Kapitel 15: Neue Rätsel

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Von Brüllaffenchören im Morgengrauen geweckt, blieb Maria Behring wie gerädert in ihrer Hängematte liegen. Auch Sander hatte einige Mühe, auf die Füße zu kommen. „Guten Morgen“, sagte er mit gespielter Munterkeit. „Wie haben Sie geschlafen?“

  „Schlecht“, antwortete sie ehrlich und erzählte ihm von ihrem Alptraum. „Es ist, als wollten diese Kerle mich bis an mein Lebensende verfolgen“, seufzte sie.

  „Ich bin auch noch nicht ganz drüber hinweg“, tröstete

 Sander. „Man muss einfach versuchen, nicht zu oft daran zu denken. Nach meinem ersten Gefecht in Indochina lag ich nächtelang wach. Kann mich noch genau daran erinnern. Diese Vietminh waren oft noch halbe Kinder.“ Er dachte nach; dann sagte er: „Ich allerdings auch. Vielleicht habe ich es deshalb doch etwas leichter verarbeiten können als andere. Diese drei entsprungenen Zuchthäusler haben den Tod verdient. Ich bereue nicht, dass ich geschossen habe. Außerdem war es Notwehr.“

  „Ich weiß“, sagte Maria Behring heftig. „Warum bleiben sie dann nicht in der Hölle, wo sie hingehören, und lassen mich in Ruhe?“

  Sander deutete mit dem Kopf zum Fenster. „Stehen Sie auf und schauen Sie hinaus“, riet er. „Dann kommen Sie gleich auf andere Gedanken. In dieser kleinen Welt gibt es keine Gewalt. Vielleicht ist ein Blick darauf die beste Medizin gegen die Erinnerung an die große Welt, die ganz und gar aus Gewalt besteht.“

  „Später vielleicht“, sagte sie kraftlos.

  Nun erzählte auch er von seinem Traum.

  „Konquistadoren?“ rätselte sie. „Seltsam. Es muss irgendwie mit diesem Wald zusammenhängen. Offenbar wirkt er stärker auf unsere Psyche, als uns bewusst wird.“

  Er betrachtete sie nachdenklich, nickte dann und ging hinaus. Einige Minuten später kehrte er mit einem Strauß Orchideen zurück. Verlegen streckte er ihr die Blumen hin. „Für Sie“, sagte er.

  „Für mich?“ fragte sie verblüfft und richtete sich auf.

  „Ja“, sagte er und lächelte unsicher. „Ich weiß aber nicht, ob mir das so gut gelungen ist. Floristisch, meine ich. Es ist schon eine Weile her, dass ich jemandem Blumen mitgebracht habe.“

  „Die sind ja wunderschön!“ sagte sie und sog den Duft ein. „Wie herrlich die duften!“

  „Ehrlich?“ Sander freute sich. „Darauf habe ich gar nicht geachtet. Ich habe sie nur nach den Farben zusammengeklaubt.“

  Sie setzte sich auf, suchte mit den Füßen Halt auf dem Boden und sagte: „Danke. Das ist wirklich nett.“ Man kann es nicht anders sagen, dachte sie. Klettert der Mann trotz seiner Höhenangst sechzig Meter über dem Boden auf den Ästen herum, nur um mir ein paar Blumen zu pflücken!

  Da Sander nichts weiter zu sagen wusste, fasste sie die Orchideen näher ins Auge und sagte: „Sehen Sie mal - eine Cattleya!“ Sie zeigte auf die blassviolette Blüte. „Wussten Sie, dass bei dieser Pflanze 20.000 Samenkörner zusammen gerade ein einziges Gramm wiegen? Und hier, die Zahnzunge. Odontoglossum amabilis. Herrlich! Und ein Paphiopedilum. Venusschuh. Diese Art kenne ich gar nicht, aber in Berlin kostet so was mindestens fünfhundert Mark.“

  „Hier gibt es sie umsonst“, sagte Sander, glücklich über seinen Erfolg. „Und jetzt raus aus der Matte!“ fügte er in scherzhaftem Kommandoton hinzu. „Wir sind nicht hergekommen, um eine Schlafkur zu machen!“

  „Was stehen Sie dann hier noch herum?“, sagte Maria Behring.

  Gehorsam ging Sander hinaus und machte sich auf den Weg zu dem Axtbrecherbaum, um bei Ani das Frühstück für sie beide in Empfang zu nehmen. Auf der Lianenbrücke zwischen den beiden Bäumen, schon etwa 40 Meter entfernt, drehte er sich verstohlen um und sah, wie sie mit dem Rücken zu ihm nackt unter der einfachen Dusche stand; der Anblick ließ sein Herz schneller schlagen. Was für eine Frau! dachte er. In dieser fremdartigen, unwirklichen Welt der hohen Bäume, vor dem exotischen Hintergrund des in allen Schattierungen schillernden, in allen Formen wuchernden Grüns der Kronenregion, das Myriaden bunter Blüten wie Pinselstriche französischer Impressionisten durchbrachen, erschien sie ihm mit ihrem blonden Haar, ihrer hellen Haut, ihren ebenmäßigen Formen und ihren geschmeidigen Bewegungen wie eine Göttin. Am liebsten wäre er stehengeblieben, um sie zu beobachten und den Anblick ihres schönen Körpers auszukosten, aber im selben Moment bewegte sie den Kopf, und er ging rasch weiter.

  Als er zu dem Axtbrecherbaum kam, sah er, dass Anis Hütte mit frischen Palmwedeln geschmückt war. Auch die Nachbarn und die Bewohner anderer Bäume hatten grüne Pijiguaoblätter abgebrochen und auf die Dächer ihrer Behausungen gesteckt. Es sah aus, als sprössen auf den Laubbäumen epiphytische Arekazeen empor. Als er sich nach dem Grund erkundigte, fragte ihn Senex erstaunt, ob er nicht wisse, dass heute Palmsonntag sei, die Wiederkehr des Tages, an dem der Erlöser in Jerusalem einzog.

  „Ach so, ja, das hatte ich ganz vergessen“, sagte Sander verlegen. Senex reichte ihm ein Tablett, auf dem warmes, appetitlich duftendes Gebäck aus dem Mehl getrockneter Bananen, Kakaopulver sowie verschiedenen Nüssen und Beeren lag. Ein großer Krug enthielt ein heißes Getränk aus Wasser, Kakao und zerriebenen Hülsenfrüchten mit Milchgeschmack. Sander dankte und kehrte eilig auf den Matamatá zurück. Maria

Behring hatte ihre Morgentoilette beendet, ihren Overall aber noch nicht angezogen, sondern sich in ein großes Badetuch gehüllt. Sie saß zwischen blühenden Lianen auf einem dicken Ast vor der Hütte; die Beine ausgestreckt und die nackten Arme hinter dem Rücken verschränkt, genoss sie die Kühle des Morgens. Als sie Sander kommen sah, zupfte sie rasch das Tuch an Busen und Beinen zurecht, legte die Hände in den Schoß und lächelte ihm freundlich entgegen.

  „Sie haben ihre Hütten mit Palmwedeln geschmückt“, rief er schon von weitem. „Haben Sie gewusst, dass heute Palmsonntag ist?“

  „Dann ist ja nächsten Sonntag Ostern“, sagte Maria Behring. „Auf solchen Expeditionen kriegt man Feiertage meistens gar nicht richtig mit.“

  „Glauben Sie, dass wir dann noch hier sein werden?“

  Sie zuckte mit den Schultern. „Hängt davon ab, wie schnell wir vorankommen.“

  Er reichte ihr das Tablett, und sie begannen zu frühstücken.

  „Wenn Sie mich fragen, sind wir hier noch lange nicht fertig“, sagte Sander genüsslich kauend. „Solange wir nicht mehr über diese Leute, vor allem über den Priester, in Erfahrung gebracht haben, ist es viel zu riskant, hier irgendetwas von Hubschraubern, Bundespolizei, Garimpeiros, Brandrodung oder der brasilianischen Indianerbehörde zu erzählen; wir würden ihnen nur Angst machen.“

  „Sie haben Recht. Ein paar Tage müssen wir hier auf jeden Fall noch bleiben. Komisch, dass Sie es jetzt sind, der darauf ganz scharf ist.“

  „Wir haben immerhin eine gewisse Verantwortung für diese Leute“, stellte Sander fest.

