Ein Franzose plant den Mittelpunkt der Neuen Welt

Mittwoch, 18. September 2013

Vor 220 Jahren legte George Washington den Grundstein zum Capitol. In dem Gebäude schlägt heute das Herz der einzigen Ende noch existierenden Weltmacht.

Seine Geschichte beginnt mit schweren Rückschlägen: Jahrzehntelang bleibt es ein Provisorium, dann wird es in Brand geschossen, und erst 70 Jahre nach Baubeginn ist es endgültig fertiggestellt. Heute zählt es zu den berühmtesten Gebäuden des Planeten: In Washingtons Capitol schlägt das Herz der einzigen noch existierenden Weltmacht.

Sein Grundstein wird vor 220 Jahren, am 18. September 1793, gelegt. Außer dem altrömischen Namen zeigen auch der Standort auf einem Hügel über dem Potomac und der klassizistische Stil die Ambition der Erbauer: So wie das Capitol über dem Tiber das zentrale Heiligtum der antiken Weltmacht war, sollte die amerikanische Nachbildung zum Hort neuzeitlich-republikanischer Ideale gedeihen.

Jedoch: Schon lange vor Baubeginn stören schnöde Streitereien das edle Werk. Schuld sind der diktatorische Idealismus eines genialen Städtebauers und die Intrigen namhafter Neider.

In der frühesten Geschichte der Vereinigten Staaten hat sich der US-Kongreß in verschiedenen Städten versammelt, darunter in Philadelphia, Baltimore und New York. Im Juli 1790 aber setzt er ein Komitee ein, das eine ständige Hauptstadt vorschlagen soll. Die Suche führt jedoch zu so heftigen politischen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Städten in den Nord- und Südstaaten, dass weise Staatsmänner beschließen, lieber gleich eine neue Kapitale zu bauen. Das Land dafür stellen die Staaten Maryland und Virginia gemeinsam zur Verfügung. Die Wahl trifft der erste US-Präsident George Washington, der ganz in der Nähe wohnt.

Den Plan entwirft der damals 39-jährige Ingenieur Pierre L'Enfant. In Paris geboren, hat er sich freiwillig zum Kampf gegen die Engländer in den amerikanischen Befreiungskriegen gemeldet und es bis zum Major gebracht. Der Franzose ist ein unabhängiger, schwieriger Geist mit der Kompromissbereitschaft eines Rasiermessers. Er sucht in der Neuen Welt jene grandiosen Entwürfe zu verwirklichen, für die sich in der Alten Welt längst kein Platz mehr findet.

Ohne Rücksicht auf topographische Gegebenheiten zeichnet L’Enfant einen großzügigen Lageplan als kühne Synthese von diagonalen und rechteckigen Elementen. Die ganze Stadt soll Leichtigkeit atmen. Seine Ideen gefallen Washington, nicht aber dem damaligen Außenminister und späteren Präsidenten Thomas Jefferson, der mit der Überwachung und Durchführung der Planung beauftragt ist: Er hat selber einen Plan skizziert, der aus regelmäßigen Vierecken besteht.

L'Enfant verwirklichte seine Vorstellungen mit der Rigorosität des Genies: Großgrundbesitzer, deren Ländereien im Weg sind, werden rücksichtslos enteignet. Das macht böses Blut. Als der Franzose 1792 das Haus des republikanischen Politikers Daniel Carroll niederreißen lässt, wird er entlassen.

Nachfolger wird der in Yorkshire geborene Hugenotte Benjamin Latrobe (1764-1820); von ihm stammen die Hauptentwürfe für das Capitol. Den eigentlichen Bauplan aber zeichnet der in Westindien geborene Arzt und Architekt William Thornton (1759-1818), der erst fünf Jahre zuvor US-Bürger geworden ist.

George Washington selbst legt den Grundstein. Das Dach erhält zunächst nur eine flache Kuppel. 1800 tagt der Kongress zum ersten Mal in dem nur provisorisch fertiggestellten Bau. Gegen Ende des 2. Unabhängigkeitskriegs (1812-1814) beschießt eine britische Flotte Washington, und das Capitol brennt ab. Latrobe baut es bis 1817 wieder auf, und 1824 wird auch die Inneneinrichtung weitgehend vollendet.

Dann aber liefern neue Architekten neue Pläne, und der ursprünglich leicht-elegante Bau wird immer weiter verändert, bis ihm in den Jahren des Sezessionskriegs (1861-1865) eine neue, protzige Kuppel aufs Dach gesetzt wird. 1863 ist das Capitol endlich fertig. Die Baukosten belaufen sich auf die damals enorme Summe von 14 Millionen Dollar.

L'Enfant stirbt 1823 einsam und verbittert in Maryland, nicht weit von Washington entfernt. Seine Pläne gehen verloren und tauchen erst 1887 wieder auf. 1901 beschließt der Kongress, im Stadtbild wenigstens jene Ideen des Franzosen umzusetzen, die zu diesem Zeitpunkt noch zu verwirklichen sind, hauptsächlich das System großzügiger Parkanlagen. Im Jahr 1909 wird der geniale Stadtplaner als späte Anerkennung auf den Heldenfriedhof Arlington umgebettet.

 

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