Die ersten Europäer sind Krieger gegen den Islam

Dienstag, 24. September 2013

Vor 1145 Jahren starb Frankenkönig Pippin III., der Vater Karls des Großen. Er legte den Grundstein für das christliche Abendland.

Im Reich Karls des Großen wird Europa zum ersten Mal politische und kulturelle Wirklichkeit. Doch das Werk des Franken ist auf wichtige, heute weitgehend vergessene Leistungen ungewöhnlich tüchtiger Vorfahren gegründet. Karls Großvater Pippin II. dient von 687 bis zu seinem Tod 714 Hausmeier der Austrasier, der Ostfranken um Reims und Metz, hat aber die ganze Macht, denn die Herrschaft der Merowingerkönige besteht zu dieser Zeit nur noch formal. Im Jahr 687 besiegt Pippin bei Tetry in der Picardie seinen Rivalen, den Hausmeier der neustrischen Westfranken um Rouen und Soissons, und festigte damit das Reich, das schon zerfallen schien.

Pippins Sohn Karl Martell, Hausmeier von 714 bis 741, baut die vom Vater ererbte Stellung weiter aus und verteidigt das christliche Europa 732 in der Schlacht bei Tours und Portiers gegen die aus Spanien vordringenden Araber. Seine Krieger sind die ersten, die - im Brief eines spanischen Bischofs - als „Europäer" bezeichnet werden.

Karl Martells Sohn Pippin III. schließlich, der seinem Vater 751 in das höchste fränkische Staatsamt folgte, beendet die Scheinherrschaft der Merowinger und macht sich im Jahr 751 selbst zum König. Damit wird er zum eigentlichen Wegbereiter Europas.

Die Geschichte kennt nur wenige Familien mit unterschiedlicheren Vätern und Söhnen: Pippin wird „der Kurze" genannt, Karl der Große dagegen erreicht das für seine Zeit sehr ungewöhnliche Maß von 1,92 Metern.

In ihren geistigen Fähigkeiten und ihrer Willensstärke indessen sind die beiden einander ebenbürtig: Ohne den Vater hätte der Sohn kaum sein Ziel erreicht, ohne den Sohn wiederum wären die Erfolge des Vaters nur Episode geblieben.

Pippin III. kommt im Jahr 714 oder 715 zur Welt. Sein Vater lässt ihn von dem befreundeten Langobardenkönig in Norditalien adoptieren. Damit ist der Junge, dessen Vater offiziell noch immer der (wenn auch höchste) Diener eines Königs ist, nun seinerseits wenigstens Königssohn.

Nach dem Tod des Vaters muss Pippin die Macht zunächst mit seinem Bruder Karlmann teilen, einem glaubensstarken Christen, der sich alsbald daran macht, die in weiten Teilen verlotterte Kirche seiner Zeit zu reformieren: Karlmann fordert vom Papst zum Beispiel strenge Maßregeln gegen „diejenigen, die von Jugend an in Unzucht und Ehebruch gelebt, zu Diakonen geweiht, vier, fünf oder mehr Beischläferinnen nachts in ihrem Bette gehabt haben".

Die sittliche Erneuerung bleibt allerdings auf halbem Wege stecken: Zu groß sind die Widerstände der Kleriker gegen den adeligen Asketen. Resignierend zieht sich Karlmann aus den Reichsgeschäften zurück.

Pippin erweist sich alsbald als kluger Praktiker. Schon 744 lisst er eine Synode eine Gesetzessammlung verabschieden, die den Staatsmann verrät: In ihr geht es weniger um Höllenstrafen für unmoralische Geistliche, sondern eher um Verbote zum Schutz braver Bürger. Die Versammlung ruft zu ehrlichem Handel und reinen Gewichten auf und verbietet die Scheidung, mit Ausnahme des Falles, dass ein Mann seine Frau beim Ehebruch ertappt.

Als Pippin eine Delegation nach Rom schickt und dem Heiligen Stuhl die heikle Frage vorlegt, „ob es gut sei oder nicht, dass es im Frankenreich Könige ohne königliche Gewalt gebe", antwortete Papst Zacharias prompt, „es sei besser, dass der wirkliche Inhaber der Gewalt König heiße als einer, der ohne Königsgewalt geblieben sei, damit die naturgemäße Ordnung nicht gestört werde."

Damit besitzt Pippin die ersehnte Legimitation, den machtlosen Merowinger Childerich III. zu stürzen und sich selbst auf den Thron der Franken zu setzen. Das nach germanischem Glauben heilige Geblütsrecht ersetzte er wirksam durch die aus dem Alten Testament entlehnte göttliche Salbung, die bis ins späte Mittelalter Sitte bleibt.

Der politische Preis für die Hilfe des Papstes besteht darin, dass Pippin ihm gegen die in Mittelitalien vordringenden Langobarden beistehen muss. Der Franke zahlte ohne Verzug: 754 und 756 führte er das Frankenheer über die Alpen, zwingt seine Adoptivverwandten zur Unterwerfung und schenkte große Teile ihres Gebiets dem Nachfolger Petri. Aus der Kriegsbeute entsteht später der Kirchenstaat.

Außerdem erobert Pippin mit Narbonne den letzten sarazenischen Stützpunkt auf fränkischem Boden und führte zwei erfolgreiche Feldzüge gegen die Sachsen - im einen der Nachfolger seines Vaters, im anderen der Vorläufer seines Sohnes. Als er vor 1125 Jahren, am 24. September 768, in Saint-Denis stirbt, hat er den Grundstein für das dominierende politische Gebilde des Mittelalters bereitet, ein Gebilde, das fast eineinhalb Jahrtausende später mit den Verträgen von Maastricht wieder auferstehen sollte.  

 

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