Die Panzerfaust von Khan Arnabah

Freitag, 4. Oktober 2013

Vor 40 Jahren, am 6.Oktober 1973, befehlen Ägyptens Staatschef Anwar el-Sadat und Syriens Diktator Hafiz al-Assad den Angriff auf Israel. Der Zeitpunkt ist schlau gewählt, denn das kleine Land feiert gerade Jom Kippur, das höchste jüdische Fest. In den ersten zwei Tagen dringen die Araber weit vor, doch dann wendet sich das Blatt. Dieser Kriegsbericht erinnert an die Kämpfe aus eigenem Erleben. Er erschien am 15.Oktober 1973.

Diesmal beginnt der Krieg für die Israeli in den Synagogen, wo sie zusammengekommen sind, um das Versöhnungsfest zu feiern. Die Rabbiner unterrichten die Gläubigen vom Überfall auf ihr Land. Jetzt verkünden nicht mehr wie sonst Worte des Friedens und der Versöhnung, jetzt reden sie von der Pflicht, zu kämpfen.

Der 21-jährige Menachem Schilgi sitzt an diesem Samstag in der Synagoge von Kfar Jidida bei Tel Aviv neben seiner Braut Ruti Hirschfeld. Zwei Tage später wollen die beiden jungen Leute heiraten. Jetzt greift sie nach seiner Hand und drückt sie. Es ist keine Geste des Trostes, es ist eine Ermunterung.

Zwei Stunden später meldet sich Menachem Schilgi, seit zwei Jahren Marinesoldat, bei seiner Einheit. Ruti Hirschfeld übernimmt in ihrem kleinen Heimatort einen Alarmposten am Telefon. „Wenn er für ein paar Stunden kommen kann, gehen wir sofort zum Rabbiner und heiraten“, sagt sie. Doch ihr Verlobter kann nicht kommen, und ob er überhaupt jemals wiederkehren wird, weiß keiner.

Doch, so Ruti Hirschfeld: „Angst um Menachem zu haben, dazu habe ich jetzt keine Zeit.“ Wie die beiden eilt jetzt jeder Israeli, jede Israelin an seinen, ihren Platz, viele schon zum vierten Mal. Denn seit der Staatsgründung 1948 muss das kleine Volk immer wieder zu den Waffen greifen. Auch jetzt stehen wieder zweieinhalb Millionen Juden gegen einhundert Millionen Araber.

Diesmal kämpfen die Israeli nicht mit dem Schwung und der Begeisterung wie im berühmten Sechstagekrieg Moshe Dajans im Juni 1967. Diesmal kämpfen sie mit kaltem Zorn, und mit der eisernen Entschlossenheit, der ständigen Bedrohung auf Leben und Tod für immer ein Ende zu machen.

1967 haben sie ungewöhnlich schnell gesiegt, und trotzdem mussten auf beiden Seiten rund 20.000 Menschen sterben. Diesmal, das wissen alle, wird die Entscheidung nicht so schnell fallen, und wie hoch der Blutzoll sein wird, wagt keiner zu sagen. Niemand weiß, ob er überleben wird, aber das ist für Israelis jetzt nicht mehr entscheidend: Das wichtigste, so sagen alle, ist, dass ihr Volk überlebt.

So denken die Infanteristen mit den Sturmgewehren, die Panzerfahrer, Jagdflieger, Flakkanoniere, Matrosen – und so denken die Frauen. So denkt die 20-jährige Daphne Ramagdan, die als Telefonistin im Generalstab Nachrichtenverbindungen stöpselt: „Wir arbeiten rund um die Uhr, und wir tun es gern, denn wir wollen die, die draußen für uns kämpfen, unterstützen. Auch mein Verlobter ist an der Front.“ So denkt die 22-jährige Orit Sarig, Leutnant und Nachrichtenoffizier, seit einem Monat verheiratet: „Meine Flitterwochen habe ich mir anders vorgestellt. Doch das ist jetzt nicht mehr wichtig. Jetzt geht es um unser aller Leben.“ Und denkt auch ihre Kollegin Ronat Deren, 24 Jahre alt, verheiratet und seit zwei Monaten Mutter eines Jungen: „Natürlich habe ich jetzt keine Zeit mehr für den Kleinen, denn ich werde hier dringend gebraucht. Aber wenn alles vorüber ist, werde ich nur noch für meine Familie da sein.“

Andere Frauen tragen Polizeiuniformen. In der verdunkelten Hauptstadt Tel Aviv gehen sie Streife, fahren Sanitätsautos, regeln den Verkehr, schalten Sirenen ein, überwachen die Luftschutzkeller. Und wer diesen Dienst nicht mehr schafft, betreut Kinder, pflegt Kranke, spendet Blut.

Auch die jungen Israeli, die im Ausland leben, hat dieser brennende Zorn erfasst. Sie drängen nach Hause, sie wollen kämpfen. „In der Bundesrepublik leben 350 israelische Studenten. Von denen haben sich 90 Prozent telefonisch in der Botschaft gemeldet, weil sie nach Hause wollen, um am Krieg teilzunehmen“, berichtet Jehuda Milo, Sprecher der israelischen Botschaft in Bonn-Bad Godesberg. „Sie sind zwar von der Mobilmachung nicht betroffen, doch wir stellen ihnen frei, nach Israel zu reisen. Bezahlen müssen sie allerdings selber, wir können die Kosten nicht übernehmen.“

Doch nicht das Geld ist das Problem, viele Kampfeswillige nehmen für die Heimreise sogar einen Kredit auf. Ihre Sorgen sind ganz andere: Wie nach Israel kommen? Die Lufthansa hat ihre Israel-Flüge eingestellt. Ebenso die Air France. Nur die israelische EL AL, deren zivile Bordbesatzungen jetzt im Kriegsdienst stehen, fliegt trotz der Gefahr von Flakbeschuss und arabischen Abfangjäger nach Tel Aviv. Täglich. Allerdings sie darf nur Reservisten, Ärzte und heimkehrende israelische Touristen an Bord nehmen.

Deshalb drängten sich an den Schaltern überall in Europa die jungen Männer und Frauen. Isaac Benzour, 23, Volkswirt aus Haifa, gab seine gute Stellung in England auf: „Der Job bedeutet mir nichts, so was kann man jederzeit finden, aber eine Heimat nicht. Deshalb will nach Israel zurück. Meine Schwester ist Soldat und kämpft schon.“ David Anni, 23, seit fünf Monaten Student in London, sagt: „In England ist es herrlich, aber ich muss zurück nach Israel. Ich habe drei Schwestern und einen Bruder, die schon kämpfen. Ich will an ihrer Seite sein.“

Zette Began, 22, Kindermädchen, wuchs in einem Kibbuz nicht weit von den hart umkämpften Golan-Höhen auf: „Ich bin zwei Jahre lang militärisch ausgebildet worden und möchte in einem Kinderhaus arbeiten. Dort braucht man mich jetzt. Mein Bruder kämpft schon in den Bergen.“

Wie sie versucht auch Daniel Lumin, 28, Agrarstudent aus Tel Aviv und Reserveleutnant, auf die nächste Maschine zu kommen: „Ich habe gerade Ferien gemacht. Seit ich gehört habe, was zu Hause passiert, sitze ich hier und warte. Es macht mich ganz krank, dass meine Freunde kämpfen und ich nicht dabei bin.“

Paul Malone, 48, Ingenieur sagt: „Ich muss unbedingt auf den nächsten Flug. Ich wohne auf dem Golan und weiß inzwischen, dass mein Haus abgebrannt ist. Wo meine Frau und meine drei Kinder sind, weiß ich nicht.“

Dorit Benedek, 18, ist Studentin. Ihr Vater fiel im Sechs-Tage-Krieg auf dem Sinai. Ihr Bruder Nir ist Jagdflieger. „Ich habe weder Geld noch ein Ticket, aber ich muss nach Jerusalem“, sagt sie. „Schade, dass ich nicht ein Jahr älter bin, dann wäre ich jetzt schon in der Armee und könnte mit.“ Sie schafft es trotzdem, ihre Tränen erweichen das Bodenpersonal und es gibt ihr einen kostenlosen Platz im Flugzeug.