  „Das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Aber was ist mit der Crew im Camp? Und erst der Colonel! Der redet schon von Suchflugzeugen.“

  „Ach was“, sagte Sander entschieden. „Der kann uns mal.“ Er wirkte tatsächlich wie verwandelt, und Maria Behring begann sich zu fragen, was diese Veränderung bewirkt haben mochte. Am wahrscheinlichsten schien ihr, dass Sander an der Schwelle des Alters plötzlich den Ehrgeiz entwickelt haben mochte, seinen Namen mit irgendeiner herausragenden Tat zu verbinden, um nicht allzu schnell vergessen zu werden. Sein Gesicht war offen und sympathisch, aber sein athletischer Körper zeigte schon Spuren des Alters, sein Haar war schon ergraut, der Bauch gewölbt von zu vielen Steaks und zu viel Whisky, aber die Hände noch stark und die Oberarme noch muskulös. Ein Mann in den besten Jahren, dachte sie, aber nicht mehr lange; wahrscheinlich ein korrekter und einfühlsamer Liebhaber, aber wahrhaftig nicht der Typ, der eine Frau in die Arme reißt. Der Gedanke erheiterte sie so sehr, dass sie lachen musste. Verdutzt schaute Sander sie an. „Was ist denn?“ fragte er.

  „Nichts“, log sie schnell. „Ich musste nur eben daran denken, was für ein dummes Gesicht dieser Colonel machen würde, wenn er uns hier sitzen sähe.“ Sie wurde wieder ernst. „Ich finde wir sollten wieder einmal mit dem Priester reden“, schlug sie vor. Die bisherigen Gespräche mit dem alten Mann hatten kaum neue Erkenntnisse geliefert. Es schien, als traue er seinen Gästen nicht und halte Informationen vor ihnen zurück.

  Am ersten Tag ihres Aufenthalts hatten sie nachmittags nach dem Einzug in ihre Hütte fast zwei Stunden lang mit ihm gesprochen, aber er hatte nur wenige Fragen beantwortet und auf die meisten Unverbindliches gesagt, etwa „Das ist jetzt noch zu früh“ oder „Das wird sich bald finden.“ Stattdessen hatte er seinerseits viel wissen wollen, über Themen, bei denen sie selber nicht sicher gewesen waren, wie viel sie ihm verraten sollten, und deshalb nur zögernd Auskunft gegeben hatten. Ähnlich unbefriedigend war das zweite Gespräch am Morgen des dritten Tages verlaufen. Hinterher hatten sie sich mit dem Gedanken getröstet, dass den alten Priester wohl weniger Misstrauen als vielmehr begreifliche Vorsicht leitete, die umso verständlicher war, als er sich immerhin für das Glück und die Sicherheit von über tausend Menschen verantwortlich fühlen musste. Sander schlug vor, die Kinder auszuhorchen: „Die Erwachsenen könnte der Alte notfalls zum Schweigen vergattern. Aber bei Kindern ist das ziemlich schwer. Fragen Sie die Kleinen nach ihrem Glauben. Nach ihrem Wissen über das Paradies. Nach dem lieben Gott. Einfach nach religiösen Themen! Darüber werden sie bestimmt reden. Jetzt ist die Osterwoche, da sind die Kinder sogar bei uns zu heiligen Sachen aufgelegt. Beichten, büßen und beten.“

  „Nicht in Berlin“, widersprach Maria Behring. „Dort drehen sie den Doofen faule Ostereier an. Außerdem verstehe ich nichts von Religion. Ich bin nicht mal getauft.“

  „Ich habe auch nicht viel Ahnung von dem ganzen Zauber“, gestand Sander. „Aber an ein paar Sachen erinnert man sich dann ja doch. Außerdem sind wir Forscher und keine Missionare.“

  „Gut“, sagte sie. „Versuchen wir es. Wen wollen wir uns zuerst vorknöpfen?“

  „Das Mädchen“, riet Sander. „Blaukrönchen.“

  „Gut“, sagte sie. „Und was nehmen wir als Wahrheitsprobe?“

  „Als was?“ fragte Sander.

  „Als Wahrheitsprobe“, wiederholte sie. „Um festzustellen, ob sie uns anlügt.“

  „Keine Ahnung“, sagte Sander hilflos.

  „Ich weiß schon was. Wir werden sie fragen, woher sie ihren Namen hat. Wahrscheinlich nach irgendeiner Blume. Wir können ja gleich mal nachschauen. Holen Sie den Computer rauf, hier oben ist die Luft besser.“

  Sander kletterte über das ausgeklügelte System der Lianenleitern zum Luftschiff und packte den Rechner in einen Tragesack. Als er zurückkam, trug Maria Behring wieder ihren Overall. Ihre geübten Finger huschten über die Tastatur, als säße sie in ihrem Büro und nicht in einem Baumriesen mitten im tropischen Regenwald.

  Nach einigen Sekunden erschien der Titel „BOTANISCHE ENZYKLOPÄDIE“. Sie fuhr mit der Maus die Stichworte ab und Wählte „REGISTER, DEUTSCHE UND IN ANDEREN SPRACHEN GEBRÄUCHLICHE PFLANZENNAMEN“. Sander schaute gespannt zu.

  „Ich denke mal, es handelt sich um eine Blume“, erläuterte sie. „Wir müssen natürlich berücksichtigen, dass wir den Namen selber aus dem Guarani ins Deutsche übersetzt haben. Vielleicht haben wir damit ins Schwarze getroffen, vielleicht liegen wir aber auch völlig schief.“

  Sie gab ein. Gesucht: Blaukrönchen. Der Cursor begann zu blinken; ungeduldig warteten sie. Auf dem Monitor erschien das Wort „EINGABEFEHLER“.

  „Das wollen wir erst mal sehen“, sagte Maria Behring und befahl: „Alle Pflanzen mit Wortanfang BLAU!“

   Auf dem Bildschirm erschien eine lange Reihe von Namen: Blaualge. Blaubeere. Blaublatt. Blauebenholz. Blaufichte. Blaugras. Blaugummibaum...“ Nichts ähnelte Blaukrönchen.

  „Fehlanzeige“, murmelte Maria Behring. „Also was dann? Vielleicht ein Schmetterling.“ Sie drückte wieder einige Tasten, und auf dem Bildschirm erschien „ENTOMOLOGISCHE ENZYKLOPÄDIE.“

  „Alle Insekten mit Wortanfang BLAU!“ 

  Eine weitere Aufstellung erschien, die aber erheblich kürzer war. Gespannt suchten sie die Liste ab.

  „Blauauge!“ rief Maria Behring und holte die entsprechenden Informationen auf ihren Schirm: „Schwarzbraun mit zwei großen, blauen Augenflecken... In Mitteleuropa von Juli bis August.“

  „Das war nichts“, sagte sie enttäuscht. „Vielleicht jetzt. Blauling.“

  Sie lasen: „3500 zumeist tropische Arten besonders der Alten Welt.“

  „Tja“, seufzte Sander resignierend, „das bringt uns wohl auch nicht recht weiter.“

  Auch bei anderen erfolgversprechenden Stichwörtern kamen sie schnell ans Ende: „Blaukopf“ entpuppte sich als nur in Europa beheimateter Eulenspinner, „Blausieb“ als mitteleuropäischer Rosskastanienschädling.

  „Wonach benennt man hier ein kleines Mädchen wenn nicht nach einer Blume oder einem Schmetterling?“ rätselte Maria Behring. „Nach einem Äffchen? Nein. Einem Nagetier? Einem Vogel? Einem Vogel!“

  Sie holte „ORNITHOLOGISCHE ENZYKLÖPÄDIE“ auf den Schirm. „Bingo!“ rief sie begeistert und las vor: „Blaukrönchen. Pionus menstruus. Unterfamilie: Psittacinae - Echte Papageien. Viertens Psittacini - Stumpfschwanzpapageien. Nördliches Südamerika. 30 Zentimeter. Ausgezeichneter Imitator menschlicher Sprache. Beliebter Hausgenosse. Bei guter Pflege kann er sehr zutraulich werden. Na, das passt doch perfekt!“

  Sander nickte. „Dann werde ich die Kleine jetzt mal holen“, sagte er.

  Kurze Zeit später kehrte er zurück; Blaukrönchen hopste fröhlich neben ihm her. Über ihnen hangelte sich ein goldblondes Löwenäffchen durch die Zweige. Als sie sich zu Maria Behring setzten, ließ sich das possierliche Tierchen geradewegs in Blaukrönchens Arme fallen und begann mit dem Mädchen zu schmusen. Staunend sah Sander zu; Maria Behring räusperte sich und fragte: „Du weißt, warum wir hier sind?“

  Blaukrönchen nickte eifrig. „Wegen der Früchte“, antwortete sie.

  Maria Behring steckte sich das Mikrophon an den Kragen ihres Overalls und übersetzte ins Deutsche. Der Voice commander übertrug die Worte auf den Monitor, und Sander, der in Guarani nicht besonders firm war, las mit.

  „Und du weißt auch, dass du uns immer die Wahrheit sagen musst?“ fuhr sie fort.

  „Ja“, sagte das Mädchen arglos. „Lügen ist eine Sünde. Nur die Teufel lügen.“

  „Teufel? Gibt es denn hier Teufel?“

  „Nein. Aber dort unten.“ Sie zeigte auf das schwarze Gewölk in der Tiefe.

  „Hast du große Angst vor ihnen?“

  „Nein. Sie können uns nichts tun. Der liebe Gott beschützt uns.“

  „Vor den Teufeln?“

  „Ja.“

  Mit leisem Zirpen speicherte der Computer die Antworten auf der Festplatte ab. Maria Behring überlegte kurz und fragte dann: „Hast du schon einmal einen Teufel gesehen?“

  „Nein.“

  „Weißt du denn, wie sie aussehen?“

  „Ja.“

  „Wie denn?“

  „Sie haben zwei Köpfe und sechs Beine.“

  Maria Behring und Sander sahen einander verwundert an.

  „Zwei Köpfe und sechs Beine, sagst du?“ wiederholte Maria Behring.

  „Sie töten Menschen mit Blitz und Donner. Sie leben in den schwarzen Wolken. Ihre Haut ist härter als das Holz des Axtbrecherbaumes.“

  Maria Behring schaute sie ungläubig an. „Hast du dir das nicht nur ausgedacht?“ forschte sie.

  „Nein“, sagte das Mädchen verwundert. „Warum sollte ich mir das ausdenken?“

  „Tja, warum“, murmelte Maria Behring und sprach die Übersetzung in das Mikrophon. „Sag uns deinen Namen“, forderte sie das Mädchen auf.

  „Aber den wisst ihr doch!“ sagte die Kleine verdutzt.

  „Wir wollen ihn aber von dir hören“, sagte Maria Behring.

  „Blaukrönchen.“

  „Und woher hast du diesen Namen?“

  „Von meinen Eltern.“

  „Und was bedeutet er?“

  Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Das verstehe ich nicht“, sagte es unsicher. „So heiße ich. Es ist mein Name.“

  „Hat denn noch jemand diesen Namen?“

  „Nein. Jeder von uns hat seinen eigenen Namen.“

  Maria Behring dachte nach. „Aber vielleicht gibt es ein Tier, das auch so heißt“, sagte sie dann.

  „Ja“, antwortete das Mädchen strahlend. „Das Blaukrönchen!“

  „Und was ist das für ein Tier?“

  „Einer von den Fliegenden Vettern“, sagte das Mädchen. Weil das Kind seine Aufmerksamkeit ganz auf die Fragen konzentriert hatte, fühlte sich das Äffchen in seinem Arm vernachlässigt und grapschte nach Blaukrönchens Haaren. „Aua!“ rief die Kleine. „Lass das, kleiner Bruder.“

  „Fliegende Vettern“, wiederholte Maria Behring „So nennt ihr die Vögel, nicht wahr? Warum?“

  „Weil sie unsere Vettern sind“, antwortete das Mädchen, auch über diese Frage offenkundig erstaunt.

  „So nahe Verwandte können sie aber nicht sein“, sagte Maria Behring zweifelnd. „Sie sehen uns doch nicht im Geringsten ähnlich!“

  „Aber der liebe Gott hat sie gleich vor den Menschen erschaffen“, beharrte Blaukrönchen. „Nur die Kleinen Brüder sind noch näher mit uns verwandt, denn sie sind am selben Tag erschaffen worden wie wir.“

  Maria Behring schielte zu Sander. „Stimmt das?“ fragte sie misstrauisch.

  Er zuckte mit den Schultern. „So bewandert bin ich in diesen Fragen auch nicht“, erwiderte er.

  „Na fein“, sagte sie. „Dann kann die Kleine uns ja sonst was erzählen.“

  „Wir können das nachher ja alles überprüfen“, beschwichtigte Sander.

  „Auch wieder wahr. Aber für das Interview wäre es besser, wir würden immer gleich merken, wenn sie flunkert. Teufel mit zwei Köpfen und sechs Beinen!“ Sie wandte sich wieder dem Mädchen zu.

  „Wann war das? Wann hat Gott die Menschen erschaffen?“

  „Am Anfang“, entgegnete die Kleine.

