Christa Wolf über ihre Rolle als Stasi-Denunziantin

Mittwoch, 16. Oktober 2013

In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 20 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe von Samstag, 16.Oktober 1993.

SAMSTAG

Die Schriftstellerin Christa Wolf sagt über ihre Rolle als Stasi-Denunziantin: „Es wird nie etwas sein, worauf ich stolz sein kann, aber es hat sich jetzt eingeordnet in eine ganze Entwicklung."

Kann man wohl sagen. Das Erschütterndste ist die Unverfrorenheit der Täter und ihrer Helfer, vor allem solcher, die an andere höchste moralische Ansprüche stellen. Lichtenberg: „Die Gewissen der Menschen sind, so wie ihre Leiber, nicht allein nicht gleich zart, sondern auch bei einem Menschen zart, wo sie beim andern schweinsledermäßige Dicke haben."

SONNTAG

Der Chef des Grimme-Instituts, Lutz Hachmeister, hat festgestellt: Die ARD-Bosse seien im Durchschnitt Mitte 50, Hausberufungen hielten Störenfriede fern und die ARD-Repräsentanten erinnerten an Politiker aus der Endphase der Weimarer Republik. Darüber ärgert sich der ARD-Vorsitzende Jobst Plog so, dass er eine Einladung zur 20-Jahr-Feier des Instituts ablehnt. Musterbeispiel öffentlich-rechtlicher Toleranz. Kritisieren? Ja. Selbst kritisiert werden? Nein. Sebastian Brant, „Das Narrenschiff (A.D. 1494): „Der Ungerechte lästert viel/ Und ist doch selbst des Schimpfen Ziel."

MONTAG

Die Frankfurter Buchmesse schließt erstmals nach zehn Jahren wieder mit einem Rekordergebnis: 252.000 Besucher, 6000 mehr als im Vorjahr. Allerdings hat selbst der mit viel Muße gesegnete Bücherfreund heute keine Chance mehr, die Flut der Neuerscheinungen auch nur annähernd zu bewältigen. Schon der große Karl Kraus seufzte: „Wo nehme ich nur die Zeit her, so viel nicht zu lesen?"

DIENSTAG

Das Kabinett legt den Zeitpunkt des Umzugs nach Berlin auf das Jahr 2000 fest. Spät, aber immer noch besser als der von der Bonn-Lobby angepeilte St. Nimmerleinstag. Zwar hätte ein früherer Umzug die Wirtschaft besonders in den neuen Ländern belebt, weitere Investoren angezogen und so auch die Kostenlage verbessert - aber schon Wilhelm Busch tröstet: „Auf dem Gebiet des Verstandes muss man sich den Gesetzen des Landes fügen."

MITTWOCH

Im Fernsehen ein 80jähriger aus Tuscaloosa (Alabama), der wegen einer neuen Mercedes-Fabrik sein Haus samt Fischteich aufgeben muss und trotzdem sagt: „Ich finde das gut. Das  bringt den jungen Leuten Arbeit." In Deutschland hätte es Verwaltungsgerichtsklagen gehagelt. Goethe: „Wären wir zwanzig Jahre jünger, so segelten wir noch nach Amerika."

DONNERSTAG

In Hamburg wollen drei Jugendliche von einem 13jährigen 30 Mark erpressen und halten ihm eine Kettensäge vor das Gesicht. Anschließend empfiehlt der Leiter der Jugendbehörde Eltern von Opfern jugendlicher Gewalt, nicht in Panik zu geraten und das Gespräch zu suchen. Shakespeare: „Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt."

FREITAG

Das vor 20 Jahren uraufgeführte Stück „Was heißt hier Liebe" des Berliner Theaterkollektivs „Rote Grütze" wird im Theater Links der Isar aufgewärmt. Im ursprünglichen Text enthaltene Vulgärausdrücke wie „F…" wurden getilgt - aber nicht etwa, weil sie damals als anstößig empfunden wurden, sondern weil sie heute nicht mehr als anstößig genug empfunden werden. Regisseur Hartmut Baum: „Die Kids finden das heute doch langweilig, die haben doch schon ganz andere Worte dafür." Franz Grillparzer schrieb einst der Gräfin Enzenberg ins Stammbuch: „Ich komme aus anderen Zeiten / Und hoffe, in andere zu gehen."

                 

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