Kapitel 19: Der Käfig im Siel

Montag, 17. September 2012
„Elendsquartiere am Vogelhüttendeich“: Hinter den Häusern bei der Poggenmühle 1885. © Museum für Hamburgische Geschichte

  Dieses Paradeexemplar eines korrupten Polizisten hatte für sein Opfer das perfekte Versteck gefunden, eine Höhle unter der Altstadt, fast so groß wie ein Haus. An den lehmigen Wänden stand das Grundwasser drei Meter hoch, und der einzige Abfluß führte durch eine schmale Lücke in das Marschstammsiel, das die Fäkalien aus dem Viertel um das Haus des Henkers sammelte. Neben dem Durchbruch ragte eine kleine Halbinsel in das schwarze Wasser. Auf ihrem Rücken stand ein verrosteter Käfig, und hinter den Gitterstäben kauerte Agnes. Der Glanz ihrer reinen Schönheit konnte selbst unter Tränen, Schmutz und Lumpen nicht ganz verlöschen.

  Zweihundert Jahre zuvor war ein lombardischer Tierbändiger beim Vergraben von Abfällen am Rand der alten Bastion Hieronymus auf einen verschütteten Gang gestoßen. Obwohl seine beiden Löwen erstaunliche Kunststücke zeigten, blieb das Publikum eines Tages aus, denn in der großen Stadt gab es viele Attraktionen, und nichts ist bekanntlich öder als eine Sensation, mit der man nicht mehr prahlen kann, weil auch alle anderen sie schon gesehen haben. Als Gläubiger mit Pfändung drohten, baute der Italiener flugs den Käfig auseinander, setzte ihn in der Höhle wieder zusammen und versteckte sich dort mit seinen treuen Tieren. Die Gläubiger dachten, er sei geflohen, und ließen ihn suchen, doch als die Polizei ihn nicht fand, hatte die Stadt ihn bald vergessen. Die erste Zeit fütterte der Tierbändiger die Löwen mit Spanferkeln, die er nachts aus den Ställen am Schweinemarkt stahl. Als die Bewachung strenger wurde, schlich der Lombarde in seiner Not zum Richtplatz und säbelte den Gehenkten, die dort im Wind baumelten, Arme und Beine ab. Durch die Leichendiebstähle und auch durch das tiefe Gebrüll, das manchmal unter der Erde dröhnte, wurde in den Köpfen abergläubischer Anwohner die Sage vom grausen Grendel wiedergeboren, dem Dämon, der nachts aus dem Sumpf kroch und Menschen fraß.

  Die arme kleine Agnes war fast genauso alt wie ich, und weil ich den schrecklichen Ort ihrer Gefangenschaft bald mit eigenen Augen sah, kann ich mich gut in sie hineinversetzen, und auch in den furchtbaren Schrecken, als sie dort unten das Ungeheuer erblickte. Sie kniete gerade auf dem Boden des Käfigs und betete. Vom Grendel hatte sie noch nie gehört, aber auch in Polen fürchten sich die Kinder vor Gespenstern, und das blakende Feuer in dem kleinen Kohlenbecken warf unheimliche Schatten an die gewölbten Wände.

  Die Gebete flehten um Rettung oder Tod, denn selbst in dieser furchtbaren Lage wollte es die kleine Agnes nicht auf ihr Gewissen nehmen, einen Mann, der ihr nie etwas getan hatte, solcher Scheußlichkeiten zu bezichtigen. Sie wollte leben, trotz der Schande, in die ihre grausamen Entführer sie gestürzt hatten, sie wollte ihre Eltern wiedersehen, die in den Elendsquartieren am Vogelhüttendeich bitterlich um sie weinten, und auch ihren Bruder, von dem sie nur wusste, dass er irgendwo bei den Soldaten war. Und selbst wenn Eltern und Bruder sie jetzt verachteten und verdammten, obwohl sie doch gegen ihren Willen verschleppt worden war, wollte sie doch lieber leben als sterben - aber auch um den Preis einer so schweren Lüge?

  Die Schatten an der Wand tanzten ein groteskes Menuett. Der Rest der Höhle lag in schwarzer Finsternis. Nur das leise Gurgeln und Plätschern im Siel klang durch die Stille.

  Kein irdischer Gedanke kann die Seele aus dem Zwiespalt führen, der den Lebenswillen gegen den Gotteswillen stellt. Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten! hallte es durch die Gedanken - niemals würde Agnes einen anderen Menschen vernichten, um sich selbst zu retten, mochte der Constabler sie auch noch so grausam schlagen. „Herr, erbarme dich meiner!“ flüsterten ihre Lippen, da tanzten die Schatten an der Wand plötzlich nicht mehr allein: Mit einem saugenden, schmatzenden Geräusch schob sich etwas Riesiges, Dunkles, Namenloses über das Gewölbe, und Agnes schrie auf. Aus dem Abwasser stieg eine Schreckensgestalt. Borstige Barthaare überwucherten ein zerstörtes Gesicht zwischen verfilzten Strähnen, und unter Brauen wie aus Tang starrten zwei glühende Augen die arme Kleine an. Wie soll ich ihr Entsetzen schildern? Die Nase des Unholds schien Agnes wie die Schnauze einer Dogge geformt, in dem blutroten Mund funkelten ihr gelbe Hauer, und an den gekrümmten Händen bogen sich vor ihrem entsetzten Blick Nägel wie Krallen. Ein fürchterlicher Gestank umhüllte dieses fürchterliche Wesen, und dass die fürchterliche Raubtierpranke jetzt noch durch die Gitterstäbe griff, war zu viel für das arme, gequälte, junge Herz: Die zu Tode erschrockene Kleine stieß einen gellenden Schrei aus und fiel in gnädige Ohnmacht.

  Die Krallenhand bewegte sich langsam über den schmächtigen, wehrlosen Körper, fuhr an die Wangen des Mädchens, streichelte sie unbeholfen und blieb dann auf den blonden Locken liegen. Aus dem blutig roten Mund quollen leise, zärtliche Geräusche.

  Ja, meine Lieben, jetzt denkt ihr wohl, die Alte ist am Flunkern, aber ich kann euch versichern, nicht nur hab' ich persönlich mit der armen Agnes gesprochen, ich hab' die Höhle mit eigenen Augen gesehen, und den Grendel auch, holl di fast!

  Jetzt aber erst zu meinen Erlebnissen in dieser Nacht, meinem ersten Einsatz als Bundesgenossin meines Onkels Johnny. Ich war sehr eifrig und brachte einiges zuwege.

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