch („Taurus-Film", „Beta-Film"). Degeto-Geschäftsführer Hans Joachim Wack sagt über ihn: „Kirch verfügt vor allem über sehr gute Beziehungen auf dem US-Markt."

Dort, aber auch in anderen Ländern erwirbt Kirch die TV-Aufführungsrechte von Spielfilmen aller Güteklassen für das deutschsprachige Sendegebiet in Europa. Er bezahlt dafür, je nach Qualität des Films, zwischen 5000 und 500.000 DM. Dann verkauft Kirch die Filme an deutschsprachige TV-Anstalten weiter – durchweg nicht einzeln, sondern paketweise.

1980 kaufte die Degeto zum vorläufig letzten Male bei Kirch: 250 Spielfilme für 31,5 Millionen DM. Danach wollte die Degeto selbst auf dem US-Markt aktiver werden. Im Herbst 1981 nahm sie deshalb Kontakt mit der Filmfirma „Twentieth Century Fox" auf. Sie wollte die Rechte an einigen älteren Centfox-Filmen erwerben - für insgesamt 7,2 Millionen DM. „Im November", so Wack, „teilte uns die Centfox aber plötzlich mit, man habe das Paket, das wir erwerben wollten, nunmehr an Kirchs Firma ,Beta' verkauft - für 13 Millionen Dollar."

Aus dem Centfox-Erlebnis schließt Wack: „Kirch ist offenbar bestrebt, den gesamten US-Markt gegen uns abzuschotten."

In der Vorweihnachtszeit 1982 nahm die Degeto dann Kontakt zu MGM/UA (Metro-Goldwyn-Meyer/United Artists) auf. Die Frankfurter wollten 100 Spielfilme erwerben. Kirch erfuhr von diesem Angebot - und erinnerte die Amerikaner an zwei Vereinbarungen aus dem Jahre 1970, in denen ihm MGM ein Erstankaufsrecht für „bestimmte ganz überragende Spielfilme“ eingeräumt habe.

„Am 24. März 1983“, so ließ Kirch jetzt erklären, „erwirkte ,Taurus-Film' eine einstweilige Verfügung vor dem Landgericht München, in der MGM Verhandlung und Abschluß über diese Filme mit dritten verboten wurden."

„Am 30. und 31. Juli 1983", heißt es in Kirchs Erklärung weiter, „haben MGM und Taurus in München einen Vertrag über den Ankauf des gesamten MGM/UA-Filmstocks geschlossen.“

Dennoch empfing MGM am 13. August in Los Angeles fünf ARD-Unterhändler, darunter den ARD-Programmdirektor Dietrich Schwarzkopf und Degeto-Geschäftsführer Wack. MGM-Direktor Yablang erklärte den Emissären, über die Rechte an den drei Erfolgsfilme „Vom Winde verweht", „Doktor Schiwago" und „Ben Hur" gebe es derzeit mit „Taurus-Film" juristische Auseinandersetzungen. Über alles andere aber könne verhandelt werden.

Die ARD-Unterhändler boten dem MGM-Vertreter insgesamt 110 Millionen DM. Dafür wollten sie:

1500 Filme aus dem Vorrat der Firma an fertigen Filmen (im Branchenjargon „Stock" genannt), darunter 14 James-Bond-Filme für allein 50 Millionen DM;

eine Option für die drei besonders erfolgreichen Filme „Vom Winde verweht", „Doktor Schiwago" und „Ben Hur". Degeto-Angebot dafür: 20 Millionen DM. Bedingung: Die juristischen Auseinandersetzungen zwischen MGM und Taurus sollten zuvor zugunsten von MGM entschieden worden sein;

150 MGM/UA-Filme aus zukünftigen Produktionen – zehn pro Jahr.

Am Abend des 13. August gegen 23 Uhr klopfte es an die Zimmertür des Degeto-Geschäftsführers Wack im Beverly Wilshire Hotel. Ein, wie sich Wack erinnert, „seriös gekleideter Herr“ stellte dem Degeto-Geschäftsführer wie auch seinen Begleitern eine Klage von Kirchs „Taurus-Film" zu, eingereicht vor dem zuständigen US-Bundesgericht in Los Angeles. Inhalt: Die fünf ARD-Unterhändler sowie Degeto-Aufsichtsratsvorsitzender Friedrich Wilhelm Freiherr von Seil (Intendant des WDR) und die Degeto selbst sollen je 114 Millionen DM Schadenersatz zahlen - insgesamt 798 Millionen Mark. Grund: Die Deutschen hätten MGM dazu bewogen, den Vertrag mit der „Taurus" zu brechen. „Es war wie ein Hauch von Hollywood", erinnert sich Wack.

Gleichzeitig machte Kirch in Frankfurt der Degeto ein Angebot. Er wollte ein MGM-Paket für 80 Millionen DM verkaufen. Dieses Paket enthielt nicht die Bond-Filme, auch nicht „Vom Winde verweht", „Dr. Schiwago" und „Ben Hur" und nur 75 Filme aus zukünftigen Produktionen.

Daraufhin beschlossen die ARD-Unterhändler in Los Angeles, die Verhandlungen vorerst zu unterbrechen und zur genaueren Prüfung der Kirch-Offerte nach Frankfurt zurückzukehren. Nun aber erhob MGM vor dem Bundesgericht in Los Angeles Klage gegen Kirch. Die Filmfirma verlangt von dem Münchner und seinem US Geschäftsvertreter Rudin insgesamt 960 Millionen Dollar (etwa 2,5 Milliarden DM) Schadenersatz - wegen Verletzung der amerikanischen Anti-Trust-Bestimmungen.

Begründung: MGM beschuldigt die Beklagten, laut „Los Angeles Times", in konspirativer Weise bei der Verbreitung amerikanischer Filme und TV-Programme in deutschsprachigen Ländern die Preise gebunden und abgesprochen zu haben".

Kirch hielt in einer am Freitag verbreiteten Presseerklärung dagegen, bei der MGM-Klage handele es sich „um einen Revancheakt für den erfolglosen Versuch, im deutschen Fernsehmarkt ein Preisdiktat aus Hollywood durchzusetzen."

Degeto- Aufsichtsratsvorsitzender von Seil erklärte, ebenfalls am Freitag, auf einer Pressekonferenz im Berliner „Haus des Rundfunks": „Die Verhandlungen mit MGM laufen weiter - demnächst bei uns in Deutschland."

Die MGM-Klage gibt der amerikanischen Staatsanwaltschaft sowie den Anti-Trust-Behörden die Möglichkeit, die Liefer- und Vertragsunterlagen aller möglicherweise betroffenen Geschäftspartner anzufordern und auszuwerten. Dadurch könnte bekannt werden, wieviel Kirch mitverdient, wenn deutsche TV-Anstalten US-Filme senden.

Auch das deutsche Bundeskartellamt kennt den Vorgang. Für die Behörde erklärte Oberregierungsrat Hartwig Wangemann gegenüber WELT am SONNTAG, er vertrete bisher noch die Auffassung, daß die Vorgänge bislang nur den amerikanischen Markt beträfen.

Anmerkung

Die Marktmacht des Münchner Filmkaufmanns führte bald auch zu medienpolitischen Diskussionen. Besonders die SPD fürchtete eine Monopolstellung des als konservativ eingeschätzten Unternehmers im künftigen Privatfernsehen. Viele bis heute gültige Bestimmungen des neuen Mediums gehen auf diese Befürchtungen zurück.  

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