Kapitel 19: Unter Sternen

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Als die Sonne aufging, blinzelte Maria Behring und gähnte herzhaft. „Uff“, sagte sie dann. „Das hat gutgetan. Wie war es denn für Sie?"

   "Was denn?" fragte er verblüfft.

   "Na, dieser Sitzschlaf", sagte sie lächelnd. "Hoffentlich nicht allzu unbequem."

   "Nein", sagte er schnell. "Weiß nicht. Konnte mich nicht vorbeugen; Sie schliefen gerade so schön an meiner Brust."

   "Dann wird es höchste Zeit, dass ich Sie von mir befreie", sagte sie, löste sich von ihm und schaute nach unten. Das schwarze Gewölk war wieder an seinen ursprünglichen Platz zurückgekehrt. Zwischen dem Grün der Blätter sah sie das Weiß der Schiffshülle blitzen.

   "Alles in Ordnung", sagte sie erfreut.

   Sie sammelten die Decken ein, kletterten zu ihrer Hütte zurück und gingen über die Hochbrücke zu dem Axtbrecherbaum. Ihre Freunde warteten schon. Sie standen in Gruppen mit Nachbarn zusammen.

   Ani machte Frühstück, und die Versammelten reagierten ihre Angst durch die in solchen Fällen typische Ausgelassenheit ab. Auch Maria Behring und Sander wurden von der fröhlichen Stimmung angesteckt und unterhielten sich angeregt mit immer anderen neuen Bekannten. Es schien, als habe die gemeinsam überstandene Todesgefahr die letzten Barrieren zwischen den Menschen des Wolkenwaldes und ihren Besuchern beseitigt.

   Am Vormittag machte sich Maria Behring mit neuem Eifer an ihre botanischen Untersuchungen in der Umgebung des Matamatá, beflügelt nicht nur von den Informationen, die sie von Ani erhalten hatte, sondern auch von einem in den vergangenen Tagen immer stärker gewordenen Gefühl der Verbundenheit mit dem Wald und seinen Menschen. Das ist mein Reich, dachte sie. Ich habe es entdeckt, und ich werde es beschützen.

   Sander kletterte indessen zu dem Luftschiff hinab und stellte erleichtert fest, dass das Kohlendioxid vollständig aus der Gondel abgeflossen war.

   Danach saß er fast den ganzen Tag mit dem alten Senex vor dessen Hütte und bemühte sich mit noch mehr Eifer, Guarani zu lernen. Da er nicht besonders sprachbegabt war, erforderte der improvisierte Unterricht seine ganze Konzentration.

   Als er kurz vor Einbruch der Dunkelheit auf den Matamatá zurückkehrte, winkte Maria Behring ihm schon von weitem fröhlich entgegen.

   "Was ist?" fragte er. „Schon Nachricht von Ihrem Professor?"

   "Natürlich nicht", sagte sie. "Aber unseren üblichen Funkspruch habe ich schon abgesetzt. Meine Leute werden immer nervöser und der Oberst sowieso, aber das ist mir jetzt egal."

   "Recht so", sagte er aus tiefster Überzeugung. "Was duftet denn hier so?"

   "Ja, was wohl?" gab sie lachend zurück.

   Er wagte kaum zu glauben, was seine Nase ihm signalisierte. "Es riecht wie…, wie…"

   "Na?" meinte sie. "Na?"

   "Wie Gulasch!" platzte er heraus.

   "Ich habe mir gedacht, heute koche ich selber mal was. Ist natürlich nur Astronauten Verpflegung. Gefriergetrocknet. Riecht aber trotzdem ganz gut, oder?"

   "Und ob", sagte er. "Ich hatte schon fast vergessen, wie so was duftet."

   "Sagen Sie nur niemandem etwas davon", ermahnte sie ihn. "Sie wissen doch, was das hier alles für eingefleischte Vegetarier sind. Hoppla!" Sie musste über ihre eigene Formulierung lachen. "Das Beste kommt erst noch", sagte sie. "Raten Sie mal, was in diesem Korb ist." 

   Er suchte nach einer möglichst originellen Antwort. "Ostereier?"

   "Etwas viel Besseres!" Sie stellte den Bastbehälter auf den Tisch, griff mit der auf Spannung berechneten Geste eines Zauberers hinein und zog ein längliches Gefäß heraus, das in ein nasses Baumwolltuch gewickelt war. "Simsalabim", sagte sie. "Für heute Abend!"

   Vorsichtig nahm er das Gefäß und wog es in der Hand. Aus dem Inneren drang ein leises Gluckern. "Das glaube ich nicht!" entfuhr es ihm.

   "Doch", sagte sie. "Es gibt hier tatsächlich Wein. Aus der Chimapahne, wie ich es mir dachte. Wir werden ihn zum Gulasch trinken."

   "Jetzt bin ich aber platt", gestand er.

   "Das ist der Tisch auch", kalauerte sie. "Deshalb ist es am besten, Sie decken ihn gleich mal. Ich habe auch ein paar Kerzen heraufgeholt. Aus dem Notkoffer. Ich hoffe, der Pilot hat nichts dagegen." Sie genoss es, ihn so perplex zu sehen. "Machen Sie alles nur recht hübsch, schließlich ist das die Osternacht! Ich muss mich jetzt um das Dinner kümmern."

   Sie verschwand in der Hütte. Sander spähte durch die offene Tür und sah sie an dem kleinen Gaskocher aus der Notausrüstung hantieren. Der Duft, der zu ihm hinausdrang, war geradezu überwältigend.

   "He!" rief sie, als sie ihn bemerkte. "Hier wird nicht spioniert!"

   "Ich brauche aber Geschirr und Besteck", sagte er.

   "Steht alles schon draußen!"

   Er fand, was er gesucht hatte, und machte sich daran, den Tisch festlich herzurichten.

   Als die Sonne hinter den Baumwipfeln im Westen unterging und er gerade die Kerzen in den Windlichtern angezündet hatte, kam Maria Behring mit dem dampfenden Topf. "Hoffentlich haut das einigermaßen hin", sagte sie. "So eine tolle Köchin bin ich nämlich nicht."

   "Es ist bestimmt köstlich", sagte er eifrig.

   Sie häufte ihm eine Riesenportion auf den Teller; es war weitaus mehr, als sie sich selbst nahm. Er wickelte die erste der hölzernen Weinflaschen aus, löste die Kautschukkappe, goss einige Schlucke in sein Glas und kostete.

   "Brrrr", machte er. "Das Zeug ist vielleicht süß! Seien Sie vorsichtig, das geht vom Gaumen direkt in die Großhirnrinde!"

   "Da gehört es ja auch hin", erwiderte sie munter. "Schenken Sie nur ordentlich ein!"

   Sofort wurde er misstrauisch. "Haben wir denn was zu feiern?" erkundigte er sich. Dann schlug er sich an die Stirn. "Sie haben Geburtstag!" rief er.

   Sie schüttelte lächelnd den Kopf.

   Er überlegte kurz und fragte dann: "Ich habe Geburtstag?"

   "Genau", sagte sie. "Mit ein bisschen weniger Glück würden Sie jetzt vermutlich nicht hier sitzen. Aber nun lassen Sie es sich schmecken!"

   "Bon Appetit!" antwortete er und steckte die Gabel in den pampigen Brei, zu dem das dehydrierte Gulasch aus der antiseptisch verschweißten Plastiktüte zerfallen war. Das Löwenäffchen auf Maria Behrings Schoß schaute ihn aus verschmitzten Knopfaugen an.

   "Hervorragend!" lobte Sander kauend.

   "Probieren wir mal den Wein", schlug sie vor und hob den halbgefüllten Plastikbecher. "A votre santé!"

   "Mindestens!" erwiderte Sander aufgeräumt.

   Als sie gegessen hatten, zog Sander Zigaretten aus der Brusttasche und hielt Maria Behring die Schachtel hin.

   "Klar doch", sagte sie. "Ich hab' mir das Rauchen zwar schon vor Jahren abgewöhnt, aber an einem solchen Tag gehört es einfach dazu."

   "Finde ich auch", sagte er und gab ihr Feuer. Während sie genüsslich paffte, goss er Wein nach.

   Der letzte Widerschein der Sonne war verschwunden, und das Licht der Sterne trat hervor wie der Schein auf einer Theaterbühne, wenn es im Zuschauerraum dunkel geworden ist. Maria Behring ließ den Kopf in den Nacken sinken und betrachtete fasziniert die verwirrende Fülle der Konstellationen, die den äquatorialen Nachthimmel bedecken. Das Löwenäffchen hatte das Köpfchen in ihre Armbeuge gebettet und schlief. Sander lehnte sich entspannt zurück.

   Maria Behring suchte den Himmel nach einigermaßen vertrauten Sternbildern ab, konnte aber nicht einmal den Großen Wagen entdecken, denn die zirkumpolaren Konstellationen, die in Europa die höchsten Himmelsregionen beherrschten, lagen hier am Rand und deshalb hinter den Bäumen verborgen. Der zunehmende Mond stand als schmale Sichel im Süden.

   Sander räusperte sich. "Sehen Sie die fünf hellen Sterne dort drüben“, fragte er und zeigte nach Nordosten, „die wie die Perlen eines Diadems aneinandergereiht sind? Das ist Corona australes, die Krone des Südens"

   Sie folgte seinem ausgestreckten Arm und sagte: "Wunderschön."

   "Und ein bisschen rechts davon", fuhr er fort, "gleich dort über dem…, dem…"

   "Topffruchtbaum?" fragte sie.

   "Das ist der Indianer."

   "Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen?"

   "Nein, es gibt wirklich ein Sternbild namens Indianer. Gleich daneben ist der Tukan. Dort drüben ist der Paradiesvogel. Dort hinten der Fliegende Fisch."

   "Sie kennen sich aber gut aus", sagte Maria Behring und streichelte das Äffchen in ihrem Arm. "Woher wissen Sie das alles?"

   "Ich habe mich als Junge eine Weile mit Astronomie befasst", sagte er, merkte aber gleich, wie großspurig das klang, und verbesserte sich: "Das heißt, ich bekam mal ein Fernrohr geschenkt und habe dann auch ein bisschen über die Sternguckerei gelesen."

   "Prost", sagte sie und stieß mit ihrem Becher gegen den seinen. "Eine herrliche Nacht, finden Sie nicht auch?"

   "Ja, wunderbar", pflichtete er ihr bei. "Ich habe schon viele Nächte im Dschungel erlebt, aber so ein Himmel ist wirklich selten. Und wie still es ist." Er lauschte in die Dunkelheit. "Man meint sogar, die Fledermäuse flattern zu hören."

   "Sie sind mir ja ein schöner Romantiker", spottete sie.

   Sander öffnete auch noch die dritte Flasche, und sie unterhielten sich bis tief in die Nacht, erst über die Berliner Pharma-Werke und deren wissenschaftliche Ambitionen, später dann auch über den Sinn des Lebens, über den Tod, ehe Religion und die Liebe, und stimmten dabei in ihren Ansichten immer wieder überein, so dass sie bald ein wohliges, vom Alkohol noch verstärktes Gefühl der Harmonie durchdrang.

   Nachdem sie eine Zeitlang über diese meist von der Tagesroutine verdrängten, dafür in abendlicher Entspanntheit um so häufiger angeschnittenen Fragen theoretisiert hatten, baute der Wein ihre Hemmungen schließlich so weit ab, dass sie einander auch von privaten Erlebnissen, Erfahrungen und Vorstellungen berichteten, bis ein plötzlicher scharfer Regenguss dem Abend und der romantischen Stimmung ein jähes Ende bereitete und sie sich in die Hütte retten mussten.

 

 

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