Kapitel 16: Einblicke ins Paradies

Montag, 14. Oktober 2013

Sander ging wieder zu dem Axtbrecherbaum; jedesmal, wenn er die Lianenbrücke überquerte, verlor er etwas von seiner Höhenangst. Trotzdem wurde ihm mulmig, auf dem Rückweg zuzuschauen, wie Wolkenfänger vor ihm übermütig durch die Wipfel turnte, sich an Lianen über furchterregende Abgründe schwang und nach erstaunlichen Sprüngen immer wieder sicher auf schwankenden Ästen landete.

  Im Gespräch bestätigte Wolkenfänger alles, was seine Schwester erzählt hatte. Auf die Frage, wie er zu seinem Namen gekommen sei, sagte er stolz, ursprünglich habe man ihn nach einem besonders hoch fliegenden Vogel benannt, der am Tag seiner Geburt am Himmel kreiste. Inzwischen habe er aber seinen Namen auch durch eigene Taten gerechtfertigt.

  Worin denn diese Taten bestünden, fragte Maria Behring.

  Darin, dass kein anderer so hoch in die Wipfel steige wie er, antwortete der Junge stolz.

  Maria Behring suchte in ihrem Computer nach einem entsprechenden Vogelnamen, doch diesmal hatte sie keinen Erfolg.

  „Kein Eintrag“, sagte sie zu Sander. „Was meinen Sie – flunkert er?“

  „Denken Sie an unsere erste Begegnung“, sagte er. „Da stand er auf dem höchsten Ast eines neunzig Meter hohen Paranussbaumes.“

  Maria Bering nickte. Dann fragte sie: „Gibt es Vögel in diesem Wald, die denselben Namen tragen wie du?“

  „Nur einen“, sagte der Junge.

  „Wahrscheinlich eine Harpyie“, warf Sander ein. „Ist Ihnen aufgefallen, dass es hier keine Raubvögel gibt? Keine Affenadler, keine Geier, nicht einmal Bussarde? Sie scheinen diese Gegend zu meiden.“

  „Warum gibt es hier keine Adler?“ fragte sie Wolkenfänger.

  „Weil wir sie schießen“, antwortete der Junge lächelnd.

  „Aber es sind doch eure fliegenden Vettern!“

  Wolkenfänger musste lachen. „Nein, das sind nicht unsere Fliegenden Vettern. Das sind die Fliegenden Vettern des Teufels.“

  „Des Teufels? Warum?“

  Wolkenfänger hörte auf zu lachen. Waren die Fremden wirklich so dumm? „Sie töten unsere Fliegenden Vettern und unsere Kleinen Brüder dazu, und wenn wir nicht aufpassen, auch die kleinen Kinder, und schleppen sie in die Hölle und fressen ihr Fleisch“, klärte er sie auf.

  „Die Adler rauben Kinder?“ fragte Maria Behring verblüfft.

  „Jetzt nicht mehr“, sagte Wolkenfänger. „Schon lange nicht mehr. Wir töten jeden Höllenvetter, den wir sehen. Und wenn einer im Wolkenwald nisten will, zerstören wir sein Nest und werfen das Gelege in die Hölle hinab.“

  „Womit tötet ihr sie?“

  „Mit dem Pfeil.“

  „Und wer tut das?“

  „Jeder von uns. Vor allem die Erzengel. Sie halten Wacht.“

  „Ihr habt also Pfeil und Bogen?“

  Wolkenfänger schaute sie verwundert an. „Bogen?“

  „Ja. Weißt du, was das ist?“

  „Nein“.

  „Womit schießt ihr denn eure Pfeile ab?“

  „Mit dem Blasrohr, womit denn sonst?“

Maria Behring hieb sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Klar! Hier kann man aber auch wirklich ganz durcheinander kommen. Schießt du auch auf diese Höllen…?“

  „Ja“, sagte Wolkenfänger stolz. „Wir üben oft.“

  „Oft? Wo denn?“

  „Beim lieben Gott.“

  „Am Berg Tabor?“

  Wolkenfänger sah sie wieder entgeistert an. Es gab so vieles, was die Fremden nicht wussten. „Ja“, bestätigte er.

  „Wer übt denn mit euch?“

  „Die Erzengel. Eines Tages werde auch ich ein Erzengel sein. So wie mein Großvater und mein Vater.“ Stolz streckte der Kleine die Brust heraus. Sander musste lachen.

