Kapitel 14: Im Arboversum

Dienstag, 8. Oktober 2013

IV. ARBOVERSUM

 Der Morgen kam mit Fluten aus Licht; sie wuschen das Dunkel der Nacht in die Tiefe des Vergessens hinab und bereiteten die Bühne für den neuen Tag vor. Die Erde richtete in rasender Rotation jenen Teil ihrer Oberfläche, der zwischen dem 40. und dem 70. Längengrad lag, in den unablässigen Lichtstrom der Sonne, so wie eine alte Frau ihren Rücken an einem Heizlüfter wärmt, wenn ihr Bauch genug Hitze genossen hat.

  In dem noch immer fast ganz vom Wald bedeckten Tiefland des Amazonas, mit sieben Millionen Quadratkilometern so groß wie Europa, wirkte die Energie des Zentralgestirns wie ein gewaltiger Fön. Die Wärme trocknete riesige Wolkenfelder, bis nur noch wenige weiße Inseln das Blau des Himmels sprenkelten, und ließ auch die Nebelschwaden in den Niederungen verschwinden. Gleichzeitig leckten Myriaden glühender Zungen die Nässe der Nacht von den Blättern der Bäume, bis auch der letzte Tautropfen verdunstet war.

  Der riesige Regenwald rekelte sich unter den wärmenden Strahlen wie ein gewaltiges Tier: Es war, als sei das gesamte immergrüne Drittel des Erdteils von einem einzigen gewaltigen Organismus bedeckt. Wie sich der Körper eines Menschen aus Milliarden Zellen zusammensetzt, so wurde der Wald aus Abermilliarden Pflanzen gebildet, zwischen denen weitere Abermilliarden Tiere lebten, alle in ihrem gesamten Lebenszyklus auf das engste miteinander verbunden. Die einen den anderen zur Nahrung dienend, hingen sie wie die Glieder einer unendlichen Kette zusammen, die an der gleichen Stelle wuchs, an der sie zerfiel, da der Tod sekundenschnell neues Leben erzeugte. Nicht einmal die winzigsten Mineralienkörnchen konnten diesem Kreislauf entkommen, denn jedes Salzmolekül, das die Sonne mit dem verdunstenden Wasser emportrug, kehrte bald in einem Regentropfen zurück und wurde oft schon fünfzig oder sechzig Meter über der Erde von einem der unzähligen Epiphyten der Kronenregion aus der Luft gewaschen.

  Die nachtlebenden Bewohner des Waldes hatten sich seit Sonnenaufgang in ihre Verstecke zurückgezogen. Das Dreizehenfaultier hing unter der vierzig Meter hohen Astgabel einer Euphorbiacea. Seine rasiermesserscharfen, sichelförmig gebogenen Krallen würden sich selbst im Fall seines Todes erst nach Tagen lösen. In seinem blaugrünen Fell paarten sich Kleinschmetterlinge; aus ihren Eiern würden in wenigen Tagen winzige Raupen schlüpfen und mit ihren kräftigen Kiefern die mikroskopisch kleinen Algen an den Haaren des Tieres abgrasen. Ein rotgrüner Baumsteigerfrosch bewachte geduldig das Ei seiner Partnerin in dem wasserglasgroßen Trichter einer gelbblühenden Bromelie, damit sich nicht etwa ein Raubkäfer daran gütlich tat. Jetzt, da es hell war, würde er seinerseits vor den großen Raubspinnen auf der Hut sein müssen. Der eulenbraune Fettschwalm schlief mit Tausenden seiner Altgenossen in einer riesigen Tuffsteinhöhle, durch deren verwinkelten Ausgang der Vogel dank seines Echolots in völliger Finsternis geflogen war. Die ganze Nacht über hatten er und seine Artgenossen sich den Bauch mit Palmfrüchten vollgeschlagen. Nun würden sie verdauen und die mächtigen Haufen aus Abermillionen Kernen tief unter sich weiter anwachsen lassen. Sie und viele andere Tiere mieden den Tag mit seiner Hitze, seiner Helligkeit und seiner Fülle von Gefahren. Ihre Plätze nahmen nun andere Geschöpfe ein, die sich schon allein durch die Pracht ihrer Farben als Augentiere auswiesen: die bunten Aras und die anderen Papageien, Sylphen und Sittiche, Kolibris und Tukane, vor allem aber der langschwänzige, schillernd gefiederte Quetzal, der letzte Überlebende der kohlezeitlichen Sumpfwälder und wohl schönste Vogel der Welt.

  Maria Behring trat vor die Tür ihrer Hütte auf dem mächtigen Matamatá neben dem Axtbrecherbaum, tat einen kräftigen Atemzug und spähte unternehmungslustig in den Morgen. Von der Schwelle ihrer stabilen Behausung dreißig Meter über den schwarzen Wolken konnte sie weit über den Wald schauen, und sie genoss diesen unvergleichlichen Blick an jedem neuen Tag.

