Oberlehrer, Läuseknicker Denkmalsschänder und Neidhammel

Samstag, 28. September 2013

In Sport-Wort RETRO zeigen Kolumnen aus früheren Jahren mit einem Augenzwinkern, was damals bedenkenswert erschien – und was sich inzwischen (manchmal) geändert hat. Heute eine Ausgabe vom 20.Juli 2001. Auch damals ging es um viel Geld und noch mehr Vururteile.

Transfer-Teuerung wie noch nie: 55 Mio.DM für einen Balltreter aus Brasilien – balla balla? 100 Mio.DM für Dortmunds neuen Sturm und Drang – krank? Hamburgs Blondbärtchen Sergej Barbarez hat letzte Saison 22mal eingelocht und will nun doppeltes Gehalt. Schon tippt das Volk der Richter und Stänker auf Taschenrechnern herum: 5 Mio. Jahresgage für den Bosnier wären 225 000 DM pro Tor. Schießt er diesmal aber nur halb soviel, kostet jedes eine halbe Million. Für Dortmunds Pat und Patachon, den langen Lulatsch Jan Koller und den kleinen Dribbel-Schweijk Tomas Rosicky, kriegt man zehn komplette Kickerteams des Cottbus-Klasse. Und sollte Brasil-Bomber Marcio Amoroso einen Elfer versemmeln, kommt er seine Borussia womöglich noch viel teurer.

Die Zahlenspielchen zeigen vor allem eins: auf deutschen Fußballtribünen sitzen nicht nur Fans, sondern immer auch ein Oberlehrer, ein Läuseknicker, ein Denkmalschänder und ein Neidhammel. Der erste sagt: „So was gab’s früher nicht!“ Der zweite rechnet vor, wie lange ein Ruhrkumpel für gleiches Geld malochen müsste. Der dritte lechzt nach dem ersten Fehlpaß aus angeblich überbezahltem Fuß, um endlich losmotzen zu können. Der vierte findet „so viel Geld einfach unmoralisch“ und rechnet insgeheim aus, was er selber damit so alles ... Höchste Zeit also, mit ein paar Irrtümern aufzuräumen:

Irrtum 1: Geld schießt keine Tore. Das stimmt nur dann, wenn man einen Sack Münzen aufs Feld stellt. Aber spätestens dann nicht mehr, wenn man die Kohle in die richtigen Waden steckt. Bayerns Meistverdiener Stefan Effenberg haute den Champions-League-Elfer zum Ausgleich rein. Gehalts-Weltrekordler Rivaldo machte im Quali-Finish gegen Valencia gleich drei Buden, die entscheidende spektakulär per Fallrückzieher. Und Rosicky schießt nicht nur, sondern läßt auch noch schießen, so treffsicher wie schon lange nicht mehr.

2. Titel kann man nicht kaufen. Stimmt nur dann, wenn ein paar Konkurrenten da sind, die mindestens genauso viel investieren. Bayern, Schalke, Dortmund, Leverkusen und Konsorten spielen den Meister aus. Arme Würstchen wie Pauli können den Großen vielleicht mal ein Bein stellen - Meister werden sie nie.

3. Kicker-Gier treibt Traditionsvereine in die Pleite. Gilt nur, wenn das Management doof ist. Bayern bezahlte jahrzehntelang den teuersten Kader und machte dabei am meisten Profit.

4. Der Zuschauer will keine Kontostände, sondern Leistung sehen. Klar – aber im Zweifel eben doch lieber beim Kampf der Formel-1-Boliden als beim Treckerrennen. Sport ist Show. Und da macht es einen Unterschied, ob ein 30-Millionen-Fuss zwei 50-Millionen-Beine tunnelt, oder nur Not gegen Elend grätscht.

„Seid doch froh, dass wir solche Stars gekauft haben!“ rief Borussia-Coach Matthias Sammer nach dem Amoroso-Deal konsterniert. Ein Geschäft ist es allemal: In Hollywood spielen 1000 Darsteller genauso gut wie Brad Pitt, aber wenn sein Name auf dem Plakat steht, gehen 1000mal so viele Leute ins Kino. Jede Bundesliga-Saison sind die Spieler noch teurer, und jedes Jahr steigen die Zuschauerzahlen. Jedenfalls bei Clubs mit Celebrity-Kickern. Die anderen heißen Unterhaching, sind sympathisch und steigen am Saisonende ab. Dann doch lieber Stars – sonst heißt‘s am Schluß: Das war’s!

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