  „Du kleiner Macho!“ sagte Maria Behring. „Was übt ihr denn sonst noch?“

  Wolkenfänger seufzte. „Wie die Bäume heißen. Und die Tiere. Welche Früchte und Tiere gut schmecken und welche nicht, und welche giftig sind. Wie man zählt. Wie man betet und wie die Welt entstanden ist.“

  „Wie weit kannst du denn zählen?“

  „Bis tausend“

  „Weiter nicht?“

  Wolkenfänger machte runde Augen. „Geht das denn weiter?“

  „Ja. Was meinst du denn, wie viele Sterne am Himmel stehen?“

  „Viele.“

  „Und wie viele Blätter dieser Baum hat?“

  „Viele.“

  „Und der ganze Wald?“

  „Viele.“

  So ging es noch eine ganze Weile weiter. Dann holte Maria Behring Fruchtsaft. Während sie tranken, sagte sie zu Sander: „Also den Lehrer spielt dieser Priester hier auch noch. Bringt den Kindern aber natürlich nur das Allernotwendigste bei. War ja schon immer die Politik der Kirche, die Leute möglichst dumm zu halten.“

  „Wozu sollte er den Kindern hier denn Französisch oder Algebra eintrichtern?“

  „Ein bisschen Geschichte könnte zum Beispiel nicht schaden. Vor allem Geschichte der Demokratie. Das scheint hier ein richtiger Gottesstaat zu sein. Priester befiehl, wir glauben dir!“

  „Das ist ungerecht“, sagte Sander.

  „Darauf ist doch die gesamte Autorität der katholischen Kirche aufgebaut“, sagte Maria Behring. „Sonst könnte doch der Papst nicht immer noch verkünden, dass es eine Sünde sei, die Pille zu nehmen. In der heutigen Zeit! Bei dieser Übervölkerung! Und dass es verboten ist, Verhütungsmittel zu benutzen. Als ob es so etwas wie Aids überhaupt nicht gäbe.“

  Sander schwieg; gegen dieses Argument wusste er nichts zu sagen.

  „Und dass Priester nicht heiraten dürfen! Und dass Frauen nicht Priester sein dürfen! Und den ganzen anderen frauenfeindlichen Quatsch!“ Sie stand kurz davor, in Rage zu geraten.

  „Hören Sie auf“, sagte Sander. „Das sind die Probleme unserer Welt. In dieser Welt hier bedeuten sie nichts. Oder hatten Sie den Eindruck, dass die Frauen hier unterdrückt sind?“

  „Um das beurteilen zu können, wissen wir noch nicht genug“, erwiderte sie. „Aber gewisse Anzeichen von Bevorzugung männlicher Individuen sind doch wohl jetzt schon unübersehbar. Die kleinen Jungen lernen schießen. Die Erzengel sind natürlich allesamt Männer. Und der Big Boss ebenfalls.“

  Am Nachmittag unterhielten sie sich mit Ani; auch sie beantwortete alle Fragen mit großer Offenheit. Ihr Name bedeutete „Nachtorchidee“. Sie berichtete, sie stamme aus Gihon, wo ihre betagten Eltern und zwei ältere Brüder mit ihren Familien auf einem prächtigen Mahagonibaum wohnten. Eine ihrer Schwestern wohnte mit ihren Kindern ganz in der Nähe, eine andere im Euphratbezirk.

  „Weißt du, dass der Euphrat in Wahrheit ein Fluss ist?“ fragte Maria Behring.

  „Ja“, sagte Ani. „In der Bibel. Aber das ist lange her.

Heute können wir ihn nicht mehr sehen, weil er durch die Hölle fließt.“

  „Die Hölle ist also nicht so alt wie das Paradies?“

  „Doch! Sie sind gleichzeitig entstanden. Als die Teufel kamen, schloss uns der Herr die Tür zum Paradies auf.“

  „Und was war hier vorher?“

  Anis Gesicht verriet Verwunderung. „Vorher gehörte der Wald zum Land Nod“, sagte sie unsicher.

  „Also haben schon vorher Menschen hier gelebt?“

  „Ja. Unsere Vorfahren. Aber das ist schon lange her.“ Sie bestätigte nun alles, was schon ihre Kinder berichtet hatten, und erzählte auch von einem dreitägigen Fest, das wild und ausgelassen gewesen, aber christlichem Ritus gefolgt war. Alle Bewohner des Wolkenwaldes hatten daran teilgenommen.

