Golfkrieg: CNN hängt ARD und ZDF ab

Mittwoch, 9. Oktober 2013

In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 20 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe von Samstag, 9.Oktober 1993.

SAMSTAG

Der SPD-Vorsitzende Rudolf Scharping erklärt, die größte Belastung für den Industriestandort Deutschland sei die Bundesregierung selbst. Besonders ausgiebig geißelt er die Einschränkungen im Forschungsetat. Recht so. Auf zwei Gebieten wären Investitionen international besonders erfolgversprechend: Atom- und Genforschung. Gerade dort aber bremsen Scharpings Genossen. Ein deutsches Sprichwort weiß: „Die ihr Eigenes versäumen, haben viel zu regieren in anderer Leut Häusern."

SONNTAG

Der EG-Kommissar Jacques Delors sagt in Saarbrücken zum Tag der Einheit, wenn bei einigen in Deutschland die Einheit im Herzen der Menschen bezweifelt und nach dem Preis der Einheit gefragt werde, dann könnten sich die „Nachbarn in Europa über soviel Kleinmut nur wundern". Goethe: „Der Gotteserde lichten Saal / Verdüstern sie zum Jammertal;/ Daran entdecken wir geschwind, / Wie jämmerlich sie selber sind."

MONTAG

Die öffentlich-rechtliche TV-Berichterstattung aus Moskau wird wieder einmal zum Desaster. Seit Jahrzehnten prahlen ARD und ZDF mit ihren Auslandskorrespondenten, aber immer wenn es darauf ankommt (Golfkrieg und so weiter), schalten Deutsche besser gleich CNN ein. Dabei sitzen die Amerikaner im gleichen Haus wie die ARD, nur ein paar hundert Meter vom Ort des Geschehens entfernt. Unterschied: CNN-Chef Steve Hurst steigt mit seinen Interviewpartnern aufs Dach und liefert harte News, ZDF-Korrespondent Holtz bleibt im Studio vor einer Moskau-Tapete sitzen und kommentiert die Arbeit anderer. Wilhelm Busch: „Er war nicht unbegabt: die Geisteskräfte / Genügten für die laufenden Geschäfte.

DIENSTAG

Immer mehr mischen sich jetzt in die Diskussion um Steffen Heitmann, den CDU-Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, ein. Sebastian Brant, „Das Narrenschiff“ (A.D. 1914): „Wer reden will, wo er nicht soll,/ Der taugt zum Narrenorden wohl./Wer ohne Frage gibt Bescheid,/ Der zeiget selber sein Narrenkleid."

MITTWOCH

Björn Engholm will auf Kosten eines Parteifreunds Bürgermeister von Lübeck werden. Der polnische Satiriker Stanislaw Jerzy Lec: „Er wusch seine Schuld ab, um seinen Ruhm zu reinigen; damit war auch dieser futsch."

DONNERSTAG

Schleswig-Holsteins SPD will mit einem Schlag alle Zeugnis-Noten abschaffen. Begründung: „Wir Sozialdemokraten haben die Überzeugung, dass eine konkurrierende Benotung nicht zu einer Leistungsverbesserung beiträgt." Die Formulierung verrät: Wirklicher Grund ist klassisch sozialistische Gleichmacherei. Nietzsche: „Der Sozialismus ist eine Reaktion gegen das Individuellwerden."

FREITAG

In Dithmarschen hat die Kohl-Ernte begonnen. Seit Sommer suchten die Bauern per Anzeige deutsche Erntehelfer. Stundenlohn: 12 Mark, dazu drei kostenlose Mahlzeiten am Tag. Es meldeten sich exakt fünf Interessenten. Daraufhin fragten die Bauern in Mecklenburg (Arbeitslosenquote: 25,7 Prozent) herum. Von dort kam immerhin eine Handvoll Arbeitswilliger, reiste aber schon nach dem ersten Regentag wieder ab. Jetzt machen 500 Polen den Job - und sind glücklich. Beileibe nicht alle Arbeitslosen sind Drückeberger, aber auf manchen trifft doch Oscar Wildes Verdikt zu: „Arbeit ist der Fluch der trinkenden Klassen."


Anmerkungen

Jacques Delors war 1985-1995 Präsident der EG-Kommission.

Joachim Holtz wurde 1980 ZDF-Korrespondent in Ost-Berlin und 1984 Leiter des ZDF-Studios Moskau. 1990 wechselte er ins ZDF-Studio New York. 1993 wurde der Leiter der ZDF-Hauptredaktion „Außenpolitik“ und moderierte das „auslandsjournal“. 1998-2006 war er China-Korrespondent des ZDF in Peking.

Der Theologe und CDU-Politiker Steffen Heitmann war 1990-2000 sächsischer Justizminister. 1993 war er Wunschkandidat Helmut Kohls und der CDU für das Amt des Bundespräsidenten für die im Mai 1994 anstehende Wahl. Nach Äußerungen zur Rolle der Frau, zum Holocaust oder über Ausländer, die von politischen Gegnern als ultrakonservativ oder sogar reaktionär diffamiert wurden, verzichtete er auf eine Kandidatur. Sein Fall erwies die starke Wirkung linker Propaganda: Seine Gegner behaupteten, seine Auffassungen würden nur von einer Minderheit geteilt. Umfragen schienen das zunächst zu bestätigen. Als jedoch die Meinungsforscher von Allensbach Heitmanns Äußerungen zur Diskussion stellten, ohne dabei seinen Namen zu nennen, fanden seine Ansichten breite Zustimmung: zur Rolle der Frau waren es 78 Prozent, zum Holocaust 71 Prozent und zu Ausländern 64 Prozent.   


           

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt