Kapitel 18: Rettung in letzter Sekunde

Montag, 21. Oktober 2013

   Als sich Sanders Schrei zwischen den Bäumen brach, flatterten Vögel auf. Maria Behring umklammerte mit weißen Knöcheln das Geländer. Der Schock reduzierte schlagartig den Sauerstoff in ihrem Blut; ihr Körper reagierte, indem er sofort die Atmung beschleunigte und gleichzeitig Adrenalin produzierte, bis ihr Herz wie rasend schlug. Ihre Knie wurden weich, und wie bei einem Tier in Todesgefahr drängte ein natürlicher Reflex ihren Magen, sich zu entleeren. Schweißüberströmt sank sie auf den Boden der Brücke und starrte durch die Lianen nach unten.

   Dreißig Meter unter ihr hing Sander kopfüber in den niedrigsten Ästen der Annonacea, kaum drei Meter über dem schwarzen Gewölk, das zwischen dem Grün der Osterfruchtbäume wie eine schwarze Hexensuppe brodelte. Er hatte offenbar das Bewusstsein verloren.

   Als erster kletterte Gabriel zu dem Verunglückten. Mit jener perfekten Mischung aus Kraft und Gewandtheit, mit der sich sonst nur die großen Menschenaffen durch die Bäume des tropischen Regenwaldes bewegen, hangelte er sich über die Stelle, an der Sander hing. Andere Männer kamen ebenfalls zu Hilfe, kletterten in die Nähe des Verunglückten und postierten sich so auf den stärkeren Ästen, dass jeder von ihnen einigermaßen sicher stand.

   Sander gab immer noch kein Lebenszeichen von sich, und Maria Behring erkannte, dass sich seine grauen Haare rasch rot färbten. Er musste beim Sturz gegen einen Ast geschlagen sein.

   Zwei Indianer kamen am Stamm des Sonnenuntergangsbaumes empor geklettert, hasteten auf die Brücke, auf der Maria Behring hockte, lösten einige der langen Lianen, wickelten sie sich um den Oberkörper und eilten die Rindentreppe wieder hinunter.

   Gabriel fing die Lianen auf, die sie ihm zuwarfen, knotete sie zusammen und prüfte ihre Festigkeit. Dann wickelte er sie in der Hälfte ihrer Länge zu einem grünen Tau zusammen, das er sich um die Hüften band. Ein plötzlicher Windstoß fuhr durch den Wald und ließ die Kronen schwanken, so dass Gabriel und die anderen sich an den Ästen festhalten mussten. Sanders lebloser Körper pendelte hin und her.

   Einige Sekunden später stand Gabriel wieder frei auf dem Ast, die dicke Hälfte des Lianentaus um die schlanken Hüften geschlungen. Er nahm die vier losen Enden des nicht zusammengewickelten Teils und warf sie den Männern zu, die ihm am nächsten standen. Die Indianer knoteten sie sich um die Hüften. Alles geschah völlig lautlos.

   "Halten!" rief Gabriel. "Anziehen!" Die Seile strafften sich.

   Gabriel setzte sich auf seinen Ast. Das schwarze Gewölk unter ihm bewegte sich wie eine riesige Amöbe, die auf eine Bakterie gestoßen ist und ihr Ektoplasma vorstülpt, um die Beute zu umschließen. Maria Behrings Herz begann wieder schneller zu schlagen, als sie sah, wie sich der Erzengel nun in den Kniehang fallen ließ. Die muskulösen Unterschenkel über dem Ast abgewinkelt, pendelte er mit dem Kopf nach unten über dem Abgrund.

   "Tiefer!" rief der Erzengel. Langsam ließen die Männer die Lianenseile durch die kräftigen Hände rutschen. Gabriel streckte die Unterschenkel; bald war er noch etwa einen Meter von Sander entfernt.

   "Nachlassen!" befahl Gabriel. Obwohl er nun selbst höchst gefährdet über dem Abgrund hing, blieb seine Stimme ruhig und klar. Er hing zwischen den vier Lianenseilen wie eine Seidenspinne in ihrem Netz.

   Gespannt schaute Maria Behring zu, wie Gabriel dem Verunglückten immer näher kam. Bald war er fünfzig, dann nur noch dreißig Zentimeter von ihm entfernt.

   Sander erwachte, als sich Gabriels Hand wie ein Schraubstock um seinen Fuß schloss. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn. Als er die Augen öffnete, sah er direkt in das schwarze Gewölk drei Meter unter ihm. „Ich bin abgestürzt!“ entfuhr es ihn.

   "Ruhig", sagte Gabriel. "Ich hole dich!"

   "Was ist passiert?" ächzte Sander und hob mühsam den schmerzenden Kopf.

   Gabriel hing über ihm und grinste ihn beruhigend an. "Ruhig", sagte er wieder. "Gib mir deinen anderen Fuß!"

   Langsam zog Sander den linken Fuß in Richtung des rechten; nach wenigen Sekunden schloss sich Gabriels andere Hand um den unverletzten Knöchel.

   "Hoch!" befahl der Erzengel, und die vier Indianer zogen an. Die Äste unter ihren Füßen bogen sich unter der Last.

   "Nicht so schnell!" rief der Erzengel, der die Gefahr erkannte.

   Wieder fuhr ein Windstoß vom Himmel herab in die Bäume. Die vier Männer hörten auf zu ziehen und balancierten das Schaukeln breitbeinig aus. Dann begann es zu regnen. Maria Behring schaute wie gebannt zu, starr vor Angst, aber auch voller Bewunderung für die geradezu artistische Körperbeherrschung der Baumindianer.

   "Weiter", sagte Gabriel, als sich der Wind erneut beruhigt hatte, und die Männer zogen wieder an. Es bereitete dem Erzengel offenbar keinerlei Mühe, Sanders gut achtzig Kilo minutenlang zu halten. Die Kraft des Indianers schien unerschöpflich.

   Die Männer zogen noch einmal. Als der Erzengel das Holz an seinen Kniekehlen fühlte, winkelte er die Unterschenkel an und ging wieder in den Kniehang. Beim nächsten Zug hob er Sander so hoch, dass auch der Verunglückte seine Unterschenkel um den Ast legen konnte. Mit katzenhafter Gewandtheit schwang Gabriel sich auf den Ast, bis er rittlings auf ihm saß, und zog Sander hinter sich her.

   "Was ist mit deinem Fuß?" fragte er ihn. "Kannst du auftreten?"

   Sander hing wie ein nasser Sack in den muskelbepackten Armen des Indianers.

   "Ruh dich ein bisschen aus", sagte Gabriel. "Dann bringe ich dich nach oben."

   Sander nickte erschöpft. Einige Minuten verstrichen.

   "Wir sollten uns jetzt an den Aufstieg machen", sagte Gabriel dann, "dein Fuß muss gepflegt werden."

   Sander nickte wieder.

   "Halte dich nur gut an mir fest", sagte der Erzengel. Er stellte sich vorsichtig auf die Füße und zog Sander zu sich herauf. Der Regen wurde dichter. Staunend sah Maria Behring, wie der Indianer mit dem um einen Kopf größeren Weißen auf den Schultern scheinbar mühelos durch die Baumkronen zu dem Steg kletterte und dann die Rindentreppe emporstieg, sorgfältig Fuß um Fuß auf die herausgehauenen Stufen und die freie Hand immer wieder abwechselnd an die Haltegriffe setzend, bis er die Lianenbrücke erreicht hatte. Dort setzte er seine Last ab: Sander hinkte auf einem Bein zum Geländer und hielt sich fest. Der Regen hörte auf.

   "Sie machen ja schöne Sachen", sagte Maria Behring vorwurfsvoll. "Was haben Sie sich denn dabei gedacht? Sie sind doch Pilot! Haben Sie mir nicht selbst, gepredigt, dass man im Urwald jedes Risiko vermeiden muss?"

   "Tut mir leid", sagte Sander zerknirscht. "Ich habe mich wohl überschätzt."

   "Das scheint mir auch so", sagte sie sarkastisch. "Sie sind doch kein Zwölfjähriger mehr, der auf einen Baum klettert, um für seine Schulkameraden Kastanien herunterzuschütteln!"

   "Ich habe schon gesagt, dass es mir leid tut", sagte Sander. Er streckte dem Indianer die Hand hin und Gabriel lächelte. "Bleib in Zukunft besser auf dem Weg", sagte er. "Das Klettern in den Bäumen will geübt sein. Wir tun es von Kindheit an."

   Sander nickte.

   "Ani wird euch nachher eine Salbe bringen", sagte der Erzengel zu Maria Behring. "Dein Mann wird bald wieder ganz gesund sein."

   Sie eilte Sander nach.

   "Tut es sehr weh?"

   "Hauptsache, es ist nichts gebrochen."

   "Werden Sie die Pedale bedienen können?"     

   "Keine Ahnung", sagte er zerknirscht.

   Sie musste lachen. "Das war wirklich eine tolle Nummer", sagte sie. "Frei schwebend in der Zirkuskuppel."

   "Ja", sagte er.

   "He", sagte sie und boxte ihn sanft in die Rippen. „Sie haben wirklich Nerven, wissen Sie das?"

   "Na ja", meinte er verlegen. "Man tut was man kann."

   Ihre innere Anspannung löste sich, und sie lachten so laut, dass man sie bis zu den Osterfruchtbäumen hörte.

   "Ich wollte Ihnen doch nur auch so eine Pomeranze holen!" rief Sander; hoch erfreut, dass die Sache so glimpflich ausgegangen war.

   "Aber doch nicht gleich kopfüber!" rief Maria Behring. "Sie haben sich ja von dem Baum gestürzt wie ein Turmspringer!"

  Sie alberten noch eine Weile herum, bis sich ihre Nerven beruhigt hatten.

   "Okay", sagte Maria Behring. "Kümmern wir uns nun um den verflixten Fuß. Ich werde Sie stützen." Sie nahm seinen linken Arm und legte ihn sich um die Schultern.

   Eine Zeitlang genoss er die Nähe ihres Körpers, dann aber befreite er sich und sagte: "Ich glaube, allein komme ich besser voran."

   Sie ging neben ihm her bis zu ihrer Hütte auf dem Matamatá. Dort setzte er sich auf die Bank und zog die Stiefel aus. Nach einer Weile kam Ani mit einer grünen Paste. Während sie die Heilsalbe auf die Kopfverletzung und den verletzten Fuß strich, unterhielt sie sich mit Maria Behring über die Ingredienzen. Die Salbe fühlte sich kühl an und linderte den Schmerz sofort.

   Nach einer Weile wurde das Gespräch zwischen den beiden Frauen plötzlich intensiver, und die Fragen, die Maria Behring stellte, klangen immer erstaunter. Sie tunkte einen Finger in die Paste, beschnupperte sie und kostete vorsichtig mit der Zungenspitze. Dann öffnete sie ihren Erste-Hilfe-Kasten, legte Mull auf Sanders Wunden und verband ihm mit geübten Griffen Kopf und Fuß.

   "Ich bin wirklich sehr gespannt, wie das Zeug wirkt", sagte sie. "Ani hat mir wahre Wunderdinge versprochen. Angeblich heilen Hautschürfungen mit dieser Salbe innerhalb von zwei Tagen."

   "Fein", sagte Sander, der sich ein wenig als Versuchskaninchen fühlte.

   "Das ist nicht nur fein, das ist eine medizinische Sensation", bemerkte Maria Behring. "Und jetzt halten Sie sich fest: Wissen Sie, was der wichtigste Bestandteil dieser Salbe ist?"

   "Keine Ahnung", erwiderte Sander, erfreut darüber, dass seine Schmerzen durch die Behandlung schon weitgehend abgeklungen waren.

   "Ein geheimnisvolles Wasser, das die Frauen von dem Priester bekommen", sagte sie triumphierend. "Wie finden Sie das? Der alte Fuchs besitzt irgendein Wundermittel, sagt aber niemandem, worum genau es sich dabei handelt, sondern teilt es im Bedarfsfall zu. Natürlich nur in kleinen Rationen, immer nur so viel, wie gerade benötigt wird. Ist das nicht ziemlich ungewöhnlich?"

   "Vielleicht wären größere Portionen zu gefährlich", meinte Sander.

   "Wahrscheinlich, sagte sie. „Aber für wen? Für den Patienten, der dann eine Überdosis nehmen könnte? Oder für den Hersteller, der sich damit den Preis ruiniert?"

   "Sie müssen es ja wissen", sagte Sander. "Verlangt der Alte Geld dafür? Ich meine, will er dafür irgendwie beschenkt werden?"

   "Denken Sie doch mal nach! Solange er allein um das Geheimnis weiß, hat er seinen Untertanen immer etwas voraus! Wahrscheinlich macht er es noch in tausend anderen Dingen so. Das sichert seine Herrschaft über diese Leute hier. Ohne ihn sind sie aufgeschmissen."

   "Sie sind zu misstrauisch. Wie soll denn ausgerechnet ein weißer Mann, noch dazu ein alter Missionar, der wahrscheinlich immer nur betet und in der Bibel liest, in diesem Wald Heilpflanzen finden, von denen die Indianer, die hier seit Tausenden von Jahren leben, nichts wissen?"

   Maria Behring zuckte mit den Schultern. "Vielleicht durch Zufall", meinte sie. "Und außerdem: Unterschätzen Sie die Geistlichkeit nicht! Die meisten Missionare haben für das Diesseitige einen scharfen Blick. Immerhin waren es zwei Jesuitenpadres, die das Chinin aus Ekuador nach Europa brachten. Haben Sie die Geschichte schon mal gehört? Ganz schön spannend, kann ich Ihnen sagen. Die Indianer kannten das Antipyretikum überhaupt nicht."

   "Das was?" fragte Sander.

   "Antipyretikum. Fieberdämpfendes Mittel. Die Indianer hatten keinen Schimmer davon, dass die Rinde des Chininbaumes diese segensreiche Wirkung hat. Sie weigerten sich sogar, das Pulver einzunehmen, wenn man es ihnen gegen Malaria gab. Auch in ihren Gräbern wurde die rote Rinde nie gefunden. Dabei haben sie ihren Toten immer alles mitgegeben, was irgendwie von Wert oder doch wenigstens von Nutzen war." Sie machte eine Pause. "Ich bin sicher, dass dieses Wunderwasser etwas mit den Bromelien auf der Cecropia zu tun hat, die der Alte so eifersüchtig hütet", fügte sie dann hinzu.

   "Sie glauben, es hat mit irgendeinem Wundermittel zu tun?" fragte Sander. Er schien von der Vorstellung, sie könne sich ernsthaft mit dem Priester anlegen, stark beunruhigt.

   "Allerdings", sagte sie. "Der Kerl hütet den Baum wie die Chinesen einst ihr Seidenmonopol, bis Leute auf die Idee kamen, ein paar Raupen in hohlen Wanderstäben außer Landes zu schmuggeln, übrigens auch wieder Jesuiten oder andere wackere Glaubensstreiter. Wie war doch gleich der Name dieses Priesters? Ich werde mal Professor Sarosi nach ihm fragen. Vielleicht ist der Mann ja früher auf irgendeinem Spezialgebiet aufgefallen."

   Sie holte Wolkenfänger, kletterte mit ihm in das Luftschiff hinab und ließ ihn die Apparate nach oben tragen. Der Junge erledigte die schwere Arbeit ohne Mühe. Sander stellte die Satellitenschüssel auf. Maria Behring justierte sie mit dem Computer. Dann klickte sie sich durch die Festplatte des Computers und suchte das Fach, in dem die automatische Mitschrift ihres ersten Gesprächs mit dem Padre gespeichert war. Nach wenigen Sekunden erschienen die ersten Worte auf dem Bildschirm: "Vade, Satana! Hebt euch hinweg, ihr Ausgeburten der Hölle!"

   "Na, das war ja eine schöne Begrüßung, sagte sie heiter und überflog die nächsten Zeilen. "Nein, hier ist es nicht, murmelte sie. Hier auch nicht. Verflixt, wann hat er denn seinen Namen gesagt? Hier redet er von Teutschland und dem Kaiser. Berlin… Das Glaubensbekenntnis… Sie musste schmunzeln. Da haben wir aber tapfer mitgebetet! Jetzt kommt das mit dem ,Euer Glaube ist wie ein Knäblein'… Was ein Ornithopter ist, weiß ich immer noch nicht… Ah. hier ist es: ,Padre Afonso de Mesa, Societas Jesu'."

   Sie tippte einige Zeilen an den Ethnologen, betätigte das Modem und ging auf Sendung. Schon nach wenigen Sekunden leuchtete die Bestätigung auf.

   "Angekommen", sagte sie erleichtert. "Na, ging das nicht fix?"

   "Ich staune", sagte Sander. "Und wie kriegen wir die Antwort hierher?"

   "Genauso", antwortete Maria Behring lächelnd. "Der Satellit ist doch stationär, da ändert sich nichts, es sei denn, dieser Baum fängt auf einmal an zu wachsen wie eine Bohnenranke. Ist aber nicht zu befürchten. Der hat ungefähr 500 Jahre gebraucht, um so hoch zu werden wie jetzt."

   Wolkenfänger schaute neugierig auf den flimmernden Bildschirm.

   "Da staunst du, was?" sagte Maria Behring. „Bei uns sind die Jungs in deinem Alter an diesen Kisten schon perfekt. Viel klüger sind sie dadurch aber auch nicht."

   "Wann wird Ihr Professor denn antworten?" fragte Sander.

   "Ich schätze, sehr bald. Es ist dort jetzt… kurz vor sechs Uhr abends. Da ist er meistens im Büro." Sie schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. "Heute ist ja Karfreitag, sagte sie. Tja, dann wird das wohl so schnell nichts werden. Morgen auch nicht. Und dann ist Ostern. Pech gehabt." 

  Sie überlegte kurz, dann tippte sie "PS: Fröhliche Ostern!", aktivierte das Modem noch einmal und setzte den Zusatz ab.

  In der Nacht lag Maria Behring lange wach und grübelte über Enzyme, Gene und Bromelien, bis ihr ganz wirr wurde. Es waren immer dieselben Fragen, die sie beschäftigten: War es wirklich möglich, dass dieser Priester über einen pflanzlichen Wirkstoff verfügte, der die Produktion körpereigener Eiweißstoffe so enorm beschleunigte? Die Antwort würde sich auch daraus ergeben, wie schnell Sanders Verletzungen heilten. War es möglich, dass die Enzyme, mit denen sich die Bromelien auf der Cecropia gegen die Ameisen schützten, auch kleinere Organismen bis hinunter zu Bakterien und Viren abwehrten? Auch hier würde sie mindestens so lange abwarten müssen, bis sich zeigte, ob Sanders Wunden infektionsfrei heilten, und selbst wenn, war längst noch nicht erwiesen, dass das wirklich an dem geheimnisvollen Wunderwasser des Priesters lag oder an einem anderen, vielleicht schon längst bekannten Pflanzenextrakt, den die Indianerin beigemischt hatte.

   Sander schlief ohne Mühe ein. Nach Mitternacht aber kehrte der Alptraum wieder, der ihn nun immer öfter heimsuchte. Wieder zogen hagere, bärtige Männer mit furchterregenden Gesichtern an ihm vorüber; die dunklen Augen unter den rostigen Helmen glühten wie Kohlen. Diesmal ritten sie auf Pferden, und jeder von ihnen zog an einer langen Kette Dutzende gefesselter, zu Tode erschöpfter Indianer hinter sich her. Wieder packte Sander das Grauen, als er zuschauen musste, mit welcher viehischen Grausamkeit die Weißen ihre Opfer, auch viele Frauen und Kinder, quälten. Sein Magen krampfte sich zusammen, als er abgehauene Köpfe und Gliedmaßen durch die Luft fliegen sah. Noch mehr aber erschrak er, als er unter den Männern plötzlich den alten Priester entdeckte.

   Das Schreien und Stöhnen der Gefolterten drang quälend an sein Ohr. Dazwischen hallten immer wieder wilde portugiesische Flüche und ein Wort, das ihm bekannt vorkam, das er aber erst nach einer Weile verstand: "Kaliko! Caligo! Die Caligo kommt!" Als er merkte, dass er das Wort nicht nur im Traum, sondern in Wirklichkeit hörte, fuhr er erschrocken auf.

   "Kaliko!" hörte er eine helle Stimme. Dann folgten einige Worte in Guarani: "Aufwachen! Rettet euch!"

   Auch Maria Behring war schlagartig wach geworden.

   "Das ist Wolkenfänger. Er will uns vor dem Gas warnen!"

   Sie sprangen fast gleichzeitig aus ihren Hängematten, griffen nach den Taschenlampen und eilten zur Tür. Wolkenfänger kam über die Hochbrücke gelaufen. "Schnell, rettet euch!" rief er. "Die Gallige kommt!"

   Sie leuchteten in die Tiefe. Zehn Meter unter ihren Füßen wogte das schwarze Gewölk wie ein vom Sturm gepeitschtes winterliches Meer. Das Luftschiff war bereits in den Gaswirbeln verschwunden.

   "Wie hoch kann es steigen?" fragte Sander besorgt.

   "Das kommt wahrscheinlich darauf an, mit welchem Druck es aus dem Vulkankegel strömt", sagte sie. "Eigentlich kaum höher als 30 Meter, weil das Kohlendioxid schwerer als Luft ist und über den Kraterrand abfließt. Aber hier, fast in der Mitte…" Sie leuchtete auf ihr Handgelenk. „Vier Uhr dreißig“, stellte sie fest. "Die Nacht ist sowieso gleich vorbei."

   Wolkenfänger setzte mit einem Sprung über das Lianengeländer. "Die schlaflosen Wächter", keuchte er atemlos. "Die Caligo!"

   "Ja", sagte Maria Behring. "Danke. Sage deinen Eltern, dass wir im Wipfel bleiben werden, bis es vorbei ist."

   Wolkenfänger starrte staunend auf die seltsamen Leuchtstäbe in den Händen der Fremden. Vorsichtig tastete er in den Lichtstrahl. Als seine Haut den Schein der Lampe reflektierte, zog er die Hand rasch wieder zurück. Dieses Licht war nicht warm wie das einer Fackel, sondern kalt. Auch rauchte und roch es nicht, und es wurde ohne Funken entzündet. Verwirrt kletterte er über das Lianengeländer zurück.

   "Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte Maria Behring. „Es ist elektrisches Licht. Ich werde es dir später einmal erklären. Geh nun wieder zu deinen Eltern!"

   Wolkenfänger gehorchte und verschwand in der Dunkelheit.

   "Also los", sagte Maria Behring. "Holen wir uns ein paar Decken und sehen wir zu, dass wir noch den einen oder anderen Meter zwischen uns und dieses Teufelszeug bringen."

   Sie leuchtete noch einmal hinunter.

   Das Gewölk war in der Zwischenzeit wieder ein beträchtliches Stück höher gestiegen.

   Sie gingen in die Hütte, nahmen jeder zwei Decken unter den Arm und kletterten auf der breiten hölzernen Leiter am Stamm empor, bis sie die höchste Astgabel des Matamatá erreicht hatten. Dort hatten die Indianer für sie einen Sitz vorbereitet, der gut neun Meter breit, mit Lianen gesichert und einer halben Meter dicken Schicht abgestorbener Blätter gepolstert war. Sie legten zwei Decken darauf, setzten sich und leuchteten hinunter. Die schwarze Wolke brandete bereits gegen die Tür der Hütte.

   "Gut, dass die Indianer so ein perfektes Warnsystem haben", sagte Maria Behring. Sie leuchtete wieder in die Tiefe. Das Dach der Hütte war in der brodelnden Wolke verschwunden.

   "Das wird jetzt wohl ein Weilchen dauern", sagte sie und rutschte ein wenig hin und her, bis sie die bequemste Position gefunden hatte.

  Sander zögerte.

   "Was ist? Was hocken Sie denn so steif da?" fragte sie. "Bleiben Sie locker, ich werde Ihnen schon nichts tun."

   Widerstrebend lehnte er sich gegen die dicken weichen Lianen, die den Notsitz wie ein gut geschütztes, weiches Nest erscheinen ließen.

   "Gute Nacht", hörte er sie sagen.

   Er lauschte in die Dunkelheit; nach einigen Minuten verrieten ihm regelmäßige Atemzüge, dass sie eingeschlafen war.

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