  „Wer hat denn bei euch zu bestimmen?“ wollte Maria Behring wissen.

  „Der Herr“, antwortete Ani.

  „Ja, natürlich. Und in deiner Ehe? Dein Mann?“

  „Ja“

  „Und du musst ihm gehorchen?“

  „Ja.“

  Maria Behring nickte. „In allen Dingen?“ forschte sie

 weiter.

  „In allen Dingen, die er zu bestimmen hat“, kam die Antwort.

  „Also nicht in allen Dingen?“

  Die Indianerin schaute sie verwirrt an.

  „Nur in den Dingen, die er zu bestimmen hat?“

  „Ja“, antwortete Ani lächelnd.

  „Und welche Dinge sind das?“

  „Alle Dinge.“

  „Die Sache ist doch eindeutig, sagte Maria Behring zu Sander.

  „Fragen Sie sie, ob sie denn zu Hause gar nichts zu sagen hat“, verlangte Sander.

  „Ich weiß zwar nicht, was Sie sich davon versprechen“, versetzte Maria Behring, „aber Sie sollen mir jedenfalls nicht vorwerfen können, ich sei nicht objektiv.“

  „Und du?“ fragte sie Ani. „Hast du denn überhaupt nichts zu sagen?“

  Anis Lächeln verstärkte sich. „Natürlich“, antwortete sie.

  „Und was?“

  „Alles!“

  „Alles?“

  „Ja, natürlich!“ Belustigt blickte sie Maria Behring an; sie schien sich über die Fragerei köstlich zu amüsieren. Sander konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

  „Das verstehe ich nicht“, sagte Maria Behring. „Entweder hat dein Mann zu bestimmen oder du. Etwas anderes gibt es doch nicht!“

  Ani suchte nach Worten; es war doch wirklich zu seltsam, was die Fremden alles wissen wollten. „Wir bestimmen beide“, sagte sie.

  „Warum hast du das denn nicht gleich gesagt?“ fragte Maria Behring.

  „Du hast mich so komisch gefragt“, antwortete die Indianerin.

  „Also ihr bestimmt immer alles gemeinsam“, wiederholte Maria Behring. „Und was ist, wenn ihr euch mal streitet?“

  „Streiten?“ wiederholte Ani, als sei ihr das Wort unbekannt.

  „Ja“, wiederholte Maria Behring ungeduldig. „Wenn ihr euch mal nicht einigen könnt.“

  „Nur Kinder streiten sich, weil sie noch jung und dumm sind“, kam als Antwort. „Aber Erwachsene doch nicht! Wozu denn?“

  Maria Behring warf Sander einen ungehaltenen Blick zu. „Grinsen Sie gefälligst nicht so dämlich!“

  „Entschuldigung“, murmelte Sander,

  „Aber es muss doch auch hier ab und zu mal Reibereien geben, sagte Maria Behring. Auseinandersetzungen. Ehekräche. Geschlechtsspezifische Interessenkonflikte!“

  „Tja“, sagte Sander. „Mit diesen Segnungen unserer Hochzivilisation ist es hier wohl nicht weit her.“

  Sie wandte sich wieder der Indianerin zu. „Und mit anderen? Gibt es mit anderen Familien Streit?“

  „Nein“, sagte Ani. „Wozu?“

  „Ja. wozu?“ wiederholte Maria Behring. „Hier haben alle gleich viel oder gleich wenig. Und wo es keinen Streit gibt, bedarf es auch keiner Gesetze. Die Zehn Gebote reichen hier für alle Lebenssituationen aus. Vielleicht sind sogar sie überflüssig. Diese Menschen können niemandem etwas Böses tun. Wahrscheinlich sind Diebstahl, Raub oder gar Mord hier so unbekannt wie bei uns...“ sie suchte nach einem passenden Vergleich, „...wie bei uns vor zwanzig Jahren Waldsterben oder Ozonloch.“

  „So sieht es aus“, stimmte Sander zu.

  „Wie hast du deinen Mann gefunden?“ fragte Maria Behring als nächstes.

  „Beim Maskenfest“, antwortete Ani und erzählte lachend von Tänzen, Gesängen und Wein in der Nacht auf den Zedrachbäumen. Maria Behring und Sander hörten staunend zu.

  „Wein?“ fragte Sander interessiert.

  „Wahrscheinlich aus dem Herzblatt der Chimapalme“, sagte Maria Behring. „Auch die Indianer auf Marajó machen daraus berauschende Getränke.“ Zu Ani gewandt, fuhr sie fort: „Und wen musstest du fragen, damit du heiraten durftest?“

  „Den Herrn“, erwiderte Ani.

  „Aha. Und warum?“

  Ani verstand nicht.

  „Was wäre denn geschehen, wenn du ohne Erlaubnis? des... äh, des Herrn geheiratet hättest?“ forschte Maria Behring.

  Ani schüttelte verständnislos den Kopf.

  „Was hat der Herr denn zu euch gesagt?“

  „Dass er unsere Ehe segnet.“

  „Und dass sie unauflöslich ist?“

  Darauf wusste Ani wieder nichts zu antworten.

  „Es gibt doch wohl keine Scheidung bei euch, oder?“ fragte Maria Behring.

  „Scheidung?“ Ani verstand nicht einmal das Wort.

  „Was ist, wenn du dich in einen anderen Mann verliebst?“

  Ani schüttelte fassungslos den Kopf. Was sollte das alles bedeuten? Nur in den Geschichten der Bibel so etwas vor, zum Beispiel bei König David und Bathseba, aber da war es nach Gottes unerforschlichem Ratschluss geschehen, die Menschen zu prüfen und ihnen ihre Unvollkommenheit vor Augen zu führen, damit sie sich danach umso demütiger zum Glauben bekannten. Wozu aber sollte das in Gottes Garten nötig sein?

  „Und wenn dein Mann dich betrügt?“ hakte Maria Behring nach.

  „Das ist unmöglich“, antwortete Ani aus tiefster Überzeugung. „So etwas gibt es nur auf Erden, aber nicht im Paradies!“

  Maria Behring konnte es kaum glauben. Waren das alles Heilige in diesem seltsamen Wald? Dann fragte sie Ani: „Wie alt warst du, als du geheiratet hast?“

  „Fünfzehn Jahre.“

  „Heiraten bei euch alle Mädchen so früh?“

  „Viele, aber nicht alle.“

  „Und wie alt sind die Männer normalerweise?“

  „Sechzehn oder Siebzehn.“

  „Haben Sie das gehört, Sander? Unter hiesigen Bedingungen müssten Sie bereits Urgroßvater sein.“

  „Und Sie Großmutter“, kam es prompt zurück.

  Sie unterhielten sich nun über Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung. Ani gab bereitwillig Auskunft: Wirkliche Probleme schienen unbekannt.

  „Wir scheinen tatsächlich im Paradies gelandet zu sein“, sagte Maria Behring, als die Indianerin gegangen war. „Nichts als Friede und Harmonie, alle sind nett zueinander, kennen keine Schwierigkeiten, vertrauen einander blind. Kein Streit, keine Lügen, kein Fremdgehen, keine Eifersucht, keine missratenen Kinder. Aber so ist der Mensch nun mal nicht gestrickt! Was sind das für Wesen? Katholische Zombies, denen man das Gehirn herausoperiert hat?“

  „Vielleicht sind sie ganz einfach nur normal“, sagte Sander, „so, wie Menschen sind, wenn es keinen Existenzkampf gibt, weil jemand da ist, der für alles sorgt; wenn die Rangfolge unwichtig ist, weil jeder gleich viel besitzt und mehr nicht erwerben kann; weil es kein Machtstreben gibt und deshalb auch weder Ehrgeiz noch Stolz. Diese Menschen sind wirklich wie Brüder. Haben Sie nicht gemerkt… wie sie über Ihre Fragen gestaunt haben? Die wussten oft nicht einmal, wovon Sie überhaupt sprachen!"

   "Ja", sagte sie, "aber das begeistert mich nicht, sondern es macht mich nervös. Auf mich wirkt das fast so, als habe der Alte sie mit irgendeiner Droge gefügig gemacht; jetzt lässt er sie wie Marionetten tanzen, als Idealtypen nach katholischer Lehre, sozusagen als wandelnde Illustrationen eines mittelalterlichen Moralkatalogs. Es ist doch gar nicht zu glauben, dass eine Frau, die so aussieht wie diese Ani… Soll das heißen, dass hier die Mädchen allesamt jungfräulich in die Ehe gehen? Das gibt es doch gar nicht!"