  Im Osten, wo die Sonne das unterste Himmelsdrittel durchstiegen hatte, bildeten vor allem Meliazeen die Baumbestände. Dort sah Maria Behring große Aguanos, die Könige des Waldes aus derselben Dynastie, der auch die Mahagonibäume entstammen. Die untersten Äste wuchsen dreißig Meter über dem Boden, und die Wipfel erreichten nicht selten siebzig Meter und mehr. Die vielen kleinen weißen Blüten auf ihren breiten Schirmen wirkten wie die Tupfen auf den Hermelinmänteln mittelalterlicher Monarchen. Neben ihnen standen andere

Zedrachgewächse wie königliche Brüder um den Thron, an Wuchs und Würde den Verwandten ebenbürtig. Etwas kleiner, aber dennoch imposant reihten sich die Carapas ein, die Barone des Baumreiches, die durch ihre Vielzahl dem Hochland von Guayana den besonderen Charakter verliehen, die aber auch sonst überall in der Hyläa wuchsen, aus hartem, schwerem Holz, das den Naturvölkern das Rohmaterial für viele Schlag- und

Stichwaffen liefert. Dazu hatten sich viele Zedrelabäume gesellt, die ihre hochadlige Herrschaft nach Art edler Knappen umringte, nicht groß genug, sich mit den Würdenträgern des Waldes zu messen, aber doch zu hoch, um mit dem niedrigen Pöbel des Holzvolkes verwechselt zu werden; die schlanken, gebogenen Äste ineinander verschränkt, bildeten sie eine Phalanx, die selbst dem stärksten Sturm trotzte.

  Im Süden dominierten die Leguminosen, die Hülsenfrüchtler, mit Schätzen beladen wie die weitgefahrenen Kaufleute der Konquistadorenzeit. Der Vorsteher ihrer Vereinigung war der dickleibige Kuraru, der sich oft 65 Meter hoch über den Boden erhob; der Durchmesser seines Stammes betrug noch in halber Höhe vier Meter, und seine Äste griffen wie die Balken einer Waage aus. Sein dunkelbraunes Kernholz war so unvergänglich wie die Erinnerung eines Geldverleihers, sein rosafarbenes Splintholz mit den jungen Zellen am äußeren Rand aber frisch wie der Mut eines Investors, dem ein kaiserliches Privileg garantierte, dass seine Ware mit Gold aufgewogen werde. Kaum weniger häufig traten Rivalen auf, die mit dem Riesenbaum verwandt waren, vor allem der reiche Pracuuba, der vor Urzeiten aus dem Orinocodelta in den Süden übersiedelt war, und der mächtige Morabukea aus dem Hochland, dessen schattige Kontore inzwischen längst auch im Alluvialgebiet der Tiefebene standen. Zu ihnen gesellten sich wie Kaufmannsgehilfen der schlanke Acapú, dessen dunkelschokoladefarbenes Gebein immer noch die Sägemühlen von Pará füllte, um dann auf europäischen Fußböden ausgelegt zu werden, und der Cumarú mit dem ölhaltigen, duftenden Samen, den Tonkabohnen, aus denen moderne Techniker immer noch Riechstoffe für Seifen extrahierten, als wäre es nicht schon längst billiger, sie im Labor herzustellen.

  Die Bäume, die im Westen die Sonne wie mit ausgebreiteten Armen begrüßten, gehörten überwiegend zu dem stolzen und starken Holzgeschlecht der Lekythidazeen oder Topffruchtbäume. Ihr Anführer war der hochwachsende Matamatá, der stets weithin sichtbare Charakterbaum der vor Überschwemmungen geschützten Tierra firme; seine Blüten hingen in gelbroten Dolden von den Zweigen. Den Norden hinter den besonders hoch aufragenden Paranussbäumen teilten sich Seifenbaumgewächse wie der kugelige Massaranduba, Combretazeen wie der schlanke Guarajuba und Sterkuliazeen wie der Farina, einer der Zedernbäume des Amazonas, der an Hohe mit den Riesen wetteiferte und seinen würzigen Geruch über den Wald schickte.

  In einem Wald, der auf kaum zwanzig Quadratkilometern fast zweitausend verschiedene Baumarten aufwies, war jeder dieser besonders markanten Riesen von ganzen Gruppen anderer Holzgewächse umringt, von denen jedes seinen eigenen Reiz besaß und seine eigene Unverwechselbarkeit präsentierte. Besonders auffällig kontrastierten die Schmetterlingsblüten des Korallenbaumes in allen Schattierungen von Orange bis Dunkelrot mit dem wogenden Grün, aber die gelbblühenden Trompetenbäume am Fuß des Vulkankegels leuchteten ebenfalls in geradezu unwirklicher Pracht.

  Auch allerlei blühende Ranken- und Schlingpflanzen trugen zu dem herrlichen Bild bei. Die Strahlen der Sonne ließen die lachsfarbenen oder kardinalroten Blüten der Drillingsblume funkeln, die sich um die starken Äste einer Ceiba pentandra gewunden hatte. Daneben öffnete die Goldtrompete ihre gelben Glocken, und der Eisenbahnschlinger ließ seine bläulichen Blütenstände wie eine Kaskade vom Wipfel einer starken Rutacea

fallen. Gleich unter ihren Füßen sah Maria Behring Goldregen wuchern. Von den Ästen neben ihr verbreiteten Goldkelche den Duft reifer Aprikosen. Epiphytische Flamingoblumen hüllten den mächtigen Matamatá in ein Gewand voller weißer, orangefarbener, zinnober- und scharlachroter Hüllblätter. Daneben kletterte Dipladenia splendens, der Klammeraffe unter den Ranken, mit kräftig rosa gefärbten Blüten empor, und die Spinnenpflanze streckte ihre pinkfarbenen Blütendolden aus den extrem langen Staubblättern.

  Maria Behring drehte sich um und sah Sander aus der Hütte kommen. „Ist es nicht wunderschön?“ fragte sie und blickte wieder auf das Meer aus Blüten und Blättern zu ihren Füßen.