  „Natürlich“, sagte Maria Behring. „Und wann erschuf er das Paradies?“

  „Danach“, sagte Blaukrönchen. Das Löwenäffchen in ihren Armen war kaum noch zu bändigen.

  „Gib mal her“, sagte Maria Behring und nahm das Tier vorsichtig in die Hände. Das Äffchen zeigte keine Angst, sondern begann eifrig Maria Behrings Daumen abzulecken.

  „Hu“, rief sie. „Das kitzelt! Er schmeckt das Salz!“ sie hob das Tierchen an die Grübchen ihres Halses, in denen sich Schweißperlen gesammelt hatten. „Ui! Wie das kitzelt“! schrie sie.

  Blaukrönchen brach in helles Gelächter aus.

  „Moment mal“, sagte Maria Behring. „Hat Gott wirklich erst den Mensch geschaffen und dann erst das Paradies? Wo haben Adam und Eva denn dann in der Zwischenzeit gehaust?“

  Blaukrönchen hob eine Nuss vom Tisch auf und warf sie dem Löwenäffchen zu; geschickt fing das Tier das Geschenk und schob es sich in den Mund.

  Maria Behring beugte sich vor; ihr Overall öffnete sich etwas und das Löwenäffchen steckte neugierig das Köpfchen in ihren Kragen.

  „Du hast nicht geantwortet“, sagte sie.

  „Was?“ fragte Blaukrönchen.

  „Weißt du die Frage nicht mehr?“

  „Nein.“

  Maria Behring sah ihr in die Augen. „Wo haben Adam und Eva gelebt, ehe Gott das Paradies schuf?“ wiederholte sie.

  „Dort, wo die anderen Menschen heute noch leben“, antwortete Blaukrönchen. Sie verstand nicht, warum die beiden Erwachsenen so taten, als wüssten sie das nicht.

  „Und wo ist das?“ Maria Behring ließ nicht locker.

  „Im Lande Nod.“ sagte die Kleine. „Wo Kain hinzog, als er Abel erschlagen hatte.“

  „Und dort hat auch euer Volk einst gewohnt?“ fragte sie.

  „Ja.“

  „Und wie ist es dann in das Paradies gekommen?“

  Das Mädchen zog die Nase kraus. „Durch den Herrn“, sagte es. „Der Herr hat es geführt.“

  Sander erinnerte sich an eine Stelle der Bibel, die er kannte, weil sie ihn also Kind stark beeindruckt hatte.

„So, wie Moses die Israeliten aus Ägypten herausgeführt hat?“ fragte er.

  „Ja. So ähnlich.“

  „Vom Lande Nod in das Paradies?“

  Blaukrönchen dachte nach. “Nicht gleich“, sagte sie dann.

  „Nicht gleich?“ wiederholte Maria Behring. “Wo waren sie denn zwischendurch?“

  Das Mädchen rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her. Dann sagte es: „In der Hölle.“

  „In der Hölle? Warum? Was hatten sie getan?“

  „Nichts. Die Teufel holten sie und brachten sie dorthin. Aber der liebe Gott hat ihnen geholfen und sie in das Paradies geführt.“

  „Wie sieht der liebe Gott denn aus?“

  „Er ist ganz, ganz alt, hat weißes Haar und einen ganz langen Bart.“

  „So wie der Priester?“

  „Was?“

  Maria Behring sah dem Mädchen wieder prüfend in die Augen. “Sieht der liebe Gott aus wie der Priester?“ fragte sie noch einmal.

  Das Mädchen schüttelte verständnislos den Kopf.

  „Also nicht wie der Priester?“ fragte Sander.

  „Doch“, sagte Blaukrönchen. Aber er ist doch...“ Sie schien nicht zu wissen, wie sie es erklären sollte. Sie staunte bei jeder Frage mehr.

  „Ist der Priester ein guter Herr?“ wollte Maria Behring als nächstes wissen.

  „Ja.“

  „Ist er so lieb wie dein Papa?“

  „Ja.“

  „Ist er so lieb wie der liebe Gott?“ Wieder schüttelte Blaukrönchen entgeistert den Kopf; es schien, als würde sie die ganze Zeit nach den selbstverständlichsten Dingen gefragt, von Menschen, die nicht das Geringste begriffen.

  „Also ist er nicht so lieb wie der liebe Gott?“ fragte nun  wieder Sander.

  „Doch“, sagte die Kleine. „Nein. Doch.“ Sie schüttelte

wieder ratlos den Kopf.

  „Was denn nun?“ sagte Maria Behring. “Ist euer Priester nun so lieb wie der liebe Gott oder ist er nicht so lieb wie der liebe Gott?“ In der Wiederholung kam ihr die Frage nun selber unsinnig vor.

  Das Mädchen schwieg.

  „Irgendwas ist da im Busche“, sagte Maria Behring zu Sander. „Aber ich verstehe einfach nicht, was. Jedes Mal, wenn wir zu diesem Punkt kommen, gibt sie widersprüchliche Antworten oder sagt gar nichts mehr.“

  „Hier stimmt eine ganze Menge nicht“, sagte Sander. „Der Mensch älter als das Paradies - das habe ich noch nie gehört' ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das so in der Bibel steht.“

  „Das werden wir gleich sehen“, sagte sie und druckte einige Tasten. Bald erschien das erste Kapitel des Buches Genesis auf dem Monitor. Blaukrönchen schaute neugierig zu.

  „Da haben wir es ja schon“, sagte Maria Behring und sprach in das Mikrophon: Kapitel zwei, Vers sieben: Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. Vers acht: Dann legte Gott, der Herr, im Osten einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten ... Die Kleine hat tatsächlich recht. Der Mensch ist älter als das Paradies. Sie wechselte wieder ins Guarani und bemühte sich, möglichst langsam und deutlich zu sprechen. „Weiß Gott, wie du aussiehst?“

  „Natürlich“, antwortete das Mädchen.

  „Er kann dich also sehen?“

  „Natürlich. Er kann alles sehen.“

  „Auch nachts?“

  „Ja. Wenn er will.“

  „Spricht er auch manchmal zu euch?“

  „Ja, sehr oft sogar!“

  „Wann hat er denn das letztem Mal zu dir gesprochen?“

  Die Kleine legte wieder die Stirn in Falten.

  „Ist das schon so lange her?“ fragte Maria Behring. „Also spricht er wohl doch nicht so oft zu dir?“

  „Nicht nur zu mir“, sagte Blaukrönchen. „Zu uns allen.“

  „Zu euch allen?“

  „ja, und zu euch doch auch!“

  Maria Behring ließ sich zurücksinken. „Jetzt geht mir ein Kronleuchter auf“, sagte sie.

  Sander schüttelte ungläubig den Kopf.

  „Das also ist des Rätsels Lösung“, sagte sie. Sie beugte sich wieder vor und sah das Kind ernst an. „Der liebe Gott wohnt also im Berg“, sagte sie.

  „Ja“, sagte Blaukrönchen. „Er wohnt im Tabor und bewacht das Paradies. Er sorgt dafür, dass wir immer genug zu essen haben, und beschützt uns vor den Teufeln. Er beschützt auch die Tiere.“ Sie hatte sich das Löwenäffchen wieder geschnappt und streichelte es zärtlich. „Habt ihr wirklich gedacht, dass ich das nicht weiß?“ sprudelte sie in fröhlichem Stolz hervor. „Das wissen alle Kinder hier, sogar die kleinsten! Darf ich jetzt gehen? Taka hat Durst und ich muss zum Mittagessen zuhause sein.“

 „Ja, gut“, sagte Maria Behring. Die Kleine sprang auf, hüpfte mit großer Gewandtheit auf das Lianengeländer der Hängebrücke und begann auf dem dicken Seil mit dem Löwenäffchen um die Wette zu laufen.

  Als sie verschwunden war, sagte Maria Behring: „Es ist wirklich nicht zu glauben. Der Alte hält sich für den lieben Gott oder gibt sich jedenfalls dafür aus. Was hat er den Menschen hier sonst noch erzählt? Und warum hat er uns das nicht gesagt? Auch die anderen haben darüber nicht das kleinste Sterbenswörtchen verlauten lassen!“

  „Wir haben sie auch nicht danach gefragt“, erklärte Sander. „Blaukrönchen war die erste. Und für sie scheint das alles ganz normal zu sein.“

  „Sie ist ja auch noch ein Kind“, sagte Maria Behring. „Ich möchte zu gern wissen, was die Erwachsenen dazu sagen.“

  „Fragen wir sie“, sagte Sander. „Am besten zuerst diesen Alten, Senex. „Ich bin überzeugt davon, dass das nicht die letzte Überraschung in diesem Wald war.“



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