    "Ihr Problem ist", sagte Sander, "dass Sie sich nicht von den Anschauungen der Welt lösen können, aus der wir kommen. Was Sie seit frühester Jugend an Wissen über die Schlechtigkeit des Menschen mit sich herumschleppen, haben diese Leute hier nie erfahren; ihr Priester hat sie davor bewahrt. Deshalb ist für sie das Gute normal, so, wie für uns das Böse alltäglich ist. Wo wir die Lüge wittern, vertrauen sie auf Wahrheit; wo wir skeptisch sind, bleiben sie arglos und behalten recht. Sie sind wie Kinder und trotzdem viel klüger als wir. Sie glauben an Gott, uns aber hat der Teufel in den Klauen."

   Sie rümpfte die Nase. "Jetzt reden Sie auch schon wie dieser Missionar", sagte sie. "Benutzen Sie Ihren Verstand! Der Priester mag in diesem Wald große Macht besitzen - der liebe Gott ist er aber noch lange nicht! Nicht er hat diesen seltsamen Wald wachsen lassen, sondern die Natur, und zwar infolge besonderer Anreicherung des Bodens mit Mineralstoffen. Nicht er hat diese Menschen geschaffen, sondern sie sind durch Befruchtung weiblicher Eizellen mit männlichem Sperma entstanden, und zwar durch natürlichen Geschlechtsverkehr und nicht durch irgendeine frankensteinhafte In-vitro-Operation. Er hat diese Leute weder geklont noch für sie Guarani erfunden. Er hat auch nicht bewirkt, dass hier aus einer unterirdischen Magmakammer ständig große Mengen Kohlendioxid an die Erdoberfläche steigen. Und dafür, dass die Leute hier alle sechs Finger und sechs Zehen haben, kann er ebenfalls nichts; das ist die Folge genetischer Vererbung. Oder glauben Sie, dass er den Leuten das mit einem Zauberstab angehext hat?"

   „Nein", sagte Sander. "Aber er hat aus Bestehendem Neues geschaffen. Eine neue Gesellschaft. Er hat diese Leute den Glauben gelehrt und sie dazu gebracht, nach den Geboten Gottes zu leben. Das finde ich nicht das Schlechteste; jedenfalls scheinen sie glücklich zu sein. Alles, was uns das Leben schwermacht, ist diesen Menschen dank des Priesters unbekannt geblieben, oder sie wissen höchstens aus Erzählungen davon, zum Beispiel aus der Bibel. So würde ich auch gern leben."

   „Das kann ich mir vorstellen", sagte sie etwas boshaft. "In Ihrem Alter werden die Leute friedfertig. Aber die Welt wäre wohl nun mal kaum weitergekommen, wenn die Menschen auf den Bäumen geblieben wären, um sich das Obst in den Mund wachsen zu lassen."

   "Jetzt reden Sie wie ein Mann", sagte Sander.

   "Und Sie wie ein altes Weib", gab sie zurück.

  Sie schwiegen eine Weile. Dann sagten sie gleichzeitig: "Ich wollte –" Sofort verstummten sie wieder.

   "Nach Ihnen", sagte Maria Behring.

   "Nein, bitte Sie zuerst", sagte Sander.

   "Ich wollte Sie nicht beleidigen", sagte sie. "Es ist mir so rausgerutscht. Passte gerade so schön zu dem, was Sie gesagt hatten."

   "Ich habe es auch nicht böse gemeint", sagte Sander schnell.

   "Nein, lassen Sie nur", sagte sie. "An dem, was Sie gesagt haben, ist durchaus etwas dran. Ich glaube, es hat mit diesem Wald zu tun. Ich merke, wie er uns verändert. Mich vielleicht nicht ganz so stark wie Sie, aber…"

   "Wie meinen Sie das?" fragte er misstrauisch.

   "Sie sind ziemlich nachdenklich geworden, seit wir hier sind", erklärte sie. "Sie scheinen sich für Dinge zu interessieren, um die Sie sich früher nie gekümmert haben dürften, und gleichzeitig das Interesse an Dingen zu verlieren, die Ihnen früher bestimmt wichtig waren. Sie…" Sie zögerte kurz und fuhr dann fort: "Sie werden es mir nicht übelnehmen, wenn ich sage, dass sich auch Ihr Verhalten mir gegenüber geändert hat. Bisher war es rein geschäftsmäßig. Heute haben Sie mir Blumen geschenkt."

   "Ich wollte Sie damit nur ein wenig aufheitern", sagte er pikiert. "Wenn es Sie gestört hat, lasse ich es in Zukunft bleiben."

   "Nein, nein", sagte sie schnell. "Es ist schon in Ordnung, und ich habe mich darüber gefreut. Aber wir sind nicht zum Vergnügen hier. Unsere Aufgabe ist es, möglichst rasch möglichst viel über diese Leute in Erfahrung zu bringen, um herauszufinden, wie wir ihnen am besten helfen können." 

   "Das brauchen Sie mir nicht zu sagen", brummte Sander verstimmt.

   "Dann ist es ja gut. Holen Sie jetzt mal diesen Senex her. Wir wissen jetzt, wie die Leute über das Leben denken. Mal sehen, was der Alte uns über den Tod zu erzählen hat."

   Sander machte sich auf den Weg und kam einige Minuten später mit Senex zurück.

   Auch er antwortete ohne Zögern auf alle Fragen, die ihm Maria Behring stellte.

   "Was bedeutet dein Name?"

   "Alt."

   "Trugst du ihn schon, als du noch jung warst?"

   "Ja."

   "Was hat er damals bedeutet?"

   "Alt."

   "Warum hast du ihn bekommen?"

   "Als meine Mutter mich eben geboren hatte und mit mir im Arm aus ihrer Hütte trat, fiel von einem Ast ein Stück Greisenhaar auf mein Gesicht. Es war ein Zeichen."

   "Greisenhaar?" fragte Sander.

   "Tillandsia usneoides", klärte ihn Maria Behring auf. "Ein Epiphyt mit extrem verlängerten Internodien. Hängt in Büscheln von Ästen, Felsen oder Telefondrähten herunter. Sieht aus wie weißer Bart. Oder wie Gras mit Raureif." Sie fragte weiter: "Sind viele so alt wie du?"

   "Nein", sagte Senex.

   "Hast du Angst vor dem Tod?"

   "Nein."

   "Nein?"

   "Warum sollte ich Angst vor ihm haben? Ich weiß doch, was nach ihm kommt."

   "Was kommt denn nach ihm?"

  Senex schüttelte verblüfft den Kopf. "Warum fragst du mich das? Du weißt es doch selbst!"

   "Ich will es aber aus deinem Mund hören."

   "Das ewige Leben:"

   "Und wo wird das sein?"

   "Im Himmel." 

   "Ich dachte im Paradies!"

   Senex lächelte. "Das Paradies ist für die Menschen. Die Seelen wohnen im Himmel."

  Maria Behring überlegte kurz. "Hast du noch Brüder oder Schwestern?"

   "Nein. Sie sind alle schon gestorben."

   "Und wo sind sie begraben?"

   Senex sah sie verwundert an. "In den Katakomben" sagte er. 

"Wusstet Ihr das nicht?"

   "Nein", erwiderte sie. "Wo sind die denn?"

   "Im Berg Tabor", sagte Senex.

   "Ja, natürlich. Wo sonst?" gab Maria Behring zurück, und zu Sander sagte sie: "Sehen Sie mich nicht so vorwurfsvoll an. Ich habe eben nicht daran gedacht, dass das hier der einzige mögliche Ort dafür ist. Wahrscheinlich in den Tuffstein gehauen. Katakomben im Regenwald! Das hört sich ja beinahe an wie die Spinnereien von diesen Idioten, die am Amazonas in irgendwelchen Hohlen nach Überresten von Ufos suchen und glauben, dass die Götter Astronauten waren!" Sie wandte sich wieder dem Alten zu und fragte: "Sind dort alle eure Toten begraben?"

   Senex nickte. "Ja."

   "Seit der ältesten Zeit?"

   "Ja."

   "Können wir sie sehen?"

    "Wir gehen nur zu Beerdigungen dorthin. Es ist ein heiliger Ort." 

    "Wir wollen uns nur einmal umsehen:"

    "Fragt den Herrn; wenn er es für richtig hält, wird er es euch erlauben."

    "Wir möchten ihn nicht wegen einer solchen Kleinigkeit behelligen."

    "Aber es ist ein heiliger Ort. Noch nie hat ihn jemand ohne Erlaubnis des Herrn betreten. Wir dürfen die Ruhe der Toten nicht mutwillig stören."

    Sander warf ihr einen warnenden Blick zu, aber sie sagte trotzdem: "Wir werden vorsichtig sein. Niemand wird uns bemerken."

   Senex schüttelte heftig den grauen Kopf; er schien sehr besorgt. "Die Katakomben werden von den Erzengeln bewacht."

    "Hören Sie auf damit", warf Sander ein. "Warum wollen Sie dem Alten unbedingt einen Schrecken einjagen?" 

    "Ich wollte nur seine Reaktion testen", sagte Maria Behring. "Die Furcht, Verbote des Priesters zu übertreten, scheint mindestens genauso groß wie der Respekt vor den Zehn Geboten Gottes." 

   "Das scheint für die Leute hier ja auch so ziemlich dasselbe zu sein", sagte Sander, der wieder die ganze Zeit über auf den Monitor schaute, damit ihm kein Wort des Dialogs entging.

   "Wie viele Tote liegen dort begraben?" fragte Maria Behring.

   "Viele", sagte Senex.

   "Wie viele genau?" bohrte sie. "Hunderte? Tausende? Zehntausende?"

   "Tausende."

   "Tausende?" wiederholte Maria Behring verblüfft. "Aber wie kann das sein? Wie viele von euch sterben denn jedes Jahr?"

   Der Alte zuckte mit den Schultern. "Weiß nicht. Vielleicht fünfzehn oder zwanzig."

    "Und wie viele werden geboren?"

    "Auch fünfzehn oder zwanzig."

    "Also seit ihr immer ungefähr gleich viele?"

    "Ja."

    "Und wie lange schon?"

    "Schon immer."   

    "Ist das nicht ziemlich ungewöhnlich?" fragte Sandet. "Immer gleich viele Menschen?"

    "Im Gegenteil", antwortete Maria Behring. "Für den Regenwald ist das sogar typisch. Jedenfalls für sesshafte Populationen. Der Wald gibt eben nur genug Nahrung für eine bestimmte Anzahl von Individuen her. Vermehren sie sich zu stark, müssen Teile der Bevölkerung auswandern. Denken Sie an die europäische Geschichte. Immer wenn irgendwo das Klima für die Landwirtschaft besonders günstig war, zum Beispiel in Nordeuropa, und sich dann wieder verschlechterte, kam es erst zu einem starken Anwachsen der Bevölkerung und dann zu großen Wanderungsbewegungen. Aber diese Menschen hier können nicht wandern. Sie haben offenbar irgendein Regulativ, das dafür sorgt, dass nicht mehr Kinde geboren werden, als alte Leute sterben."

    "Sie meinen, die Natur balanciert das aus?"

    "Ich glaube, dass sie selbst dafür sorgen. Indianerfrauen kennen sich mit Verhütungsmitteln aus."

   Sander schüttelte zweifelnd den Kopf. "Der Priester würde das nicht zulassen", meinte er. "In dieser Frage versteht die katholische Kirche bekanntlich keinen Spaß."

   "Auch sonst nicht", bemerkte Maria Behring. "Aber das ist es gar nicht, was mir Kopfzerbrechen macht. Überlegen Sie doch mal: Wenn hier jedes Jahr zwanzig Menschen sterben und in den Katakomben bestattet werden - wie lange dauert, es dann, bis dort tausend Tote liegen?"

   Sander rechnete kurz nach. "Fünfzig Jahre", sagte er dann.

   "Genau. Aber Senex sprach von Tausenden von Toten. Also nehmen wir einmal an, es sind zweitausend. Dann müssen die ersten, nach Adam Riese, wann gestorben sein?"

   "Vor hundert Jahren", sagte er.

   "Eben."

   "Vielleicht hat Senex übertrieben", sagte Sander. "Oder vor diesem Priester war schon ein anderer hier, der mit diesen Bestattungen begonnen hat."

   "Und wenn nicht?"

   Sander versuchte sich um die Antwort zu drücken, aber ihr bohrender Blick ließ ihn nicht los. Schließlich gab er sich einen Ruck. "Dann ist der Priester schon seit hundert Jahren hier", sagte er.

   "Hören Sie mit diesem Unsinn auf!" sagte sie erbost. "Irgendetwas stimmt hier nicht, das merkt doch ein Blinder mit dem Krückstock!" Wie immer, wenn sie aufgeregt war, wechselte sie aus der nüchternen wissenschaftlichen Sprache in die schnoddrige Berliner Ausdrucksweise.

   "Sie glauben, der alte Indianer lügt?"

   "Ach was! Dazu sind diese Wolkenwaldmenschen viel zu harmlos. Nein, es muss etwas anderes sein. Es hat mit diesem Priester zu tun, da bin ich mir ganz sicher. Aber ich werde ihm schon noch auf die Schliche kommen."

   Während sie sich unterhielten, blickte Senex zwischen ihnen hin und her; für ihn waren sie die Exoten, über deren Reden und Verhalten ein vernünftiger Mensch sich wundern musste.

   "Also gut", sagte Maria Behring kampfeslustig, "packen wir den Stier bei den Hörnern. Sie beugte sich ein wenig vor und sah Senex scharf an. Wenn in den Katakomben schon so viele Tote bestattet sind, sagte sie, ist denn dann dort überhaupt noch genügend Platz für neue Gräber?"

   Maria Behring versuchte die nächste Frage so taktvoll wie möglich zu formulieren. "Nicht nur für dich, sondern auch für die Jüngeren, die später sterben?"

   "Auch für alle anderen."

   "Kennt ihr denn schon den Platz, an dem ihr … an dem ihr eines Tages ruhen werdet?"

   Der alte Mann lächelte wieder. "Ja. Ich kenne ihn."

   Nun, da die erste Klippe umschifft schien, wagte sich Maria Behring weiter auf das unbekannte Wasser dieses Frage-und-Antwort-Spiels hinaus; sie steuerte durch die Diskussion wie ein Kapitän, der zwar sein Ziel, nicht aber den Kurs kennt.

   "Seit wann weißt du, wo dein Grab ist?" forschte sie weiter.

   "Schon seit ich denken kann", antwortete Senex.

   "Schon als Kind?" Wer hat es dir zugeteilt?"

  Senex staunte auch über diese Frage. "Der Herr." Wer sonst sollte das tun können?

   "Wann hat er das getan?"

   "Bei meiner Geburt."

   "Das ist ja perfekt geregelt", sagte Maria Behring zu Sander. "Die Leute kommen zur Welt und kriegen gleich ihr Grab zugewiesen." Sie wandte sich wieder Senex zu. "Wenn das so ist, weißt du sicher auch, wo dein Sohn seine ewige Ruhe finden wird."

   "Ja, natürlich."

   "Und deine Schwiegertochter."

  Senex nickte. "Wir alle wissen es", bestätigte er.

   "Und deine Enkelkinder?" fuhr Maria Behring fort.

  Sander wurde es zunehmend ungemütlich, über den Tod kleiner Kinder zu sprechen, gerade so, als gehe es um Mastkälber oder einzuschläfernde Hunde.

   "Ja", sagte Senex. "Alle von uns wissen, wo sie einst ruhen werden."

   Maria Behring sah ihn gespannt an. "Auch der Priester?" fragte sie dann.

   Senex schüttelte lachend den Kopf. Das war so ziemlich das Verrückteste, was er seit langem gehört hatte.

   Sie wartete, bis er sich wieder beruhigt hatte. "Der Priester hat also kein Grab?" hakte sie nach.

   Der alte Mann musste wieder lachen. So eine seltsame Idee! Darauf musste erst einmal jemand kommen.

   "Also, was ist nun?" sagte Maria Behring leicht ungeduldig. "Ja oder nein?"

   "Nein", sagte Senex. "Natürlich nicht. Wozu denn?"

   "Wozu? Nun, ich meine, dass jeder Mensch einmal sterben muss. Ist es nicht so?"

   "Aber doch nicht der Herr!"

   "Ist der Priester also kein Mensch?"

   Senex lachte wieder. Wollte sie ihn auf die Probe stellen?

   "Antworte mir", sagte Maria Behring energisch. "Muss der Priester nicht genauso sterben wie alle anderen Menschen auch?"

   Senex schüttelte wieder ungläubig den Kopf. Die Fremde schien wirklich eine Antwort zu erwarten. "Nein, natürlich nicht", sagte er. "Denn der Herr, der schon lange war, bevor wir geboren wurden, wird noch sein, wenn wir alle längst tot sind. Er wird niemals sterben, sondern ewig leben, um unsere Kinder und Kindeskinder zu hüten bis zum Jüngsten Tag."


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