  Sander nickte, streckte die Arme aus und sog tief Luft in seine Lungen. „Ja“, sagte er dann. Man möchte gar nicht mehr weg.“ Er hielt sich an dem Lianengeländer fest und beugte sich vor, bis er den Axtbrecherbaum sehen konnte. „Unsere Freunde sind auch schon auf“ sagte er, als er den alten Mann mit dem Mädchen vor der Hütte entdeckte.

  „Natürlich“, sagte Maria Behring. „Hier lebt man noch im Rhythmus der Natur, und der Mensch ist schließlich ein Tagtier.“

  Sie beobachteten einen Schwarm großer Grünflügelaras, die in der Krone einer nahen Palme Nüsse knackten; ihr rotes Brustgefieder leuchtete, als zerzause eine Windbö einen Rosenbusch. Auf dem Ast eines Piquiabaumes ließ ein über 9neunzig Zentimeter großer Hyazinthara sein dunkelblaues Gefieder im Sonnenschein glänzen. Blaustirn-Rotschwanzsittiche pickten unter der Rinde einer vierzig Meter hohen Euxylophora nach Insektenlarven. Überall tauchten Kolibris ihre langen Zungen in Blütenkelche. Die Luft schwirrte von der Vielzahl der Vögel, die alle Wipfel der Kronenregion mit geschwätzigem Leben erfüllten. Spatzengroße Langzehenfaulvögel jagten riesigen Wespen nach, und Riesentukane füllten die mächtigen gelben Schnäbel mit blauschillernden Beeren.

  Die Hütte war von vielen geschickten Händen gleich am Vormittag nach der ersten Kontaktaufnahme gebaut worden; als Sander das Luftschiff wie verabredet zur Mittagsstunde in den Wolkenwald gesteuert hatte, musste die Behausung schon fertig gewesen sein. Offenbar hatte der alte Priester gleich am frühen Morgen mit den Arbeiten dafür beginnen lassen, bestrebt, seine Gäste nahe genug an dem Vulkankegel unterzubringen, um sie unter Aufsicht, aber auch weit genug, um sie notfalls auf Distanz halten zu können. Es war, als habe er Maria Behrings Pläne erraten: Sie wäre viel lieber in unmittelbarer Nähe des seltsamen Baumes mit den vielen Bromelien geblieben. Da aber die Hütte schon fertig war, als sie eintrafen, hatte sie nicht gut ablehnen können und sich fürs erste geschlagen geben müssen.

  „Alter Fuchs“, hatte sie zu Sander gesagt.

  Die Wolkenwaldmenschen hatten sich auf den drei großen Zedrachbäumen versammelt, um die Ankunft der seltsamen Fremden mitzuerleben. Sander hatte rechtzeitig die Motoren abgestellt, und das Schiff war wie eine weiße Wolke zu dem Landeplatz geglitten. Als Maria Behring und Sander aus der Gondel stiegen, waren sie rasch von Männern, Frauen und Kindern umringt worden, von denen aber nur die Mutigsten gewagt hatten, sie zu berühren. Manche waren sogar mit dem Finger über Maria Behrings Unterarm gefahren, um zu prüfen, ob die Haut der Fremden ihre Helligkeit einer im Wolkenwald unbekannten Pflanzenfarbe verdankte.

  Da sie sich nach dem Gespräch mit dem Priester vorstellen konnte, wie streng seine Ansichten sein mussten, hatte Maria Behring ihn in dem Glauben gelassen, dass sie und Sander ein Ehepaar seien, und keine Einwände gegen die gemeinsame Unterkunft erhoben. „Sagen Sie mir nur, wenn Sie allein sein wollen“, hatte Sander gesagt, „dann verschwinde ich. Und falls es Sie stört, dass ich gelegentlich schnarche, schlafe ich vor der Tür.

  „Scheint so, als lernten wir uns nun doch etwas näher kennen“, hatte sie daraufhin gewitzelt und hinzugefügt: „Keine Angst, ich habe schon öfter mit Männern zusammen gehaust und weiß, wie das nachts manchmal klingt.“

  Sie hatten das Luftschiff windsicher unter den Ästen des Matamatá befestigt und die Gondel verschlossen, auch aus Sorge, dass allzu neugierige Finger mit fatalen Folgen Knöpfe drücken könnten. Besonders für Sander war es ein beruhigendes Gefühl, unter dem Blätterdach zu seinen Füßen die riesige weiße Hülle glänzen zu sehen, und er schaute oft hinunter, obwohl er nach wie vor mit seiner Höhenangst zu kämpfen hätte.

  In den vier Tagen, die sie bisher im Wolkenwald zugebracht hatten, war aus ihrem groben Eindruck von der Kultur der Wolkenwaldmenschen ein detailliertes Bild geworden. Die vorher gesammelten Informationen hatten sich bestätigt, und viele waren hinzugekommen, darunter einige sehr überraschende; es war, als seien sie wirklich in einem Paradies gelandet.

  Jeden Abend waren sie in die Gondel des Luftschiffs zurückgekehrt, und Maria Behring hatte erst einmal eine beruhigende Meldung abgesetzt. Dann hatte sie in den Computer eingegeben, was sie beide in Erfahrung gebracht hatten. Auf diese Weise hatte sich eine Fülle der verschiedensten Details angesammelt. In der von Maria Behring bevorzugten Kurzform lasen sie sich so:

   1. ETHNOGRAPHISCHE DATEN. Population: 1362 Individuen, davon 409 Männer, 421 Frauen und 532 Kinder (262 männliche, 270 weibliche). Siedlungsdichte: 272 Einwohner je Quadratkilometer, ein für den Regenwald unglaublich hoher Wert: Aus Professor Sarosis Angaben ging hervor, dass die normale Siedlungsdichte amazonischer Indianerstämme bei nur 0,5 Einwohner je Quadratkilometer lag. Sprache: Guarani, durchsetzt mit lateinischen Wörtern für religiöse Begriffe. Es war für sie ziemlich ernüchternd gewesen festzustellen, dass die Bewohner dieses weltfernen Waldes mehr Worte aus der Hochsprache der antiken europäischen Zivilisation beherrschten als sie selbst, die sie doch immerhin eine gebildete Tochter des christlichen Abendlandes war.

  2. SOZIALE ORDNUNG. Großfamilien, jeweils mit Angehörigen aus mindestens drei Generationen. Monogamie. Gleichberechtigung. Arbeitsteilung. Sie hatte aus Gesprächen mit Ani und anderen Frauen erfahren, dass die Familien stets gemeinsam auszogen, reife Früchte zu bergen und andere Nahrung zu sammeln. Körperliche Überlegenheit der Männer befähigt sie zu schwereren Arbeiten wie Holzfällen, Hütten-, Wege- und Brückenbau, daraus erwachsendes Sozialprestige wird aber durch größere Geschicklichkeit der Frauen bei häuslichen Arbeiten wie Zubereitung von Nahrung und Anfertigung von Kleidung kompensiert, hatte Maria Behring geschrieben und dabei zu Sander gesagt: „Die klassische Arbeitsteilung nach körperlichen und geistigen Fähigkeiten - die Männer für das Grobe, die Frauen für die Feinarbeit.“

  3. POLITISCHE ORGANISATION. Darunter hatte Maria Behring vermerkt: „Gottesstaat-ähnliche Autoritätsaufteilung. Der Priester steht an der Spitze der Hierarchie. Darunter vier besonders große und kräftige Männer, die als Diener, Wächter und Boten fungieren.“ Der alte Senex hatte ihr berichtet, dass er einst selbst zu diesen Helfern gehört habe, die man im Wolkenwald arcanjos, „Erzengel“, nannte. Der Dienst der Männer, die für diese Position ausgewählt wurden, begann, wenn ihr jüngstes Kind sieben Jahre alt war, und endete nach zwei Jahren. Sein Sohn Gabriel, so Senex, habe nur noch wenige Wochen abzuleisten; dann werde er sich wieder ganz seiner Familie widmen können.

  4. PHYSISCHE BESONDERHEITEN. Hier hatte Maria Behring bisher vermerkt: „Alle Individuen mit jeweils sechs Fingern beziehungsweise Zehen an jeder Hand und jedem Fuß. Extremitäten verblüffend beweglich. Auch bei den Älteren perfekt ausgebildete Muskulatur und ungewöhnlich elastische Gelenke. Körperliche Gewandtheit von Männern und Frauen wie bei Turnern, bei Kindern sogar wie bei Akrobaten. Überlänge der Zehen sowie ausgeprägter Abstand zwischen erstem und zweitem Zeh erleichtern offenbar das Klettern. Helle Hautfarbe trotz dauernden Aufenthalts in der lichtreichen Kronenregion deutet auf genetische Vererbung hin. Gesichtsschnitt und Augenform beweisen Zugehörigkeit zur indianischen Rasse.“

   Unter 5.ERNÄHRUNG hatte Maria Behring notiert: „Grundlage bilden verschiedene Baumfrüchte, die im Wolkenwald in geradezu unglaublicher Größe, Zahl und Fülle wachsen. Hauptnahrungsbäume sind: A. Pijiguaopalme. B. Melonenbaum (Carica papaya). C. Avocado-birne (Persea americana). D. Sternapfel (Chrysophyllum cainito). E. Kaschuapfel (Anacardium occidentale). F. Paranuss...“ Die Liste enthielt noch zwei Dutzend weiterer Obst- und Nussbäume wie den Kanonenkugelbaum, dessen runde Früchte direkt am Stamm in dichten Trauben herunterhingen, den Kakaobaum, dessen Hülsenfrüchte, die von den Indianern clevo oder moschina genannt wurden, und die monama, die wie eine Olive aussah. Es gab auch Obst, das Bananen und Zitronen glich.

  Sander hatte gefragt, ob das nicht eine ziemlich einseitige Kost sei. Als er die verschiedenen Früchte jedoch probiert hatte, hatte er zugeben müssen, dass die geschmackliche Variationsbreite überraschend groß war. Außerdem verstanden es die Frauen, immer wieder neue Gerichte zusammenzustellen und mit den verschiedensten Samen und Säften zu würzen. Über den Gehalt an Kohlehydraten, Eiweiß, Fett, Vitaminen und Mineralstoffen klärte ihn Maria Behring auf. Die Früchte des Kakaobaumes zum Beispiel, so stellte sie fest, enthielten 45 Prozent Fett, wie man an jeder Frau erkennen könne, die gern Pralinen nasche. In ihrer Begeisterung über die ebenso schmackhafte wie ausgeglichene und leicht verdauliche Pflanzenkost hatte sie sogar ihren geliebten AvH zu Wort kommen lassen, der einst über die Kakaobohne schrieb: „...kein zweites Mal hat die Natur eine solche Fülle von Nährstoffen auf einem so kleinen Raum zusammengedrängt wie gerade bei ihr.“

   Als sehr viel weniger appetitlich empfanden Maria Behring und Sander die allerdings selbstverständliche Erkenntnis, dass die Bewohner des Wolkenwaldes ihren Eiweißbedarf auch durch den Verzehr zahlreicher niederer Lebewesen wie Würmer, Maden, Engerlinge, Ameisen, Spinnen, Eidechsen und Frösche deckten. Sanders Ekel vor dieser Kost legte sich auch dann nicht, als ihn Maria Behring daran erinnerte, dass der Mensch von einem mausgroßen Insektenfresser abstammte, der gegen Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren in den Bäumen gelebt habe.

  „Ich weiß, dass es unvernünftig ist“, gestand er, „aber ich bringe es einfach nicht über mich.“

  Die Frauen des Wolkenwaldes verarbeiteten diese tierische Kost so geschickt, dass nicht nur nahrhafte und wohlschmeckende, sondern auch ungemein ansehnliche Gerichte entstanden, die Maria Behring ohne den geringsten Degout verzehrte, während Sander nur dann zugriff, wenn sie ihm so rücksichtsvoll wie unwahrhaftig versicherte, dass es sich ausschließlich um pflanzliche Nahrung handle.

  Längere Zeit diskutierten sie über Sinn und Zweck des Tabus, Säugetiere und Vögel zu essen. Nur das Sammeln von Vogeleiern war erlaubt: Offenbar deckten die Wolkenwaldmenschen damit ihren Kalkbedarf. Sander war der Meinung, die Jagd auf große Tiere sei zu gefährlich und auch zu wenig erfolgversprechend: Wenn Affen oder Aras von Pfeilen getroffen würden, stürzten sie unweigerlich in die Tiefe und wären für ihre Jäger verloren. Maria Behring meinte dagegen, für solche Tabus seien meistens religiöse Gründe ursächlich. Um ihre Ansicht zu untermauern, holte sie einen Kommentar zum Buch Genesis auf den Monitor ihres Computers und las Sander vor, dass die Israeliten der Bibel von den Säugetieren faktisch nur Huftiere verspeisen durften, und auch davon längst nicht alle. Nagetiere jedoch, selbst Hasen, und viele Vögel galten vor dem mosaischen Gesetz als unrein. „Affen und größere Vögel könnte man ja auch harpunieren“, sagte sie. „Ganz abgesehen davon, dass es diesen Indianern keine Mühe bereiten dürfte, Faultiere zu erbeuten.“

  Der sechste Punkt hieß MATERIELLE KULTUR. Genau so vielfältig wie die fruchttragenden Bäume waren auch die Holzgewächse, die das Rohmaterial für Kleidung, Hütten- und Brückenbau, Möbel und Einrichtungsgegenstände sowie die verschiedensten Geräte lieferten. Auch hier schien es, als habe die Natur in diesem Wald ebenso lückenlos für die Bedürfnisse der Menschen gesorgt wie Gott einst für die Bedürfnisse Adams und Evas. Die Bäume spendeten Holz aller Härtegrade und Gewichte, aber auch Wolle zum Spinnen und zum Polstern, Bast zum Flechten, Fasern zur Herstellung von Seilen und Schnüren, Harz zum Abdichten — Maria Behring identifizierte allein im näheren Umkreis ihrer Hütte ein halbes Dutzend Heveaarten, deren Milchsaft zu Gummi verdickt werden konnte. Es gab hartschalige Fruchthülsen, die zu Gefäßen jeder Größe taugten, ölreiche Samen zur Erzeugung von Kerzen und Seife, Rinde zum Schreiben, Blätter zur Herstellung von Tinte und Farben, Säfte zur Gewinnung von Zucker und Stärke, dazu viele andere Rohstoffe und schließlich energiereiches Brennholz. Lianen und Ranken dienten als Bau- und Bindematerial. Die überall in den Bäumen hängenden Bienenstöcke lieferten Honig und Wachs, und aus Bromelien. Lianen und anderen Epiphyten wurden verschiedene Arzneimittel gewonnen.

  Über all das gaben Ani, Senex und die anderen Wolkenwaldmenschen bereitwillig Auskunft, denn nach dem ihnen vom Priester erlaubt worden war, sich mit den großen, seltsamen Fremden zu unterhalten, drängte es sie, ihnen gefällig zu sein. Sie schienen vor ihnen sogar eine gewisse Ehrfurcht zu empfinden, als seien sie höhere Wesen, und mühten sich um ihre Gunst. Wenn Maria Behring aber nach dem Baum im Garten des Priesters fragte, wurden Frauen und Männer auf einmal schweigsam und scheu. Sie sagten, der Baum sei verboten, und niemand habe jemals gewagt, sich ihm zu nähern, nicht einmal die arcanjos.

  Das Gespräch mit dem Priester bei der nächtlichen Kontaktaufnahme war viel zu kurz gewesen, denn nach zahllosen verdutzten Fragen und verblüffenden Antworten auf beiden Seiten hatte Sander warnend auf seine Uhr gezeigt. Bis dahin hatten sie von dem alten Mann aber schon einiges über den kleinen Kosmos in der Kronenregion erfahren und ihm im Gegenzug von der modernen Welt erzählt. Von Polizeihubschraubern und Garimpeiros aber hatten sie ihm nichts gesagt, und auch nichts von den anderen Gefahren, die dem Wald und seinen Menschen drohten. Doch auch ohne diese Informationen hatte der alte Missionar beim Abschied gesagt: „All dieses zu vernehmen, was in der Welt jenseits des Waldes geschieht, würde den Menschen hier einen großen Schrecken einjagen. Schweigt also davon zu ihnen! Ich werde ihnen sagen, dass Ihr fromme Menschen aus meiner Heimat seid, gekommen, mich zu besuchen und den Wald zu erforschen, der nicht seinesgleichen besitzt. Kommt also morgen zur Mittagsstunde wieder! Dann sollt Ihr gebührend empfangen sein.“

  Am nächsten Morgen hatte der Herr des Wolkenwaldes die Erzengel zu den Hütten geschickt und alle Bewohner zu den Zedrachbäumen bestellt. Dort waren sie auf die Begegnung vorbereitet worden. Da der Herr des Wolkenwaldes sie stets beschützt hatte, fürchteten sie sich nicht, als die Fremden in dem seltsamen Himmelsfahrzeug eintrafen, das auch den Priester in großes Erstaunen versetzte, sondern schienen den Besuch als ein Ereignis großen Glücks zu empfinden. Dazu gehörte, dass alle Bewohner des Wolkenwaldes, Männer, Frauen und Kinder, und auch die vier Erzengel den beiden Gästen sehr freundlich und mit großem Respekt, ja mit Ehrerbietung entgegentraten, genauso, wie ihre Urahnen einst den ersten weißen Entdeckern entgegengetreten waren.

  Die Hütte war mit allem Komfort eingerichtet, den die kunstfertigen Hände der Wolkenwaldmenschen zu schaffen vermochten. Mit Kissen ausgepolsterte Hängematten gehörten ebenso dazu wie bequeme Sitzmöbel, geflochtene Insektengitter vor den Fenstern und ein hölzerner, täglich mit frischem Wasser gefüllter Behälter auf dem Dach, der als Reservoir für eine kleine Dusche diente. Mit Nahrungsmitteln wurden Maria

Behring und Sander von Ani versorgt. Die erste Mahlzeit hatten sie auf dem Axtbrecherbaum verzehrt, dabei aber die übergroße Achtung, die ihnen erwiesen wurde, als hemmend empfunden und es danach vorgezogen, in der für sie aufgestellten Hütte zu essen. Wolkenfänger war glücklich und stolz, die Speisen überbringen zu dürfen, und kam dieser Aufgabe gewissenhaft nach.

  Der Punkt 7. IMMATERIELLE KULTUR in Maria Behrings Materialsammlung enthielt nur wenige Eintragungen. Das geistige Leben der Wolkenwaldmenschen schien an einem pazifistisch geprägten Christentum orientiert, in dem sich einige wenige Elemente indianischen Naturglaubens erhalten hatten. Männer und Frauen gehorchten dem Priester wie Kinder ihrem Vater. Streitigkeiten, die sehr selten waren, wurden sämtlich auf dem Torbaum geschlichtet. Verbrechen und entsprechende Strafen waren gänzlich unbekannt. Das Verhältnis der Wolkenwaldmenschen untereinander, ob sie nun in enger Nachbarschaft oder eine ganze Wegstunde voneinander entfernt wohnten, war stets von tiefem Zutrauen, großer Rücksichtnahme und geradezu geschwisterlicher Liebe geprägt. Eheleute kannten keinen Streit, Kinder keine Schläge. „Es ist die ideale Gesellschaft“, sagte Maria Behring begeistert und zählte auf: „Keine Konflikte, keine Kriminalität, keine Machtkämpfe, keine Repression, keine Kollisionen zwischen Freiheits- und Gemeinschaftsgefühl; der ganze Mist, aus dem unsere Zivilisation aufgebaut ist, fehlt hier total. Statt dessen vollkommene Gleichberechtigung aller Individuen: Unterschiede höchstens altersbedingt, dann aber vernünftig gehandhabt. Was bei uns ein Generationenvertrag regeln muss, besorgt hier allein das natürliche Liebesgefühl zwischen engen Verwandten. Die völlige Gleichheit in Versorgung und Besitz scheint jede Form von Aggressivität zu verhindern. Andere Konfliktgründe wie Sozialneid und gesellschaftlicher Ehrgeiz entfallen, weil die Machtverhältnisse durch die fast heiligmäßige Autorität des Priesters unverrückbar festliegen und die Auswahl der Erzengel offenbar allein nach der durch keine Willensanstrengung beeinflussbaren Körpergröße der Kandidaten erfolgt. Dieses eher zufällige, für die Auswahl respektabler Wächter allerdings sehr nützliche Kriterium verhindert auch die Bildung typisch patriarchalischer Vater-Sohn-Erbfolgen in diesem Amt und die daraus häufig resultierende Entstehung bevorzugten Beamtendynastien mit den üblichen negativen Folgen.“

  Besonders beeindruckt waren Maria Behring und Sander vom Umgang der Wolkenwaldmenschen mit Feuer und Wasser. Das Feuer hüteten sie in ausgehöhlten Holzklötzen, konnten es aber auch ohne besondere Mühe durch Reibung aus Hölzern, Spänen und Werg entzünden; es brannte auf Tuffsteinplatten. Früchte und andere Speisen wurden in große Blätter gepackt und über den Flammen gedünstet. Es gab aber auch Töpfe und Teller für allerlei schmackhafte, oft scharf gewürzte Suppen, Trinkgefäße jeder Größe und Vorratsbehälter verschiedenster Form. Das Wasser bewahrten die Wolkenwaldmenschen in großen Fässern aus Palmenholzbrettern auf, die mit starken Lianen umwickelt und mit Gummi abgedichtet waren. Sie standen dort, wo der Regen besonders reichlich durch die Baumkronen tropfte und sich bei Gewitter mitunter sogar zu kleinen Sturzbächen sammelte.

  Die ungewöhnlichste Einrichtung aber bestand in großen hölzernen Käfigen, in denen die Wolkenwaldmenschen allabendlich vor Einbruch der Dunkelheit geschwätzige Sittiche in die Tiefe ließen, bis sie nur noch etwa fünf Meter über dem dunklen Gewölk hingen. Sie nannten die Tiere Schlaflose Wächter, denn ihr leises Gezwitscher war die ganze Nacht zu hören. Wenn es einmal ausblieb, erwachten die Menschen sofort und wussten, dass die dunkle Wolke gewachsen war und Gefahr drohte; dann verließen sie ihre Hütten und brachten sich auf den höchsten Wipfeln in Sicherheit. Aber das kam, wie sie berichteten, nur sehr selten vor.

  Auffällig war, dass die Wolkenwaldmenschen trotz ihres beträchtlichen Kulturniveaus zu präziseren Zeitangaben nicht in der Lage schienen. Alles hatte entweder lange oder nicht so lange gedauert: Seither waren viele oder nur wenige Jahre vergangen. Tage und Monate wurden zwar mit ihren lateinischen Namen bezeichnet, spielten aber eine ebenso geringe Rolle wie die Jahre. Lediglich die Kirchenfeste bildeten einige wenige Landmarken in diesem trägen Meer von Zeit, die im Wolkenwald nicht zu fließen, sondern zu stehen schien. Maria Behring erklärte dieses Phänomen mit der Gleichförmigkeit der Wochen und Monate unter einem Himmel, unter dem der Tag stets genauso lange dauerte wie die Nacht, in einem Land, in dem es weder Sommer noch Winter, weder Frühling noch Herbst gab, und in einer Gesellschaft, der eine politische Entwicklung völlig fehlte.

  Unter 8. GEOGRAPHIE hatte Maria Behring aufgelistet, was sie an Ortsbezeichnungen der Wolkenwaldbewohner in Erfahrung hatte bringen können: Unterteilung der Kraterfläche nach den Himmelsrichtungen in vier Regionen. Benennung nach den Flüssen des biblischen Paradieses: Osten = Tigris. Süden = Pischon, Westen = Euphrat. Norden = Gihon. Bezeichnung des nur von den höchsten Bäumen aus sichtbaren Gebietes jenseits des Kraterrandes: Nod oder Land Kains. Bezeichnung für den Vulkankegel in der Mitte: Tabor oder Berg des Herrn. Benennung der Wohnbäume nach den Namen der ältesten Bewohner, z. B. Baum des Senex. Besonders wichtige Verbindungen durch die Kronenregion tragen lateinische Namen, z. B. via nucis für einen Weg zu Paranussbäumen oder pons caeli für die Himmelsbrücke vom Torbaum zur Wohnung des Priesters. Die Bezeichnung unbesiedelter Regionen richten sich nach den dort vorherrschenden Bäume, z. B. silva salicis für ein Gebiet mit besonders vielen weidenähnlichen Arten. Sie hatte diese Angaben als Orientierungshilfe auf ein Stück Papier eingetragen; es sah wie die primitive Karte einer vorgeschichtlichen Inselkultur aus.

  Weitere Rubriken behandelten die Rubriken MEDIZIN und GESCHICHTE. Maria Behrings Fragen nach Heilpflanzen förderten eine Reihe interessanter Informationen zutage. Von ihrer Vergangenheit aber schienen die Wolkenwaldmenschen nur wenig zu wissen. Senex berichtete allerdings, sie lebten schon seit Urzeiten in der Kronenregion, nachdem sie einst auf der Flucht vor den Söhnen Satans in den Garten des Herrn gelangt seien. Von Maria Behring nach den Einzelheiten dieser Legende befragt, antwortete der weißhaarige Indianer, sie möge sich an den Priester wenden, der darüber weit mehr wisse als er, da er ja auch viel älter sei. Über dieses „viel“ wunderte sich Maria Behring ein wenig, da Senex sein eigenes Alter mit vierundsechzig Jahren angab, während die durchschnittliche Lebenserwartung der Ureinwohner in diesem Weltteil nur wenig über fünfunddreißig Jahren lag.

  Von früh bis spät mit dem Sammeln solcher Informationen beschäftigt, kamen Maria Behring und Sander tagsüber kaum zum Nachdenken über sich und die absurde Situation, in der sie sich befanden: In eine völlig neue Welt verschlagen, die uralt schien. Ohne eigentliche Verbindung zu der Zivilisation, aus der sie kamen, da sie dorthin nur Lügen melden und von dort kaum Unterstützung erwarten konnten. Mit einem Rätsel beschäftigt, das sie unbedingt lösen mussten, dessen Lösung sie dann aber niemandem verraten durften. Ihr Schicksal mit dem von Menschen verknüpfend, die von dieser Verbindung nichts ahnten. Angewiesen auf Informationen, die durchweg märchenhaft klangen, aber mit Hilfe modernster Computertechnik bestätigt wurden. Bei einem Volk, dem seine Gefangenschaft zwischen Himmel und Wolken offenbar überhaupt nicht bewusst war, während die Gäste jederzeit in die Gondel ihres Luftschiffes steigen und davonfahren konnten. So fanden sie sich nun vor die Aufgabe gestellt, etwas zu erhalten, was sich seit Jahrzehnten nicht mehr verändert zu haben schien, und zwar in einem Gebiet, das sich infolge menschlicher Einwirkung schneller und schlimmer veränderte als jede andere Landschaft der Erde.

  „Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, um Menschen zu helfen, denen die Zeit nichts bedeutet“, sagte Maria Behring am Abend zu Sander. „Manchmal kommt es mir vor, als seien wir auf einem anderen Planeten gelandet.“

  „Und mir kommt es vor, als versuchten wir Menschen zu helfen, die überhaupt keine Hilfe benötigen“, sagte Sander. „Alle scheinen hier vollkommen glücklich und zufrieden zu sein. Die einzigen, die so etwas wie Sorgen kennen, sind wir selber. Vielleicht sind es in Wirklichkeit wir, denen dringend geholfen werden muss. Allmählich habe ich das Gefühl, dass uns die moderne Welt mit ihrem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt nicht ein reicheres, sondern ein ärmeres Leben gebracht hat. Emotional, meine ich. Seit wir die erstaunlichsten Kommunikationsmittel haben, reden wir nicht mehr miteinander. Seit wir in ein paar Stunden um die ganze Welt fliegen können, besuchen wir unsere alten Eltern im nächsten Dorf nicht mehr. Seit wir die Säuglingssterblichkeit erfolgreich bekämpfen können, setzen wir keine Kinder mehr in die Welt. Je mehr unsere Wissenschaftler über die Erde herausbekommen, desto weniger lernt die Jugend darüber. Seit es die moderne Eheberatung gibt, lassen sich die Leute so oft scheiden wie noch nie. Hier im Wolkenwald gibt es das alles nicht. Es gibt auch keinen Alkoholismus und keinen Drogenmissbrauch. Keine Vergewaltigung und keine Kindesmisshandlung. Keine Mörder und keine Diebe. Keine korrupten Politiker und keine verlogenen Pfaffen. Kein Werbefernsehen, keine Rush-hour und auch nicht eine Lotterie, bei der man nie gewinnt.“

  Sie musste lachen. „Der Pilot als Technikfeind! Das ist wunderbar. Sie haben wirklich die übelsten Seiten unserer Zivilisation beim Namen genannt. Ja, Sie haben recht, diese Menschen sind glücklich, und es scheint ihnen nichts zu fehlen, schon gar nicht diese dummen Sachen, die immer als besondere Errungenschaften des modernen Lebens gepriesen werden. Aber die Leute hier sind eben doch nur deshalb so glücklich, weil sie von jenem Leben nichts ahnen. Weil sie nicht wissen, was ihnen entgeht, fehlt es innen nicht. Wüssten sie es, wäre mit dem Frieden hier schnell vorbei.“

  „Das glaube ich nicht“, widersprach Sander. „Diese Leute leben mit der Natur, in der Natur, von der Natur. Was kann es besseres oder schöneres geben?“

  „Jetzt wird's lustig“, entgegnete sie. „Jahrelang haben Sie Prospektoren in den Urwald geflogen, und nun machen Sie plötzlich auf Idealist! Aber Sie können sagen, was Sie wollen: Sobald hier die erste Flasche Coca-Cola auftaucht, wird keines dieser Kinder hier jemals wieder etwas anderes trinken wollen. Sobald hier der erste Fernsehapparat auf Empfang geht, werden sich die Leute einen Dreck um die Naturschönheiten scheren, sondern sich irgendwelche Action-Filme angucken. Und sobald jemand die ersten Nylonstrümpfe hierherbringt, werden diese wunderschönen Indianerinnen sie sich über ihre wunderschönen Beine ziehen, auch wenn sie in diesen Scheißdingern noch so sehr schwitzen. Glauben Sie mir: Auf der Insel Marajó gehen die kleinen Jungen nicht mehr mit ihren Papis auf die Jagd, sondern sitzen mit Game Boys vor ihren Malocas und machen den ganzen Tag Piep-Piep.“

  „Ja, das ist schrecklich“, seufzte Sander. „Hier müssen wir das auf jeden Fall verhindern.“

  „Allerdings“, sagte Maria Behring. „Und zwar mit allen Mitteln.“

  Zufrieden mit diesem harmonischen Ende ihrer Diskussion, wünschten sie einander eine gute Nacht und schliefen, müde, wie sie waren, rasch ein. Bald aber wurden beide von Alpträumen geplagt. Maria Behring sah wieder die drei toten Garimpeiros vor sich. Ihr Unterbewusstsein schien sich gegen den Versuch ihres Verstandes zu wehren, die Erinnerung an das schreckliche Geschehen in die dunkelsten Abgründe ihrer Seele zu versenken, so, wie sie die Leichen in den Cerro Impacto hinabgeworfen hatten, und würgte die grausamen Bilder immer wieder hervor. Und Sander träumte abermals von den Männern, die er noch nie gesehen hatte, die ihn aber nicht weniger erschreckten als die drei Garimpeiros. Diese unbekannten Männer trugen eiserne Helme und Rüstungen. In ihren Augen stand Mordlust, ihre grausamen Gesichter waren von Gier verzerrt, und ihre blutigen Hände hielten tödliche Waffen. Nichts schien sie aufhalten zu können, als sie durch den Dschungel zogen, und voller Entsetzen erkannte Sander, dass ihr Ziel der Wolkenwald war.

 

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