Aus Frankfurt kommt Markus Friedmann, 26, Kaufmann in Düsseldorf, Korporal der israelischen Armee und im Sechs-Tage-Krieg verwundet. Seit fünf Jahren lebt in Deutschland, seine Ehefrau ist eine Deutsche: „Sie flehte mich an, zu bleiben, aber ich kann nicht. Dass ich kämpfe, ist selbstverständlich.“ Auch Jakob Silberstein, 32, Angestellter in Frankfurt, entschied sich für seine Heimat: „Ich bin Offizier bei einer israelischen Spezialeinheit. Ich muss hin. Es geht um die Existenz meines Landes. Meine Frau ist Deutsche. Sie weinte, als ich das sagte, aber dann entschloss sie sich, mitzukommen. Auch für sie haben wir in Israel jetzt Verwendung.“ Die 3000 D-Mark für die beiden Tickets gab ihm sein deutscher Schwiegervater.

Die israelisch-syrische Front ist 95 Kilometer lang. Auf dem Golan warten grauenvolle Bilder. Über 6000 Soldaten sind dort in der ersten Kriegswoche gefallen. Sie starben in den Wracks verbrannter Panzer, unter zerfetzten Lastwagen, in Feuerbällen explodierenden Benzins, im tödlichen Hagel krepierender Granaten. Oft sind ihre Körper nur verkohlte Klumpen.

Mitten auf der Straße zwischen Khan Arnabah und Khushnie, zwei völlig zerstörten syrischen Dörfern, stehen die Reste einer syrischen Flakbatterie. Von dort weht süßlicher Leichengeruch herüber. Ein Rudel Hunde kauert an der Leiche eines Gefallenen. „Jetzt haben sie etwas zu fressen“, sagt ein israelischer Offizier bitter, „aber können wir sie verurteilen? Sind wir Menschen wirklich besser?“

In Khushnie stehen mehr als 80 zerstörte syrische Lastwagen, die Reste einer Nachschub-Kolonne. Israelische Phantom- und Skyhawk-Jagdflieger haben Konvoi und Dorf in ein Flammenmeer verwandelt. Verbrannte Leichen liegen zwischen Bombenkratern, Granatsplittern und zerrissenem Blech. Die Israelis haben die meisten Toten zugedeckt.

Zwischen Khushnie und Jaba ist ein irakischer T62-Panzer auf eine Mine gerollt. Die Wucht der Explosion warf den Stahlkoloss auf die rechte Straßenseite. Der Fahrer wurde 20 Meter weit durch die Luft geschleudert. Er muss tot gewesen sein, bevor er den Boden berührte. Den Geschützturm finden wir auf der anderen Seite. Neben ihm liegt der Kommandanten des Panzers. Sein Leib ist aufgerissen, seine Haut verkohlt. Fliegenschwärme sitzen auf seinem Kopf.

Solche schrecklichen Szenen gibt es überall auf dem Schlachtfeld. Überall dort, wo Menschen mit Maschinen Menschen töten. Und Maschinen machen keinen Unterschied, ob die Opfer Israelis oder Araber sind. Der Tod kennt keine Religion. Die israelische Militärzensur verweigert später die Freigabe dieser Fotos. „Wir wollen nicht, dass solche grausigen Bilder veröffentlicht werden“, erklärt uns ein Sprecher, „wir wollen in euren Zeitungen kein Roastbeef sehen!“ Wir wollen unsere Aufnahmen trotzdem veröffentlichen, schmuggeln sie durch die strengen Kontrollen. Jeder muss das Recht haben, sich selbst ein Urteil über diesen Wahnsinn zu bilden, der sich „heiliger Krieg“ nennt und doch nichts anderes ist als Totschlag auf Befehl.

Anders als im Sechstagekrieg zeigen die Syrer einen geradezu selbstmörderischen Durchhaltewillen. Der junge Soldat, der am dritten Tag des Krieges reglos und mit angehaltenem Atem vor Khan Arnabah im Straßengraben liegt, hat schon einen israelischen Schützenpanzer abgeschossen und zwei Israelis getötet. Inzwischen ist es dunkel geworden. Der Syrer ist nicht bereit, vor den anderen fünf Panzern zu kapitulieren. Die Israelis teilen sich und gehen in Schützenkette vor. Einer von ihnen ist der Korporal Ben Tan. „Seit der Explosion waren ungefähr zehn Minuten vergangen“, berichtet er. „Ein paar von uns durchkämmten den Friedhof links von der Straße. Ich ging mit den anderen auf die rechte Seite. Wir konnten den Syrer nicht sehen, aber wir wussten, dass er irgendwo auf uns wartete.“

Uzi-Maschinenpistolen und Galil-Sturmgewehre im Anschlag, schleichen die Israelis zwischen den Felsblöcken hindurch, die dort die kahle Ebene bedecken. Noch immer brennt der abgeschossene Schützenpanzer wie eine Fackel. Ben Tan geht in weitem Bogen auf eine Kreuzung zu. Sorgfältig vermeidet er jedes Geräusch. Von seinen Kameraden sieht er nur Schemen. Da ertönte plötzlich Motorengedröhn. Auf einer Querstraße fährt ein israelischer Munitionstransporter auf die Gruppe zu. „Der Fahrer schien gar nicht zu wissen, was vor ihm los war“, schilderte Ben Tan. Der Syrer richtet sich in seiner Stellung auf und feuert. „Ich war nur noch sechzig Schritte von ihm entfernt“, berichtete Ben Tan, „da sah ich schon die Panzergranate einschlagen.“ Das Geschoss trifft den Munitionstransporter hinter dem Führerhaus, und das Fahrzeug explodiert in einem riesigen Feuerball. Nur zerfetzte Einzelteile bleiben übrig. Die zwölf Israelis, die auf ihm saßen, sind tot.

Es ist der letzte Schuss des jungen Syrers. Ben Tan rennt auf ihn zu. Mit einem Feuerstoß aus seiner Maschinenpistole streckt er den Feind nieder. Dann meldet er seinem Kompaniechef über Funk, was geschehen ist. Dass vierzehn seiner Kameraden gefallen sind. 14 von 656 Toten, die Israels Regierung am nächsten Tag zugibt. Die Araber schweigen.

Wir treffen Ben Tan am nächsten Morgen auf unserem Weg an die Front, die inzwischen acht Kilometer weiter nach Norden, in Richtung Syrien, gewandert ist. Der Korporal hockt in einem provisorischen Unterstand im Dauerbeschuss syrischer Frog-Raketen, während über uns israelische Mirage-Jäger und syrische MIGs tödliche Luftkämpfe austragen.

Als die Raketenangriffe abflauen, führt Ben Tan uns über die steinige Ebene zu seinem toten Feind. „Ich fühle keinen Hass“, sagt er. „Ich hasse die Araber nicht. Ich fühle keine Freude darüber, dass ich diesen Syrer umgebracht habe. Ich kann mich erst wieder freuen, wenn dieser Krieg endlich zu Ende ist.“ Dann aber lächelte er plötzlich und sagte: „Doch. Ich freue mich, dass ich noch am Leben bin.“

Der Leichnam des Syrers bleibt im Straßengraben liegen, zwischen Sand, Steinen und dornigen Gräsern, 58 Kilometer südlich von Damaskus. Der Tote hält noch immer die Panzerfaust im Arm. Den Panzer, der ein paar Minuten später seine Beine zerquetscht, spürt er nicht mehr.

Der Jom-Kippur-Krieg wird auf arabischer Seite auch „Ramadan-Krieg“ genannt, da er in den islamischen Fastenmonat fiel. In Ägypten heißt er auch „Oktoberkrieg“. Er endete am 24.Oktober mit einem von der UN vermittelten Waffenstillstand. Anwar el-Sadat leitete später Friedensverhandlungen mit Israel ein. Die Golanhöhen hält Israel bis heute besetzt.

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