Als SPD-Chef Scharping ein „Bündnis mit den Starken“ suchte

Mittwoch, 2. Oktober 2013

In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 20 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe von Samstag, 2.Oktober 1993.

SAMSTAG

Frankfurts rotgrüner Regent Andreas von Schöler nennt vier Mitglieder der SPD-Fraktion, die dem grünen Kandidaten für das Amt des Umweltdezernenten in freier und geheimer Wahl die Zustimmung versagten, „Schweine". Deutsches Demokratieverständnis 1993. Schopenhauer: „Der Stil ist die Physiognomie des Geistes."

SONNTAG

Der SPD-Vorsitzende erklärt, es reiche für seine Partei nicht aus, „Schutzbund der kleinen Leute" zu sein - unverzichtbar sei ein „Bündnis mit den Starken und Leistungsfähigen". Nachtigall, ick hör dir trapsen. Ein Anonymus warnt in Lothar Schmidts „Handbuch geflügelter Definitionen": „Der Politiker ist der einzige Mensch, der dich um Hilfe bittet und dir nachher die Rechnung schickt."

MONTAG

Weltkonzerne wie IBM, Sony und Daimler-Benz fordern den schnellen Umzug der Regierung nach Berlin, wollen 40 Milliarden investieren, brauchen Planungssicherheit, aber die Bonn-Lobby mauert weiter. NRW-Minister Clement redet im Fernsehen vom Jahr 2010. Sebastian Brant, „Das Narrenschiff“ (A.D.1494): „Viel Narren sind verlorengegangen, / die allzeit ,Morgen! Morgen!' sangen. / Was Sünd und Narrheit sonst angeht, /Da eilt man zu so früh wie spät; / Was Gott betrifft und Rechtes tun, / Das schleicht gar langsam näher nun."

DIENSTAG

Beim Fernseh-„Prix Italia" gewinnt die BBC mit „The Vampyr - A Soap Opera". Deutsche Beiträge: „Was ist hier Schuld und was ist hier Sühne" (ARD, über eine in der DDR straffällig gewordene Mutter) und „Abgetrieben" (ZDF). Brecht: „Wir Deutschen sind im Ertragen von Langeweile ungemein stark und äußerst abgehärtet gegen Humorlosigkeit."

MITTWOCH

Bayerns SPD-Ministerpräsidentenkandidatin Renate Schmidt ist wieder in die (evangelische) Kirche eingetreten. Sie habe sie „vor vielen Jahren" verlassen, weil sie ein sehr gespanntes Verhältnis zu ihr gehabt habe, sich nun aber gesagt, „in einer Zeit, in der so viele Menschen die Kirche verlassen,„trete ich wieder ein". Luther: „In der ganzen Kirchenlehre muss man sorgfältig darauf achten, welcher Teil recht eigentlich zum geistlichen Leben gehöre, welcher zum bürgerlichen und welcher zum politischen. Diese beiden Stücke müssen weit vom Evangelium getrennt werden."

DONNERSTAG

Bonns ehemaliger Vertreter in Ostberlin, Günter Gaus, schildert mal wieder seine Betroffenheit über die Folgen der Wiedervereinigung: Es sei eine Entsolidarisierung eingetreten, sozusagen mit dem ersten westdeutschen Auto, das jeder sich möglichst schnell gebraucht kaufte". Dabei habe die zuvorige „materielle Kargheit" des Lebens in der DDR dort ein paar Wesenszüge gefördert, die mir behaglich und sympathisch waren." Arroganz eines Besitzenden gegenüber vormals Besitzlosen. „Je größer Narr, je größer Hochmut" (deutsches Sprichwort).

FREITAG

Estland will diesen Herbst den Wunschtraum aller Fleißigen erfüllen und einen einheitlichen Steuersatz für sämtliche Einkommensgruppen einführen. Höhe: etwa 26 Prozent. Ministerpräsident Mart Laar: „Wer mehr arbeitet, soll mehr verdienen." Da lässt sich wohl bei manchem Deutschen ein Gefühl des Neides nur schwer unterdrücken. Und der Hilflosigkeit. Denn, so Georg Mikes (1912-1987): „Der Mensch ist ein merkwürdiges Wesen. Er arbeitet immer härter für das Privileg, immer höhere Steuern zahlen zu müssen."

Anmerkungen

Der SPD-Politiker Andreas von Schöler war 1976-1982 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern und 1991-1995 Oberbürgermeister von Frankfurt am Main.

SPD-Vorsitzender war damals Rudolf Scharping.

Der SPD-Politiker Wolfgang Clement war 1998-2002 Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und 2002-2005 Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit. Heute ist er Vorsitzender der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

Günter Gaus (1929-2004) wurde 1969 „Spiegel“-Chefredakteur, 1973 Staatssekretär im Bundeskanzleramt, 1974-1981 Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin und 1976 SPD-Mitglied. Als Journalist und Politiker versuchte er unermüdlich, die Unterschiede zwischen dem Stasi-Staat und der Bundesrepublik zu relativieren. Auch nach der Wende, der Wiedervereinigung und der Aufarbeitung der Stasi-Akten konnte er sich zumindest öffentlich nicht zu der Einsicht durchringen, dass die „DDR“ ein Unrechtsstaat war, sondern blieb seiner Linie der Gleichmacherei und Beschönigung treu.

 

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt